Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Jedes dritte Kind auf der Flucht
Der Krieg holt selbst Kinder ein, die bereits vor ihm geflohen sind, warnt UNICEF / Im ganzen Land geraten lebenswichtige Dienste für Kinder unter Beschuss
Genf/Kyjiw/Köln •

Tymofii (16) besucht seine Familie in Charkiw. Er lebt und studiert aufgrund des Kriegs in Polen.
© UNICEF/UNI939754/FilippovKurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres in der Ukraine ist mehr als ein Drittel der ukrainischen Kinder und Jugendlichen auf der Flucht – 2.589.900 insgesamt. Mehr als 791.000 Kinder und Jugendliche sind innerhalb des Landes vertrieben, rund 1.798.900 haben im Ausland Zuflucht gesucht.
„Millionen Kinder und Familien haben ihre Heimat verlassen, um Sicherheit zu suchen. Auch vier Jahre nach Beginn dieses unerbittlichen Krieges ist noch immer jedes dritte Kind auf der Flucht. Für Kinder in der Ukraine wird es aufgrund der anhaltenden Angriffe auf Wohngebiete im ganzen Land immer schwieriger, Schutz zu finden. In vielerlei Hinsicht holt der Krieg diese Kinder immer wieder ein“, sagte Regina De Dominicis, UNICEF-Regionaldirektorin für Europa und Zentralasien.
Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, sagte: „Es lässt sich kaum noch in Worte fassen, was Kinder und Jugendliche in der Ukraine seit vier Jahren aushalten: die ständige Angst vor Angriffen, die langen Nächte in derzeit eisiger Kälte ohne Strom und Licht, die Flucht ohne eine wirkliche Chance auf Sicherheit, die Isolation von Gleichaltrigen. Und doch geben sie nicht auf: Vor wenigen Wochen sagte mir ein junges Mädchen in Charkiw: ‚Ich will eine Zukunft in der Ukraine.‘ Diese Hoffnung verpflichtet uns alle – gemeinsam müssen wir alles daransetzen, Kinder zu schützen und ihnen Stabilität zurückzugeben.“
Viele Kinder mussten bereits mehrfach aus ihrer Heimat fliehen. Eine kürzlich von UNICEF durchgeführte Umfrage zeigt: Unter den Vertriebenen gab jeder dritte Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren an, mindestens zweimal geflohen zu sein. Als häufigster Grund für die Flucht wurden Sicherheitsbedenken genannt.
Zahl getöteter und verletzter Kinder steigt um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr
Durch Angriffe – darunter verstärkte Langstreckenangriffe – wurden seit dem 24. Februar 2022 mehr als 3.200 Kinder getötet oder verletzt. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der getöteten und verletzten Kinder gegenüber 2024 um zehn Prozent. Damit ist die von den Vereinten Nationen verifizierte Zahl getöteter und verletzter Kinder bereits im dritten Jahr in Folge gestiegen.
Auch die grundlegenden Dienste, auf die Kinder angewiesen sind, wurden in den vergangenen vier Jahren stark beeinträchtigt und sind zunehmend überlastet. Mehr als 1.700 Schulen und andere Bildungseinrichtungen wurden beschädigt oder zerstört – jedes dritte Kind kann deshalb und aufgrund der Gefahren durch erneute Angriffe nicht mehr ganztägig am Präsenzunterricht teilnehmen.
Die jüngsten Angriffe auf die Energieinfrastruktur haben Millionen Kinder und Familien in eine lebensbedrohliche Lage gebracht: Bei eisigen Temperaturen müssen sie teils tagelang ohne Heizung, Strom und Wasser auskommen. Besonders Babys und Kleinkinder sind unter diesen Bedingungen gefährdet – etwa durch Atemwegserkrankungen und Unterkühlung. Gleichzeitig geraten medizinische Einrichtungen durch die Angriffe und die eingeschränkte Energieversorgung zunehmend unter Druck. Allein im Jahr 2025 wurden fast 200 medizinische Einrichtungen beschädigt oder zerstört.
Schwere psychische Folgen
Die psychischen Belastungen durch den Krieg nehmen immer weiter zu. Die ständige Angst vor Angriffen, das wiederholte Ausweichen in Schutzräume und die Isolation zu Hause mit nur wenigen sozialen Kontakten belasten viele Jugendliche stark. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage zeigt: Jede/r vierte 15- bis 19-Jährige verliert die Hoffnung auf eine Zukunft in der Ukraine. Das macht deutlich, wie dringend Kinder und Jugendliche Sicherheit und Stabilität brauchen – ebenso wie Investitionen in die Grundversorgung und Angebote, die ihnen Perspektiven geben.
UNICEF ist in der gesamten Ukraine im Einsatz, um Kinder zu unterstützen und ihnen lebensrettende Hilfe sowie grundlegende Dienste zu sichern. Dazu zählt der Zugang zu sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung, Ernährung, Bildung, Kinderschutz und psychosozialer Unterstützung. Gleichzeitig trägt UNICEF dazu bei, wichtige Infrastruktur wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Wasserversorgungssysteme, die durch Angriffe beschädigt wurden, zu reparieren und wiederherzustellen.
Im Jahr 2025 erreichte UNICEF gemeinsam mit lokalen Behörden und Partnern sieben Millionen Menschen – darunter 2,5 Millionen Kinder – mit humanitärer Hilfe. Zugleich trugen die Wiederaufbauprogramme von UNICEF in Zusammenarbeit mit nationalen und lokalen Behörden dazu bei, soziale Dienste für rund 9,8 Millionen Menschen im ganzen Land zu stärken. Die Bundesregierung ist eine wichtige Säule dieser Unterstützung.
„Die Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht müssen eingehalten werden. Zugleich müssen alle möglichen Maßnahmen ergriffen werden, um Kinder und die zivile Infrastruktur, auf die sie angewiesen sind, zu schützen. Jedes Kind hat das Recht, in Sicherheit aufzuwachsen –dieses Recht muss ausnahmslos respektiert werden“, so De Dominicis.
Service für die Redaktionen
Gerne vermitteln wir Interviews mit den UNICEF-Teams in der Ukraine sowie mit unserem Geschäftsführer Christian Schneider und unserer Sprecherin Christine Kahmann – beide haben die UNICEF-Hilfe in der Ukraine zuletzt im November begleitet.
Aktuelle Bild- und Videomaterialien stellen wir gerne zur Verfügung.
„The Class of 2026“: UNICEF hat vier junge Menschen einer Schulklasse in der Ostukraine begleitet. Unter folgendem Link finden Sie die Porträts der vier Schülerinnen und Schülern (Tymofii, Liza, Veronika & Mykyta), die von ihren Erlebnissen im Krieg erzählen – von Sorgen, Hoffnungen, Resilienz und einem Alltag mitten im Krieg. Enthalten sind Fotos, B-Roll, Videoporträts sowie ein Interview mit ihrer Lehrerin Liubov Mykhailivna.
Spenden für den Einsatz für Kinder in der Ukraine sind hier möglich.

Christine KahmannSprecherin (Berlin) - Nothilfe & Internationale Themen