© Eduardo Soteras, ArgentinienIn der kriegszerstörten Bibliothek einer Grundschule in der äthiopischen Region Tigray vertiefen sich zwei Kinder in Bücher.
Fotoreportagen

UNICEF-Foto des Jahres 2022: Ein Moment des Glücks

Der argentinische Fotograf Eduardo Soteras dokumentiert seit 2020 besonders die Situation der Kinder im Norden Äthiopiens. Dabei fotografiert er solch rare Augenblicke wie jenen des diesjährigen UNICEF-Foto des Jahres: In der zerstörten Bibliothek einer Grundschule in der äthiopischen Region Tigray vertiefen sich zwei Kinder in Bücher. Es ist ein seltener Moment der Freude, umgeben von Zerstörung und Gewalt. Ein Interview.


von Niklas Klütsch

Ein Gespräch mit dem Preisträger des UNICEF-Fotos des Jahres 2022

Ich habe mich im November mit dem diesjährigen Preisträger, dem argentinischen Fotografen Eduardo Soteras, zu einem Video-Gespräch verabredet. Ich wollte mehr über seine Arbeit als Fotograf und sein Fotoprojekt in Äthiopien erfahren. In Folge des Konflikts im Norden Äthiopiens sind etliche Familien in Not geraten und brauchen dringend humanitäre Hilfe. Eduardo hat Teile des Konflikts dokumentieren können.

Portrait des argentinischen Fotografen Eduardo Soteras

Der Fotograf Eduardo Soteras hat das diesjährige UNICEF-Foto des Jahres aufgenommen.

© privat

Lieber Eduardo, herzlichen Glückwunsch zu deinem Erfolg. Hat dein Herz schon immer für die Fotografie geschlagen?

Eduardo Soteras Nein. (lacht) Ich war einmal ein Steuerberater. Ich habe „schreckliche“ Dinge getan – Bankprüfungen, Steuern, Buchhaltung. Da ich ziemlich schnell müde von diesen Themen wurde, packte ich meinen Rucksack und machte mich mit 22 Jahren auf den Weg nach Europa.

Obwohl ich aus der argentinischen Großstadt Cordoba komme, waren mir kreative Berufe unbekannt. Ich traf nie zuvor in meinem Leben einen Fotografen oder eine Fotografin. Die Welt der Fotografie eröffnete ein Erlebnis in Prag: Durch Zufall besuchte ich eine Ausstellung des Fotografen Josef Koudelka. Ich war völlig überwältigt, da ich nicht wusste, dass so etwas Wundervolles existieren würde. Okay – es kann schon sein, dass Erinnerungen Erlebnisse in etwas Poetisches verwandeln können. Aber im Ernst: Niemals zuvor habe ich so etwas Inspirierendes gesehen.

Ich kehrte nach Cordoba zurück und legte erneut meine Krawatte an. Danach haderte ich zwei Jahre lang mit meiner beruflichen Situation. Denn ich hatte etwas gesehen, was mich und mein ganzes Leben von jetzt auf gleich verändern sollte. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich sah ein Bild von Koudelka und verliebte mich in die Fotografie. Ich verließ Argentinien und fand einen Weg, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Wie kam es zur Foto-Reportage „Ethiopia’s Children in War“?

Eduardo Ich zog als Fotograf für Agence France-Presse (AFP) nach Äthiopien, nachdem ich zuvor einige Jahre in der Demokratischen Republik Kongo gearbeitet hatte. Als Fotograf einer Nachrichtenagentur gehört es zu meinem Job, die Situation vor Ort zu dokumentieren. So auch in Äthiopien. Das interessante diesmal: Wir zogen als Familie an einen Ort, der aufgrund positiver Veränderungen in den Schlagzeilen war – ein Regierungswechsel und ökonomisches Wachstum. Alles wirkte perfekt. Plötzlich begannen die Unruhen und der Konflikt eskalierte. Ich musste nun plötzlich Dinge fotografieren, mit denen ich zwei Jahre zuvor niemals gerechnet hätte. Was ich jetzt sage, mag bekannt klingen – aber nochmal: Die Menschen, die den höchsten Preis für all die Gewalt und die Zerstörung bezahlen, sind die unschuldigen Kinder dort draußen. Ich denke, dass man das auch in meinen Bildern sehen kann.

In der kriegszerstörten Bibliothek einer Grundschule in der äthiopischen Region Tigray vertiefen sich zwei Kinder in Bücher.

Das UNICEF-Foto des Jahres 2022 zeigt die kriegszerstörte Bibliothek einer Grundschule in der äthiopischen Region Tigray, in der sich zwei Kinder in Bücher vertiefen.

© Eduardo Soteras, Argentinien

Dein Fotoprojekt ist über viele Monate hinweg entstanden. Nimm uns mit auf deine Reise …

Eduardo Seit Beginn des Bürgerkrieges wurde der Zugang zu den umkämpften Gebieten drastisch eingeschränkt. Durch das persönliche Netzwerk meiner AFP-Kollegen vor Ort habe ich es dennoch immer wieder geschafft, in verschiedene Gegenden zu gelangen. Jede einzelne dieser Touren offenbarte neue Aspekte des Konflikts und half uns dabei, die undurchsichtigen Zusammenhänge der schrecklichen Vorgänge zu verstehen.

Vor unseren Fahrten ins Kriegsgebiet handelten wir mit den lokalen Behörden mögliche Stationen und Zeiten aus – so auch am Tag des Besuchs von Bisober, dem Entstehungsort des Gewinnerbildes. Wir verbrachten den Tag rund um das kleine Dorf an der Grenze der Region Tigray. Als wir mit einem Geländewagen vor einer Schule hielten, sahen wir Personen im Gebäude, die uns schließlich hereinbaten. Wie das Licht des Siegerbildes zeigt, war es bereits Nachmittag. Die Dorfbewohner, die uns zu einem Rundgang eingeladen hatten, erzählten uns davon, dass die Schule von Soldaten besetzt und als Rückzugsort genutzt worden war.

Wie genau kam es zum Siegerbild in der zerstörten Schulbibliothek?

Eduardo Wir erkundeten die Schule und verschafften uns einen Überblick. Damit die Szenerie unberührt blieb und sich nicht künstlich veränderte, verhielt ich mich wie immer in derartigen Situationen extrem zurückhaltend. Es war ein Glücksmoment, als die beiden Kinder erschienen und uns herumführen wollten. Bereits in den Minuten zuvor hatte ich mich in der Bibliothek der Schule aufgehalten – das Licht war bereits sehr gut und der verwüstete Anblick der Bücher auf dem Boden stellte ein interessantes Motiv dar. Für ein perfektes Bild fehlten jedoch Personen. Also wartete ich und orientierte mich weiter innerhalb der zerstörten Räumlichkeiten. Plötzlich fingen die Kinder damit an, uns die Bibliothek vorzustellen, die Bücher zu betrachten und sich über den Inhalt zu unterhalten. Ich versuchte weiterhin, so unscheinbar wie möglich zu bleiben. Letztlich hatte ich die Gelegenheit, das Siegerfoto aufzunehmen.

Im Anschluss führten die Kinder uns durch weitere Räume der Schule. Währenddessen konzentrierte ich mich darauf, sie agieren zu lassen, ohne eine Erwartungshaltung zu vermitteln. Denn ethische Aspekte sind mir bei der Ausführung meiner Arbeit extrem wichtig. Eine Szene kann noch so beeindruckend und einzigartig sein – sobald ich sie manipuliere, in dem ich die Personen bitte, sich nach meinen Wünschen zu verhalten, ist sie wertlos.

Was weißt du noch über die Kinder auf dem Bild?

Eduardo Leider musste alles sehr schnell gehen. Dadurch gab es keine Gelegenheit, mit den Kindern richtig zu sprechen. Ich konzentrierte mich allein auf das Fotografieren. In der Zwischenzeit interviewten meine Kollegen Erwachsene, die sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der Schule befanden.

Es ist ein bekanntes Dilemma meiner Arbeit: Einerseits möchte ich als Fotograf alles über die Personen wissen, die ich fotografiere. Andererseits habe ich oftmals nur sehr wenig Zeit und möchte die Personen durch meine Worte und mein Handeln, wie gesagt, so wenig wie möglich beeinflussen – weder bewusst noch unbewusst.

Wie war das Umfeld der Schule?

Eduardo Es handelte sich um ein sehr kleines Dorf. Mir wurde berichtet, dass dort viele junge Menschen durch den Konflikt ihr Leben verloren hatten. Wir sahen eine Menge zerstörter Gebäude. Vielen Menschen war der Schockzustand anzusehen. Ein Anblick, der sich an diesem und allen weiteren Orten, die wir in der Region besuchten, wiederholte. Es war ungemein schrecklich zu sehen, welchem Leid die Menschen dort ausgesetzt sind.

Wie hast du die Lage der Kinder in der Provinz Tigray wahrgenommen?

Eduardo Die Zustände für Kinder sind furchtbar. Die Lieferungen von Hilfsgütern werden durch den Konflikt enorm erschwert. Meine Eindrücke stammen vom Beginn des Konflikts. Ich gehe davon aus, dass es dort inzwischen um ein Vielfaches schlimmer zugeht.

Ein großes Problem besteht nach wie vor im eingeschränkten Zugang, der verhindert, die Bedingungen vor Ort umfassend bewerten zu können. Die Fotografie sehe ich als Werkzeug, die Dinge zum Besseren zu wenden, indem ich auf Missstände aufmerksam machen kann. Leider ist genau das in Äthiopien kaum noch möglich. Wenn ich über die Konsequenzen für die Bevölkerung nachdenke, befürchte ich das Schlimmste. Wir haben es hier mit einer schrecklichen Situation zu tun, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit Tag für Tag voranschreitet und inzwischen aufgrund des eingeschränkten Zugangs völlig undokumentiert bleibt. Das neue Friedensabkommen führt hoffentlich dazu, dass sich die Situation verbessert.

Neben dem UNICEF-Foto des Jahres hat sich die Jury des Wettbewerbs auch auf den Plätzen zwei und drei für Bilder entschieden, die lernende Kinder unter widrigen Umständen zeigen. Wie ordnest du den thematischen Fokus ein?

Eduardo Die Perspektive auf Bildung ist der zentrale Aspekt, der wirklich einen Unterschied für die Zukunft dieser Kinder ausmachen kann. Es ist schrecklich, dass so vielen Kindern die Chance auf Bildung verwehrt bleibt. Als Nachkomme einer libanesischen Migrantenfamilie in Argentinien - einem Land das stark von Migration geprägt ist - durfte ich selbst erfahren, wie wichtig Bildung für die freie Gestaltung des Lebens ist. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden und meine Bilder dieser starken und zuversichtlichen Kinder etwas bewegen. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich meinen Job liebe und dankbar bin, ihn ausüben zu dürfen.

Eine Lehrerin liest einer Gruppe von Mädchen und Jungen in einem Souterrain der Hauptstadt Kiew Geschichten vor.

Bild 1 von 2 | 2. Platz UNICEF-Foto des Jahres 2022: Eine Lehrerin liest einer Gruppe von Mädchen und Jungen in einem Souterrain der Hauptstadt Kiew Geschichten vor.

© Ron Haviv, USA
Mädchen werden in einer heimlich unterstützten Schule unterrichtet.

Bild 2 von 2 | 3. Platz UNICEF-Foto des Jahres 2022: Eine heimlich unterstützte Schule in Afghanistan.

© Daniel Pilar, Deutschland
Info

Mit dem internationalen Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres“ zeichnet UNICEF Deutschland Bilder und Reportagen professioneller Fotojournalist*innen aus, die die Persönlichkeit und die Lebensumstände von Kindern auf herausragende Weise dokumentieren.

Voraussetzung für die Teilnahme ist die Nominierung durch eine*n international renommierte*n Fotografie-Expert*in.

Mehr Infos und eine Übersicht aller ausgezeichneten Fotoreportagen auf www.unicef.de/foto.

Niklas Klütsch
Autor*in Niklas Klütsch

Niklas Klütsch ist Pressereferent bei UNICEF und bloggt über die UNICEF-Arbeit in Deutschland und weltweit.