DAS GRAUEN IM FOKUS

10. November 2017 von Andrea Floß 0 Kommentare

Für UNICEF unterwegs in Bangladesch: die Rohingya-Krise aus dem Blickwinkel dreier Foto- und Videografen.

Weit über eine halbe Million Menschen. In nur einem Monat. 60 Prozent der Rohingya-Flüchtlinge, die vor der Gewalt in ihrer Heimat Myanmar nach Bangladesch geflohen sind, sind Kinder.

Rohingya: Ein Blick in das Flüchtlingslager der Rohingya

Eine Krise mit steigendem Ausmaß: 200.000 Rohingya-Kinder sind aus Myanmar geflohen und brauchen dringend Hilfe. 
© UNICEF/UN0126230/Brown

Das sind die erschreckenden Zahlen dieser sich derzeit am schnellsten entwickelnden Flüchtlingskrise der Welt. Die humanitäre Tragödie, die sich gerade in Cox’s Bazar im Süden des Landes abspielt, ist sowohl in ihrem Ausmaß als auch in ihrer Komplexität und Geschwindigkeit erschütternd.

Hinter jeder Zahl stehen Menschen. Jeder hat seine eigene Geschichte. Diese Geschichten hier handeln von Verlust, von unvorstellbarem Leid, Gewalt, Folter und Vergewaltigungen.

Drei renommierte Foto- und Videografen waren für UNICEF in Cox’s Bazar unterwegs, um die verzweifelte Not der Rohingya-Kinder in den Blick zu nehmen: Thomas Nybo, Patrick Brown und Kyle O’Donoghue.

Was sie dort erlebt haben, führte selbst sie als erfahrene Journalisten an ihre Grenzen. Doch ihre Bilder sind ein bewegender Appell, nicht nachzulassen in unserer lebensrettenden Hilfe.

Hier sind ihre Berichte:

THOMAS NYBO, FILMEMACHER UND FOTOGRAF 

„Es ist hart zu hören, was jedes Kind hier durchgemacht hat.“

Rohingya: Ein Junge versucht sich aus den Fluten zu retten

Ein Junge versucht, sich aus dem überfluteten Balukhali Camp in Bangladesch zu retten. 
© UNICEF/UN0125652/Nybo

„Das Ausmaß der Rohingya-Krise ist erschütternd. Ich habe schon in über hundert Ländern gearbeitet, aber noch nie so großes Leid gesehen. In nur fünf Wochen sind weit über eine halbe Million Menschen aus Myanmar geflohen. Montags bist du an einem Hügel mit Büschen und Bäumen vorbeigefahren. Freitags sind dort nur noch selbstgemachte Zelte aus Plastikplanen und Bambus.

Der tägliche Bedarf an Nahrung und Trinkwasser ist kaum zu stillen. Stellen Sie sich eine Stadt mit einer halben Million Einwohnern vor, die in nur wenigen Wochen aus dem Boden gestampft wurde – keine Läden, keine Wasserleitungen, keine Toiletten oder Krankenhäuser. Jeder Tag dort ist ein Kampf um‘s Überleben.

Rohingya: Eine Luftaufnahme des riesigen Lagers

In wenigen Wochen aus dem Boden gestampft: die „Stadt“ der Rohingya.
© UNICEF/UN0135715/Nybo

Eine Geschichte ist schlimmer als die andere. Vor ein paar Monaten habe ich Sabekunnahar getroffen, ein elfjähriges Mädchen, das sich mit Hilfe eines Spiegels schön geschminkt hatte. ,Die Farben habe ich selbst gemacht und mit Stöckchen die Punkte gemalt‘, erzählte sie mir. Ihre Mutter ist in Myanmar ermordet worden. Das Makeup lässt sie ihren Schmerz für einen Moment vergessen. Sie sah toll aus und lächelte, aber dahinter war eine Traurigkeit zu spüren, die kein Kind erleben sollte.

Rohingya: Das elfjährige Mädchen hat sich mit selbstgemachten Farben geschminkt

© UNICEF/UN062736/Nybo

Es ist wirklich hart zu hören, was jedes Kind hier durchgemacht hat. Sie alle wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, und haben unvorstellbare Gewalt erlebt. Gleichzeitig sehe ich auch viele Taten der Mitmenschlichkeit und Liebe auf dem Exodus der Rohingya: zwei Enkel, die ihren 90-jährigen Großvater tragen. Einen Vater, der seine beiden Kinder in Tragekörben schultert. Zwei Söhne, die ihre gebrechliche 73-jährige Mutter stützen.“

PATRICK BROWN, FOTOGRAF

„Ich war richtig erschüttert.“

Rohingya: Flüchtlinge an Bord eines kleinen Schiffes

© UNICEF/UN0119964/Brown

„Ich habe schon eine Menge Dinge in der ganzen Welt fotografiert. Aber trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie es ist, nur mit Töpfen und Pfannen im Gepäck an einem Strand ausgespuckt zu werden und nur noch um mein Überleben kämpfen zu müssen.

Einige der Flüchtlinge sind über das Bengalische Meer gekommen, mitten in der Monsun-Zeit, mit einem Boot, kaum großer als ein Kleinbus. Wie schlimm muss es dir gehen, in welcher Gefahr musst du sein, um dieses lebensgefährliche Risiko auf dich zu nehmen?

Rohingya: Die Boote der Rohingya sehen wie kleine Wikinger-Schiffe aus

Geflüchtete Rohingya stranden nach ihrer gefährlichen Reise über das Meer in Bangladesch. 
© UNICEF/UN0119963/Brown

Sie scheinen wie aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit: diese Boote, die wie kleine Wikinger-Schiffe aussehen. Ein Mädchen bringt ihren Bruder in Sicherheit, schleppt ihre Habseligkeiten. Sie ist ein Kraftbündel. Keine Mutter, kein Vater weit und breit. Die Chancen, dass dieses Mädchen noch eine Kindheit hat, stehen gering.

Rohingya: bunter Tücher bedecken die Körper ertrunkener Kinder

Die Leichen der ertrunkenen Flüchtlinge werden am Strand von Cox’s Bazar aufgebahrt. 
© UNICEF/UN0126101/Brown

Ertrunkene Kinder. Sie hätten es fast geschafft. An diesem Abend war ich richtig erschüttert. Es ist nahe der Küste passiert. Wie viele Schiffe haben es in dieser Sturmnacht geschafft? Wir werden es nie erfahren.

Auf der anderen Seite habe ich viele großartige Menschen getroffen. Starke Charaktere, die sich eine neue Existenz aufbauen, Familien zur Seite stehen, eine Gemeinschaft formen. Sie haben die Reste ihrer Vergangenheit zusammengekratzt und das Beste daraus gemacht. Sie haben Träume. Wünsche. Das Mädchen zum Beispiel, das ich in einem Lernzentrum getroffen habe und das später mal eine Geschäftsfrau werden will. Das sind Träume, wie sie jedes andere Kind in der Welt auch hat.

Rohingya: Ein kleines Mädchen trägt ihren Bruder durch den Schlamm

© UNICEF/UN0119955/Brown

Ein Mädchen trägt einen Jungen auf dem Rücken durch den Schlamm. Es ist mein erster Tag hier. Ich bin ein ziemlich fitter Mann und gut ernährt. Einige dieser Menschen sind sechs bis zehn Tage unterwegs mit nur einem bisschen Reis im Bauch. Das Mädchen, das ihren Bruder trägt, sieht unendlich erschöpft aus. Ihre Mutter und ihr Vater tragen Töpfe, Pfannen – und die Großmutter.“

KYLE O’DONOGHUE, VIDEOGRAF

„Es ist absolut grauenvoll und irgendwie surreal.“

„Es ist absolut grauenvoll und irgendwie surreal. Da war kein einziges Kind, das keine Gewalt erlebt und Angehörige verloren hätte. Etwas Härteres als diesen Film über elf Kinder, die an einem nahen Strand ertrunken sind, als ihr Boot kenterte, habe ich noch nie gemacht.

Am ersten Drehtag ging es zum kinderfreundlichen Ort im Balukhali Camp. Als Journalist halte ich immer Ausschau nach starken Geschichten. Manchmal muss ich suchen, bis ich den Aufhänger gefunden habe. Aber auf das, was ich in diesem Center zu hören bekam, war ich nicht vorbereitet. Jedes dieser Kinder hat ein unvorstellbares Trauma erlitten, Verlust und Schmerz. Munjurali verarbeitet in seinen Bildern beispielsweise den Tod seiner Schwester. Da wusste ich, über was ich berichten wollte. Doch ich wusste auch, dass es keine leichte Aufgabe werden würde.

Die Welt darf die Rohingyas nicht aus den Augen verlieren. Auch wenn sie der Unterdrückung in Myanmar entkommen sind, hat ihre Reise in eine bessere Zukunft gerade erst begonnen. Was sie dafür brauchen, ist medizinische Versorgung, Bildung und auch psychologische Hilfe. Hilfsorganisation stehen vor der Herausforderung, ihre Hilfe auszuweiten, um diese beispiellose Krise zu meistern.“

Der Text stammt von unserem internationalen Kollegen Hugh Reilly. Hugh arbeitet als Kommunikations-Spezialist bei UNICEF in New York und unterstützt jetzt die Kollegen vor Ort in Bangladesch.

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