FRIEDEN SCHAFFEN – ABER WIE? DIE ROLLE VON KINDERN BEIM „PEACEBUILDING“

Zusammenfassung des Beitrags von Christoph Strässer, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt

Kriege und Konflikte hinterlassen bei jedem Menschen tiefe Spuren. Sie können die weitere Entwicklung von Kindern maßgeblich beeinflussen und mitentscheidend dafür sein, wie sich künftige Gesellschaften langfristig entwickeln. 

Gerade in der fragilen Phase nach dem Konflikt brauchen Kinder ein sicheres Umfeld und staatlichen Schutz, um das Erlebte einigermaßen verarbeiten zu können. Sie brauchen Zugang zu Bildung, ärztlicher Versorgung und zu allem, was sie für das tägliche Überleben brauchen. Und sie brauchen eine Perspektive, die sie motiviert und ihnen Kraft gibt, für sich und ihre Zukunft zu arbeiten. Wenn dies fehlt, hat der Konflikt bereits den Samen für den nächsten Konflikt eingepflanzt. 

UNICEF-Report: Die Rolle von Kindern beim „peacebuilding“

Jugendliche engagieren sich bei dem Beteiligungsprojekt U-Report und tragen zur Friedens- und Gemeindearbeit bei.
© UNICEF/NYHQ2015-0133/Naftalin

Statistiken zeigen, dass in etwa der Hälfte aller bewaffneten Konflikte innerhalb von fünf Jahren nach ihrem Ende erneut Gewalt ausbricht. Der Bedarf für effektives Peacebuilding ist deshalb sehr groß. Einen Friedensprozess erfolgreich zu gestalten gelingt nur, wenn nicht nur die verfeindeten Konfliktparteien miteinander reden, sondern auch die (hauptsächlich betroffene) Zivilbevölkerung Gehör und Stimme erhält.

Nur die Zivilgesellschaft kann Wahrheits- und Versöhnungskommissionen auf den Weg bringen. Sie haben in den letzten Jahren in vielen Post-Konflikt-Gesellschaften durchaus erfolgreiche Prozesse angestoßen – so in Ruanda, Südafrika, Kolumbien oder Timor-Este. Fragwürdig bleiben sie allerdings dort, wo dem Wahrheits- und Versöhnungsprozess nicht auch eine strafrechtliche Aufarbeitung folgte.

In einem friedenskonsolidierenden Prozess können Kinder und Jugendliche eine wichtige Rolle einnehmen:

  • Kinder sind natürliche „agents of change“. Sie machen Entwicklungsprozesse durch, die es ihnen erleichtern, mit Veränderungen umzugehen und sie anzunehmen. Als Erwachsene von morgen können sie gerade für zukunftsgerichtete langfristige Prozesse Verantwortung übernehmen.
  • Kinder sollen die Bedeutung „ihres“ Gemeinwesens erkennen und sich dort engagieren. Dabei kommt Eltern, Lehrern und Dorfältesten die Aufgabe zu, die Einbeziehung von Kindern aktiv zu fördern. Oft genug entspricht das nicht den Gepflogenheiten und Traditionen und benötigt damit viel Überzeugungsarbeit.
  • Auf regionaler und nationaler Ebene setzt sich diese Verantwortung fort. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die Kinder vertreten und/oder Organisationen, in denen Kinder vertreten sind, sollten sich mit den jungen Aktivisten vernetzen und helfen, ein sicheres Umfeld zu schaffen, in dem sie ihre Erfahrungen austauschen können.
  • Kinder sollen auch lernen, als Mediatoren aufzutreten oder Vorschläge für politische Gestaltungsprozesse zu machen. Natürlich ist all dies nicht von heute auf morgen umzusetzen. Aber auf solche Versuche zu verzichten hieße, langfristig weitere Generationen von „lost children“ zu produzieren.
  • Schließlich – und dies ist für die betroffenen Staaten in der Regel die größte Herausforderung – soll Kindern eine wirtschaftliche Zukunftsperspektive eröffnet werden. Dies bedeutet etwa die erfolgreiche Reintegration ehemaliger Kindersoldaten, aber auch den Zugang zu Bildung und Beschäftigung.

Ziel von Friedenskonsolidierung ist es, gewaltsame Konflikte schon bevor sie entstehen beziehungsweise wieder aufflammen zu verhindern. Die aktuelle Debatte, ob Deutschland mehr außenpolitische Verantwortung übernehmen soll, kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Dabei soll und darf mehr Verantwortung aber nicht gleichgesetzt werden mit mehr Bereitschaft zu militärischen Interventionen. Deutschland hat andere Qualitäten, die behutsam aber konsequent ausgebaut und eingesetzt werden müssen – im Übrigen immer häufiger auf Wunsch der betroffenen Staaten selbst.

UNICEF-REPORT 2015