UNICEF-Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Heraeus
© UNICEFUNICEF-Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Heraeus

„Die Spender können stolz sein!“

Ein Gespräch mit Dr. Jürgen Heraeus, dem Vorstandsvorsitzenden von UNICEF Deutschland

Ein Gespräch mit Dr. Jürgen Heraeus, Vorstandsvorsitzender von UNICEF Deutschland

Interview vom Januar 2013

Wann hat UNICEF eigentlich sein Ziel erreicht?

Wir wären einer kindergerechten Welt sehr viel näher, wenn es gelingen würde, alle Regierungen davon zu überzeugen, ernsthaft an der Überwindung der extremen sozialen Gegensätze zu arbeiten und dabei mit den Kindern zu beginnen! Weltweit konnte die Kindersterblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten gesenkt werden. Trotzdem fehlen heute immer noch fast der Hälfte aller Kinder auf der Erde elementare Dinge wie eine gute Schule, ausreichende Ernährung oder verlässliche Schutzgesetze. Allerdings verläuft die Kluft heute nicht mehr allein zwischen Nord und Süd, sondern auch innerhalb der Länder: zwischen den Kindern, die am Fortschritt teilhaben, und denen die ausgeschlossen bleiben. Die Aufgabe, gute Lebensverhältnisse für alle Kinder zu schaffen, stellt sich für jede Generation neu.

Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Besonders bedrückend finde ich, wenn junge Menschen keinen Job und keine Perspektive für sich erkennen können. Die globale Finanzkrise verschärft dieses Problem noch. Es gibt leider Länder, in denen die Wirtschaft wächst und trotzdem die Armut bestehen bleibt. Wir machen uns auch viel zu wenig klar, wie sehr die ärmsten Familien schon heute unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Worauf kommt es denn heute an?

Viel mehr Kinder könnten Perspektiven bekommen, wenn sich die Hilfe noch stärker auf die ärmsten Familien konzentrieren würde. Deren Kinder haben ein doppelt so hohes Risiko, an vermeidbaren Krankheiten zu sterben und gehen oft nicht zur Schule. Wir brauchen langfristige Lösungen. Wenn man in Regionen, die oft von Stürmen und Überschwemmungen heimgesucht werden, die Gemeinden besser vorbereitet, kann man das Risiko und die Zahl der Opfer drastisch verringern.

Was können Spenden bewirken?

Ich denke, unsere Spender können stolz sein! Maßgeblich durch ihre Unterstützung haben in den vergangenen Jahren zwölf Millionen Kinder im südlichen Afrika eine bessere Schulbildung erhalten. Sie haben im Senegal Aufklärungskampagnen ermöglicht, durch die tausende Dörfer die grausame Mädchenbeschneidung abgeschafft haben. In den Hungergebieten Afrikas konnten 2012 Hunderttausende Kinder gerettet werden. Ganz wichtig ist die Unterstützung durch UNICEF-Paten. Regelmäßige Beiträge bewirken langfristige Verbesserungen für Kinder, die nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen – ob in Nordkorea, Myanmar oder Simbabwe.

Es gibt Kritiker die sagen, Entwicklungshilfe würde Abhängigkeit erzeugen und schlechte Regierungen belohnen. Was antworten Sie?

Pauschale Urteile helfen wenig. Man muss in jedem einzelnen Fall genau hinsehen. Der Gedanke „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist kein Schlagwort. Für UNICEF ist er zentrale Bedingung für die Arbeit. Wenn Sie nicht nur Trostpflaster verteilen wollen, müssen Sie gemeinsam mit Regierungen und Zivilgesellschaft darauf hinwirken, dass Strukturen entstehen – durch Ausbildung, Beratung und Training von Mitarbeitern - und die Ergebnisse laufend überprüfen. Solche Programme sind weniger medienwirksam. Aber langfristig ist ihre Wirkung umso größer.

Wie sehen Sie die Situation von Kindern in Deutschland?

Viele Kinder bei uns wachsen in materiellen Verhältnissen auf, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Trotzdem stimmt es nachdenklich, wenn in keinem anderen Industrieland Jugendliche eine so düstere Einschätzung ihrer Zukunft haben. Fast jeder Vierte erwartet, dass er nach Beendigung von Schule und Ausbildung Arbeiten mit einer niedrigen Qualifikation ausüben wird. Ein anderes Problem ist, dass heute viele Kinder nur bei einem Elternteil aufwachsen. Sie sind häufig von relativer Armut betroffen.

Tut Deutschland genug für Kinder?

Kinder sind Sympathieträger, Politiker lassen sich gerne mit ihnen fotografieren. Diese Haltung ändert sich schnell, wenn die Kinderwagen im Hausflur stören, wenn vor den Garagen gebolzt wird oder die Kollegin schwanger wird. Kinder sind anstrengend, machen Arbeit, liegen quer zum Berufsleben und kosten viel Geld. Verlässlichkeit, Geborgenheit und Selbstvertrauen kann man nicht kaufen. Aber man kann die Rahmenbedingungen für die Kinder und ihre Familien verbessern.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was wünschen Sie UNICEF Deutschland zum Geburtstag?

Dass wir die Welt mehr mit den Augen der Kinder zu sehen und zu verstehen lernen.