"HAUPTSACHE, DIESER KRIEG HÖRT AUF"

INTERVIEW MIT UNICEF-MITARBEITER RÜDIGER LUCHMANN

UNICEF-Mitarbeiter Rüdiger Luchmann über die Flüchtlingstragödie in der Ostukraine, die Sorge um Kinderheime im Kriegsgebiet und die Hoffnungen der Vertriebenen. Ein Interview von Elena Rauch (TA), veröffentlicht in der Online-Ausgabe der Thüringer Allgemeine Zeitung vom 12.5.2015

Ukraine-Konflikt: UNICEF-Mitarbeiter Rüdiger Luchmann

© UNICEF Ukraine

Herr Luchmann, Charkiw, wo Sie zur Stunde sind, ist keine 300 Kilometer von Donezk entfernt. Wie viele Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet befinden sich dort?

Jeden Tag kommen Dutzende, wenn nicht Hunderte in Charkiw an, der Zustrom hat seit dem Aufflammen neuer Kämpfe wieder zugenommen. Im Charkiwer Gebiet sind derzeit etwa 250.000 Flüchtlinge registriert. Das ist etwa ein Viertel aller Vertriebenen im Land. Die tatsächliche Zahl ist wohl höher, nicht alle lassen sich registrieren. Viele Menschen wollen es sich nicht eingestehen, dass sie jetzt Flüchtlinge sind. Da gibt es eine hohe Hemmschwelle. Andere haben Angst, zum Wehrdienst eingezogen zu werden.

Ukraine-Konflikt: Registrierung ukrainischer Flüchtlinge

Registrierung von Flüchtlingen: UNICEF-Helfer empfangen die Kinder mit Stoffbären, um ihnen eine kleine Freude zu  bereiten.
© UNICEF/Ukraine/2015/Pavel Zmey

Unter welchen Bedingungen leben die Flüchtlinge?

Die Mehrheit der Menschen ist bei Verwandten oder in privaten Wohnungen untergekommen. Die anderen leben in Hotels oder Heimen, die von der Regierung gestellt werden. Das Gebiet ist an seiner Aufnahmegrenze angelangt. Die Regierung tut alles, um die Menschen weiter in den Westen zu bewegen. Damit haben wir ein Problem, niemand darf als Vertriebener noch weiter vertrieben werden.

Ukraine-Konflikt: Flüchtlingsunterkunft in einem Bunker

Mutter Oksana lebt derzeit mit ihrer Tochter Yulia in einem Bombenbunker in Donezk, der derzeit als Notunterkunft für ukrainische Flüchtlinge dient.
© UNICEF/Ukraine/2014/Francesca Volpi

Wie ist die gesundheitliche und vor allem psychologische Verfassung der Kinder?

Gesundheitlich ist UNICEF derzeit sehr besorgt darüber, dass durch die Kämpfe in den Kriegsgebieten Kinder nicht mehr geimpft werden. Bereits vorher war in der Ukraine nur etwa jedes zweite Kind gegen Kinderlähmung geschützt. Jetzt steht die Gefahr eines Ausbruchs von Kinderlähmung auf der Tagesordnung.

Das größte Problem ist die seelische Verfassung der Kinder. Kinder reagieren auf Krieg, Bomben, auf den Tod von Angehörigen, auf den Verlust des Heimischen besonders schmerzhaft. Wir arbeiten in Charkiw mit vier Organisationen zusammen, die sich um traumatisierte Kinder kümmern. Wir haben inzwischen Tausende, die diese Hilfe nutzen.

Helfen Sie den Kindern in der Ukraine

Mit Ihrer Unterstützung organisiert UNICEF die Ausbildung von Schulpsychologen, die vom Krieg betroffene Kinder und ihre Familien betreuen.

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Wie haben Sie die Ankunft von Flüchtlingen erlebt?

Sie kommen über die Kontrollposten im Gebiet an, irgendwo, wo sie erst einmal überhaupt nicht weiter wissen. Sie haben Hunger, wissen nicht wohin, welche Art von Hilfe es gibt. Da geht es zunächst um einfachste Sozialarbeit, die geleistet werden muss, die staatlichen Stellen sind damit völlig überfordert.

Hilfsorganisationen haben an den Gebietsgrenzen spezielle Stützpunkte eingerichtet. Es gibt Räume für Kinder, in denen sich Psychologen um sie kümmern. Sie reden mit ihnen, spielen, lassen sie Bilder malen. Häufig sind das Bilder in schwarzen Farben, immer wieder Flugzeuge, immer wieder Bomben. Man muss kein Psychologe sein, um zu verstehen, wie tief diese Kinder traumatisiert sind.

Ukraine-Konflikt: Kinderbücher von UNICEF

UNICEF liefert Kinderbücher für die Mädchen und Jungen auf der Flucht. Die Geschichten lenken die Kinder für eine Weile vom furchtbaren Kriegsalltag ab.
© UNICEF/Ukraine/2014/Francesca Volpi

Es sind vor allem Frauen und Kinder, die dort ankommen?

So ist es, Männer bleiben häufig in den Kriegsgebieten zurück.

Weil sie versuchen, die Häuser und Wohnungen zu schützen?

Das ist ein Grund, das Heim ist in der Ukraine oft das einzige, was Familien besitzen. Es gibt auch Familienväter, die noch eine Arbeit und damit ein Einkommen haben. Hinzu kommt, dass durch die ukrainischen Sicherheitskräfte bei Männern besonders genau gecheckt wird. Es gab unwürdige Prozeduren an den Kontrollstellen, wo Männer die T-Shirts ausziehen mussten. Damit geprüft werden konnte, ob sich am Oberkörper blaue Flecken befinden, die vom Rückstoß von Kalaschnikows herrühren. Dagegen hat die UN massiv protestiert.

Inwieweit haben UN-Organisationen überhaupt Einfluss auf das Vorgehen?

Während der Evakuierung der umkämpften Stadt Debalzewo in der vergangenen Woche wurde die UN um Unterstützung gebeten. UNICEF hatte sich dafür stark gemacht, dass Familien als Familien das Recht auf Evakuierung hatten. Die Regierung war zögerlich. Zuerst hieß es: Nur Frauen und Kinder. Da sind wir hart geblieben und haben gesagt: Es darf keine Trennung von Familien geben.

Sie haben auch Mitarbeiter in den Kampfgebieten. Was wissen Sie über die Situation der Menschen dort?

In Donezk ist das Bankenwesen völlig zusammengebrochen, es gibt Engpässe bei der Lebensmitteln. Sie sind zwar verfügbar, doch die Preise sind gestiegen. Unser Augenmerk gilt vor allem dem Teil der Bevölkerung, der besonders vernachlässigt und hilflos ist. Es gibt Menschen, die lange Zeit in Kellern leben, weil ihre Wohnungen zerstört sind. Man muss nicht erklären, was das vor allem für Kinder bedeutet.

Ukraine-Konflikt: Nikita in zerstörter Wohnung in Donezk

Der fünfjährige Nikita am Fenster der zerstörten Wohnung seiner Familie in Pervomaysk bei Donezk. Der Vater des Jungen wurde während eines Beschusses des Viertels getötet. Etwa 1,7 Millionen Kinder in der Ukraine sind direkt vom Krieg im Osten des Landes betroffen.
© UNICEF//Ukraine/2014/Francesca Volpi

Unsere große Sorge gilt derzeit den Kindern in Kinderheimen. Dort gibt es keine reguläre Versorgung mehr, niemanden, der das Personal bezahlt. Es gibt Informationen, dass in einem psychiatrischen Krankenhaus im Luhansker Gebiet schon Todesfälle aufgetreten sind, weil sich niemand um die Menschen dort gekümmert hat. Das ist alarmierend und wir haben derzeit keine offiziellen Kontakte, die man befragen könnte, keine verlässlichen Informationen.

Es gibt Klagen von Flüchtlingen, dass sie von staatlichen Stellen kaum Hilfe erhalten. Können Sie das bestätigen?

Was der Staat derzeit für die Flüchtlinge tut, entspricht der Situation im Land, und das ist sehr wenig. Es gibt keine staatliche Einrichtung, die Kindern psychologische Betreuung anbietet, die Eltern sagt, wo und wie sie die Kinder zur Schule schicken können. Wir sind auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen angewiesen.

Immer wieder landen Bomben und Geschosse in Wohngebieten, wird von den beiden kriegsführenden Seiten überhaupt noch ansatzweise Rücksicht genommen auf den Schutz der Zivilbevölkerung?

Eine schwierige Frage, denn man kann nicht davon ausgehen, dass hier ausschließlich reguläre Armeeeinheiten agieren. Man muss ganz klar sagen, dass in diesem Krieg die Menschenrechte keine Beachtung finden.

Kann das UNICEF als UN-Organisation thematisieren?

Wir haben wiederholt an beide kriegsführenden Parteien appelliert, Kinder zu schützen. Immer wenn Kinder verletzt oder getötet wurden, haben wir das scharf angeprangert.

Mit welchem Ergebnis?

Sehen Sie sich die Nachrichten aus der Ostukraine an.

Der Westen war Monate mit den politischen Fragen des Konfliktes befasst, hat er dabei zu spät auf die humanitäre Not reagiert?

Wir haben im Juni, im Juli, im August vergangenen Jahres immer wieder darauf hingewiesen, dass Hunderttausende nicht nur betroffen, sondern vertrieben sind. Es hat bis September gedauert, bis die ersten Reaktionen darauf kamen. Wir rechnen heute, dass 1,7 Millionen Kinder von diesem Konflikt betroffen sind. Das ist eine signifikante Krise. Derzeit sind unsere Hilfsprojekte in der Ukraine bis Ende Februar finanziert.

Worauf richten sich die Hoffnungen der Flüchtlinge mit Blick auf Minsk?

Der Krieg soll aufhören, das ist das Wichtigste. Alle, mit denen ich gesprochen habe, ob Vertriebene oder Menschen in der Kriegszone: Alle wollen nur ein Ende der Kämpfe. Das ist wichtiger als alle Fragen von Grenzlinien, politischen Interessen und Einflussgebieten.

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