© UNICEF/UNI940464/FilippovUkraine Jugendliche: Veronika in ihrer Schule in Charkiw
Kinder weltweit

Krieg, Angst, Flucht: Jugendliche aus der Ukraine berichten

Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf. Der Krieg in der Ukraine hat verheerende Auswirkungen auf das Leben der Kinder und Teenager – auf ihre Gesundheit, ihre Bildung und ihre Zukunftschancen. In diesem Blog teilen Jugendliche ihre Geschichten.


von Stefanie Hack

Der Krieg hat meiner Familie so viel genommen. Meine Pläne, unser Gefühl der Sicherheit, unser Zuhause wie es einst war – all das gehört der Vergangenheit an“, berichtet die 16-jährige Veronika aus Slatopil in der Region Charkiw. Vor zwei Jahren hat sie ihren Vater während eines Angriffs verloren – die Person, die ihr am meisten Orientierung im Leben gab. Nach seinem Tod beschloss sie, ihr Medizinstudium erstmal zu verschieben und weiter online mit ihrer alten Klasse zu lernen. Für ein Stück Stabilität. „Aber ich lasse die Dunkelheit nicht die Kontrolle übernehmen. Meine Kreativität, Musik und Freunde helfen mir dabei, sie abzuwehren.“

Jugendliche spielt auf Gitarre.

Musik hat für Veronika eine heilende Wirkung. Sie hilft ihr dabei, ihre Gefühle zu verarbeiten und die belastende emotionale Dunkelheit zu vertreiben.

© UNICEF/UNI940426/Filippov

Wie ist das Leben für ukrainische Kinder und Jugendliche im Krieg?

Der seit vier Jahren andauernde Krieg in der Ukraine hat das Leben von Kindern und Teenagern wie Veronika grundlegend verändert. Im Osten des Landes sind es inzwischen sogar mehr als zwölf Jahre, in denen die Menschen schwerer Gewalt ausgesetzt sind.

Für die Kinder und Jugendlichen bedeutet der Krieg ein Leben im Ausnahmezustand. Die Angst ist ihr ständiger Begleiter, sie wachsen auf zwischen Luftalarm, Angriffen und Flucht. In den vergangenen Jahren gerieten immer wieder Schulen, Wohngebiete und Krankenhäuser unter Beschuss. Schwere Bombardierungen der zivilen Infrastruktur lassen Kinder und Jugendliche in Dunkelheit, ohne Wasser oder Strom zurück. Im oft eisigen Winter mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad bringt die bittere Kälte die Kinder in zusätzliche Gefahr.

Seit Februar 2022 wurden mehr als 760 Kinder getötet, rund 2.500 Kinder verletzt (Stand: Februar 2026), Tausende haben geliebte Menschen verloren. Die psychische Dauerbelastung für Kinder und Jugendliche ist kaum vorstellbar. Ein Stück Normalität bietet ihnen der Schulunterricht – selbst, wenn viele seit Jahren nicht mehr regelmäßig am Präsenzunterricht teilnehmen können und Hunderttausende rein online unterrichtet werden. Über 1.600 Bildungseinrichtungen wurden durch den Krieg zerstört oder beschädigt; rund 4,6 Millionen Kinder sind in ihrer Bildung eingeschränkt.

Die Geschichten von Veronika, Mykyta und Liza sind Teil des UNICEF-Konzepts „The Class of 2026“ (Die Klasse von 2026). Dafür hat UNICEF mit mehreren Jugendlichen aus der Ukraine gesprochen, die am 24. Februar 2022 in dieselbe Klasse gingen und deren Lebensweg seit vier Jahren durch den Krieg bestimmt wird. Ihre Erfahrungen zeigen auf eindrucksvolle Weise, welchen tiefgreifenden Einfluss der Konflikt auf ihr Recht auf Bildung, ihre Familie und Freund*innen, ihre Träume und Zukunftspläne hat. Gleichzeitig sind ihre Stärke und Mut ein außergewöhnliches Symbol der Hoffnung.

Traumatische Erlebnisse: Krieg und Fluchterfahrungen rauben den Heranwachsenden ihre Kindheit und ihr Zuhause

Jugendlicher beim Gewichtheben

Kraftdreikampf und Klavierspielen bringen trotz Krieg etwas Freude in Mykytas Leben. 

© UNICEF/UNI940238/Filippov

Oft sehen Familien keine andere Möglichkeit, als ihre Heimat zu verlassen und vor der Gewalt zu fliehen. Das heißt für Kinder und Teenager, ihr Zuhause zurückzulassen und sich schweren Herzens von Familienangehörigen, Freund*innen und der gewohnten Umgebung zu verabschieden.

Mykyta (16): „Im Ausland fühlte sich alles falsch an – die Sprache war schwierig, die Leute in der Schule waren Fremde.“

Slatopil ist eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Stadt, keine 100 Kilometer von Charkiw entfernt. Als im Februar 2022 die Kämpfe immer näher rückten und die Bombardierungen schließlich die Stadt erreichten, beschloss Mykytas Mutter mit ihren Kindern zu fliehen. „Wir brauchten mehrere Tage, um nach Lwiw (eine Stadt im Westen der Ukraine, Anm. d. Redaktion) zu gelangen. Die Straßen waren völlig verstopft. Ich erinnere mich an eine Kolonne von Panzern, die in Richtung unserer Stadt fuhr“, erzählt Mykyta. „Niemand wusste, was morgen passieren würde. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder in meine Schule zurückkehren oder meine Klassenkamerad*innen wiedersehen würde.

Ihre Flucht führte sie weiter nach Bulgarien und schließlich sogar bis nach Israel. Schon bald verließ Mykyta die Schule in Bulgarien wieder, um am Onlineunterricht mit seiner alten Klasse teilzunehmen – so konnte er zumindest über den Bildschirm Kontakt zu seinen Freund*innen halten. Schließlich entschied seine Mutter, dass es sicher genug sei, in ihre Heimatstadt zurückzukehren.

Heute geht Mykyta in dieselbe Klasse wie Veronika. Sein Tag ist durchgetaktet mit Schule, Training und Prüfungsvorbereitungen. Klavierspielen und Kraftdreikampf sind seine große Leidenschaft und sorgen für Ausgleich inmitten des Krieges. Wenn er die Prüfungen besteht, will er sich noch in diesem Jahr an einer juristischen Universität bewerben und trotz des Krieges in seiner Heimat weiter für eine Zukunft in Frieden lernen.

Wie Jugendliche sich trotz des Krieges für andere engagieren

Jugendliche mit rot-weißer Bluse posiert für ein Foto.

Nach ihrer Rückkehr nach Slatopil begann Liza, sich mit Kreativworkshops für andere zu engagieren.

© UNICEF/UNI940333/Filippov

Kinder und Jugendliche in der Ukraine erleben alles andere als eine normale Kindheit. Sie leben in ständiger Angst und Sorge, anstatt einfach Kind sein zu können. Und doch zeigen sie eine enorme Widerstandskraft und versuchen, an ihren Plänen und Träumen für die Zukunft festzuhalten.

So erging es auch Liza, einer weiteren Klassenkameradin von Mykyta und Veronika. Sie floh aus Slatopil zu ihrer Großmutter aufs Land, weil es dort etwas sicherer war. Ihre ständige Angst um ihre Eltern und Freund*innen wurde noch verstärkt durch die Ungewissheit, wie ihre Ausbildung weitergehen würde. Ob sie jemals wieder in ihre Klasse zurückkehren könnte. „Am Morgen des 24. Februar wurde mir plötzlich klar, dass wir die Schule vielleicht nicht gemeinsam beenden würden, dass unsere Klasse sich vielleicht nie wieder in der Schule versammeln würde. Und das war wirklich beängstigend.“

Liza (16): „Ich habe festgestellt, dass es für Teenager aufgrund des Krieges schwieriger geworden ist, zu kommunizieren. Viele sind zurückhaltender geworden.“

Nach sechs Monaten kehrte Liza in die Stadt zurück, was zu einem Wendepunkt im Leben der 16-Jährigen wurde. Durch den Krieg hatte sie traditionelle ukrainische Handarbeit für sich entdeckt und wollte dies nun in Workshops an andere weitergeben. Sie begann, sich im städtischen Jugendcenter zu engagieren, Trainings und Seminare zu organisieren. Noch immer steht sie regelmäßig im Klassenzimmer und hilft allen Teilnehmenden, ihr eigenes kleines Kunstwerk zu vollenden.

„Dies ist nicht nur ein Workshop über traditionelle Puppenherstellung und das Kennenlernen unserer Kultur“, erklärt Liza. „Es ist auch eine emotionale Entlastung – eine Möglichkeit, zumindest für eine Stunde der Angst zu entfliehen, und eine Gelegenheit für Kinder, nach Jahren des Onlineunterrichts und der Isolation wieder miteinander in Kontakt zu kommen.“

Kinder und Jugendliche basteln gemeinsam

Liza zeigt den Teilnehmenden ihres Workshops, wie sie die traditionellen Puppen basteln müssen.

© UNICEF/UNI940339/Filippov

UNICEF unterstützt Kinder und Jugendliche mit Lernangeboten

Der Krieg hat tiefgreifende Folgen für die Bildung von Kindern und Teenagern: Obwohl Fortschritte in der Wiedereröffnung von Schulen erzielt wurden, lernen zehn Prozent nur online und 21 Prozent in einer Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht. Durch die regelmäßigen Stromausfälle ist der Onlineunterricht oft nicht möglich – der Bildungsrückstand ist enorm. Besonders in den Regionen nahe der Front ist das Lernen für viele Kinder und Jugendliche eine große Herausforderung.

Die UNICEF-Teams in der Ukraine arbeiten unermüdlich daran, dass Kinder und Jugendliche trotz des Krieges weiter lernen können. Unsere Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine helfen dabei, Schulen und Lernzentren wiederaufzubauen und Schutzräume einzurichten, in denen die Kinder betreut werden. Sie schulen Lehrkräfte für speziellen Förderunterricht und erreichen Kinder und Jugendliche mit digitalen Lernangeboten und Nachholklassen, damit sie versäumten Lernstoff aufarbeiten können. 2025 konnten wir über 311.0000 Kinder und Jugendliche mit Bildungsangeboten erreichen.

Neben der Bereitstellung von Lernangeboten unterstützt UNICEF Familien mit Bargeldhilfen, um durch den kalten Winter zu kommen. Außerdem helfen wir bei der Reparatur ziviler Infrastruktur und stellen Generatoren beispielsweise für Krankenhäuser und Schulen bereit, um die Heiz- und Wasserversorgung auch im Notfall aufrechtzuerhalten.

Vielen Dank an alle, die unsere Arbeit für die Kinder in der Ukraine unterstützen!

Helfen Sie Kindern in der Ukraine mit einer regelmäßigen Spende

Die Kinder in der Ukraine brauchen weiter verlässliche Hilfe. Mit einer regelmäßigen Spende helfen Sie mit, dass akute und langfristige Hilfe für Kinder möglich wird – in der Ukraine und weltweit. 

Mit der UNICEF-Dauerspende helfen Sie Kindern und Familien überall dort, wo Hilfe dringend gebraucht wird. Monat für Monat. Tag für Tag. 

Sie bleiben flexibel: Ihre regelmäßige Spende ist jederzeit anpassbar oder kündbar. 

Info

   

Krieg bedroht Kinder heute in einem alarmierenden, nie dagewesenen Maß: 2023 haben die Vereinten Nationen in Kriegs- und Konfliktgebieten so viele schwere Kinderrechtsverletzungen verzeichnet wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.

In unserem Blog widmen wir uns immer wieder der Situation von Kindern im Krieg und blicken auf die für Kinder gefährlichsten Orte. Doch wir teilen auch gute Nachrichten und zeigen, wie wir von UNICEF dank unserer Unterstützer*innen Kindern wirksam helfen können. Lesen Sie zum Beispiel, wie es ist, jetzt Kind in Gaza oder im Sudan zu sein oder wie ehemalige Kindersoldaten und Kindersoldatinnen mit UNICEF-Hilfsprogrammen eine neue Chance im Leben bekommen.

Auf unserer Webseite finden Sie auch weitere, übergreifende Informationen zum Thema "Kindheit im Krieg."

Autor*in Stefanie Hack

Stefanie Hack arbeitet als Redakteurin mit dem Fokus Nothilfe. Im Blog schreibt sie über die weltweite Arbeit von UNICEF und entwicklungspolitische Themen.