© UNICEF/UN0602381/RalaivitaHunger weltweit - Kampf gegen den Welthunger: Ein Junge in Madagaskar bekommt Erdnusspaste gegen Unterernährung.
Gut zu wissen

Von der Erdnusspaste zur Drohne: Wie UNICEF seit 80 Jahren stetig humanitäre Hilfe revolutioniert

Erdnusspaste, Impfstoff aus der Luft und ein Zelt für alle Fälle: Die Geschichte von UNICEF ist auch eine großer Erfindungen – manche sind denkbar einfach und trotzdem bahnbrechend.

Was verbindet ein Messband für den Oberarm eines Kindes im Südsudan, ein verbessertes Zelt – beständiger gegen Wind und Hitze und eine Drohne, die Hilfsgüter über Malawi fliegt?

Sie alle entstanden, weil jemand eine schlichte Frage stellte: Geht das nicht auch besser? Und weil UNICEF die Geduld und den Mut hatte, die Antwort mitzuentwickeln – manchmal über Jahrzehnte, manchmal mitten in einer Pandemie.

Innovationsgeschichten aus 80 Jahren UNICEF

Plumpy'Nut — die kleine Packung, die Millionen Kinderleben rettet

Die Geschichte beginnt 1996: Der französische Kinderarzt André Briend fragt sich, warum unterernährte Kinder immer noch ins Krankenhaus müssen. Was, wenn Hilfe direkt zu ihnen nach Hause kommen könnte? Er entwickelt Plumpy'Nut: eine Erdnusspaste in einer Folienpackung, die kein Wasser braucht, keine Kühlung, keine medizinische Fachkraft.

Erdnusspaste-Fabrik im Sudan: Ein Mitarbeiter fügt den Erdnüssen Öl hinzu

Nahrung, die Leben rettet, lokal produziert: In einer Fabrik im Sudan wird Erdnusspaste zur Behandlung schwerer Mangelernährung hergestellt. Hier ist der Arbeitsschritt zu sehen, wo den Erdnüssen Öl beigefügt wird.

© UNICEF/UNI158080/Noorani

Einfach aufreißen, direkt aus dem Päckchen saugen – wie Keksteig. 90 Prozent Heilungsrate bei schwerer akuter Mangelernährung. Heute erreicht RUTF (Ready-to-use therapeutic food, auf deutsch: therapeutische Nahrung) fast neun Millionen Kinder im Jahr. UNICEF ist der weltgrößte Beschaffer, treibt die lokale Produktion in Afrika voran und experimentiert mit klimafreundlichen Alternativen aus Kichererbsen und Soja, die den CO2-Ausstoß um bis zu 70 Prozent senken.

Eine wirkungsvolle Erfindung im Kampf gegen Mangelernährung: das komplementäre Beikostschälchen

Weltweit kann sich eines von drei Kindern unter fünf Jahren aufgrund von Mangelernährung nicht gut entwickeln. In vielen Ländern hängt dies oft mit wirtschaftlichen Faktoren zusammen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln erschweren. Doch auch mangelndes Wissen über die richtige Menge, die Häufigkeit und Vielfalt der für Kinder benötigten Nahrungsmittel ist einer der Gründe.

Ein kleines Objekt mit großer Wirkung: Eine speziell entwickelte Fütterungsschale für Kleinkinder mit eingravierten Mengenmarkierungen, kulturell angepassten Ernährungssymbolen und einem Löffel mit genau der richtigen Öffnung für breiige Erstkost. Das klingt simpel, aber in Ländern ohne Zugang zu Ernährungsberatung ist dieses Schälchen eine stille Revolution. Das Projekt zeigt: Innovation muss keine Hochtechnologie sein, sie muss nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Anfang 2026 wurden bereits mehr als 2 Millionen Beikostschälchen weltweit verteilt.

Beikostschälchen
© UNICEF Supply Division

U-Report: Millionen junge Menschen äußern sich zu den Themen, die ihnen wichtig sind

Wie erfährt UNICEF, was Kinder wirklich brauchen, denken und erleben, besonders in abgelegenen Regionen? Die Antwort: U-Report, eine kostenlose Online-Plattform, auf der Kinder und Jugendliche per SMS oder Messenger-Dienst zu allem befragt werden können.

U Report Europe Smartphone

U-Report Europe ist auf den Messenger-Apps WhatsApp, Viber, Telegram sowie Facebook Messenger verfügbar. Jugendliche aus der Ukraine erhalten hier kostenlos Informationen zu Deutschland und können an Umfragen teilnehmen. 

© UNICEF/UNI398405/Sachse-Grimm

Millionen junge Menschen auf der Welt haben die Möglichkeit, sich auch ohne besondere technische Ausstattung zu den Themen zu äußern, die sie betreffen – von Zukunftswünschen über die Erfahrung mit Diskriminierung bis hin zu Kinderehen. Gestartet 2011 in Uganda, hat U-Report heute über 25 Millionen aktive Nutzer*innen in mehr als 70 Ländern. Die Daten fließen direkt in UNICEF-Programme ein. In der Covid-19-Pandemie wurde U-Report zum Echtzeit-Seismografen: Wie erleben Kinder den Lockdown? Was fehlt ihnen? Die Antworten kamen in Stunden statt Monaten.

U-Reporter aus der Elfenbeinküste.

Eine U-Reporterin aus der Elfenbeinküste lacht hier keck in die Kamera. Über ihr Smartphone ist sie weltweit mit anderen Jugendlichen verbunden.

© UNICEF/UNI321770/Frank Dejongh

Ziel ist es, die Stimmen von Kindern und Jugendlichen in der öffentlichen Debatte zu stärken und mitgestaltende Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen junge Menschen vor Ort konfrontiert sind. Damit leistet das Projekt einen wesentlichen Beitrag, um nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Das Maßband, das Leben rettet – das MUAC-Tape

Ein Stückchen buntes Plastik ist eine der wichtigsten diagnostischen Innovationen in der humanitären Hilfe. Rot, Gelb, Grün: Der Mid-Upper Arm Circumference (MUAC) Tape misst den Oberarmumfang eines Kindes: Rot bedeutet schwere akute Mangelernährung, Grün bedeutet alles in Ordnung. Keine Waage nötig, keine Körpergröße, keine medizinische Ausbildung. Mütter können die Kontrollmessung zuhause selbst anwenden. Während der Corona-Pandemie entwickelte UNICEF sogar eine Einweg-Version, um Übertragungsrisiken zu minimieren. Das Band kann lokal aus einem normalen Drucker auf Spezialpapier gedruckt werden — open source, überall einsetzbar.

MUAC-Maßband

Wenige Zentimeter entscheiden: Mit dem MUAC-Messband lässt sich in Sekunden erkennen, ob ein Kind dringend Hilfe braucht, weil es mangelernährt ist.

Drohnen: Impfstoffe per Luftpost

In Malawi sind viele ländliche Regionen nur schwer erreichbar. Besonders während der Regenzeit werden unbefestigte Straßen zu Schlammwegen oder sind vollständig unpassierbar. Das erschwert den Transport von Impfstoffen, Medikamenten und diagnostischen Proben – und kann dazu führen, dass Kinder zu spät behandelt werden.

Deshalb haben die Regierung von Malawi und UNICEF im Juni 2017 in Kasungu den ersten humanitären Drohnenkorridor Afrikas eröffnet. Junge Menschen erlernen in einer Akademie vor Ort den Umgang, das Fliegen und die Entwicklung von Drohnen – damit das Wissen nicht nur von außen kommt, sondern in Malawi weiter gegeben wird.

Zwei Studierende der Akademie für Drohen- und Datentechnologie.

Zwei Studierende der Akademie für Drohnen- und Datentechnologie bringen einen Sensor an die Drohne an.

© UNICEF/UNI279362/Moving

Auch in anderen Ländern nutzt UNICEF Drohnen, um die letzte Meile zu überwinden. In Vanuatu beispielsweise sind viele der mehr als 80 Inseln nur per Boot erreichbar. Gemeinsam mit der Regierung unterstützte UNICEF dort Drohnentests für die Impfstoffversorgung. Eine Lieferung, die zuvor mehrere Stunden dauern konnte, wurde dadurch auf etwa 25 Minuten verkürzt. Im Dezember 2018 erhielt schließlich das einmonatige Mädchen Joy Nowai als erstes Kind weltweit einen kommerziell per Drohne gelieferten Impfstoff.

Das Zelt, das alles kann das High Performance Tent

Jahrzehntelang lieferte UNICEF Standardzelte, doch Extremwetter, Klimawandel und Langzeitkrisen zeigten: Sie kollabieren im Sturm, heizen sich unerträglich auf, halten kaum ein Jahr. Ab 2015 startete UNICEF ein Gemeinschaftsprojekt: Hersteller waren selbst vor Ort, formulierten über 1.000 Anforderungen gemeinsam mit UNICEF-Mitarbeiter*innen. Das Ergebnis: das High Performance Tent! Es hält dreimal länger, widersteht Winden von 80 km/h, hat ein dreischichtiges Fenstersystem für Temperaturregulierung und kann je nach Kontext Schule, Krankenstation oder psychosoziales Unterstützungszentrum sein. Er ist heute nicht nur UNICEF-Standard, sondern auch von anderen UN-Agenturen übernommen worden.

Klimainnovation: Resiliente Schullatrinen und Solarwasser als Systemlösung

In vielen Ländern entscheidet das Klima längst mit darüber, ob Kinder gut lernen können. Dürren, Stürme und andere Wetterextreme treffen viele Gemeinden so hart, dass selbst Grundsätzliches fehlt: Wasser zum Trinken, Wasser zum Händewaschen und sichere Toiletten. Viele Kinder haben dort keinen verlässlichen Zugang zu sanitären Anlagen.

Und wenn Hygiene und Privatsphäre fehlen, leidet nicht nur die Gesundheit, sondern auch der Unterricht. In Schulen ist das besonders spürbar: Wenn Mädchen während ihrer Periode keinen Zugang zu sauberen Toiletten und Wasser haben, bleibt ihnen oft nur eine Option – zu Hause zu bleiben. Klimabedingte Wasserknappheit macht aus einem vermeidbaren Problem ein strukturelles Problem.

Genau hier setzt UNICEF an: Klimaresilientе Latrinen sind so gebaut, dass sie extremen Wetterbedingungen standhalten. Ihre erhöhte Bauweise schützt vor Überschwemmungen, robuste Materialien halten Stürmen stand, und durchdachte Belüftungssysteme wirken selbst bei großer Hitze gegen Gerüche und Krankheitserreger. Wo Wasser knapp ist, kommen wassersparende oder wasserlose Systeme zum Einsatz – Trockentoiletten etwa funktionieren völlig unabhängig von der Wasserversorgung.

Entscheidend ist auch die Standortwahl: Klimaresilientе Latrinen werden von Anfang an mit Blick auf lokale Risiken geplant – ob Dürre, Starkregen oder steigende Grundwasserspiegel. Und damit sie auch nach einem Extremereignis schnell wieder nutzbar sind, lassen sie sich mit lokal verfügbaren Materialien einfach reparieren. Das Prinzip dahinter ist simpel: Sie werden nicht trotz des Klimas gebaut, sondern gezielt für das Klima, in dem sie stehen.

Madagaskar Hungerkrise: Schulkinder waschen sich die Gesichter an einer Wasserleitung.

Sicheres Wasser zum Waschen und Trinken ist lebenswichtig für die Kinder in Madagaskar. UNICEF unterstützt die Wasserversorgung in Dörfern und an Schulen wie hier an der Ankirikirika Grundschule in der Region Anosy.

© UNICEF/UNI907495/Andrianantenaina

Innovationen für Kinder brauchen Menschen, die an ihre Zukunft glauben. Mit Ihrer Spende und Ihrem Engagement tragen Sie dazu bei, dass aus guten Ideen konkrete Hilfe wird. Vielen Dank für Ihre Unterstützung – gemeinsam können wir Zukunft möglich machen.

Autor*in Katharina Kesper

Katharina Kesper ist Chefin vom Dienst bei UNICEF und teilt in ihren Blogs bewegende Geschichten von Kindern, spannende Einblicke in die Arbeit von UNICEF weltweit und besondere Begegnungen mit Helfer*innen.