ARIADNAS GESCHICHTE
Dienstag, 26. Mai 2020, 12:11 Uhr
von Lydia Berneburg | 0 Kommentare

Der Traum einer venezolanischen Jugendlichen in Peru: Designerin werden

Vor knapp zwei Jahren verließ die heute 17-jährige Ariadna Maldonado Venezuela und kam mit ihren Eltern nach Peru. Das venezolanische Mädchen hat an dem Bildungsprogramm „Lima Aprende“ (Lima lernt) teilgenommen, das durch das peruanische Bildungsministerium mit Unterstützung von UNICEF und anderen Partnern wie UNHCR und IOM umgesetzt wird.

Peru: Ein Selfie von Ariadna, zur Hälfte von ihr gezeichnet.

© UNICEF/UNI331853/Ariadna

Im vergangenen Jahr konnten 6.000 Kinder und Jugendliche aus Peru und Venezuela, die keine Schule besuchten, durch dieses Programm ihren Bildungsweg fortsetzen. Das Programm bietet darüber hinaus die Möglichkeit eines sozialen und kulturellen Austauschs zwischen beiden Nationalitäten. Eine wichtige Voraussetzung für die Integration der venezolanischen Kinder.

Die Krise in Venezuela hat bereits seit Jahren gravierende Auswirkungen auf Millionen von Menschen. Über fünf Millionen mussten Venezuela aufgrund der Situation im Land bereits verlassen – 4,5 Millionen davon sind innerhalb Südamerikas oder der Karibik migriert. Viele auch nach Peru, wie in diesem Beispiel von Ariadna. Die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie treffen migrierte Kinder wie Ariadna und ihre Familien besonders hart. Die humanitären Bedarfe sind gestiegen: Fast zwei Millionen migrierte und geflüchtete Kinder aus Venezuela sind in diesem Jahr auf humanitäre Hilfe angewiesen.

In einem Brief an ihre Großmutter beschreibt Ariadna ihre Situation und wie sie an ihrem Traum, Designerin zu werden, festhält – auch in Zeiten von Covid-19:

„Liebe Oma, 

erinnerst du dich an die Bilder, die ich gezeichnet habe, als ich noch mit dir in Venezuela lebte? Mittlerweile sind viele weitere dazu gekommen und ich mache wirklich Fortschritte. Hier siehst du einige meiner letzten Zeichnungen, was denkst du? Ich möchte unbedingt zur Uni gehen und Digitale Illustration oder Animation studieren. Das sind meine beiden Favoriten. Da Mama und Papa es sich nicht leisten können, dass ich an die Uni gehe, werde ich alles dafür tun, um ein Stipendium zu bekommen.

Ich schreibe dir, um dir zu erzählen, wie es uns geht und wie die Pandemie uns betrifft. Die Pandemie schränkt uns alle ein und wir können nicht zur Schule gehen. Hier in Peru ist es wie überall auf der Welt: Die Schulen sind geschlossen und es gibt Online-Unterricht für die, die einen Computer und einen Internetanschluss haben. Als ich zum ersten Mal von Covid-19 hörte, hatte ich große Sorgen, dass ich noch ein weiteres Schuljahr verliere. 

Du weißt ja, dass ich nicht mehr zur Schule gehen konnte, als wir Venezuela vor zwei Jahren verlassen mussten, und ich dadurch viel verpasst habe. Erst unsere Flucht nach Kolumbien, dann die Rückkehr nach Venezuela und dann der Weg nach Peru, wo wir in Lima blieben. Während dieser Zeit hatte ich keine Möglichkeit zur Schule zur gehen oder zu lernen.In ein anderes Land zu gehen, war nicht einfach. Aber es war besser als mit den Unsicherheiten und den zunehmend schwierigen und unhaltbaren Umständen für Mama und Papa zu leben. Oh und für deine Lieblingsenkelin, die bald 11 Jahre alt wird, war es auch besser so.

     
       

Ich vermisse mein Land, meine Nachbarschaft und meine Straße, in der ich gelebt habe. Es macht mich traurig, dass die Erinnerungen an meine Kindheit alle dort sind und dass der Rest der Familie, auch du, dort und damit weit weg ist. Wir hatten keine andere Wahl.

       

Ich muss auch sagen, dass ich meine Schulkameradinnen und Schulkameraden vermisse. Ich weiß, dass ich nicht mit ihnen zusammen die Schule abschließen kann und dass ich diese besondere Zeit nicht nachholen kann. Ich werde bald die weiterführende Schule abschließen. Ich werde bald 18 Jahre alt und ich muss mich nach einem Job umschauen, um Mama und Papa zu unterstützen. Erwachsen zu werden macht mir Angst, aber ich bin auch reifer geworden.

Zeichnung von Ariadna: Mädchen sitzt vor Mond und hört Musik.

© UNICEF/UNI331866/Ariadna

     
       

Unsere Migration hat mich schnell erwachsen werden lassen – und meine kleine Schwester Valeria auch.

       

Die Herausforderungen des Lebens haben mich dazu gezwungen, erwachsen zu werden. Ich musste für meine kleine Schwester sorgen, für sie kochen und ihr mit den Hausaufgaben helfen. Ich musste Mama und Papa helfen und sie so viel unterstützen wie möglich.

Wir leben nun in einer Nachbarschaft, in der viele andere Venezolaner leben. Ihre Situation ist zum Teil deutlich schlechter als unsere. Beispielsweise wurde ein Freund von Papa aus seiner Wohnung geworfen, weil er die Miete nicht bezahlen konnte und alle seine Sachen wurden ihm gestohlen. Ich kenne auch eine Familie, die von Straßenverkäufen lebte und die nun kein Geld mehr haben und auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen sind. So geht es vielen Familien die von dem was sie Tag für Tag verdient haben, gelebt und gegessen haben. Diese Leute haben jetzt meist nichts mehr.

Leider gibt es einige Schwierigkeiten hier. Wenn ich könnte, würde ich die Leute um mehr Toleranz und Solidarität bitten. Auch wenn wir bisher nicht direkt von Fremdenfeindlichkeit betroffen waren, weiß ich, dass viele andere aus unserem Land Fremdenfeindlichkeit erlebt haben. Die Leute sagen, dass wir feige sind, weil wir unser Land verlassen haben anstatt dort zu bleiben. Das ist aber nicht der Grund. Wir haben unser Land verlassen, weil wir Kinder, Brüder und Schwestern haben und wir uns das Beste für sie wünschen. Wenn wir keine Zukunft in unserem Land haben, müssen wir sie an einem anderen Ort suchen.

Liebe Oma, uns geht es, trotz alledem, ganz gut. Ich vertraue darauf, dass weder du noch jemand anderes in der Familie krank wird, sodass wir gemeinsam weitermachen und vorankommen können. Auch wenn ich nicht zurückkehren will, will ich dich unbedingt wiedersehen und dich fest in den Arm nehmen – am liebsten für eine Ewigkeit. Bis dahin werde ich weiter malen, malen und malen.“    

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