LAGER IN LIBYEN: KEIN ORT FÜR KINDER
Montag, 9. Juli 2018, 02:58 Uhr von Ninja Charbonneau 1 Kommentar

Libyen spielt eine zentrale Rolle als Transitland für Menschen, die vor Konflikten oder Armut fliehen. Und Libyen wird von vielen geflüchteten oder migrierten Familien als der Ort beschrieben, der der schlimmste Teil ihrer oft monate- oder jahrelangen Odyssee war. Auch Kinder werden in gefängnisartigen Zentren untergebracht, teilweise allein.

Abdel-Rahman Ghandour von UNICEF Libyen hat ein Zentrum besucht – sein Bericht ist ein seltener Einblick in die abgeschottete Welt der geflüchteten Kinder in Libyen:

Libyen Flüchtlinge: Ein Kind steht in einem Lager in Libyen

Ein Kind in der Frauenabteilung eines Lagers in Zawiya, Libyen (Archivbild).
© UNICEF/UN077995/Romenzi

Sarah und Makene haben die gleichen Pullis an. Die gleichen Handschuhe. Die gleichen Söckchen. Es sind zwei aufgeweckte, fröhliche siebenjährige Mädchen. Makene stammt von der Elfenbeinküste, Sarah aus Guinea.

„Wir sind neue Freundinnen“, sagen sie gleichzeitig. Dennoch ist der Grund, aus dem sie hier im Zentrum Tarik al-Matar in Tripoli sind, eine Tragödie. Ihre Familien, wie so viele andere auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben in Europa, waren in den Händen von skrupellosen Schmugglern.

Mädchen ohne Mütter

Den gefährlichen Weg durch die Wüste hatten sie überlebt. Nun versuchten sie im Januar auf der rauen See, in überfüllten Booten das Mittelmeer zu überqueren. Doch an diesem Tag waren die Wellen zu hoch. Das Boot kenterte. Viele Menschen ertranken – unter ihnen auch die Mutter von Makene und beide Eltern von Sarah.

Libyen Flüchtlinge: Sarah und Makene leben im Internierungslager in Libyen

Sarah und Makene sitzen neben Makenes Vater im Lager Tarik al-Matar in Tripoli.
© UNICEF/2018/Libya/Leith

Die Überlebenden wurden von der libyschen Küstenwache gerettet, aber als illegale Migranten in ein Flüchtlingslager gebracht. Auch Makene, Sarah und andere Kinder.

Zum Glück für Sarah, die gerade ihre Eltern verloren hatte, und Makene, deren Vater selbst noch unter Schock stand nach dem Tod seiner Frau, nahm eine Polizistin die Mädchen unter ihre Fittiche, gab ihnen Kleidung und Essen.

„Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie ganz alleine sind“, sagte die Polizistin zu mir. „Ich musste etwas tun, ich wollte ihnen etwas mütterliche Wärme geben.“

Lager in Libyen: Kein Ort für Kinder

Dieses riesige, seelenlose Lager mit zellenähnlichen Räumen und verriegelten Türen ist kein Ort für Kinder. Dennoch waren zur Zeit meines Besuchs mindestens 85 Kinder hier untergebracht, einige zusammen mit ihren Familien, aber andere, wie Sarah, allein.

Alle diese Kinder haben schreckliche Erlebnisse hinter sich, sie haben die Wüste oder das Meer überquert, ihre Familien wurden auseinandergerissen. Ihre verzweifelte Reise sollte sie zu einem besseren Leben führen, doch darauf hoffen sie vergeblich.

Zusammen mit den Kollegen vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und finanziert von der Europäischen Union haben wir die Kinder in diesem Zentrum zumindest mit neuer Kleidung versorgen können.

Libyen Flüchtlinge: Abdel-Rahman Ghandour bei der Verteilung von Kinderkleidung

Abdel-Rahman Ghandour, Sonderrepräsentant von UNICEF in Libyen, bei der Verteilung von Kinderkleidung im Lager in Tripoli.
© UNICEF/Libya/2018

Es war schön zu sehen, wie sich die Kinder über die Kleidung gefreut haben und sie sofort anprobieren wollten.

Aber sie brauchen so viel mehr, denn es fehlt ihnen an allem: Hygiene und Gesundheitsversorgung. Und Bildung, so dass sie nicht ganz zurückfallen. Einige der Kinder haben bereits Jahre in solchen Zentren verbracht, ohne auch nur ein einziges Buch, in dem sie lesen oder aus dem sie lernen könnten.

Zusammen mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sucht UNICEF nach Wegen, unter Berücksichtigung des Kindeswohls die Mädchen und Jungen in ihre Heimat zurückzuführen und bei der Reintegration zu helfen.

Wenn die Kinder allerdings aus Ländern wie Syrien, Somalia oder Eritrea stammen, ist eine Rückführung in die Heimat keine Option. In diesen Fällen wird mit Unterstützung des UNHCR versucht, ein Gastland zu finden. Italien, Deutschland und Frankreich gehören zu den Ländern, die einige dieser Kinder aufgenommen haben, aber mehr Hilfe ist nötig.  

Kinder sollten nicht eingesperrt werden

UNICEF sucht zusammen mit Partnern auch nach alternativen Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder in Libyen. Es laufen bereits Gespräche mit Behörden in Tripoli, um die Inhaftierung von Kindern zu vermeiden.

Libyen Flüchtlinge: Ein Junge guckt durch die Gitter eines Lagers in Libyen

Ein Junge guckt durch die Gitter eines Lagers für geflüchtete und migrierte Menschen in Libyen (Archivbild).
© UNICEF/UN062476/Romenzi

Kinder sollten nicht eingesperrt werden. Jungen, die erst elf Jahre alt sind, sollten nicht wie erwachsene Männer behandelt werden. Genauso wenig sollten sie von ihren Müttern und Geschwistern getrennt werden. Wir arbeiten daran, die Behörden in Libyen davon zu überzeugen, dass sich das ändern muss.

Aber wenn Kinder interniert sind, ist es unsere humanitäre Verpflichtung, sie zumindest mit dem Notwendigsten zum Überleben und Leben in Würde zu versorgen, einschließlich der Möglichkeit zu Spielen und zu Lernen. Denn auch Spielen und Lernen gehören zu den Grundrechten aller Kinder auf der Welt. Darum tun wir das.

Abdel-Rahman Ghandour im Tarik Al-Matar Zentrum

Abdel-Rahman Ghandour von UNICEF mit Kindern und Familien im Tarik Al-Matar Zentrum, Tripoli.
© UNICEF/2018/Leith

Ironischerweise sind die Kinder, die in offiziellen Lagern für illegale Migranten eingesperrt sind, wahrscheinlich nicht einmal die schlimmsten Fälle. Auf jedes Kind in einem offiziellen Lager kommen schätzungsweise 30 irgendwo in diesem großen Land Libyen, die weder gesehen noch registriert werden. Wer weiß, welches Leid oder welchen Missbrauch diese Kinder gerade durchmachen?

Wir von UNICEF tun alles, um diese „unsichtbaren“ Kinder zu finden. Wir sind dabei, Hotlines einzurichten, uns enger mit den Behörden zu koordinieren, um Kinder zu finden und zu registrieren. Wir erweitern auch unser Netzwerk von Partnern in abgelegenen Regionen und in wichtigsten Herkunftsländern in Subsahara-Afrika – alles in der Hoffnung, dass wir geflüchtete und migrierte Kinder retten können.

Wir werden alles in unser Macht stehende tun, um ihren – und unseren – Glauben an die Menschlichkeit wiederherzustellen.

Die Zukunft von Makene und Sarah ist ungewiss. Makene und ihr Vater werden wahrscheinlich an die Elfenbeinküste zurückgeführt werden. Aber für Sarah, die jetzt ein Waisenkind ist, muss noch eine Lösung gefunden werden. Wir werden zusammen mit anderen UN-Organisationen versuchen zu klären, ob sie in ihrer Heimat Guinea bei Verwandten leben kann oder ob es wenn nötig andere Optionen gibt.

An dem Tag, an dem ich Makene und Sarah im Zentrum Tarik al-Matar getroffen habe, habe ich ihnen zugelächelt. Meine Tränen habe ich zurückgehalten, bis sie weggeguckt haben.

Abdel-Rahman Ghandour ist Sonderrepräsentant von UNICEF Libyen.

SERIE: "KINDERRECHTE SIND GRENZENLOS"

Flüchtlinge? Asylbewerber? Migranten? Falsche Frage!

Jedes Kind ist in erster Linie ein Kind, ganz gleich woher es kommt und wo es sich aufhält. Wir setzen uns dafür ein, dass die Mädchen und Jungen über Grenzen hinweg geschützt und gefördert werden – an ihrem Herkunftsort, im Transitland und in einer möglicherweise neuen Heimat. Denn Kinderrechte sind grenzenlos!

Lesen sie mehr dazu in unser Blog-Serie „Kinderrechte sind grenzenlos”.

KOMMENTARE

  • 10. Juli 2018 19:34 Uhr

    Hallo, ich bin Gründerin von Ahrar Tarabulus Libya und seit 2009 in Tripolis aktiv. Wir haben auch ein Migrantenprojekt seit 2016 ( Frauen und Kindern). Leider war für uns nie jemand erreichbar, daher arbeiten wir allein.
    Herzliche Grüße
    Maike Tekbali
    Ahrar Tarabulus Libya

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