Pressemitteilung
NICHT NUR NIGERIA: BOKO HARAM MISSBRAUCHT KINDER ALS SELBSTMORDATTENTÄTER
Dakar/ New York/ Genf/ Köln
Dienstag, 12. April 2016, 10:58 Uhr

NEUE UNICEF-ANALYSE ZWEI JAHRE NACH ENTFÜHRUNG DER CHIBOK-MÄDCHEN

Die Zahl der Kinder, die von der Terrorgruppe „Boko Haram“ als Selbstmordattentäter missbraucht wird, ist laut UNICEF im vergangenen Jahr drastisch gestiegen: Von vier (2014) auf insgesamt 44 (2015) minderjährige Selbstmordattentäter in Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger.

Bei 75 Prozent der Anschläge waren die betroffenen Kinder Mädchen – die jüngsten von ihnen waren erst acht Jahre alt. Das geht aus der aktuellen Situationsanalyse „Beyond Chibok“ hervor, die UNICEF heute kurz vor dem zweiten Jahrestag seit der Entführung von über 200 Schulmädchen aus der nigerianischen Stadt Chibok veröffentlicht.

Boko Haram in Nigeria und Region: Drastischer Anstieg von Kindern als Selbstmordattentäter

© UNICEF

„Um es ganz klar zu sagen: Diese Kinder sind Opfer, nicht Täter“, sagte Manuel Fontaine, UNICEF-Regionaldirektor für West- und Zentralafrika. „Kinder zu täuschen und sie zu tödlichen Angriffen zu zwingen ist ein besonders grausamer Aspekt der Gewalt in Nigeria und seinen Nachbarländern.“

In der kurzen Analyse „Beyond Chibok“ beleuchtet UNICEF alarmierende Trends in den vier von Boko Haram betroffenen Ländern in den vergangenen beiden Jahren. So wurden zwischen Januar 2014 und Februar 2016 die meisten Selbstmordanschläge mit Beteiligung von Kindern (21) in Kamerun verübt, 17 in Nigeria und zwei in Tschad. Insgesamt war in den letzten beiden Jahren jeder fünfte Selbstmordattentäter unter 18, in Kamerun sogar jeder zweite. Seit letztem Jahr wurden Selbstmordanschläge erstmals auch über die Grenzen von Nigeria hinaus verübt.

Überlebende Boko Haram-Opfer leiden unter Diskriminierung

Der kalkulierte Einsatz von Kindern, die zum Beispiel zum Tragen von Sprengstoffgürteln überredet oder gezwungen werden, hat zu einer Atmosphäre der Angst und des Misstrauens beigetragen. Darunter leiden auch überlebende Mädchen, die der Gefangenschaft und sexueller Gewalt durch Mitglieder von Boko Haram entkommen konnten. Ein 17-jähriges Entführungsopfer berichtet zum Beispiel, dass ihr monatelanges Leid mit der Befreiung nicht zu Ende war: Im Flüchtlingscamp wurde sie als Boko Haram-Frau beschimpft, andere Frauen wollten nicht einmal die Wasserstelle mit ihr teilen.

Boko Haram, Nigeria: Fati (Name geändert) wurde entführt und gefangen gehalten

Die 15-jährige Fati (Name geändert) wurde in Nigeria von Boko Haram entführt und monatelang gefangen gehalten. In einem Camp in Kamerun ist sie jetzt in Sicherheit. Für viele andere Mädchen ist die Leidenszeit mit der Befreiung jedoch nicht zu Ende.
© UNICEF/UN015783/Prinsloo

Auch Kinder, die in Folge der Vergewaltigungen geboren werden, werden häufig in den Dörfern oder Flüchtlingscamps stigmatisiert und ausgegrenzt. „Seit Selbstmordanschläge mit Beteiligung von Kindern sich häufen, haben die Menschen in manchen Gemeinden begonnen, Kinder als Sicherheitsrisiko zu sehen“, sagte Fontaine. „Dieses Misstrauen kann zersetzende Folgen haben: Wie kann eine Gesellschaft neu entstehen, wenn die eigenen Schwestern, Töchter und Mütter ausgegrenzt werden?“

Nigeria und Nachbarländer: 1,3 Millionen Kinder auf der Flucht

Wegen der Gewalt durch Boko Haram sind inzwischen 2,3 Millionen Menschen in Nigeria, Kamerun, Niger und Tschad auf der Flucht, über die Hälfte von ihnen – 1,3 Millionen – sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Über 5.000 Minderjährige sind während der Flucht von ihren Eltern getrennt worden.

Kinder im Flüchtlingscamp auf der Flucht vor Boko Haram

Ein Mädchen von insgesamt 1,3 Millionen Kindern, die in Nigeria, Kamerun, Niger und Tschad auf der Flucht sind vor der Gewalt durch Boko Haram.
© UNICEF/UN015802/Prinsloo

Mehr als 1.800 Schulen in der Region sind geschlossen, weil sie zerstört oder geplündert wurden oder als Notunterkünfte dienen. In Folge von Gewalt und Vertreibung hat auch die ohnehin hohe Zahl mangelernährter Kinder deutlich zugenommen: UNICEF schätzt, dass in der betroffenen Region jetzt fast 200.000 Mädchen und Jungen unter lebensbedrohlicher Mangelernährung leiden.

UNICEF versorgt gemeinsam mit Partnern geflüchtete Familien mit Trinkwasser, Impfungen und therapeutischer Nahrung für mangelernährte Kinder. Darüber hinaus richtet UNICEF Notschulen ein und organisiert psychosoziale Hilfe, damit die Kinder mit ihren Erlebnissen und der belastenden Situation besser umgehen können. UNICEF setzt sich auch durch Aufklärung dafür ein, dass Entführungs- und Gewaltopfer wieder in ihre Gemeinden integriert werden.

Boko Haram Flüchtlinge: Talatu besucht eine Schule im Minawao Camp

Die elfjährige Talatu besucht eine Schule im Minawao Camp für nigerianische Flüchtlinge im Norden Kameruns. Über 1.800 Schulen sind wegen des Konflikts in der Region geschlossen.
© UNICEF/UN015798/Prinsloo

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Die Situationsanalyse „Beyond Chibok“ und die Studie „Bad Blood“ erhalten Sie hier zum Download:

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