AUSSERGEWÖHNLICHE MENSCHEN UND GESCHICHTEN

Kaiserschnitte in Containern

Viel Zeit nachzudenken bleibt nicht. Denn als nächstes besuchen wir das Provinzkrankenhaus von Palo in Leyte. Hier werden jeden Tag sechs Babies geboren. Die Aufbauleistung bisher ist erstaunlich: Bereits zwei Wochen nach dem Taifun stand das Krankenhaus wieder. Wochenlang hat das Krankenhausteam anschließend hart gearbeitet, um Schlamm und Schrott zu beseitigen.

Reisetagebuch Philippinen: Hebamme Aileen vor Behandlungszimmer.

Hebamme Aileen vor einem der Behandlungsräume. Innerhalb kürzester Zeit hat das Krankenhausteam Großes geleistet und das Krankenhaus wieder aufgebaut.
© UNICEF DT/2014/Berger

Wie es zuvor aussah berichtet mir Mitarbeiterin Ofelia Absin: „Das Dach ist zum Teil weggeflogen, der stationäre Bereich war weggespült. Der Schlamm war im ganzen ersten Stock, viele Geräte wurden vernichtet. Es war schlimm, zehn Leichen wurden angeschwemmt. Aber wir haben zum Glück keinen Patienten verloren“. Entbindungen sind noch immer sehr kompliziert, denn einer von zwei Geburtsräumen ist unbrauchbar. „Bei Kaiserschnitten oder anderen notwendigen Operationen bereiten wir die Mütter hier vor, dann müssen wir sie zu einem sogenannten Hospitainer bringen, einem Operationssaal im Container“, erzählt Ofelia weiter.

UNICEF schult Hebammen und stattet die Kliniken aus

Jetzt stehen wir auf dem glänzenden Fliesenboden im OP Bereich und ich kann mir kaum vorstellen, wie es vor nur wenigen Wochen hier noch ausgesehen hat. Die Kranken liegen größtenteils auf Liegen in den Fluren und im Eingangsbereich. Viele von ihnen hängen am Tropf aufgrund zahlreicher Infekte. In einem der größeren Patientenzimmer, welches bereits nutzbar ist, sind die Mütter und ihre neugeborenen Babies untergebracht. Ganz schön voll ist es hier drin und stellenweise hängt der Wandbelag in großen Schollen von der Decke. Ich zähle 14 Betten und ca. 18 Mütter. Annabelles Baby Brentmark ist vor vier Tagen zur Welt gekommen. Sie strahlt, wie nur eine neue Mami es tun kann, fast so als wären die letzten 3 Monate nicht passiert.

Reisetagebuch Philippinen: Eva Padberg mit junger Mutter und Kind im Krankenhaus.

Annabelle und ihr Baby Brentmark sind gesund und können morgen wieder nach Hause gehen. „Mein Haus war zerstört, aber wir bauen es wieder auf. Stück für Stück“, berichtet Annabelle.
© UNICEF DT/2014/Berger

Neben den Hebammen- und Ärtzesets, die verteilt werden, kümmert sich UNICEF auch um die Ausbildung der Hebammen. Ich spreche mit der 37-jährigen Hebamme Aileen Fabi: „Ich habe viel Selbstvertrauen gewonnen. Ich weiß jetzt zum Beispiel, wie ich bei einer komplizierten Geburtslage des Babys reagieren kann.“

Reisetagebuch Philippinen: Eva Padberg und Hebamme Aileen.

„Dank des UNICEF-Trainings weiß ich, wie ich bei Entbindungen besser helfen kann“, sagt Hebamme Aileen Fabi.
© UNICEF DT/ 2014/Berger

Gruselige Kulissen und strahlender Sonnenschein

Wir machen noch einen Spaziergang über das ehemalige Krankenhausgelände. Es gleicht einer Szene aus einem schlechten Horrorfilm. Unbrauchbar gewordene Klinikausstattung, alte Betten, Operationsgeräte und Möbel wurden zusammen getragen und stehen nun wie eine gruselige Kulisse vor einem der zerstörten Krankenhausgebäude. Der Sonnenschein und die warme Luft passen nicht so recht zu diesem Bild. Es bleibt noch viel zu tun.

Reisetagebuch Philippinen: Zerstörung in Leyte.

Gruselkabinett: Vieles wurde zerstört und muss erst noch mühevoll wieder aufgebaut werden. Das machen UNICEF-Spender möglich.
© UNICEF DT/2014/Berger

Als letztes besuchen wir an diesem Tag ein Mütter- und babyfreundliches Zelt. Die Stimmung ist wahnsinnig gelöst und sonnig. An den Decken hängen selbst gebastelte Blumen-Mobilees, der Boden ist mit bunten Matten, Kissen und Teppichen bedeckt. Hier erhalten die jungen Mütter wichtige Infos zur Bedeutung des Stillens und zu Themen wie Ernährung, Hygiene, Gesundheit. Sie können sich aber auch einfach nur hier treffen und austauschen. Dies hilft ihnen, die Erlebnisse zu verarbeiten. Mit Hilfe von UNICEF und Partnern wurden 28 dieser Zelte in der Region eingerichtet. Damit werden 20.000 Menschen erreicht.

Reisetagebuch Philippinen: Eva Padberg im UNICEF-Familienzelt.

In den Familienzelten von UNICEF kommen Mütter, Schwangere und Kinder zusammen, um sich auszutauschen und gemeinsam zu singen oder zu malen.
© UNICEF DT/2014/Berger

Ich spreche mit einigen der Mütter. Die 35-jährige Giselle zum Beispiel hat zwei Kinder und ihr Zuhause verloren. Sie berichtet mir: „Ich gehe jeden Tag ins Zelt, um meine Probleme zu vergessen. Der Taifun hat mir zwei Kinder genommen. Ich will da bleiben, wo meine Kinder gestorben sind“. Trotz ihres schrecklichen Verlustes ist Giselle nicht verzweifelt. Sie ist einer dieser Menschen, die man sofort mag, hat ein warmes, offenes Lächeln und man fühlt sich in ihrer Gegenwart einfach sehr wohl. Morgen hat sie Geburtstag und wird die traditionelle Nudelsuppe mit langen Nudeln kochen. Lange Nudeln stehen für ein langes Leben. Hier im Mütter-Baby-friendly Zelt liegen Leben und Tod sehr nah beieinander. Aber das Leben hat gewonnen, das merke ich auch bei einem sehr lauten und lustigen Abschied.

Erfahren Sie im letzten Teil mehr über die Zuversicht und Unverwüstlichkeit der Menschen auf den Philippinen.