Kinderrechteschulen: Die neunjährige Ella liest das Protokoll vor.
© UNICEF/UN0569275/MorawitzKinderrechteschulen: Die neunjährige Ella liest das Protokoll vor.
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"Du lernst nicht für die Schule, sondern für das Leben"

Da, wo Kinderrechte gelebt werden, geschieht etwas Spannendes: Kinder begegnen sich mit Respekt und wachsen über sich hinaus. Sie finden untereinander und eigenständig Lösungen – ohne uns Erwachsene. Wir haben gestaunt und viel gelernt – in einer Kinderrechteschule in Greven. 


von Simone Morawitz

Wir sind gespannt auf das, was uns erwartet. Zum ersten Mal seit langer Zeit besuchen meine Kollegin Kirsten Leyendecker und ich wieder eine Schule. Wir sitzen am Rande eines Klassenraums und beobachten. Langsam wird es voller. Heute trifft sich das Schülerparlament der St. Josef-Grundschule in Greven und wir dürfen mit dabei sein. 

Kinderrechteschulen: Die St. Josef Grundschule in Greven.

Die St. Josef-Grundschule in Greven wurde 2018 als Kinderrechteschule ausgezeichnet.

© UNICEF/UN0587875/Morawitz

"Ich freue mich, dass ihr alle da seid und möchte auch unsere Gäste von UNICEF begrüßen" – so eröffnet die neunjährige Tilda die Sitzung. Im Schülerparlament versammeln sich die Vertreter*innen aller Klassen, um gemeinsam Punkte zu besprechen, die ihnen im Zusammenleben wichtig sind. Tilda geht in die vierte Klasse der St. Josef-Grundschule. Es ist eine Kinderrechteschule. Das Besondere wird schnell klar. Hier nehmen die Kinder Probleme selbst in die Hand. Erster Punkt auf der Agenda heute: Einige Schüler*innen halten die Regeln auf dem Fußballplatz nicht ein. Das wollen sie ändern – gemeinsam. Außerdem soll es darum gehen, welche Sportarten die Schüler*innen in der neuen Sport-AG lernen wollen. Entscheiden dürfen alle, denn die Sprecher*innen nehmen die im Schülerparlament besprochenen Punkte mit in ihre Klassen und diskutieren dort weiter – in den Klassenräten. So sind alle involviert. 

Ganz ohne Erwachsene sitzen die Kinder allerdings nicht im Schülerparlament, Monika Wiesmann, stellvertretende Schulleiterin, nimmt auch daran teil.

"Wir starten im Schülerparlament mit einer positiven Runde, danach schauen wir, was aus den Ergebnissen geworden ist, die wir beim vergangenen Schülerparlament erarbeitet haben und welche Tagesordnungspunkte wir aktuell besprechen müssen. Die Schüler*innen reden über Probleme und suchen Lösungen. Die Ergebnisse halten wir fest", erklärt Wiesmann den Ablauf. 

Kinderrechteschule in Greven: Abstimmung im Schülerparlament

Soll diese Änderung angenommen werden? Bitte aufzeigen! Abstimmung im Schülerparlament der St. Josef-Grundschule in Greven.   

© UNICEF/UN0593263/Morawitz

Für die Zusammenarbeit gibt es Regeln: Alle dürfen ausreden. Themen, die nicht auf der Agenda stehen, werden mit freundlichen, aber deutlichen Worten auf das nächste Treffen vertagt. Und wer etwas sagen möchte, muss sich melden – auch die stellvertretende Schulleiterin. Heute muss Monika Wiesmann nicht viel hinzufügen oder lenken. Die Schüler*innen verzetteln sich kaum in Diskussionen und sind sehr strukturiert. 

"Meine Aufgabe sehe ich immer mehr darin, mich zurück zu ziehen und da zu sein, wenn die Kinder mich brauchen. Die Kinder werden immens selbstständiger – in ihrem Denken und ihrem Tun und ihrem Handeln."

"Corona hat uns bei voller Fahrt ausgebremst"

Und das, obwohl das Schülerparlament im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht tagen konnte. Die Pandemie hat selbst erfahrene Kinderrechteschulen, wie die St. Josef-Grundschule vor große Herausforderungen gestellt: 

Durch die langen Schulschließungen wurden die erreichten Fortschritte in der Kinderrechte-Arbeit stark eingeschränkt: Beispielsweise konnten die Klassenräte und das Schülerparlament nicht mehr tagen, die Meinungen der Kinder und Jugendlichen nicht mehr ausreichend in Entscheidungen integriert werden und die Kinder der ersten und zweiten Klasse kaum an die Kinderrechte herangeführt werden. 
Dabei hat all dies in der St. Josef-Grundschule eine lange Tradition. 

2014 hat sich die Grundschule bereits auf den Weg zur Kinderrechteschule gemacht. Vier Jahre später bekam sie die Auszeichnung zur "Kinderrechteschule". "Wir hatten gut Fahrt aufgenommen mit den Kinderrechten, wir waren mitten auf dem Ozean und Corona hat uns bei voller Fahrt ausgebremst", erzählt uns die Schulleiterin Anne Sprakel. 

Der Kinderrechte-Vertrag – Herzstück des Zusammenlebens

Da passt es ganz gut, dass in jeder Klasse ein Kinderrechte-Vertrag hängt, der die Kinder immer wieder an ihre wichtigsten Rechte und Verhaltensregeln erinnert. 

Deutschland: Der Kinderrechte-Vertrag einer Kinderrechteschule.

Informationen rund um das Thema Kinderrechte. In der Mitte hängt das Herzstück im Umgang miteinander – der Kinderrechte-Vertrag. 

© UNICEF/UN0569278/Morawitz

"Die Kinderrechte-Verträge gibt es in jeder einzelnen Klasse, außer in den ersten Klassen. Man findet sie gut sichtbar, oft neben der Tafel", erzählt der neunjährige Linus aus der vierten Klasse und die neunjährige Ella ergänzt: "Für die Erstklässler haben wir den Kinderrechte-Vertrag vertont." Diejenigen, die noch nicht so gut lesen können, können sich den Vertrag also anhören – was für eine schöne Idee. 

Mehr noch: "Zuletzt haben wir noch in allen ersten Klassen vorgetragen, was unsere Themen im Schülerparlament sind. Bevor die Erstklässler zu uns kommen, sollen sie schon mal etwas von den Kinderrechten gehört haben", meint Linus. 

Der Kinderrechte-Vertrag ist das Herzstück im Umgang miteinander und wurde mit Schüler*innen, Lehrer*innen, Betreuungspersonal und Eltern gemeinsam entwickelt – sogar Sekretärin und die Hausmeister sollten ihre Meinung dazu äußern. 

"Wir hatten vor vier Jahren eine Sondersitzung mit dem Schülerparlament und haben gemeinsam überlegt, was wir uns eigentlich versprechen wollen, wenn wir an die Kinderrechte denken", erzählt Monika Wiesmann rückblickend. "Wir haben einen ganzen Tag lang mit dem Schülerparlament die Texte des Vertrags gemeinsam entwickelt. Würde und Identität kommen z.B. auch darin vor und was wir uns hierbei versprechen, ist respektvolles Verhalten."
Es habe lange gedauert, bis der Text letztendlich stand. Die Kinder und Eltern hätten final darüber abgestimmt. Und so sei es auch bei der grafischen Gestaltung gewesen, verdeutlicht Monika Wiesmann. 

Streit lösen auf der Friedenstreppe

Respektvolles Verhalten wird auch an der Friedenstreppe gelernt. Sie ist für Zweierstreitigkeiten gedacht, für die im Klassenrat und Schülerparlament kein Platz ist. 

Deutschland: Die Friedenstreppe der Kinderrechteschule.

Streitigkeiten untereinander lösen – die Friedenstreppe hilft dabei. 

© UNICEF/UN0569272/Morawitz

Ella erklärt uns die Treppe so: "Die Friedenstreppe ist eine Treppe, die Streit lösen soll. 'Streit erzählen' und 'Gefühle nennen' steht auf der ersten Stufe. Wenn du auf der Stufe stehst, sagst du, worum es bei dem Streit ging und wie du dich gefühlt hast. Derjenige auf der Stufe gegenüber sagt, was er verstanden hat, also er wiederholt, was er gehört hat, und worum es für ihn beim Streit ging. Und er sagt seine Gefühle. Dann wird eine Lösung gesucht. Wenn sich die beiden zum Beispiel gestritten haben, einer hat ein blaues Auge, der andere blutet am Ohr. Dann können sie ihren Streit klären und Lösungen suchen. Zum Beispiel: Wir gehen uns jetzt erst einmal aus dem Weg und können es ja irgendwann nochmal miteinander versuchen. Und auf der obersten Stufe steht 'sich vertragen' und 'beide gewinnen'. Es geht darum, dass sich am Ende beide glücklich fühlen." "Und manchmal kommt zur Friedenstreppe auch noch ein Freund mit", fügt Tilda hinzu. Und der neunjährige Maximilian weiß: "Bei einem Streit auf der Friedenstreppe dürfen nur diejenigen mitreden, die auch etwas gesehen haben." "Und auch Erwachsene sind nur dabei, wenn die Kinder das auch wollen", ergänzt Tilda noch.

Deutschland: Vier Schüler*innen einer Kinderrechteschule im Sitzkreis.

Ella, Tilda, Maximilian und Linus (v.l.n.r.) sind alle neun Jahre alt und besuchen die vierte Klasse. Sie erklären uns, was ihre Schule so besonders macht. 

© UNICEF/UN0569269/Morawitz

Die Friedenstreppe scheint von den Kindern gut genutzt zu werden und ist ihnen wichtig. Meine Kollegin Kirsten Leyendecker und ich wollen sie gerne fotografieren und sind auf der Suche nach ihr. Wir fragen einen Schüler, wo wir sie finden könnten und werden spontan von ihm gefragt: "Warum, habt ihr euch gestritten?"

Kinderrechte stehen für Respekt 

Kinderrechte zu leben, hat viel damit zu tun, respektvoll miteinander umzugehen. Das wird auch im gegenseitigen Umgang der Schüler*innen an der St. Josef-Grundschule in Greven deutlich. "Natürlich gibt es Konflikte. Aber das Schulleben ist dennoch wesentlich entspannter, weil die Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler groß ist", so die Schulleiterin Anne Sprakel.  

Kinderrechteschulen: Monika Wiesmann und Anne Sprakel.

Monika Wiesmann, stellvertretende Schulleiterin, und Anne Sprakel, Schulleiterin der St. Josef-Grundschule in Greven (v.l.n.r.), haben sich mit ihrer Schule auf den Weg zur Kinderrechteschule gemacht.

© UNICEF/UN0587874/Morawitz

Deshalb nehmen es die Schüler*innen auch selbst in die Hand, wenn der Respekt manchmal noch fehlt. Dann wird darüber gesprochen und nach Lösungen gesucht – z.B. im Schülerparlament. Auch in der Sitzung, an der wir teilgenommen haben, war Respekt ein Thema. 

Kinderrechteschule Greven: Das Schülerparlament kommt zusammen

Ein Plakat zum Thema Respekt wird ausgepackt: „Wenn wir respektvoller miteinander umgehen, geht es uns allen besser.“

© UNICEF/UN0593264/Morawitz

Tilda schaut auf den letzten Agenda-Punkt und hält ein Plakat in die Höhe, dass jede Klasse aufhängen soll: "Im Kinderrechte-Vertrag haben wir uns versprochen, Respekt voreinander zu haben und aktuell ist das bei den Jüngeren nicht so", erklärt Tilda eindringlich. "Wir wünschen uns Respekt, aber wenn wir es einfach sagen, dann bringt es nichts, deshalb haben wir diese Plakate gemacht. Ihr müsst in euren Klassen bitte erklären, warum wir das tun und was Respekt bedeutet. Wenn wir respektvoller miteinander umgehen, geht es uns allen besser." Dann übergeben Tilda und Ella die Plakate an die Klassensprecher*innen. 

Während ich ihnen dabei zusehe, fällt mir ein Spruch ein, den ich während meiner Schulzeit oft gehört habe: "Du lernst doch nicht für die Schule, sondern für das Leben." Da muss ich lächeln. 

Zu dieser Kinderrechteschule passt der Spruch wirklich gut. 

Info

Das Kinderrechteschulen Programm von UNICEF Deutschland

In Kinderrechteschulen lernen Kinder und Jugendliche ihre Rechte kennen. Sie erleben ihre Schule als einen Ort, an dem ihre Meinungen ernst genommen und ihre Talente gefördert werden. Wo Kinderrechte gelebt werden, setzen sich Kinder und Jugendliche aktiv für ihre Rechte und die von anderen ein und gestalten so ihre Zukunft und die der gesamten Gesellschaft mit. 

UNICEF Deutschland, die zuständigen Ministerien der jeweiligen Bundesländer und Partner setzen sich gemeinsam dafür ein, dass mehr Schulen in Deutschland zu Kinderrechteschulen werden.

Auch Ihre Schule kann Kinderrechteschule werden!

Machen Sie sich mit Ihrer Schule auf den Weg – wir unterstützen Sie dabei! 

Jetzt informieren und anmelden unter unicef.de/kinderrechteschulen

 

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Autor*in Simone Morawitz

Simone Morawitz berichtet aus der Pressestelle über alle aktuellen UNICEF-Themen.