"DU MUSST DAMIT LEBEN"
Donnerstag, 6. März 2014, 15:43 Uhr
von Kerstin Bücker | 1 Kommentar

„Hallo – ich bin Ishmael“, stellt er sich mit einem strahlenden Lachen vor. Ishmael Beah, ehemaliger Kindersoldat aus Sierra Leone und internationaler UNICEF-Botschafter, ist zu Besuch bei uns in Deutschland.

Ishmael Beah bei der UNICEF-JuniorBotschafter-Preisverleihung. ©UNICEF/Vielz

Ishmael Beah bei der UNICEF-JuniorBotschafter-Preisverleihung.
© UNICEF/Vielz

Noch immer wirkt er wie der fröhliche Junge, der er als 13-Jähriger gewesen sein muss – aufgewachsen in einem kleinen Dorf, in dem man sich abends am Feuer Geschichten erzählte, ein unbeschwerter Schüler und Hip-Hop-Fan.

Dann kam der Bürgerkrieg in Ishmaels Heimat. Sein Dorf wurde überfallen, der Junge musste fliehen und fiel Soldaten in die Hände. Sie setzten ihn unter Drogen, zwangen ihn zum Kämpfen und Töten. Heute ist Ishmael Beah 31 Jahre alt und spricht offen über seine schrecklichen Erlebnisse und darüber, wie ihm dank UNICEF die „Rückkehr ins Leben“ gelang – so der Titel seines Bestsellers, der in 40 Sprachen übersetzt wurde.

„Vergessen ist nicht möglich. Verdrängen funktioniert nicht. Also musst Du damit leben“, sagt Ishmael Beah und beeindruckt damit alle, mit denen er während seines Besuchs spricht. In der Frankfurter Paulskirche spricht er mit Kindern und Jugendlichen, die sich als UNICEF-JuniorBotschafter engagieren. Sie bitten ihn um Rat, wie sie Altersgenossen in Entwicklungsländern helfen können. „Habt Vertrauen in Eure eigenen Gedanken und Ideen“, sagt Ishmael. „Ihr könnt die Welt verändern – und ihr tut es mit Eurem Engagement schon heute!“

Anderen Kindern ein Schicksal als Soldat ersparen

Drei Tage lang war Ishmael Beah bei uns in Deutschland. Auf der Jahresversammlung des Deutschen UNICEF-Komitees in Berlin hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so gebannt waren die Zuhörer von seinem Bericht. Er erzählte wie der Fluss, in dem er früher Schwimmen ging, sich vom Blut der Toten rot färbte. Mutter, Vater und seine zwei Brüder starben – Ishmael überlebte.

Nach seiner Befreiung war er zunächst nicht froh, sondern wütend und aggressiv – bis er mit Hilfe von UNICEF, nach acht Monaten in einem Rehabilitationszentrum, Menschen langsam wieder vertrauen konnte. Ishmael erzählt weiter, wie er auf Einladung der UN zum ersten Mal in einem Flugzeug saß – und schließlich über viele Umwege in New York Fuß fasste. Eine beeindruckende Geschichte, die Ishmael mit großem Ernst aber– fast unglaublich – bei manchen Erlebnissen auch mit Humor vorträgt.In Berlin traf Ishmael auch den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning und UNICEF-Partnerorganisationen aus dem Deutschen Bündnis Kindersoldaten. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Kindersoldaten hat er das Netzwerk NYPAW (Network of Young People Affected by War, www.nypaw.org) gegründet, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Anderen Kindern sein Schicksal zu ersparen, ist seine Mission – noch immer werden weltweit rund 250.000 Jungen und Mädchen als Soldaten missbraucht.

Ishmael erklärt, dass eine UN-Konvention zum Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten weit mehr ist als ein Stück Papier. „Mit diesem Papier können zum Beispiel UNICEF-Mitarbeiter auf die Anführer der Truppen zugehen und sagen: Lasst die Kinder frei. Euer Land hat diese Konvention unterzeichnet.“ In Sierra Leone hat er genau das erlebt. Es hat ihm vermutlich das Leben gerettet.

Ishmael lebt heute in New York, er hat in den USA den verpassten Schulstoff nachgeholt und Politikwissenschaften studiert. Jetzt möchte er promovieren, über kurz oder lang wieder in seiner Heimat Sierra Leone leben, eine Familie gründen. „Im Krieg habe ich erfahren, wie kostbar das Leben ist“, sagt der UNICEF-Botschafter zum Abschied in Berlin. „Und dass Kinder und Jugendliche Bildungschancen brauchen, etwas anderes kennenlernen müssen als Krieg und Gewalt. Dann ist Heilung möglich.“ Ishmael ist mittlerweile wieder in New York – und wird allen, die ihn getroffen haben, immer in Erinnerung bleiben.

Protokoll vom Live-Chat mit Ishmael Beah vom 18. Juni 2012

KOMMENTARE

  • anonym
    18. April 2019 21:15 Uhr

    Werden unsere Spenden für die Investitionen, die den Bauern ihre Bauernfelder in Sierra Leone abnehmen und trocken legen, verwendet, um die Profitwirtschaft anzukurbeln? Ich glaube nicht, dass die Profite bei den Bauern landen. Außerdem habe ich Bedenken, wenn gerade in Afrika Gebiete trocken gelegt werden.
    Kann da UNICEF gegensteuern? Möchte sie das tun?

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