Straßenkinder in Pakistan mit Sabine Christiansen | © UNICEF/Pakistan/2011/Zaidi

UNICEF-BOTSCHAFTERIN SABINE CHRISTIANSEN IN PAKISTAN

Faiserabad – Im Teufelskreis der Armut

Juni 2011 - Ich habe gerade im Nachbarland Pakistan gesehen, wie schlimm die Lage ohne Familienplanung werden kann. Kinder dienen den Armen als Lebensversicherung, wenn sie einmal krank oder alt werden. Doch immer mehr Kinder treiben die Familien in noch größere Armut. Fast 190 Millionen Einwohner hat das Land, die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18! Fast jedes zehnte Kind erlebt seinen 5. Geburtstag nicht mehr. Unterernährung, extreme Armut, Krankheiten, vor allem Polio ist weit verbreitet.

Schon Kleinkinder müssen zum Überleben der Familie beitragen und schuften im Straßenbau, Bergwerken, auf den Baumwollfeldern, in den Lehmziegelfabriken oder als „Garage-Boys“.

Als wir die verdreckte, stinkende Autowerkstatt in Faiserabad betreten, kommt beißender Geruch entgegen: Öle, Benzin, Lackierung alles. Der kleine Junge mit dem ölverschmierten Gesicht und dem Werkzeug in der Hand ist vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. „Ich arbeite schon länger hier“, erzählt er. „Meinen Eltern hat der Besitzer der Werkstatt versprochen, ich werde einmal Mechaniker“, sagt er. Ich denke, wenn er diesen Knochenjob und schlagenden Meister überlebt.

Die meisten Kinder arbeiten, weil die Eltern dem Fabrikbesitzer Geld schulden. Der leiht ihnen einmal im Leben etwas, wenn sie es für eine Beerdigung oder eine Hochzeit brauchen und dann müssen sie diese Schulden oft ein Leben lang abarbeiten. Oder ihre Kinder. Ein Teufelskreis.

UNICEF bietet den Eltern Hilfe, wenn diese dafür ihre Kinder in die Schule schicken. Ein erfolgreiches Programm, mit dem bereits einige hundert Kinder aus der Ausbeutung herausgeholt werden konnten.

Ghulam hat es geschafft. Er ist heute 14, hat seit seinem 6. Lebensjahr in einer Ziegelfabrik gearbeitet und nun zwei Jahre lang eine Schule besuchen können. Er erzählt uns eine Geschichte, schüchtern aber voller Stolz und verkündet: „Nun möchte ich es noch schaffen, Polizist zu werden“. Viel Kraft und Glück dabei wünsche ich ihm.

Lahore - die Verzweiflung der Straßenkinder

Die Kinder, die wir zum Abschluss in Lahore (10 Millionen Einwohner) treffen, sind davon weit entfernt. Sie leben auf der Straße, schnüffeln Schuhleim (das lässt den Hunger vergessen ), sind sexueller Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Allein in Lahore leben 500.000 Kinder auf der Straße.

Die älteren unter ihnen versuchen zunächst, mir das Theater einer taffen Streetgang vorzuspielen. Später wollen sie dann aber noch einmal ohne viele andere Menschen sich mit mir treffen. Dort zeigen sie mir dann ihre Selbstverstümmelungen an Armen und Oberkörpern, die sich mit Rasierklingen zufügen. Sie tragen diese auch zur Selbstverteidigung als Waffe im Mund mit sich herum. „Warum gibt uns keiner einen Schlafplatz für die Nacht? Immer kommen Männer mit Messern, vergewaltigen oder schlagen uns!“ Die coolen Boys sind verzweifelt und den Tränen nahe. Als einer schließlich sagt: „Es gibt so viele Tage, da wünschte ich, ich wäre tot“, nicken die anderen im Kreis nur stumm.

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