© UNICEF/UNI953807/Pham Ha Duy LinhVietnam: Eine UNICEF-Mitarbeiterin zeigt einer Schülerin in Vietnam ein Programmheft und spricht mit ihr.
Gut zu wissen

Psychische Gesundheit: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Sie ist wichtig für uns alle, aber trotzdem reden wir kaum darüber: Der Umgang mit psychischer Gesundheit ist von Missverständnissen geprägt. Was psychische Gesundheit bedeutet und wie sie beeinflusst wird – hier haben wir die wichtigsten Infos zusammengestellt.

Was ist mentale Gesundheit einfach erklärt?

Wenn wir an Gesundheit denken, denken die meisten zuerst an den Körper: keine Grippe, keine Verletzungen, keine schweren Krankheiten. Doch laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) umfasst Gesundheit körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Mentale Gesundheit – auch psychische Gesundheit genannt – gehört also dazu.

Mentale Gesundheit beeinflusst, wie wir denken, fühlen und handeln. Sie hilft uns, mit Stress umzugehen, Entscheidungen zu treffen und Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen. Sie trägt dazu bei, dass wir am Leben teilhaben können – in der Schule, im Freundeskreis und in der Gesellschaft.

Wichtig ist: Mentale Gesundheit bedeutet nicht einfach, keine psychische Erkrankung zu haben. Es gibt Zeiten, in denen es uns mental gut geht, und Zeiten, in denen wir stark belastet sind oder psychisch erkranken. Auch bleibt die mentale Gesundheit nicht immer gleich. Sie kann sich im Laufe des Lebens verändern – je nach Lebensphase, Erfahrungen und Umständen.

Ukraine: Ein Kind zeichnet konzentriert auf Papier; sichtbar sind die Hände, ein Filzstift und ein kleiner grüner Deckel.

Für Kinder und Jugendliche ist eine gute mentale Gesundheit besonders wichtig. Sie kann ihnen helfen, sich in der Schule zu konzentrieren, Freundschaften zu schließen und sich weniger einsam zu fühlen.

© UNICEF/UNI914788/Kruchkova

Wie steht es um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weltweit?

Weltweit ist laut Weltgesundheitsorganisation WHO und UNICEF schätzungsweise jede*r Siebte zwischen zehn und 19 Jahren von mentalen Gesundheitsbeschwerden betroffen – am häufigsten von Angststörungen, Depressionen und Verhaltensstörungen. Ein Drittel aller psychischen Erkrankungen beginnt bereits vor dem 14. Lebensjahr, die Hälfte vor dem 18. Lebensjahr.

Umso wichtiger ist es, frühzeitig zu handeln. Doch obwohl der Bedarf groß ist, bekommt die Mehrheit der betroffenen jungen Menschen wenig Unterstützung – weil passende Angebote fehlen, Kosten zu hoch sind oder die Angst vor Stigmatisierung sie davon abhält, Hilfe zu suchen. Laut einer UNICEF-Untersuchung in sieben Ländern erleben vier von zehn Jugendlichen Stigmatisierung rund um das Thema mentale Gesundheit im schulischen oder beruflichen Umfeld – und nur etwa die Hälfte weiß überhaupt, wo sie im Bedarfsfall Hilfe finden kann.

Auch in Deutschland ist die Lage ernst: Einsamkeit, Stress und psychische Belastungen nehmen zu, während die Lebenszufriedenheit junger Menschen sinkt. Unter den 15-Jährigen fühlt sich zum Beispiel jedes dritte Mädchen (32 Prozent) die meiste Zeit oder immer einsam; bei den Jungen sind es elf Prozent. Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen zählen hierzulande bereits zu den häufigsten Diagnosen im stationären Bereich – zeigen Daten des UNICEF-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland.

Lesetipp

Möchten Sie mehr Informationen zur mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland? Hier können Sie mehr erfahren: „Krise im Kopf“

Wer oder was beeinflusst die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?

Die mentale Gesundheit wird von einem Zusammenspiel zahlreicher Faktoren geprägt. Dazu zählen genetische Faktoren ebenso wie das Lebensumfeld und die Erfahrungen, die Kinder machen. Unterschieden werden drei Bereiche, die die psychische Gesundheit beeinflussen:

  • Die "Welt des Kindes", die durch sein Zuhause und sein Erziehungsumfeld bestimmt wird.
  • Die "Welt um das Kind herum", zum Beispiel Sicherheit und Bindung in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Gemeinden.
  • Die "Welt als Ganzes", die durch soziale Einflussfaktoren wie Armut, Naturkatastrophen, Konflikte oder Diskriminierung bestimmt wird.

Diese Faktoren können sowohl positiven als auch negativen Einfluss haben. Beispielsweise kann die Schule einerseits ein Ort sein, an dem Kinder Freundschaften schließen, Sicherheit erfahren und wichtige Fähigkeiten zur Stärkung ihrer Psyche erlernen. Andererseits können sie dort auch Mobbing, Rassismus, Gruppenzwang oder Leistungsstress erleben.

Andere Einflüsse bedingen sich wechselseitig, wie Armut und psychische Gesundheit: Armut kann zu psychischen Problemen führen, und psychische Probleme können im Erwachsenenleben Armut nach sich ziehen. Aber: Es ist wichtig zu betonen, dass sich Krisen und Lebensumstände auf Kinder ganz unterschiedlich auswirken und jedes Kind anders damit umgeht.

Frankreich: Kinder hören zu, während zwei Personen neben einem UNICEF-Banner in einem Klassenraum sitzen.

Jugendliche an einer Schule in Marseille in Frankreich bei einer UNICEF-Veranstaltung zur mentalen Gesundheit mit dem Rapper Soprano. Zahlreiche Faktoren beeinflussen die psychische Gesundheit. Erfahrungen im Schulalltag können entscheidend sein.

© UNICEF/UNI940046/Schneider

Welche Rolle spielt die Familie für die psychische Gesundheit?

Ein liebevolles und unterstützendes Familienumfeld ist einer der stärksten Schutzfaktoren für psychische Gesundheit in der Kindheit und der Jugend. Gewalt ist dagegen einer der größten Risikofaktoren.

Übrigens beginnt der Einfluss von Eltern sogar schon vor der Geburt eines Kindes und ist häufig durch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse geprägt. So kann eine schlechte allgemeine Ernährungssituation beispielsweise Mangelernährung in der Schwangerschaft zur Folge haben, was zu Untergewicht bei Neugeborenen führen kann. Untergewicht wiederum kann sich auf die Entwicklung des Gehirns und damit auf die psychische Gesundheit auswirken.

Welchen Einfluss hat Gewalt in der Erziehung auf die psychische Gesundheit von Kindern?

Gewalt gegen Kinder kann verheerende Folgen haben und sowohl die körperliche als auch psychische Entwicklung der betroffenen Kinder und jungen Menschen beeinträchtigen. Viele entwickeln aufgrund der Gewalterfahrungen weniger Selbstvertrauen und leiden unter Angst oder Depressionen. Die Folgen der Gewalt können zudem ihre Fähigkeiten beinträchtigen, zu lernen oder positive Beziehungen einzugehen. Langfristig kann sich das auf ihre Bildungsmöglichkeiten und ihre berufliche Entwicklung auswirken.

Umso wichtiger ist es, das gesellschaftliche Bewusstsein für Gewalt gegen Kinder zu schärfen und Angebote, die Eltern und Kinder unterstützen wie beispielsweise Familienberatungen und Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche zu fördern.

Info

Kinder haben ein fundamentales Recht auf Schutz vor körperlicher und geistiger Gewalt, Misshandlung, Verwahrlosung und Ausbeutung. Dieses Recht ist in der UN-Kinderrechtskonvention verankert. Als Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist es unser Auftrag uns dafür einzusetzen, dass die Rechte von allen Kindern verwirklicht werden.

Wie äußern sich psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen?

Viele Jugendliche fühlen sich durch Selbstzweifel, Druck, Ängste, Probleme in der Familie oder Einsamkeit belastet. Psychische Belastungen können sich auf Gefühle, Gedanken, Verhalten, den Körper und Beziehungen auswirken. Häufige Anzeichen sind anhaltende Traurigkeit oder Reizbarkeit, starke Ängste und Sorgen oder Rückzug. Manche verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen sonst Freude machen. Andere fühlen sich wertlos oder hoffnungslos.

Manche Kinder und Jugendliche zeigen ihre Belastung eher durch Angst oder Rückzug. Andere reagieren mit starker Unruhe, häufigen Konflikten oder riskantem Verhalten. Auch Veränderungen beim Schlaf, Appetit oder Energie können dazugehören. Manchmal treten Konzentrationsprobleme oder wiederkehrende physische Beschwerden auf, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt.

In Syrien spricht eine UNICEF-Fachkraft im Hof mit einem Jugendlichen und macht sich Notizen für die Unterstützung.

Psychische Belastungen können sich bei Kindern und Jugendlichen ganz unterschiedlich zeigen – etwa durch Ängste, Rückzug, Unruhe oder körperliche Beschwerden. Verständnis und Unterstützung sind wichtig.

© UNICEF/UNI589824/Awad

Ein einzelnes Anzeichen sagt noch nicht viel aus. Wichtig ist, ob sich ein Kind deutlich verändert und wie stark die Belastung den Alltag beeinträchtigt – zum Beispiel in der Schule, in Freundschaften oder in der Familie. Auch Schlaf und gewohnte Aktivitäten können betroffen sein.

Bei jüngeren Kindern zeigt sich seelische Belastung möglicherweise durch Rückzug, starke Ängste oder Veränderungen im Verhalten. Jugendliche sprechen vielleicht direkter darüber oder ziehen sich zurück und gehen Risiken ein. Das sind mögliche Anzeichen, keine festen Regeln. Ein einzelnes Anzeichen erlaubt keine Diagnose. Eine Diagnose können nur Fachkräfte stellen.

Wie sich Belastungen zeigen, kann vom Alter, den Lebensumständen und dem Umfeld abhängen. Armut, Gewalt, Ausgrenzung, Konflikte und Krisen können die psychische Gesundheit zusätzlich belasten. Sie führen aber nicht automatisch zu einer psychischen Erkrankung. Auch starke Gefühle nach belastenden Ereignissen bedeuten nicht automatisch, dass ein Kind psychisch erkrankt ist.

Info

Anhaltende oder zunehmende Veränderungen sollten ernst genommen werden. Wichtig ist, ein Kind dabei nicht vorschnell zu beurteilen. Wenn ein Kind davon spricht, sich selbst zu verletzen oder nicht mehr leben zu wollen, sollte sofort professionelle Hilfe einbezogen werden. Bei unmittelbarer Gefahr gilt in Deutschland: den Notruf "112" wählen. 

Wie kann man die mentale Gesundheit von Kindern stärken?

Es gibt zahlreiche Schutzfaktoren, die die psychische Gesundheit schon in der Kindheit stärken können: Liebevolle Bezugspersonen und positive Beziehungen zu Gleichaltrigen können etwa dazu beitragen, das Risiko psychischer Beeinträchtigungen und Störungen zu verringern. Hilfsangebote für Mütter und Väter können zum Beispiel die Bindung zwischen Eltern und Kindern verstärken, eine gewaltfreie Erziehung fördern und die kognitive Entwicklung der Kinder verbessern.

Zudem können Programme zur besseren sozialen Absicherung indirekt die psychische Gesundheit von Kindern unterstützen, indem sie die Teilnahme am Schulunterricht, die Ernährungssituation und den Zugang zu Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen verbessern. In humanitären Krisen können schnelle Interventionen unmittelbare Hilfe bei Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischem Stress leisten und dadurch die psychische Gesundheit von Kindern und jungen Menschen stärken.

Drei Kinder in Nepal, wie sie eng beieinander durch einen Klinik- oder Gebäudeflur gehen.

Psychologische Unterstützung kann Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen Halt geben und ihnen helfen, belastende Erlebnisse zu verarbeiten.

© UNICEF/UN0922208/Upadhayay

Was tut UNICEF, um die mentale Gesundheit von Kindern zu stärken?

UNICEF arbeitet weltweit mit Partnern zusammen, damit Kinder und Jugendliche Unterstützung für ihre seelische Gesundheit bekommen. In Kriegs- und Katastrophengebieten schafft UNICEF zum Beispiel geschützte Räume. Dort können Kinder spielen, lernen und wieder Vertrauen aufbauen. Viele Kinder haben Angst oder Gewalt erlebt. UNICEF hilft ihnen mit psychosozialer Unterstützung, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Auch Bildungsangebote von UNICEF können ihnen neue Perspektiven eröffnen.

UNICEF setzt sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche an verschiedenen Orten Hilfe bekommen: zum Beispiel in Gesundheitszentren, Schulen, Familien und Gemeinden. Gleichzeitig fördert UNICEF Fortbildungen für Fachkräfte, digitale Selbsthilfe- und Beratungsangebote. Auch Eltern, andere Bezugspersonen und junge Menschen werden einbezogen. So entstehen sichere Orte, an denen Kinder und Jugendliche lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Zugleich werden Vorurteile rund um die seelische Gesundheit abgebaut.

Auch in Deutschland engagiert sich UNICEF für die mentale Gesundheit junger Menschen – zum Beispiel im Kinderrechteschulen-Programm, Schulaktionen sowie durch Forschung und politische Arbeit. Die deutschlandweite Kampagne „#fühlICH. Reden hilft. Zuhören auch.“ von UNICEF und Ströer sensibilisiert Jugendliche für belastende Gefühle wie Druck, Angst oder Selbstzweifel und ermutigt sie, darüber zu sprechen – mit Freund*innen, Familienmitgliedern oder Lehrkräften und zeigt Hilfsangebote auf.

#fühlICH-Kampagne: „Ich fühle mich super einsam“

Ein Motiv der Kampagne „#fühlICH. Reden hilft. Zuhören auch.“ von UNICEF und Ströer. Jugendliche wirkten an der deutschlandweiten Kampagne mit; Fachleute aus Psychologie und Psychiatrie wurden einbezogen.

© UNICEF/UNI872306

Was muss zum Schutz der mentalen Gesundheit geschehen?

Aus Sicht von UNICEF muss die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie ihrer Eltern und anderer Betreuungspersonen gefördert werden. Kinder in besonders belastenden Lebenslagen brauchen Schutz und gezielte Unterstützung. Dafür braucht es langfristige Investitionen. Gesundheitsversorgung, Bildung, Kinderschutz und soziale Sicherung müssen zusammenarbeiten.

Angebote zur Vorbeugung und Unterstützung sollten sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und für Kinder und Familien leicht erreichbar sein. Dazu gehören auch Angebote, die Eltern und andere Betreuungspersonen stärken. Schulen sollten ein sicheres und unterstützendes Lernumfeld schaffen, psychische Belastungen erkennen und den Zugang zu passender Hilfe erleichtern.

Wichtig sind offene Gespräche über psychische Belastungen, der Abbau von Vorurteilen und verlässliche Informationen. Kinder und Jugendliche müssen mitreden können, wenn Unterstützungsangebote entwickelt werden. Ihre Erfahrungen und Sichtweisen müssen ernst genommen werden.

Mentale Gesundheit liegt mir sehr am Herzen. Gemeinsam mit einer Freundin aus dem Jugendbeirat setze ich mich dafür ein, dass Schüler*innen in der Schule Unterstützung bekommen – zum Beispiel, wenn sie während einer Klausur eine Panikattacke haben oder es ihnen nicht gut geht. Oft wissen Lehrkräfte nicht genau, wie sie helfen können. Wenn mehr Menschen wüssten, was in solchen Situationen hilft, würde es vielen Schüler*innen besser gehen.

Sophie, 18 Jahre, engagiert sich in einer kinderfreundlichen Kommune

Wo finden Kinder, Jugendliche und Familien Hilfe?

Hilfe zu suchen ist ein wichtiger erster Schritt. Kinder und Jugendliche können zunächst mit einer Vertrauensperson sprechen, etwa aus Familie, Freundeskreis oder Schule. Auch Kinder- und Jugendärzt*innen, Hausärzt*innen, Beratungsstellen und lokale Gesundheitsdienste können weiterhelfen. Welche Angebote und Telefonnummern erreichbar sind, ist von Land zu Land unterschiedlich; bei akuter Gefahr gilt der jeweilige örtliche Notruf.

Info

Wenn reden mit Freund*innen, Eltern oder anderen Bezugspersonen nicht hilft, können sich Kinder und Jugendliche in Deutschland kostenlos an Hotlines oder Beratungsstellen wenden. Auch anonym.

Nummer gegen Kummer: Beratung bei Problemen online oder am Telefon, die Nummer gegen Kummer bietet auch für besorgte Eltern oder Bezugspersonen eine Beratung an

Krisenchat: Beratung bei Problemen rund im die Uhr per WhatsApp oder SMS

JUUUPORT: Beratung u.a. zu Cybermobbing, Mediensucht, sexueller Belästigung online

Patientenservice für gesetzlich Versicherte online oder per Telefon 116117 bei Terminvermittlung für Psychotherapie  

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von Klas Libuda verfasst. Agnieszka Szczepanska hat zuletzt die umfassende Aktualisierung vorgenommen.

Autor*in Agnieszka Szczepanska

Agnieszka Szczepanska arbeitet als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei UNICEF. Im Blog schreibt sie über die UNICEF-Arbeit für Kinder in Deutschland