CIRIRI-KLINIK: HOFFNUNG FÜR FRAUEN UND KINDER

REISETAGEBUCH AUS DEM KONGO – TAG 3

Drei Frauen, drei Babys - alle in einem ganz normalen Klinikbett? Wie geht das? Ich frage den Chefarzt Dr. Bernard Ruchogeza. Er schüttelt ein wenig ratlos den Kopf: “Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht schläft immer eine mit ihrem Baby auf dem Boden?“ Tatsache ist: Die Ciriri-Klinik hoch in den Bergen über Bukavu im Ostkongo platzt aus allen Nähten.

Das ist mir schnell klar, als wir an einem sonnigen Märztag zusammen mit Ndiaga Seck von UNICEF Goma im UNICEF-Geländewagen über die holperigen Wege hinauf zur Klinik fahren. Immerhin auf 1920 Meter Höhe gelegen. 

Auf der Geburtsstation des Ciriri-Krankenhauses. © Maria von Welser

Einige der Mütter in der Geburtsabteilung des Ciriri-Krankenhauses.
© Maria von Welser

Gegründet einst vom schwäbischen Wohltäter Dr. Gustav Rau, ist das Krankenhaus inzwischen wichtigster Anlaufpunkt für Frauen und ihre Kinder. Sie kommen von weit her, in engen Minibussen, auf Motorrädern, oft zu dritt, oder zu Fuß viele Stunden lang. In wenigen Jahren ist die Zahl der Klinikbetten von 76 auf 320 angestiegen. Schon im nächsten Jahr will Dr. Ruchogeza 500 Betten zur Verfügung haben. Allein 2012 kamen 10.000 Frauen.

Die Klinik wird gebraucht, im Jahr 2011 ist keine einzige Frau bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Das war früher ganz anders. Der Ostkongo gehörte zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate bei Geburten. Sowohl von Müttern als auch von Kindern. Heute kümmern sich 13 Ärzte um die Kongolesinnen, dazu 119 medizinische Mitarbeiter. Allesamt ebenfalls Kongolesen. Das ist dem Chefarzt wichtig, und das war auch Dr. Rau wichtig, als er mit einem kleinen Ziegelsteinbau begann, den Frauen und Kindern zu helfen.

Vor allem inzwischen auch den Kindern wird hier medizinisch eine Zukunft möglich. Zu viele erkranken immer noch an Ostyomelitis, einer Knochenentzündung, die das Wachstum hemmt und die Knochen brechen lässt. Eine Folge auch von Mangelernährung. Das Kinder-Krankenzimmer hat 20 Betten. Die meisten  Kinder müssen von ihren Eltern, den Müttern und Großmüttern betreut werden. Dafür ist kein Personal vorhanden.

Die 14-jährige Chanceline ist froh über die medizinische Betreuung. © Maria von Welser

Die 14-jährige Chanceline ist schon seit zwei Jahren im Ciriri-Krankenhaus. Sie ist froh über die medizinische Betreuung hier.
© Maria von Welser

Die 14-jährige Chanceline ist zum Beispiel schon zwei Jahre in Ciriri. Immer noch ist ein Bein eingegipst, immer noch kann sie es nicht belasten. Trotzdem lacht sie uns an. Sie hat einen Stock als Krücke und scheint wohl sehr froh, dass es ihr nicht so ergeht wie dem kleinen Leon neben ihr. Er sitzt in seinem Bettchen, die Beine im 120-Grad-Winkel gespreizt, eingegipst von der Hüfte bis zu den Knöcheln. Mir zerreißt sein Anblick das Herz. So unglücklich, so tieftraurig guckt er mich, uns alle an. Er leidet seit der Geburt an einer Fehlstellung der Hüfte und muss zwei Monate so durchhalten. Sitzend, mit den gespreizten Beinchen. „Kann er denn so schlafen?“, frage ich den Chefarzt? Er nickt, streichelt dem Kind ermutigend über den Kopf und wendet sich dem nächsten Krankenzimmer zu. So ist das in einem großen Krankenhaus. Leons Großmutter steckt ihm ein Bananenstück in den Mund und will ihn so ablenken von uns allen, die wir so einfach wieder weggehen von seinem Bettchen. Ich hoffe so sehr, dass er später mal wie alle anderen Kinder über die Felder und durch die Wälder toben kann.

Kongo: Ein Junge mit Hüftfehlstellung in einem Krankenhaus. © Maria von Welser

Die Beine des kleinen Leon sind von der Hüfte bis zu den Knöcheln eingegipst.
© Maria von Welser

UNICEF unterhält als Verpflichtung des Rau'schen Erbes auch Ciriri. Zahlt für den Betrieb der Klinik, die Infrastuktur und die Ausstattung. Dazu gehören die Betten, die Geburtstische, das Chirurgenbesteck und die Medikamente. Ein Generator, der durch Sonnenkollektoren angetrieben wird, macht Ciriri zusätzlich unabhängig von den lokalen, eher minimalistischen Stromzufuhren des Landes. Das ist wichtig, um auch die Kühlketten in den Laboren aufrechtzuerhalten.

Noch bekommen auch in der Provinz Süd-Kivu die meisten Frauen ihre Babys zuhause. Aber gerade die Geburtsabteilung entwickelt sich rasant. Die sechs großen Zimmer mit den jeweils sechs Betten für die jungen Mütter sind allesamt überbelegt. Zu zweit, zu dritt. Jeweils mit ihren Kindern. Nach einer normalen Geburt bleiben die Frauen zwei, höchstens drei Tage im Krankenhaus. Nach einem Kaiserschnitt bis zu sieben Tage. Kaiserschnitte nehmen zu. Aber nicht weil - wie in Deutschland - die Frauen den Geburtstermin selbst bestimmen wollen, sondern weil so viele Frauen unter massiver Mangelernährung leiden. In Ciriri jedoch fehlt es ihnen nicht am Essen: Die meisten Mütter können sich in der Klinik-Kantine selbst versorgen, sie waschen ihre Wäsche und die ihrer Babys selbst. Das alles ist für sie normal. Und wenn sie sich schon fitter fühlen, sitzen sie draußen mit ihren Babys, unter schattigen Bäumen oder in kleinen strohgedeckten Pavillons. Die sind gerade erst erstanden. Ein friedliches Bild in einem nach zehn Jahren Krieg zutiefst verstörtem Land.

Bauen ist auf unserem Rundgang durch das weitläufige Gelände der Klinik das Stichwort für Chefarzt Dr. Ruchogeza. Nicht ohne Stolz zeigt er uns die neugebauten OP-Säale, die Räume zur Vorbereitung der Narkose, die Aufenthaltsräume für Ärzte und Klinikpersonal. Alles fertig - aber total leer. Noch fehlen OP-Tische und Lampen, Geräte und Waschbecken. Er hofft auf Spenden, um alles in Betrieb zu nehmen. Ebenso für seinen Anbau, der in einem Jahr fertig sein soll. Damit den Frauen und Kindern aus dem ganzen Raum rund um den Kivu-See dann 500 Betten zur Verfügung stehen.

Das Hospital Ciriri ist ein wunderbares Beispiel, was ein Mensch mit einem großen Herzen und dem Sinn für die Not der Frauen bewegen kann. Nicht ohne Grund hängt das Bild von Dr. Gustav Rau in einem Laborzimmer. Denn nicht nur die Sterblichkeitsrate der Mütter sinkt durch die Klinik, auch die Säuglingssterblichkeit geht massiv zurück. Denn normalerweise könnten sich die Frauen keine ärztliche Betreuung leisten. Wenn sie nicht, wie in Ciriri, fast umsonst wäre. Wer zahlen kann, legt zehn bis zwölf Dollar für eine Geburt auf den Tisch. In anderen Kliniken im Ostkongo kostet das oft fünfmal mehr.

Mudahunga Simiri, 43, ist glücklich und gerne bereit zu zahlen. Denn seit sie vor zehn Tagen ihr elftes Baby zur Welt gebracht hat, lebt sie in einem großen, luftigen Raum mit Wasseranschluss und gut entwickelten Sanitäranlagen. Das wollte sie bei diesem elften Kind erleben. Außerdem hatten ihr schon vorher Ärzte gesagt, dass ihr Baby wohl sehr groß sei. Deshalb hatte sie dann auch einen Kaiserschnitt. Der kleine Junge mit den zehn Pfund bereitete Mudahunga dann keine allzu große Mühe mehr auf dem Weg ins Leben.

Ich gehe mit einem guten Gefühl. In dieser Klinik geht es um die Zukunft, um das Leben, um Frauen und Kinder. In so vielen anderen Projekten in diesem Land müssen Frauen und Kinder beschützt werden, gerettet nach ihren Traumata und körperlichen Leiden.

Morgen fahre ich in ein Dorf, das bis vor kurzem noch mehrfach von Rebellen überfallen worden war. Aber jetzt schützen dort MUNUSCO und die kongolesische Armee die Dorfbewohner. Es gibt also Hoffnung.

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