
Von der Erdnusspaste zur Drohne: Wie UNICEF seit 80 Jahren stetig humanitäre Hilfe revolutioniert
Erdnusspaste, Impfstoff aus der Luft und ein Zelt für alle Fälle: Die Geschichte von UNICEF ist auch eine großer Erfindungen – manche sind denkbar einfach und trotzdem bahnbrechend.
von Katharina Kesper
Was verbindet ein Messband für den Oberarm eines Kindes im Südsudan, ein verbessertes Zelt – beständiger gegen Wind und Hitze und eine Drohne, die Hilfsgüter über Malawi fliegt?
Sie alle entstanden, weil jemand eine schlichte Frage stellte: Geht das nicht auch besser? Und weil UNICEF die Geduld und den Mut hatte, die Antwort mitzuentwickeln – manchmal über Jahrzehnte, manchmal mitten in einer Pandemie.

Bild 1 von 4 | Nicht nur Profis setzen die Maßbänder zum Diagnostizieren von Mangelernährung ein. Unsere UNICEF-Mitarbeiter*innen – wie hier unsere Helferin Mary im Südsudan – geben die Maßbänder auch Eltern für Zuhause mit. Sie können damit auf einen Blick sehen, ob ihr Kind unterernährt ist.
© UNICEF/UN0594103/Naftalin
Bild 2 von 4 | Unsere Erdnusspaste: Die kleinen Päckchen mit Spezialnahrung sind lange haltbar und sofort gebrauchsfertig – in jedem Klima und auch unter schwierigsten Bedingungen. Millionen mangelernährte Kinder ab sechs Monaten kommen so schnell wieder zu Kräften.
© UNICEF/UNI680220/Naftalin
Bild 3 von 4 | Debora Duwa Mtambalika (26) ist die erste malawische Drohnenpilotin. Hier steht sie auf der Landebahn in Kasungu.
© UNICEF/UN0793820/Kesper
Bild 4 von 4 | Die Fenster des neuen Zelts können flexibel verdunkelt werden. So lassen sich Licht und Temperatur im Inneren besser regulieren.
© UNICEF/UNI276715/Kakooza
Innovationsgeschichten aus 80 Jahren UNICEF
Plumpy'Nut — die kleine Packung, die Millionen Kinderleben rettet
Die Geschichte beginnt 1996: Der französische Kinderarzt André Briend fragt sich, warum unterernährte Kinder immer noch ins Krankenhaus müssen. Was, wenn Hilfe direkt zu ihnen nach Hause kommen könnte? Er entwickelt Plumpy'Nut: eine Erdnusspaste in einer Folienpackung, die kein Wasser braucht, keine Kühlung, keine medizinische Fachkraft.

Nahrung, die Leben rettet, lokal produziert: In einer Fabrik im Sudan wird Erdnusspaste zur Behandlung schwerer Mangelernährung hergestellt. Hier ist der Arbeitsschritt zu sehen, wo den Erdnüssen Öl beigefügt wird.
© UNICEF/UNI158080/NooraniEinfach aufreißen, direkt aus dem Päckchen saugen – wie Keksteig. 90 Prozent Heilungsrate bei schwerer akuter Mangelernährung. Heute erreicht RUTF (Ready-to-use therapeutic food, auf deutsch: therapeutische Nahrung) fast neun Millionen Kinder im Jahr. UNICEF ist der weltgrößte Beschaffer, treibt die lokale Produktion in Afrika voran und experimentiert mit klimafreundlichen Alternativen aus Kichererbsen und Soja, die den CO2-Ausstoß um bis zu 70 Prozent senken.

Bild 1 von 3 | Der sechs Monate alte Mohammed isst nahrhafte Erdnusspaste. UNICEF unterstützt in Gaza mobile Gesundheitskliniken, um Familien den Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdiensten zu ermöglichen.
© UNICEF/UN0879775/El Baba
Bild 2 von 3 | Die Erdnusspaste wird in lokalen Fabriken größtenteils auf dem afrikanischen Kontinent hergestellt. Das sichert kurze Transportwege und eine schnelle Verfügbarkeit der Spezialnahrung. Gleichzeitig unterstützt die Produktion die Wirtschaft der jeweiligen Länder.
© UNICEF/UNI146278/Ose
Bild 3 von 3 | Jede Charge wird im fabrikeigenen Labor eingehend untersucht. Im Bild oben werden gerade Gewicht und Verpackung der Spezialnahrung kontrolliert.
© UNICEF/UN0734002/Ekwam
Eine wirkungsvolle Erfindung im Kampf gegen Mangelernährung: das komplementäre Beikostschälchen
Weltweit kann sich eines von drei Kindern unter fünf Jahren aufgrund von Mangelernährung nicht gut entwickeln. In vielen Ländern hängt dies oft mit wirtschaftlichen Faktoren zusammen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln erschweren. Doch auch mangelndes Wissen über die richtige Menge, die Häufigkeit und Vielfalt der für Kinder benötigten Nahrungsmittel ist einer der Gründe.

Bild 1 von 2 | Mit Schüssel, Löffel und viel Wissen: Bei einer Kochdemonstration für Mütter zeigt UNICEF, wie einfach ausgewogene Ernährung für Kleinkinder aussehen kann.
© UNICEF/UNI979946/Oo
Bild 2 von 2 | Lokale Zutaten, große Wirkung: Ein angereicherter Brei aus regional verfügbaren Lebensmitteln zeigt Müttern, wie sie ihre Kinder mit einfachen Mitteln besser ernähren können – serviert in einer Lernschüssel, die die empfohlene Säuglings- und Kleinkindernährung veranschaulicht.
© UNICEF/UN0891131/Andriantsoarana
Ein kleines Objekt mit großer Wirkung: Eine speziell entwickelte Fütterungsschale für Kleinkinder mit eingravierten Mengenmarkierungen, kulturell angepassten Ernährungssymbolen und einem Löffel mit genau der richtigen Öffnung für breiige Erstkost. Das klingt simpel, aber in Ländern ohne Zugang zu Ernährungsberatung ist dieses Schälchen eine stille Revolution. Das Projekt zeigt: Innovation muss keine Hochtechnologie sein, sie muss nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Anfang 2026 wurden bereits mehr als 2 Millionen Beikostschälchen weltweit verteilt.

U-Report: Millionen junge Menschen äußern sich zu den Themen, die ihnen wichtig sind
Wie erfährt UNICEF, was Kinder wirklich brauchen, denken und erleben, besonders in abgelegenen Regionen? Die Antwort: U-Report, eine kostenlose Online-Plattform, auf der Kinder und Jugendliche per SMS oder Messenger-Dienst zu allem befragt werden können.

U-Report Europe ist auf den Messenger-Apps WhatsApp, Viber, Telegram sowie Facebook Messenger verfügbar. Jugendliche aus der Ukraine erhalten hier kostenlos Informationen zu Deutschland und können an Umfragen teilnehmen.
© UNICEF/UNI398405/Sachse-GrimmMillionen junge Menschen auf der Welt haben die Möglichkeit, sich auch ohne besondere technische Ausstattung zu den Themen zu äußern, die sie betreffen – von Zukunftswünschen über die Erfahrung mit Diskriminierung bis hin zu Kinderehen. Gestartet 2011 in Uganda, hat U-Report heute über 25 Millionen aktive Nutzer*innen in mehr als 70 Ländern. Die Daten fließen direkt in UNICEF-Programme ein. In der Covid-19-Pandemie wurde U-Report zum Echtzeit-Seismografen: Wie erleben Kinder den Lockdown? Was fehlt ihnen? Die Antworten kamen in Stunden statt Monaten.

Eine U-Reporterin aus der Elfenbeinküste lacht hier keck in die Kamera. Über ihr Smartphone ist sie weltweit mit anderen Jugendlichen verbunden.
© UNICEF/UNI321770/Frank DejonghZiel ist es, die Stimmen von Kindern und Jugendlichen in der öffentlichen Debatte zu stärken und mitgestaltende Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen junge Menschen vor Ort konfrontiert sind. Damit leistet das Projekt einen wesentlichen Beitrag, um nachhaltige Entwicklung zu fördern.
Das Maßband, das Leben rettet – das MUAC-Tape
Ein Stückchen buntes Plastik ist eine der wichtigsten diagnostischen Innovationen in der humanitären Hilfe. Rot, Gelb, Grün: Der Mid-Upper Arm Circumference (MUAC) Tape misst den Oberarmumfang eines Kindes: Rot bedeutet schwere akute Mangelernährung, Grün bedeutet alles in Ordnung. Keine Waage nötig, keine Körpergröße, keine medizinische Ausbildung. Mütter können die Kontrollmessung zuhause selbst anwenden. Während der Corona-Pandemie entwickelte UNICEF sogar eine Einweg-Version, um Übertragungsrisiken zu minimieren. Das Band kann lokal aus einem normalen Drucker auf Spezialpapier gedruckt werden — open source, überall einsetzbar.

Wenige Zentimeter entscheiden: Mit dem MUAC-Messband lässt sich in Sekunden erkennen, ob ein Kind dringend Hilfe braucht, weil es mangelernährt ist.
Drohnen: Impfstoffe per Luftpost
In Malawi sind viele ländliche Regionen nur schwer erreichbar. Besonders während der Regenzeit werden unbefestigte Straßen zu Schlammwegen oder sind vollständig unpassierbar. Das erschwert den Transport von Impfstoffen, Medikamenten und diagnostischen Proben – und kann dazu führen, dass Kinder zu spät behandelt werden.
Deshalb haben die Regierung von Malawi und UNICEF im Juni 2017 in Kasungu den ersten humanitären Drohnenkorridor Afrikas eröffnet. Junge Menschen erlernen in einer Akademie vor Ort den Umgang, das Fliegen und die Entwicklung von Drohnen – damit das Wissen nicht nur von außen kommt, sondern in Malawi weiter gegeben wird.

Zwei Studierende der Akademie für Drohnen- und Datentechnologie bringen einen Sensor an die Drohne an.
© UNICEF/UNI279362/MovingAuch in anderen Ländern nutzt UNICEF Drohnen, um die letzte Meile zu überwinden. In Vanuatu beispielsweise sind viele der mehr als 80 Inseln nur per Boot erreichbar. Gemeinsam mit der Regierung unterstützte UNICEF dort Drohnentests für die Impfstoffversorgung. Eine Lieferung, die zuvor mehrere Stunden dauern konnte, wurde dadurch auf etwa 25 Minuten verkürzt. Im Dezember 2018 erhielt schließlich das einmonatige Mädchen Joy Nowai als erstes Kind weltweit einen kommerziell per Drohne gelieferten Impfstoff.
Das Zelt, das alles kann – das High Performance Tent
Jahrzehntelang lieferte UNICEF Standardzelte, doch Extremwetter, Klimawandel und Langzeitkrisen zeigten: Sie kollabieren im Sturm, heizen sich unerträglich auf, halten kaum ein Jahr. Ab 2015 startete UNICEF ein Gemeinschaftsprojekt: Hersteller waren selbst vor Ort, formulierten über 1.000 Anforderungen gemeinsam mit UNICEF-Mitarbeiter*innen. Das Ergebnis: das High Performance Tent! Es hält dreimal länger, widersteht Winden von 80 km/h, hat ein dreischichtiges Fenstersystem für Temperaturregulierung und kann je nach Kontext Schule, Krankenstation oder psychosoziales Unterstützungszentrum sein. Er ist heute nicht nur UNICEF-Standard, sondern auch von anderen UN-Agenturen übernommen worden.

Bild 1 von 4 | Leicht verpackt und einfach zu transportieren: Die Nothilfe-Zelte von UNICEF sind in etwa 1,5 Stunden aufgebaut. Wie hier in Gaza packen Helfer*innen gerne mit an. Denn sie wissen, dass diese Zelte ein Ort des Ankommens und der Hilfe sein wird.
© UNICEF/UNI774843/Eleyan
Bild 2 von 4 | Wegen schwerer Angriffe wurden im Gazastreifen seit 2023 Krankenhäuser, Schul- und Wohngebäude vollständig zerstört. In diesem Nothilfe-Zelt wird in Khan Yunis eine Krankenstation eingerichtet. UNICEF sorgt zum Beispiel auch für medizinische Ausstattung und Medikamente. Auf dem nächsten Bild sehen Sie das fertige Zelt.
© UNICEF/UNI775040/Eleyan
Bild 3 von 4 | Fertig! Das Zelt steht. In Zukunft werden dort Kinder und ihre Familie mit dem Nötigsten versorgt. Die Gesundheitsversorgung ist während des Krieges in Gaza weitestgehend zusammengebrochen. Gesundheitsstationen wie diese sind eine wichtige Hilfe für die Menschen dort. Die Krankenstation in unserem Nothilfe-Zelt ist mit medizinischen Geräten ausgestattet. Das sehen Sie auf dem nächsten Bild.
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Bild 4 von 4 | Das Nothilfe-Zelt ist vollständig mit dem Nötigsten ausgestattet. Krankenbetten, Infusionsständer und medizinische Geräte ermöglichen den Fachkräften verletzten und kranken Kindern in Khan Yunis, Gaza sofort zu helfen.
© UNICEF/UNI775223/Eleyan
Klimainnovation: Resiliente Schullatrinen und Solarwasser als Systemlösung
In vielen Ländern entscheidet das Klima längst mit darüber, ob Kinder gut lernen können. Dürren, Stürme und andere Wetterextreme treffen viele Gemeinden so hart, dass selbst Grundsätzliches fehlt: Wasser zum Trinken, Wasser zum Händewaschen und sichere Toiletten. Viele Kinder haben dort keinen verlässlichen Zugang zu sanitären Anlagen.
Und wenn Hygiene und Privatsphäre fehlen, leidet nicht nur die Gesundheit, sondern auch der Unterricht. In Schulen ist das besonders spürbar: Wenn Mädchen während ihrer Periode keinen Zugang zu sauberen Toiletten und Wasser haben, bleibt ihnen oft nur eine Option – zu Hause zu bleiben. Klimabedingte Wasserknappheit macht aus einem vermeidbaren Problem ein strukturelles Problem.
Genau hier setzt UNICEF an: Klimaresilientе Latrinen sind so gebaut, dass sie extremen Wetterbedingungen standhalten. Ihre erhöhte Bauweise schützt vor Überschwemmungen, robuste Materialien halten Stürmen stand, und durchdachte Belüftungssysteme wirken selbst bei großer Hitze gegen Gerüche und Krankheitserreger. Wo Wasser knapp ist, kommen wassersparende oder wasserlose Systeme zum Einsatz – Trockentoiletten etwa funktionieren völlig unabhängig von der Wasserversorgung.
Entscheidend ist auch die Standortwahl: Klimaresilientе Latrinen werden von Anfang an mit Blick auf lokale Risiken geplant – ob Dürre, Starkregen oder steigende Grundwasserspiegel. Und damit sie auch nach einem Extremereignis schnell wieder nutzbar sind, lassen sie sich mit lokal verfügbaren Materialien einfach reparieren. Das Prinzip dahinter ist simpel: Sie werden nicht trotz des Klimas gebaut, sondern gezielt für das Klima, in dem sie stehen.

Sicheres Wasser zum Waschen und Trinken ist lebenswichtig für die Kinder in Madagaskar. UNICEF unterstützt die Wasserversorgung in Dörfern und an Schulen wie hier an der Ankirikirika Grundschule in der Region Anosy.
© UNICEF/UNI907495/AndrianantenainaInnovationen für Kinder brauchen Menschen, die an ihre Zukunft glauben. Mit Ihrer Spende und Ihrem Engagement tragen Sie dazu bei, dass aus guten Ideen konkrete Hilfe wird. Vielen Dank für Ihre Unterstützung – gemeinsam können wir Zukunft möglich machen.
Katharina Kesper ist Chefin vom Dienst bei UNICEF und teilt in ihren Blogs bewegende Geschichten von Kindern, spannende Einblicke in die Arbeit von UNICEF weltweit und besondere Begegnungen mit Helfer*innen.