FERN DER HEIMAT, FERN VOM ZIEL: GEFLÜCHTETE UND MIGRIERTE KINDER IN BOSNIEN UND HERZEGOWINA
Donnerstag, 11. Februar 2021, 17:23 Uhr
von Jenifer Stolz, Desirée Weber | 0 Kommentare

Bosnien und Herzegowina – mit seiner direkten Lage an der EU-Außengrenze – gilt für viele geflüchtete und migrierte Menschen als letzte große Hürde auf ihrem Weg in die EU. 

Derzeit halten sich schätzungsweise 9.000 geflüchtete und migrierte Menschen im Land auf, darunter 1.100 Kinder. Etwa die Hälfte von ihnen haben allein ihre Heimat verlassen oder wurden auf der Flucht von ihren Familien getrennt. Die meisten Kinder sind unter anderem vor Gewalt, Ausbeutung oder aus Angst vor der Rekrutierung bewaffneter Gruppen aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch geflohen. 

Die Räumung und der Brand des Flüchtlingslagers Lipa in der Nähe der Stadt Bihać unweit der Grenze zu Kroatien hat erneut Fragen zur Situation geflüchteter und migrierter Menschen in Bosnien und Herzegowina aufgeworfen. 

Wir haben mit Antonia Lüdeke, UNICEF-Kinderschutzexpertin in Bosnien und Herzegowina, darüber gesprochen, vor welchen Herausforderungen vor allem geflüchtete und migrierte Kinder und Jugendliche im Land stehen und welchen Risiken insbesondere unbegleitete Kinder ausgesetzt sind.

Portrait: Antonia Lüdeke

Antonia Lüdeke arbeitet als Kinderschutzexpertin für UNICEF in Bosnien und Herzegowina.
© UNICEF

Frau Lüdeke, wie ist die aktuelle Situation in Lipa? 

Lüdeke: Die Situation ist weiterhin sehr prekär. Nach dem Feuer leben in Lipa augenblicklich noch etwa 900 Menschen in Zelten, die das Militär im Januar bereitgestellt hat. Die Menschen können sich nicht aufwärmen, weil die Heizungen nicht richtig funktionieren und es kein warmes Wasser gibt und es gibt auch einfach zu wenig Toiletten und Duschen. 

Sind unter den Menschen, die in Lipa leben, auch Familien mit Kindern? 

Lüdeke: Nein. Lipa wurde letztes Jahr als Notlager ausschließlich für Männer errichtet. Es gibt allerdings derzeit Gespräche mit der Regierung darüber, in Lipa ein neues temporäres Aufnahmezentrum zu errichten, in dem dann auch Familien mit Kindern und unbegleitete Minderjährige untergebracht werden sollen.

Bosnien und Herzegowina: Das niedergebrannte Flüchtlingslager Lipa.

Das niedergebrannte Flüchtlingslager Lipa, Januar 2021.
© UNICEF/UN0413464/Novo

Inwiefern ist die Situation in Lipa ein Abbild für die Lage geflüchteter und migrierter Menschen im Land?

Lüdeke: Die Situation in Lipa hat noch einmal die Schwächen des Migrationsmanagements im ganzen Land deutlich gemacht. Es bestehen große Herausforderungen bei der Einhaltung menschenrechtlicher Standards, was sich direkt auf das Leben geflüchteter und migrierter Kinder und ihrer Familien auswirkt. 

Dies liegt vor allem an den knappen Ressourcen und Kapazitäten, die zur Verfügung stehen. Seit dem Anstieg der Anzahl Geflüchteter und Asylsuchender zu Beginn 2018 gab es zwar einige Fortschritte im Land, allerdings bleiben viele der genannten Herausforderungen bestehen. 

Was bedeutet das konkret für geflüchtete und migrierte Kinder in Bosnien und Herzegowina? 

Lüdeke: Die Situation in Bosnien und Herzegowina ist politisch sehr komplex. Es gibt auf vielen Ebenen verschiedene Zuständigkeiten, hinzukommt die föderale Struktur des Landes: Jeder Kanton hat autonome Rechte. Daher haben aktuell die verantwortlichen Stellen in den Ministerien auf Bundesebene nur begrenzt Einfluss auf die Situation. 

So gibt es in Bosnien und Herzegowina beispielsweise keine nationale Strategie für den Schutz von Kindern. Dadurch gibt es schon auf struktureller Ebene Lücken beim Schutz von geflüchteten und migrierten Kindern. 

Hinzukommt, dass Dienstleistungen für diese Kinder bislang keine Priorität eingeräumt wurde und diese nach wie vor unterfinanziert sind. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass es kaum angemessene und geeignete Alternativen für die Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten Kindern gibt. 

Bosnien und Herzegowina: Mädchen im Aufnahmezentrum.

Rania (Name geändert) lebt in einem temporären Aufnahmezentrum in Borići, in dem UNICEF einen kinderfreundlichen Raum unterstützt. Sie sagt: "Ich komme gerne hierher, weil ich hier spielen und malen kann. In unserem Zimmer ist dazu nicht genug Platz. Und wir machen hier zusammen Hausaufgaben."
© UNICEF/UN0413449/Almir Panjeta

Wie viele geflüchtete und migrierte Kinder leben denn in Bosnien und Herzegowina und wie sind sie untergebracht? 

Lüdeke: Derzeit halten sich rund 1.100 Kinder im Land auf. Die meisten von ihnen leben in temporären Aufnahmezentren oder anderen formellen Unterkünften. Die Unterbringung von Familien mit Kindern ist schwierig, weil sie kaum Privatsphäre haben und sich oft mehrere Familien ein Zimmer teilen müssen. Auch unbegleitete Kinder, müssen teilweise mit 10 oder mehr Kindern in einem Zimmer leben. 

Für Familien mit Kindern hat UNICEF in jeder Unterkunft sogenannte Kinderfreundliche Orte eingerichtet, damit Kinder und Jugendliche geschützte Räume haben und spielen, lernen und Kontakte knüpfen können. Sie haben hier immer einen Ansprechpartner und erfahren wieder ein Stück Normalität. Auch jetzt während der Covid-19-Pandemie können die Kinder diese Orte besuchen. Wir haben eine Art Schichtsystem eingeführt, so dass nicht zu viele Kinder gleichzeitig in einem Raum sind, aber dennoch alle Kinder die Möglichkeit haben, das Angebot wahrzunehmen. 

Und wie ist die Situation für Kinder, die allein unterwegs sind? 

Lüdeke: Schwierig. In den temporären Aufnahmezentren oder auch in Familienzentren gibt es geschützte Wohnbereiche für alleinreisende Kinder und Jugendliche, in denen sie durch Partnerorganisationen von UNICEF betreut werden. 

Ernsthafte Sorgen machen wir uns aber um etwa 120 unbegleitete Minderjährige, die in zwei großen Aufnahmezentren untergebracht sind, in denen nur alleinreisende Männer leben. Einen geschützten Wohnbereich gibt es nur in einer dieser Einrichtungen. Das heißt die unbegleiteten Minderjährigen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung zu werden. 

Wir gehen außerdem derzeit davon aus, dass schätzungsweise 100 unbegleitete Minderjährige außerhalb der Flüchtlingslager leben. Sie sind nicht registriert und schlafen in leerstehenden Häusern. In dieser Situation ist es besonders schwierig, den Kindern Schutz zu bieten.

Bosnien und Herzegowina: Junge sitzt am Straßenrand.

Unbegleitete Kinder und Jugendlichen sind besonders großen Risiken ausgesetzt.
© UNICEF/UN0413448/Kuburovic

Gibt es in Bosnien und Herzegowina keine Unterkünfte nur für unbegleitete Minderjährige? 

Lüdeke: Leider nur ungenügend. Es gibt weder kleinere Unterkünfte oder Jugendeinrichtungen für unbegleitete Minderjährige, noch eigenständige oder betreute Wohngemeinschaften, wie wir es beispielsweise aus Deutschland oder auch Griechenland kennen. 

Wer kümmert sich in den Unterkünften um unbegleitete Minderjährige? 

Lüdeke: In allen Unterkünften mit geschützten Wohnbereichen werden die Kinder rund um die Uhr durch Partnerorganisationen von UNICEF betreut. UNICEF unterstützt ein Team, zu dem Sozialpädagogen, Psychologen und Pädagogen gehören. Das Team organisiert Aktivitäten wie Sprach- und Sportkurse und ist gleichzeitig auch Ansprechpartner für die unbegleiteten Kinder. In allen Einrichtungen haben die jungen Leute auch die Möglichkeit einen Arzt aufzusuchen. 

UNICEF hat außerdem ein Netz von über 20 Sozialpädagogen geschaffen, die meist innerhalb weniger Tage nach Registrierung die Vormundschaft für unbegleitete Minderjährige übernehmen. Sie helfen den Kindern beispielsweise beim Zugang zu medizinischer Hilfe, klären die Kinder über ihre Rechte auf und unterstützen sie zum Beispiel auch bei Angelegenheiten rund um ihren Asylantrag. 

Voraussetzung für die Vormundschaft ist jedoch die Registrierung, doch nicht alle Kinder werden registriert. Dies ist teils abhängig von der Unterkunft, in der sie untergebracht sind.

Bosnien und Herzegowina: Lejla Hafizovic hilft Flüchtlingskindern.

"Geflüchtete und migrierte Kinder sind in erster Linie Kinder mit Wünschen und Hoffnungen", sagt Lejla Hafizovic, die als Sozialpädagogin in Bihać arbeitet.
© UNICEF/UN0413450/Almir Panjeta

Können geflüchtete und migrierte Kinder in Bosnien und Herzegowina zur Schule gehen? 

Lüdeke: Ältere Kinder haben quasi keine Möglichkeit zur Schule zu gehen, weil sie keinen Anspruch auf den Besuch der Sekundarstufe haben. Nur Kinder im Grundschulalter haben die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Allerdings noch nicht in jedem Kanton. 

In den vergangenen drei Jahren hat sich UNICEF dafür eingesetzt, dass geflüchtete und migrierte Kinder im Una Sana Kanton öffentliche Schulen besuchen können. Wir arbeiten mit fünf Grundschulen zusammen, an denen mittlerweile ungefähr 130 von 300 Kindern zusammen mit bosnischen Mädchen und Jungen lernen können. Das bedeutet ihnen sehr viel. Es geht dabei nicht nur um das Lernen, sondern auch darum, dass sie das Lager verlassen und eine richtige Schule besuchen können. 

Im Kanton Sarajevo gibt es diese Möglichkeit leider noch nicht, aber wir sind derzeit in Gesprächen mit dem Bildungsministerium und hoffen, dass im Frühjahr auch hier die ersten geflüchteten und migrierten Kinder öffentliche Schulen besuchen können. Solange dies noch nicht möglich ist, können sie über eine Online-Plattform, die UNICEF mitentwickelt hat, Sprachen lernen. 

Welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf geflüchtete und migrierte Kinder in Bosnien und Herzegowina? 

Lüdeke: Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie im vergangenen Jahr und die Grenzschließungen innerhalb der EU und entlang der EU-Außengrenzen – auch zwischen Bosnien und Herzegowina und Kroatien – haben die Situation der geflüchteten und migrierten Menschen im Land deutlich verschlechtert. Die meisten von ihnen wollen weiter in die EU. Nach Deutschland, Italien oder England. Wir sehen, dass viele die Hoffnung aufgeben, weil es immer weniger legale Möglichkeiten gibt, nach Europa zu kommen. 

Das verstärkt den psychischen Stress vieler geflüchteter und migrierter Menschen. Vor allem für Eltern ist die Belastung im Augenblick immens. Zu den eigenen zum Teil traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland oder auf der Flucht, kommt nun das Gefühl hinzu, festzusitzen, nicht zu wissen, wie es weitergeht und zu erleben, dass das Leben der Kinder eingeschränkt ist, weil sie zum Beispiel nicht zur Schule gehen können oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. 

Die Corona-Infektionszahlen in den Unterkünften für geflüchtete Menschen sind zwar nicht proportional höher als in der allgemeinen Bevölkerung, dennoch hat die Regierung eine nächtliche Ausgangssperre für die Bewohnerinnen und Bewohner erlassen, die für die übrige Bevölkerung des Landes nicht gilt. Für die geflüchteten und migrierten Menschen – vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene – ist das deprimierend. 

Und noch ein Punkt ist wichtig: Schon vor Covid-19 hatten wir nicht genügend Kapazitäten in den Unterkünften. Durch die Pandemie haben wir nun noch weniger Plätze zur Verfügung, weil Quarantäne- und Isolationsräume geschaffen werden mussten. Das hat die ganze Problematik weiter verschärft.

Bosnien und Herzegowina: Junge steht im Fußballtor.

Der siebenjährige Farhad (Name geändert) aus dem Iran träumt davon Fußballprofi zu werden.
© UNICEF/UN0413447/Kapic

Gibt es für geflüchtete oder migrierte Familien oder auch unbegleitete Minderjährige eine Perspektive im Land? 

Lüdeke: Immer mehr unbegleitete Kinder, aber auch Familien mit Kindern sagen mittlerweile: Wir wollen im Land bleiben, Arbeit finden, zur Schule gehen. Doch nur sehr wenige Asylanträge werden tatsächlich auch genehmigt. Ohne diesen Asylstatus ist es natürlich schwierig, in die Gesellschaft integriert zu werden. 

Ich kenne einen 17-Jährigen, der vor zwei Jahren allein nach Bosnien und Herzegowina gekommen ist und gern hierbleiben würde. Doch sein Asylantrag wird nicht bewilligt. Dadurch kann er auch seit zwei Jahren nicht zu Schule gehen. Dieses Leben "im Limbo" ist schrecklich für Kinder und kann schwerwiegende Folgen für ihre psychische Gesundheit haben. Aber auch für Familien mit Kindern ist es schwierig. Wir haben eine sehr hohe Arbeitslosigkeit im Land, so dass die Chance einen Job zu finden für die Eltern sehr gering ist. 

Wie kann den geflüchteten und migrierten Kindern in Bosnien und Herzegowina geholfen werden? 

Lüdeke: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. In erster Linie muss die Regierung mehr Verantwortung übernehmen und geflüchtete und migrierte Kinder als schutzbedürftig anerkennen. Dazu gehört es auch, die nötigen Ressourcen und Gelder für den Schutz der Kinder bereit zu stellen. Das ist natürlich ein langfristiger Prozess, in den sich UNICEF beratend und unterstützend einbringt. 

Doch gerade die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen, die täglich dem Risiko sexueller Gewalt oder Ausbeutung ausgesetzt sind, brauchen jetzt Lösungen. Wir sehen die große Unterstützung europäischer Länder wie Luxemburg, Portugal und Deutschland für geflüchtete und migrierte Menschen aus Griechenland und die anhaltende Aufnahmebereitschaft deutscher Städte und Gemeinden. Wenn es möglich wäre, auch unbegleitete Minderjährige aus Bosnien und Herzegowina in Deutschland aufzunehmen, wäre dies ist ein weiteres großes Zeichen der Solidarität und Humanität.

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