TAG 1: BUKAREST - NEUER REUCHTUM, ALTE PRACHT UND WACHSENDE ARMUT

12. August 2012 - Auf dem Boden neben einem Lebensmittelladen hockt eine Frau. Sie hält ein Neugeborenes auf dem Arm. Ein Junge, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, drängt sich an die Frau. Sein stumpfer und zugleich ängstlicher Blick irritiert mich. Vor ihnen steht ein alter Kinderwagen mit schmutzigen Plastiktüten. Plötzlich ergießt sich ein Schwall Milch über den Gehweg. Apathisch blickt die Frau hinterher.

Bukarest: Neuer Reichtum, alte Pracht und wachsende Armut. ©UNICEF/Tarneden

Bukarest: Neuer Reichtum, alte Pracht und wachsende Armut.
© UNICEF/Tarneden

Europa hat viele Gesichter. Aber das Gesicht dieser Roma-Frau will kaum jemand sehen. Die rumänische Hauptstadt Bukarest liegt nicht einmal zwei Flugstunden von den Bankentürmen Frankfurts entfernt. Wenn bei uns viel von Krise die Rede ist – hier ist sie spürbar. Seit dem Beginn der Turbulenzen auf den Finanzmärkten in 2008 ist die Arbeitslosigkeit in die Höhe geschnellt, wurden Hilfen für arme Familien radikal gekürzt.

Nur rund 40 Euro hat eine Arbeiterfamilie im Monat für Lebensmittel zur Verfügung; in den Roma-Familien, die meist am Rande der Gesellschaft leben, ist es oft nur die Hälfte. Viele Kinder müssen hungrig ins Bett gehen – in einem EU-Land!

Weil sie zu Hause keine Chance sehen, suchen viele Eltern Arbeit im Ausland – auch damit sie eine Zukunft für ihre Kinder schaffen können. Über 80.000 Kinder und Jugendliche in Rumänien leben deshalb nur mit einem Elternteil, bei ihren Großeltern oder Verwandten oder sogar ganz allein – insbesondere in armen Gemeinden auf dem Land.

Nach der Revolution gegen das Ceausescu-Regime 1989 hat UNICEF geholfen, die katastrophalen Zustände in staatlichen Heimen zu überwinden und Alternativen für bedrohte Kinder zu finden. Dies war auch eine Voraussetzung dafür, dass Rumänien 2007 in die EU aufgenommen wurde. Doch seither ist die Bereitschaft der Regierung, etwas für die Kinder am Rande der Gesellschaft zu tun, wieder gesunken. Funktionierende Einrichtungen zum Schutz vor Ausbeutung und Gewalt gibt es kaum.

Bukarest ist eine Stadt der Extreme. Breite Boulevards, riesige alte Stadthäuser und Banken wie Paläste. Daneben verfallene Villen, heruntergekommene Wohnquartiere und alte Kirchen. Im Lipscani-Viertel, der Altstadt, drängen sich abends schöne junge Menschen in den Lokalen - wie überall in Europas Metropolen. In den Seitenstraßen herrscht Stille, ab und zu treffe ich auf eine alte Frau oder ein Kind, die mir die Hand entgegenstrecken und auf ein paar Lei hoffen.

An einem riesigen menschenleeren Platz stehe ich plötzlich vor einem ehemaligen prächtigen Stadthaus. Hinter der alten Fassade wächst ein neuer Kern aus Stahl und Glas dunkel in den Himmel. Hier war bis 1989 die Zentrale des berüchtigten Geheimdienstes Securitate. Heute ist hier unter anderem die Niederlassung der Unternehmensberatung McKinsey.