Gewalt gegen Kinder muss unverzüglich ein Ende haben! © UNICEF/UN040849/Bicanski

CORONA WIRKT AUCH BEI KINDESMISSHANDLUNGEN WIE EIN BRENNGLAS

Seit Beginn der Corona-Krise zeigen sich UNICEF und zahlreiche andere Kinderschutzorganisationen besorgt über die in vielen Ländern verhängten Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Hinter verschlossenen Türen wurde ein drastischer Anstieg häuslicher Gewalt befürchtet, was sich inzwischen bewahrheitet hat. So wurden zum Beispiel im 1. Halbjahr 2020 allein bei der Berliner Gewaltschutzambulanz 23 % mehr Fälle von Kindesmisshandlungen erfasst im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für Familien in Entwicklungsländern ist ein Lockdown ein ungleich größerer Stresstest als in Industrienationen. Dies macht sich beispielsweise in Bangladesch bemerkbar, wo die Gewalt gegen Kinder, ausgeübt von Eltern und Erziehungsberechtigten, um 42 % angestiegen ist. Das Thema häusliche Gewalt ist keineswegs ein neues, durch die nach oben schnellenden Zahlen aufgrund der Corona-Maßnahmen rückt es nur wieder mehr in den Blickpunkt.

Laut dem UNICEF-Bericht „A Familiar Face: Violence in the lives of children and adolescents“ halten weltweit 1,1 Milliarden Eltern und Betreuer körperliche Strafen für ein probates Mittel in der Kindererziehung. 300 Millionen Kinder im Alter zwischen zwei und vier Jahren sind in ihrem Zuhause sogar regelmäßig körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Wer glaubt, Gewalt gegen Kinder sei vor allem ein Problem in Entwicklungsländern, der irrt. Hierbei handelt es sich viel eher um ein globales Phänomen. Allein in Europa sind etwa 55 Millionen Kinder Opfer von Misshandlungen.

Die dramatischen Zahlen sind wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass lediglich 60 Länder auf der Welt das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung in ihrer Gesetzgebung verankert haben und damit Kindesmisshandlungen unter Strafe stellen. In Deutschland gilt ein solches Gesetz seit November 2000 (§ 225 Strafgesetzbuch und § 1631 Bürgerliches Gesetzbuch). Wie der Deutschlandfunk berichtet, ist dagegen elterliche Gewalt in Ländern wie Großbritannien, Italien, Belgien, Schweiz, USA, Australien, Japan, Kanada, Südkorea und Russland nach wie vor nicht verboten. Auch Frankreich hat sich lange schwer getan mit dem Thema und sich erst im Jahr 2018 dazu durchgerungen, ein Gesetz zur gewaltfreien Erziehung zu verabschieden. Gesetze allein schaffen Gewalt nicht ab, sie können jedoch ein Umdenken bewirken und zu einem Rückgang der Zahlen beitragen.

Häusliche Gewalt kann dramatische Folgen für Kinder haben

Kindesmisshandlung ist beileibe kein Kavaliersdelikt, wie die langfristigen Folgen für die Opfer verdeutlichen. Viele von ihnen haben in späteren Jahren mit einer Drogen- oder Alkoholsucht zu kämpfen. Des Weiteren sind Lernstörungen, ein geringes Selbstwertgefühl, Depressionen, Angstzustände sowie Selbstverletzungen keine Seltenheit. Gewalterfahrungen können auch Einfluss auf das Sozialleben der Betroffenen nehmen, so begegnen sie häufig anderen Menschen mit Misstrauen, selbst wenn diese positiven Absichten verfolgen. Auffällig ist zudem, dass viele Gewaltopfer selbst mit der Zeit ein aggressives Verhalten an den Tag legen. Laut der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes wird Gewalt sogar oft von Generation zu Generation weitergegeben, wodurch ein Teufelskreis entsteht.

Langfristige Folgen für viele Opfer © UNICEF/UNI195868/Blundell

Viele Opfer häuslicher Gewalt müssen mit langfristigen Folgen kämpfen.
© UNICEF/UNI195868/Blundell

Doch warum wird dennoch zu Gewalt bei der Erziehung gegriffen? Die Hauptursache für häusliche Gewalt ist schlichtweg Überforderung. Obwohl Gewalt in allen sozialen Schichten und in allen Ländern der Welt auftaucht, sind Kinder in schwierigen Lebensverhältnissen deutlich mehr davon betroffen, was auf bestimmte Risikofaktoren zurückzuführen ist, die dort gehäuft auftreten. Gemäß der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes sind ein niedriger Bildungsstand, finanzielle Schwierigkeiten, psychische Probleme, Süchte, beengte Wohnverhältnisse und Konflikte zwischen den Elternteilen Stress auslösende Faktoren, die eine Gewaltausübung gegen die eigenen Kinder begünstigen können. Benötigen Kinder aufgrund einer Behinderung oder einer Entwicklungsstörung einen erhöhten Betreuungsbedarf, so kann das Eltern unter Umständen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. Selbes gilt für unerwünschte Kinder, die die Ablehnung ihrer Eltern in Form von Gewalt zu spüren bekommen können. Sind Eltern schon selbst mit Gewalt aufgezogen worden, kann dieses Verhalten mitunter auf die eigenen Kinder übertragen werden. Diese Faktoren können, müssen aber nicht zwangsläufig häusliche Gewalt zur Folge haben.

Die inzwischen pensionierte Kriminalhauptkommissarin Gina Graichen erklärte in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur, dass es ein Irrtum sei, häusliche Gewalt ausschließlich mit der Unterschicht in Verbindung zu bringen. In ihrer Berufslaufbahn hätte sie es oft genug auch mit Anzeigen gegen höher gestellte Personen zu tun gehabt, die über ausreichend Bildung und Geld verfügt hätten. In gehobenen Kreisen bleibt Gewalt in vielen Fällen unsichtbar, weil die Familien meist abgeschottet in Ein- statt in Mehrfamilienhäusern wohnen, wo Nachbarn hellhörig werden könnten.

Gewalttaten bleiben häufig unentdeckt

Generell ist anzunehmen, dass die offiziellen Statistiken zu häuslicher Gewalt nur die Spitze des Eisbergs abbilden. Laut dem Statistischen Bundesamt gab es in 2018 50.400 bestätigte Fälle von Kindeswohlgefährdung in Deutschland. Es muss jedoch von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, weil sich zahlreiche Opfer im Kleinkindalter befinden und damit nicht imstande sind, ihr Leid zu verbalisieren. Ältere Kinder schweigen dagegen zumeist aus Scham. Darüber hinaus hängen Kinder in der Regel an ihren Eltern trotz der Gewalt, die ihnen angetan wird, und es fällt ihnen schwer, von sich aus die Misshandlung zu melden. Umso wichtiger ist die Rolle von Schulen, Kindergärten sowie Kinder- und Jugendeinrichtungen, von denen die zuständigen Schutzbehörden für gewöhnlich den größten Teil der Verdachtsmeldungen erhalten. Da die Lockdown-Anordnungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in diversen Ländern unter anderem eine Schließung eben dieser Kontrollinstanzen vorsehen, ist zu befürchten, dass viele Gewalttaten unentdeckt bleiben.

Gewalttaten bleiben häufig im Verborgenen. © UNICEF/Südsudan/Knowles-Coursin

Es lässt sich vermuten, dass die Dunkelziffer der Gewalttaten gegen Kinder sehr hoch ist.
© UNICEF/Südsudan/Knowles-Coursin

UNICEF hat weltweit zahlreiche Kinderschutzprogramme

UNICEF hat sich zum Ziel gesetzt, auf Gewalt gegen Kinder aufmerksam zu machen, denn jedes Kind hat ein Recht darauf, gewaltfrei aufzuwachsen und sich in seinem Zuhause sicher zu fühlen. Um häuslicher Gewalt entgegenzuwirken, wendet sich UNICEF in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort an Politik, Gesellschaft, Eltern und Kinder gleichermaßen. Weltweit unterstützt UNICEF Regierungen bei der Ausarbeitung von Kinderschutzgesetzen und initiiert Aufklärungskampagnen. Zudem bietet UNICEF Gewaltpräsentationskurse für Eltern an, wie beispielsweise auf den Philippinen, wo Eltern in Gruppensitzungen ihre alltäglichen Sorgen besprechen können und von geschulten Helfern Erziehungstipps an die Hand bekommen. Außerdem ist UNICEF darum bemüht, Zufluchtsorte für Kinder zu schaffen. Ein Beispiel hierfür sind die 200 Makani-Zentren in Jordanien, in denen Kinder Bildung vermittelt bekommen und über ihre Rechte informiert werden, um sie auf diese Weise für die Zukunft zu stärken.

Gewaltfreie Erziehung © UNICEF

Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.
© UNICEF

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Ajda Omrani