NEUJAHRSGESPRÄCH “WAS KINDER STARK MACHT”
Freitag, 21. Februar 2014, 09:33 Uhr
von Kerstin Bücker | 0 Kommentare

„Was macht Kinder stark? Was können wir tun, damit alle Kinder in Deutschland gleiche Chancen für ein gutes Großwerden bekommen?“, so lauteten die Fragen von UNICEF-Schirmherrin Bettina Wulff in Ihrer Eröffnungsrede beim Neujahrsgespräch im Schloss Bellevue. Hier konnte ich eine lebhafte Diskussion zum Thema „Was Kinder stark macht“ miterleben – mit einem Wissenschaftler, einer Familienhebamme und vielen weiteren interessanten Gesprächsteilnehmern.

Kerstin Bücker und Jennifer Jaque-Rodney. ©UNICEF

Kerstin Bücker, Bereichsleiterin Komm. und Kinderrechte von UNICEF (r.) mit Familienhebamme Jennifer Jaque-Rodney beim Neujahrsgespräch.
© UNICEF

So wie ich bin, ist niemand anders

„Starke Persönlichkeiten werden nicht als solche geboren, es ist eine Entwicklung, die in der Kindheit beginnt. Im frühen Kindesalter beginnen Kinder bewusst, ihre Individualität wahrzunehmen. Sie stellen fest: so wie ich bin, ist niemand anderes,“ sagte Bettina Wulff. „Kinder entwickeln ihre inneren Stärken, gewinnen ihre eigenen Ansichten und bilden so ihre Persönlichkeit. Diese innere Entwicklung kann nur gelingen, wenn sie von außen gestärkt wird.“ Der UNICEF-Vorstandsvorsitzende Dr. Jürgen Heraeus schloss sich der Aufforderung an: „Gleichgültig wo ein Kind aufwächst – ob in einem Entwicklungs- oder in einem Industrieland – müssen wir es dabei unterstützen, die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen. Denn Kinder sind die Gegenwart der Zukunft.“Nun kam der Hauptreferent, Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität in Berlin, auf das Podium. Er hatte im Auftrag von UNICEF den neuen Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2011/2012 erstellt – und dabei in vielen Bundesländern erhebliche Defizite beim kindlichen Wohlbefinden festgestellt. Seine Forderung: Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik auf Bundes- sowie Bildungspolitik auf Landesebene müssen durch abgestimmte Maßnahmen in den Kommunen ergänzt werden. Denn: „Kinder wachsen nicht in der Bundesrepublik auf, sondern in Berlin, Hamburg oder Essen.“ Das Klima in Institutionen wie der Schule habe ganz erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder. Hier müsse investiert werden. Und, so Bertram weiter: „Das Wohlbefinden von Kindern darf nicht abhängig sein von der Lebensform der Eltern – zum Beispiel bei Alleinerziehenden – und auch nicht von der sozialen Herkunft.“

Neujahrsgespräch "Was Kinder stark macht". ©Bundesregierung/Sandra Steins

Moderatorin Dunja Hayali, JHennifer Jaque-Rodney, Prof. Dr. Hans Bertram, UNICEF-Schirmherrin Bettina Wulff, der Vorsitzende von UNICEF Deutschland, Dr. Jürgen Heraeus, Annette Müller und Stefan Deerberg (v.l.n.r).
© Bundesregierung/Sandra Steins

Die Eltern ins Boot holen

Die anschließende Diskussion, moderiert von ZDF-Journalistin und UNICEF-Patin Dunja Hayali, mit Praktikern zeigte deutlich, wie breit das gesellschaftliche Engagement für Kinder sein muss: Jennifer Jaque-Rodney, Familienhebamme mit 26 Jahren Berufserfahrung, berichtete über ihre Arbeit in sozialen Brennpunkten. „Das Wichtigste ist, dass wir die Frauen abholen, wo sie stehen, ihre Freude, aber auch Ängste mit ihnen teilen.“ Der Anspruch an den Beruf habe sich in den letzten Jahren sehr verändert – auch, weil es heute beim Thema Kinder und Erziehung weniger Vorbilder in der Familie gebe. Gerade Alleinerziehende bräuchten mehr Unterstützung.

Jennifer Jaque-RodneyFamilienhebammenbeauftragte des Landesverbandes der Hebammen NRW/Nationales Zentrum für Hilfen

Die alleinerziehenden Mütter im Kinder- und Familienzentrum Blauer Elefant in Essen-Katernberg leben alle von existenzsichernden Hilfen. Das berichtete Annette Müller, die das Zentrum des Kinderschutzbundes seit 20 Jahren leitet. Unter anderem bietet es einen warmen Mittagstisch für Kinder, Bildungs- und Freizeitangebote sowie Beratung an. „Wir müssen die Eltern intensiv ins Boot holen, besprechen, was sie alleine schaffen und was nicht“, so Müller. Gerade weil sie selbst einmal alleinerziehend war, könne sie die besonderen Herausforderungen sehr gut nachvollziehen.

Eine Waschmaschine in der Firma

Stefan Deerberg, Gründer und Geschäftsführer der Deerberg Versandhandels GmbH, gestaltet sein Unternehmen frauen- und familienfreundlich. Es ist seit einigen Jahren mit dem Audit berufundfamilie ausgezeichnet. Eine Überraschung in der Gespächsrunde: Auch er war einige Zeit alleinerziehend. Heute arbeiten bei Deerberg rund 400 Mitarbeiter, rund 90 Prozent von ihnen sind Frauen. „Wir bieten flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, eine Waschmaschine und Trockner für die Mitarbeiter – all das kostet nicht unbedingt viel Geld, bringt aber viel.“ Der Unternehmer sieht seine motivierten und qualifizierten Mitarbeiter als wichtigen Wettbewerbsvorteil – und wirbt dafür, dass andere seinem Beispiel folgen.

Ob die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz zu solchen Veränderungen, zu einem stärkeren Fokus auf das Wohlbefinden des Kindes – statt auf die Lebensform oder den Status der Eltern – beitragen kann? Viele der anwesenden Organisationen setzen sich gemeinsam mit UNICEF für „Kinderrechte ins Grundgesetz“ ein. Sie applaudierten zustimmend, als diese Initiative zur Sprache kam. Aus dem Publikum kamen aber auch viele zusätzliche Anregungen, wie man Kinder stark machen und ihren Interessen auf breiter Ebene besser gerecht werden kann.

Eine spannende Veranstaltung. Dafür herzlichen Dank an die Gastgeberin Bettina Wulff, an alle Referenten und Gäste – und an Moderatorin Dunja Hayali, die sich mit vielen Aktivitäten für UNICEF engagiert. Hellwach hatte sie die Referenten befragt und souverän die Diskussion mit dem Publikum geleitet – all das, nachdem sie schon seit fünf Uhr morgens als Moderatorin des ZDF-Morgenmagazins aktiv gewesen war. Ganzer Einsatz für die Kinderrechte – ich freue mich schon jetzt auf das nächste Neujahrsgespräch im Januar 2013!

Zur Pressemeldung “Deutschland kindergerecher gestalten”

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