
Safer Internet Days 365 Tage im Jahr: Kinderschutz in der digitalen Welt
Was brauchen Kinder, um sich sicher im Internet zu bewegen? UNICEF ordnet Chancen, Risiken und notwendige Schutzmaßnahmen ein für Safer Internet Days 365 Tage im Jahr
von Agnieszka Szczepanska Autorin
Wie können Kinder sicher aufwachsen in der digitalen Welt?
Aktuelle Situation: Kinder im digitalen Raum
Obwohl Kinder und Jugendliche sehr viel Zeit online verbringen, verfügen 41 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nur über geringe digitale Kompetenzen. Dies zeigen Daten aus dem UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland.
Kinder und Jugendliche schauen täglich Videos, streamen Musik, nutzen Chatbots, spielen Games und verbringen viel Zeit in sozialen Medien und Apps. Der digitale Raum ist längst ein fester Bestandteil ihres Lebens – sei es zur Freizeitgestaltung, als Instrument für Bildung oder zur sozialen Teilhabe.
Das bietet viele Chancen, setzt Kinder und Jugendliche aber auch einer Vielzahl von Risiken aus, etwa Cybermobbing, Cybergrooming, Hass sowie schädlichen oder gewalthaltigen Inhalten.
Die digitale Welt ist bislang nicht an den Rechten und dem Wohlbefinden von Kindern ausgerichtet. Entsprechend werden Forderungen nach einem stärkeren digitalen Kinderschutz lauter. Weltweit – auch in Deutschland – diskutieren Regierungen und die Gesellschaft über Social Media Verbote. Einige Staaten haben bereits altersbezogene Beschränkungen für bestimmte Online-Plattformen eingeführt; weitere Länder machen sich auf den Weg.

Ein selbstgebasteltes Tablet aus Pappe von einem siebenjährigen Mädchen aus Deutschland.
© UNICEF DeutschlandAuch in Deutschland wird an Strategien für mehr digitalen Kinderschutz gearbeitet. So soll die „Unabhängige Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine umfassende Strategie mit konkreten Handlungsempfehlungen für Bund, Länder und Zivilgesellschaft erarbeiten. UNICEF Deutschland liefert als Sachverständige zentrale Impulse für den Bericht der Kommission zum Thema „Perspektiven von Kindern und Jugendlichen“
Stellungnahme
Stellungnahme für die “Unabhängige Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt"
So hilft UNICEF beim Schutz von Kindern & Jugendlichen im Internet
UNICEF setzt sich auf politischer Ebene für sichere digitale Umgebungen für alle Kinder ein. Für Kinder und Jugendliche bestehen nach wie vor erhebliche Schutzlücken in digitalen Räumen. Um die Potentiale des Internets voll auszuschöpfen, müssen Kinder bestmöglich geschützt werden, ihre Medienkompetenz gestärkt und ihnen die Teilhabe an der digitalen Welt ermöglicht werden. In anderen Worten: Kinderrechte müssen nicht nur offline, sondern auch online gestärkt werden.
Jedes Kind soll in einer gesunden, sicheren und fördernden Umgebung aufwachsen können. Nach der UN-Kinderrechtskonvention sind Kinder Träger*innen eigener Rechte – das gilt auch im digitalen Raum. Kinderrechte gelten überall und gehören zusammen, deshalb setzt UNICEF sich dafür ein, dass Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte auch online gleichrangig berücksichtigt werden. Ebenso sind die Leitprinzipien der UN-Kinderrechtskonvention – Nichtdiskriminierung, das Recht auf Leben und Entwicklung, die Berücksichtigung der Meinung des Kindes sowie das Kindeswohl – bei der Entwicklung von Maßnahmen zum Schutz vor digitaler Gewalt maßgeblich.
Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt
Das Policy Paper von UNICEF Deutschland bündelt zentrale Aspekte und Empfehlungen für mehr digitalen Kinderschutz.
Für einen wirksamen digitalen Kinderschutz braucht es umfassende, kinderrechtsbasierte Ansätze, die Maßnahmen aus Prävention, Intervention und Unterstützung zusammenbringen. Der Schutz von Kindern im Internet ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Bildungssystem, Familien und Unternehmen.
Welche Gefahren und Risiken bestehen im Internet?
Neben den Chancen des Internets – etwa dem Zugang zu Wissen und Bildung sowie vielfältigen Freizeitmöglichkeiten – bestehen für Kinder auch zahlreiche Internetgefahren. Mit der Online-Nutzung geht auch das Risiko einher, schlechte Erfahrungen im Netz zu machen. Diese können sogar sehr gefährlich sein.
Verschiedene Studien zeigen: Kinder und Jugendliche machen online Erfahrungen, die schlimm für sie sind und sie stark belasten können. Diese Erfahrungen können ganz unterschiedlich sein. Sie reichen von gemeinem oder verletzendem Verhalten und Mobbing bis hin zu unerwünschter Kontaktaufnahme – so genanntem Grooming – oder Kontakt mit sexuellen Darstellungen und Nachrichten. Auch Inhalte wie Gewaltdarstellungen oder Aufrufe zu selbstverletzendem Verhalten sind Gefahren im Internet. Darüber hinaus werden Kinder und Jugendliche immer wieder mit riskanten Inhalten im Netz konfrontiert. Inhalte, die den Konsum von Drogen oder Gewalttaten zeigen, sind keine Seltenheit. Auch Hassnachrichten, die bestimmte Gruppen oder Personen angreifen, zum Beispiel Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Religion, Nationalität oder Sexualität, sind im Internet oft ungefiltert zugänglich.
Für Kinder und Jugendliche bestehen nach wie vor erhebliche Schutzlücken in digitalen Räumen. Risiken entstehen nicht nur durch schädliche Inhalte, sondern auch durch manipulative Gestaltung, täuschendes Influencer-Marketing oder süchtig machende Designs der Plattformen.
Bestehende Gefahren werden durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) zusätzlich verschärft. Dazu gehören etwa die Verbreitung von Desinformation, emotionale Abhängigkeiten von Chatbots oder KI-generierte Deepfakes im Kontext sexualisierter Gewalt. 2025 wurden Bilder von mindestens 1,2 Millionen Kindern zu sexuell eindeutigen Deepfakes manipuliert. In einigen Ländern ist laut Angaben von UNICEF eines von 25 Kindern betroffen – das entspricht statistisch etwa einem Kind pro durchschnittlicher Schulklasse.
Wenn Kinder auf Risiken wie Mobbing, Missbrauch oder schädliche Inhalte stoßen, kann das ihre mentale Gesundheit beeinträchtigen. Entscheidend ist deshalb, was Kinder und Jugendliche online erleben.
Was ist Cybermobbing?
Unter Cybermobbing versteht man Mobbing, das online geschieht. Diese Art von Mobbing kann in sozialen Medien, auf Nachrichten- und Spielplattformen stattfinden. Beim Cybermobbing werden Nachrichten, Bilder oder Videos versendet, die darauf abzielen, eine andere Person zu belästigen, zu bedrohen oder auszuschließen.

Jessica ist ein Opfer von Cybermobbing geworden.
© UNICEF/UN017601/Ueslei MarcelinoCybermobbing ist für viele Kinder eine Fortsetzung des Mobbings, das sie bereits zu Hause, in der Schule oder in ihrem sozialen Umfeld erleben. Daten aus dem UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2025 zeigen, dass sich ein erheblicher Teil der Übergriffe unter gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen inzwischen im virtuellen Raum ereignet.
Über 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die körperliche Übergriffe erfahren haben, berichten zugleich von Grenzverletzungen durch Gleichaltrige im Internet. Diese Mehrfachbelastung wirkt sich deutlich auf ihr Wohlbefinden aus. Auch die allgemeine Lebenszufriedenheit ist bei betroffenen Jugendlichen deutlich geringer als bei Gleichaltrigen ohne entsprechende Gewalterfahrungen. Besonders gefährdet sind junge Menschen mit Migrationsgeschichte: Sie weisen ein erhöhtes Risiko auf, mindestens ein- bis zweimal im Monat von Mobbing betroffen zu sein. Mädchen mit Zuwanderungsgeschichte geben dabei überdurchschnittlich häufig an, Mobbingerfahrungen zu machen.
Welche Chancen bietet das Internet für Kinder in Deutschland und weltweit?
Neben Risiken bietet die digitale Welt auch unzählige Chancen. Weltweit haben mehr Kinder Zugang zum Internet als jemals zuvor. Das bietet vielen Kindern auf der ganzen Welt großartige Möglichkeiten. Zum Beispiel einen besseren Zugang zu Bildung, die Möglichkeit sich zu vernetzten, auszutauschen und in Sekundenschnelle Informationen abzufragen.
Robina aus Afghanistan zum Beispiel gründete eine Organisation, mit der sie Online-Unterricht für afghanische Mädchen ermöglicht. Die Taliban hatten in ihrer Heimat die Macht übernommen und Mädchen verboten länger als bis zur sechsten Klasse zur Schule zu gehen. Der digitale Raum ist für viele Mädchen der einzige Zugang zu Bildung.
Ob für die Schule, die Universität oder das persönliche Allgemeinwissen: Wenn man weiß wie, lässt sich das Internet schneller durchforsten als jede Bibliothek der Welt. Das kann nicht nur die Neugierde von Kindern wecken, sondern sie auch fördern. Hinzu kommt, dass Informationen viel umfangreicher und visueller aufbereitet werden können.

Zwei Mädchen im Sudan nehmen an einem E-Learning Projekt von UNICEF teil.
© UNICEF/UNI232330/NooraniAußerdem eröffnet das Internet Möglichkeiten, Menschen mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen, sich auszutauschen und zu vernetzen und sogar gemeinsam Aktionen zu planen – insbesondere dort, wo Offline-Angebote knapp sind.
Für viele Kinder, insbesondere für jene, die isoliert oder marginalisiert aufwachsen, eröffnen soziale Medien wichtige Zugänge zu Informationen, Bildung, Austausch, Spiel und Selbstausdruck.
In der UNICEF-Studie „Das ist nicht das Leben“ zur Situation geflüchteter Kinder und Jugendlicher in Deutschland gaben die befragten Kinder und Jugendlichen zum Beispiel an, dass digitale Medien eine Verbindung zu Freund*innen und Familienmitgliedern im Heimatland herstellen. Die geflüchteten Kinder und Jugendlichen nutzen Smartphones und Tablets, um für die Schule zu lernen, schauen online Videos und Serien oder spielen Handyspiele. Das Smartphone dient als Freizeitaktivität, insbesondere weil andere Freizeitmöglichkeiten oder soziale Kontakte in der Unterkunft fehlen.
Ich treffe mich nur online mit meinen Freunden aus [Herkunftsland]. Die sind jetzt auch in verschiedene Länder verteilt, und wir skypen oder unterhalten uns online. Wir schreiben uns oder rufen uns an.– Mädchen, 16 Jahre
Ich verbringe meine Zeit am Handy, da ich keine anderen Aktivitätsmöglichkeiten habe. – Junge, 16 Jahre
Um die Kinder zu schützen, sind die Zitate anonymisiert.
Klicksafe
Zuhause lernen mit Medien – Tipps für Eltern und Lehrende: https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/news/detail/zuhause-lernen/
Familienportal des BMFSFJ
Tipps für Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit: https://familienportal.de/familienportal/familienleistungen/corona/tipps-kinder
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Coronavirus und Homeschooling. Mit diesen 10 Tipps klappt das Lernen zu Hause: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/mit-diesen-10-tipps-klappt-das-lernen-zu-hause/
Hintergrundinfos: Häufige Fragen und Antworten zur Sicherheit von Kindern im Netz
Der Safer Internet Day ist ein Aktionstag, der jedes Jahr am zweiten Dienstag im Februar stattfindet und vor allem Kinder, Eltern und Lehrkräfte auf die Sicherheit und Gefahren im Internet aufmerksam machen möchte. Ziel dieses Tages ist ein stärkeres Bewusstsein beim täglichen Umgang mit Medien in der Online-Welt.
Neben den Chancen sind Kinder online zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Es gibt viele Schutzlücken in digitalen Räumen. Weltweit nehmen die Aktivitäten für mehr Schutz von Kindern zu. Um die Potentiale des Internets voll auszuschöpfen, müssen Kinder bestmöglich geschützt werden, denn jedes Kind soll in einer gesunden, sicheren und fördernden Umgebung aufwachsen können, auch online.
Cybermobbing ist Mobbing, das online geschieht. Diese Form des Mobbings kann zum Beispiel in sozialen Medien und auf Nachrichten- und Spielplattformen auftreten. Dabei werden gezielt Nachrichten, Bilder oder Videos verbreitet, um andere Personen zu belästigen, zu bedrohen, bloßzustellen oder auszugrenzen.
Kinder und Jugendliche können online schlimme Erfahrungen machen – etwa Mobbing, unerwünschte Kontaktaufnahme (Grooming), sexuelle Inhalte, Gewalt oder Aufrufe zu Selbstverletzung. Risiken entstehen nicht nur durch einzelne Inhalte, sondern auch dadurch, wie die Plattformen aufgebaut sind. Teilweise versuchen die Plattformen, das Verhalten der Nutzer*innen in eine bestimmte Richtung zu lenken, so dass sie zum Beispiel mehr Zeit auf der Plattform verbringen und immer weiter scrollen. Auch die Werbung, die durch Influencer*innen stattfindet, kann für Kinder und Jugendliche problematisch und irreführend sein. Neue Technologien wie KI verschärfen diese Gefahren, etwa durch Desinformation, emotionale Abhängigkeit von Chatbots oder Deepfakes. Solche Erfahrungen können die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stark beeinträchtigen.
Ab wann Kinder Social Media nutzen sollten, lässt sich nicht nur am Alter festmachen. Bisher besteht kein wissenschaftlicher Konsens darüber, welches Mindestalter sinnvoll ist. Faktoren wie elterliche Unterstützung, der Entwicklungsstand, das digitale Verständnis und die digitale Kompetenz des Kindes sowie die Gestaltung der jeweiligen Plattform sind häufig wichtiger als das Alter selbst. Bevor Kinder soziale Medien nutzen, sollten sie digitale Technologien verstehen, kritisch einordnen und sicher anwenden können.
Viele der bekanntesten Plattformen legen in ihren Nutzungsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren fest. Allerdings wird das Alter bisher meist nicht wirklich überprüft.
Um eine gute Entscheidung treffen zu können, können Erziehende sich fragen: Ist mein Kind reif genug für Social Media? Versteht es grundlegende Dinge wie Privatsphäre-Einstellungen und Datenschutz? Kann es mit Kritik oder negativen Kommentaren umgehen? Lässt es sich von Likes unter Druck setzen? Kann es sich an vereinbarte Bildschirmzeiten halten?
Für jüngere Kinder gibt es spezielle Angebote, bei denen sie in einer geschützteren Umgebung erste Online-Erfahrungen sammeln können. Wichtig ist aber vor allem, dass Kinder bei der Nutzung begleitet werden und klare Regeln gelten.
UNICEF setzt sich auf politischer Ebene für sichere digitale Umgebungen für alle Kinder ein. Für Kinder und Jugendliche bestehen nach wie vor erhebliche Schutzlücken in digitalen Räumen. Um die Potentiale des Internets voll auszuschöpfen, müssen Kinder bestmöglich geschützt werden, ihre Medienkompetenz gestärkt und ihnen die Teilhabe an der digitalen Welt ermöglicht werden. Gleichzeitig müssen die Anbieter digitaler Medien, Kinderschutz und Teilhabe schon bei der Gestaltung und Sicherheit ihrer Produkte (Online-Plattformen, Online-Spiele etc.) übernehmen. In anderen Worten: Kinderrechte müssen nicht nur offline, sondern auch online gestärkt werden. Für einen wirksamen digitalen Kinderschutz braucht es umfassende, kinderrechtsbasierte Ansätze, die Maßnahmen aus Prävention, Intervention und Unterstützung zusammenbringen. Der Schutz von Kindern im Internet ist eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Bildungssystem, Familien und Unternehmen.
Wir haben den Blog seit seiner Erstveröffentlichung für Sie aktualisiert.
Agnieszka Szczepanska arbeitet als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei UNICEF. Im Blog schreibt sie über die UNICEF-Arbeit für Kinder in Deutschland