REISETAGEBUCH INDONESIEN - TAG 4

Von einem Museum für die Trauer. Und für das Leben. Von einem Schiff an Land, 2.600 Tonnen schwer. Und der noch schweren Aufgabe, einen Marathon im Sprinttempo zu bewältigen. Der vierte und letzte Tag an der Seite des UNICEF-Teams Indonesien.

Und an diesem Tag noch einmal das ganze Grauen vom 26. Dezember 2004: Ein verzweifeltes Mädchen, das, bis zum Kinn im schäumenden Wasser, einen Baumstamm umklammert. Ein Mann, der ein nacktes Kind wie einen Sack durch die Fluten trägt. Ein junges Paar, das einen Alten aus dem Schlamm zu bergen versucht. Weinende Frauen, die durch Trümmerlandschaften hetzen. Eine schluchzende Mutter, die ihr wohl totes Kind in den Armen hält. Ruinen in der Apokalypse.

Indonesien: Das Tsunami-Museum von Banda Aceh.

Im Tsunami-Museum von Banda Aceh ist das Unglück auch im Spielzeugmaßstab nachgebaut: ein eher rührender Versuch, die Dimension der Katastrophe begreiflich zu machen.
© UNICEF DT/2014

Die Fotos sind im Tsunami-Museum von Banda Aceh zu sehen. Auch Luftaufnahmen der zerstörten Stadt, Daten zum Epizentrum des Bebens. Und rührend anzusehende Modelle des Unglücks im Märklin-Maßstab, in denen die Welle als blaues Monster die Flüchtenden verfolgt. Und doch: Wer diesen Raum betritt, hat das eindringlichste Erlebnis in diesem Museum schon hinter sich. Es lauert in einem fast lichtlosen engen Gang, von dessen mehrere Meter hohen schwarzen Wänden das Wasser rinnt, und aus unsichtbaren Lautsprechern ein Klagegesang. Der Gang führt in einen kleinen Kuppelraum, an dessen spärlich illuminierten Wänden die Namen der Toten stehen. Nicht alle, denn für mehr als 160.000 Namen hätte der Raum größer gebaut werden müssen. Als wir ihn betreten, hat sich eine junge Besuchergruppe gerade zum Gebet versammelt.

Der Glaube hilft den Menschen

Hilft es, zu glauben? Zubedy, der Kinderschutzexperte von UNICEF in Banda Aceh, hat diesen Eindruck gewonnen. Die tiefere Religiosität der Menschen hier im Norden von Sumatra habe weniger Trauma-Opfer auf der Strecke gelassen als etwa das Erdbeben von Yogyakarta auf der Insel Java, anderthalb Jahre darauf, bei dem 3.500 Menschen starben. Außerdem gebe es in Banda Aceh nicht wenige, die die Welle als gerechte Strafe für die troubles ansähen, jenen 30-jährigen Krieg, den sich Militär und Guerilla bis 2004 geliefert haben; eine Zeit, in der sich nach sieben Uhr abends kaum noch jemand auf die Straße wagte, als dort nach vielen Sonnenaufgängen Leichen lagen, als 12.000 Menschen starben, bis die Flut das Gemetzel beendete. Seither haben die Menschen von Banda Aceh wenigstens diese Geißel nicht mehr, 2005 wurde Frieden geschlossen, erhielt Banda Aceh einige autonome Rechte. Und das lässt sie diese Höchststrafe, die die Natur am 26. Dezember 2004 über die Bewohner verhängte, ein bisschen besser erdulden.

Wir steigen auf das Dach des Museums, das nach den Entwürfen des indonesischen Architekten Ridwan Kamil erbaut worden ist, eröffnet 2008. Es hat die Form eines gewaltigen Schiffes; und eine Trutzburg, nicht nur Memorial soll es auch sein. Käme die nächste Flut, und auszuschließen ist sie in dieser heiklen seismischen Zone nicht, wäre das Museum Fluchtburg für etwa 5.000 Menschen. Vom Dach aus sind weitere Evakuierungsbauten zu sehen, einige Tausend Menschen kämen dort unter, dann hoffentlich rechtzeitig gewarnt von einem mit deutscher Hilfe installierten Spürsystem für unterseeische Beben.

Indonesien: Das Dach des Tsunami-Museums von Banda Aceh.

Das Dach des Tsunami-Museums. Bei der nächsten Welle fänden hier und im Inneren des gewaltigen Gebäudes mehrere Tausend Menschen Unterschlupf. Rechtzeitige Warnung vorausgesetzt.
© UNICEF DT/2014

In Banda Aceh erinnert nur noch wenig an die Katastrophe

Beim Blick auf die Stadt, über den alten holländischen Friedhof und die katholische Schule hinweg, ist wenig zu sehen, was noch an die Verheerungen des 26.12.2004 erinnern würde. In der Ferne leuchtet das geschwungene Dach des neuen Fußballstadions, Shopping Malls sind zu erkennen, das moderne Bürgermeister-Amt, viel Grün zwischen des Masten der Telekommunikation, kaum noch jene Orte, an denen vor zehn Jahren 140.000 Häuser zu Trümmern wurden, fortgerissen und zermalmt, bis sie nichts mehr als ein bisschen Sperrholz waren, in dem die Arme und Beine der Ertrunkenen klemmten.

Indonesien: Der alte holländische Friedhof von Banda Aceh.

Ein Stück Kolonialgeschichte: der alte holländische Friedhof von Banda Aceh. Von der Verwüstungen aus dem Jahre 2004 ist auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen.
© UNICEF DT/2014

200 Leiber haben sie allein unter dem 2.600 Tonnen schweren Leib jenes dieselgetriebenen Generatorschiffes herausgegraben, das von der Welle selbst über noch stehende Häuser hinweg fast drei Kilometer weit vom Meer aufs Festland gespült wurde. Nichts mehr als dieser rostige Riese »Apung« und sein jetziger Standort lassen die schier unglaubliche Dimension des Ereignisses erahnen, das hier einst geschah. Jetzt ist das gewaltige Schiff eine Attraktion des spärlichen Tourismus’; zwei Mädchen am Eingang des education park um die »Apung« herum nehmen dankbar die erbetenen Einträge in ein Gästebuch entgegen.

Indonesien: Das Generatorschiffs »Apung«.

Der 2.600 Tonnen schwere Leib des Generatorschiffs »Apung«. Dass dieser Koloss etwa drei Kilometer landeinwärts gespült wurde, veranschaulicht die brutale Macht, mit der das Meer über die Stadt hereinbrach.
© UNICEF DT/2014

Banda Aceh – feel the harmony, discover the extraordinary. Zweifelhaft, ob dem Marketing der Stadt mit solchen Slogans nur das Herz übergelaufen ist. Oder ob es in einer Fata Morgana siedelt. Denn natürlich: Als besonders kann man diesen Platz schon empfinden, denn tragisch besonders ist nun einmal seine Geschichte. Zu wirklicher Harmonie aber fehlt ihm noch so vieles. Vieles, was Zubedy Koteng und Umar bin Abdul Aziz, was Gunilla Olsson und Michael Klaus und weitere UNICEF-Mitarbeiter auf ihrer nie enden wollenden Aufgabenliste stehen haben oder ihre Arbeit doch zumindest am Rande betrifft: von peace building bis knowledge management, von der Popularisierung des gesunden Stillens der Babies durch ihre Mütter bis zu Maßnahmen zur Risikominimierung bei der nächsten Katastrophe.

Die nächste Katastrophe kommt bestimmt

Wenn die kommt, und irgendwo wird sie kommen, dann wird sich der UN-Notrettungskoordinator wieder mit flash appeals an die Regierungen wenden, weil der Wunsch nach einem international etablierten, vorsorglich gefüllten „Nothilfetopf“ mit 500 Millionen Dollar für Sofortmaßnahmen bis heute unerfüllt geblieben ist. Dann können die UNICEF-Mitarbeiter nur hoffen, dass die Katastrophe wenigstens von der Natur ausgeht, nicht menschengemacht ist, denn erfahrungsgemäß wird dann eher gespendet.

Dann müssen sie hoffen, dass UNICEF und die anderen Hilfsorganisationen nicht mit den Politikern vor Ort über Grundstückfragen und Baupläne zu streiten haben. Und dass es die Medien schaffen, aus wieder einem dieser dauernden Notfälle einen donor darling zu machen, was die Tsunami-Katastrophe im indischen Ozean wohl auch deshalb war, weil sie in der europäischen Weihnachtszeit geschah. Denn bei einem donor darling, einem Liebling der Spender, ist es eher zu erwarten, dass die in der Not und für den Wiederaufbau nötigen und berechneten Mittel auch tatsächlich eintreffen. Die Helfer von Banda Aceh hatten Glück, andere weniger: Der Financial Tracking Service der UN (FTS) errechnete für die Tsunami-Bewältigung den Eingang von 88 Prozent der erhofften Mittel, dagegen nur von 33 Prozent, als 2006 am Horn von Afrika eine Hungersnot ausbrach.

Und auf noch etwas müssen sie eben hoffen, die UNICEF-Kämpfer vor Ort: auf das Verständnis, dass Spenden nicht nur benötigt werden für schöne, sichtbare Projekte, auf denen sich eine Plakette mit UNICEF-Logo anbringen lässt. Sondern genauso für die unscheinbare, geduldige, zähe Arbeit, damit in der Provinz Banda Aceh, die das drittgrößte Pro-Kopf-Einkommen, andererseits aber eine der höchsten Armutsraten Indonesiens hat, eines möglichst baldigen Tages nicht mehr 40 Prozent aller Kinder mangelernährt sind. Nicht mehr 52 von 1.000 Kindern den fünften Geburtstag nicht erleben. Und weiterhin möglichst niemand mehr an Malaria stirbt, wie es jedes Jahr noch immer Tausende in anderen Regionen Indonesiens tun.

Was sie vor sich haben, Zubedy und Umar von UNICEF Banda Aceh, Gunilla und Michael von UNICEF Jakarta, das ist etwas, das es eigentlich gar nicht gibt: Es ist ein Marathonlauf im Sprinttempo.

Ich glaube, sie sind deshalb ganz froh, als sie mich am Nachmittag zum Flughafen bringen können. Nicht, weil wir uns nicht bestens verstanden hätten. Das haben wir von der ersten Begegnung an auf wunderschöne Weise geschafft.

Aber sie haben halt noch mehr zu tun.

Peter-Matthias Gaede