HINTER DEN KULISSEN: EKIN DELIGÖZ BEI UNICEF IN NEW YORK
Donnerstag, 13. August 2015, 10:40 Uhr
von Ekin Deligöz | 1 Kommentar

Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Fraktion Bündnis 90/DieGrünen und seit Jahren im Vorstand von UNICEF Deutschland, machte im Juli 2015 ein mehrtägiges Praktikum bei UNICEF in New York.

GEWALT GEGEN KINDER UND WIE SICH UNICEF FÜR DIE STÄRKUNG DER KINDERRECHTE IN ALLER WELT EINSETZT

Kinderrechte stehen im Zentrum meines Engagements, sowohl als Abgeordnete, als auch als ehrenamtliches Komiteemitglied von UNICEF Deutschland. Grund genug, um einmal hinter die Kulissen zu schauen.

Wie funktioniert die weltweite Koordination der Projekte von UNICEF?Was passiert im Krisenfall und wie laufen die Fäden zusammen?

UNICEF-Headquarter in New York

Headquarter von UNICEF in New York
© Ekin Deligöz

Nach einer Woche in den Headquarters der Vereinten Nationen in New York weiß ich: UNICEF ist eine hochprofessionelle, ständig dazu lernende Organisation. Als Anwältin der Kinderrechte setzt sie sich dafür ein, die Lebenssituation der Kinder weltweit zu verbessern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienen Vertrauen, da sich jeder Einsatz lohnt.

Nun möchte ich Ihnen die Arbeit von UNICEF in New York anhand einiger ausgewählter Beobachtungen nahebringen.

Ein bewegendes Treffen mit Marta Santos Pais

Gleich am zweiten Tag nach meiner Ankunft in New York freue ich mich, Marta Santos Pais zu treffen. Sie war Leiterin des Innocenti Forschungsinstituts von UNICEF in Italien und wir kennen uns bereits durch ihre mehrfachen Besuche in Deutschland.

Ekin Deligöz mit Marta Santos Pais

Gruppenbild mit Marta Santos Pais (ganz rechts) und zwei UNICEF-Mitarbeitern (links).
© Ekin Deligöz

Martas Bericht über „Gewalt gegen Kinder“ in der Ausgabe der UNICEF Studie zur „Lage der Kinder in der Welt“ (2014), hatte Einige in Politik und Öffentlichkeit wach gerüttelt. Unsere Gesprächsthemen handeln von Gewalt gegenüber Kindern in aller Welt. Marta berichtet, dass in El-Salvador täglich 20-30 Kinder an den Folgen von Gewalt auf den Straßen sterben. In Kolumbien werden Kinder an den Bushaltestellen, Spielplätzen, öffentlichen Einrichtungen verschleppt, missbraucht, umgebracht. Auf Honduras ist Kidnapping an der Tagesordnung und sind die Kinder verschwunden, werden sie nie wieder gesehen. In Indien werden Kinder versklavt und als Arbeiter verkauft. An all diesen Orten war Marta bereits.

Überall arbeiten lokale Gruppen von UNICEF für die Sicherheit der Kinder und leisten Überzeugungsarbeit an offiziellen Stellen: Bei der Polizei, in der Verwaltung, an Gerichten und in der Regierung. Außerdem baut UNICEF Schutzräume auf, bietet nicht nur Nahrungsmittel und Gesundheitsversorgung, sondern auch mal eine sichere Nacht zum Schlafen.

Marta spricht von weltweit über einer Milliarde Kinder im Alter zwischen 2 und 14 Jahren, die in Familien und in vertrauter Umgebung geschlagen, verschleppt, missbraucht und gefoltert werden. UNICEF fordert angesichts der dramatischen Lage mehr Daten ein, um Licht ins Dunkle zu bringen.

Aufgrund der Traurigkeit der Situation versiegen mir erst mal die Fragen. Aber als es dann um konkrete Handlungsfelder geht, kann ich ihr, aufgrund meiner Erfahrungen aus Deutschland, einiges hinsichtlich Gesetzgebung und deren Umsetzung zur gewaltfreien Erziehung mit auf dem Weg geben.

Humanitäre Hilfe und Nothilfen bei UNICEF

Bei UNICEF gibt es für humanitäre Hilfe und Aufbau sowie für Nothilfen jeweils eine eigene Abteilung.

Die Leiterin der Nothilfe-Abteilung zeigt mir das Lagezentrum, welches 24 Stunden und 7 Tage die Woche besetzt ist. Täglich finden hier Lagebesprechungen in enger Kommunikation mit den MitarbeiterInnen auf dem Feld statt. Hier rufen auch die MitarbeiterInnen an, die selbst durch ihren Einsatz in Not geraten sind und Hilfe benötigen. Sowohl Evakuierungen als auch Soforthilfe, Einsatzplanung und Transportanweisungen für Hilfsgüter kommen von hier.

UNICEF-Lagezentrum-fuer-Nothilfeeinsaetze

UNICEF-Lagezentrum für Nothilfeeinsätze. Noch ist es hier ruhig.
© Ekin Deligöz

Ich bin mit dabei, wie ein Anruf aus Jemen das Lagezentrum erreicht und erlebe, wie schnell Hilfsgüter für Flüchtlinge, von Notzelten bis hin zu Wasseraufbereitungsanlagen und Nahrungsmittel, auf den Weg gebracht werden. Das Personal selbst wird in der ersten Etappe in der Region, auch in Zusammenarbeit mit anderen Nichtregierungsorganisationen, rekrutiert. Experten werden entsprechend hinzugezogen und reisebereit gemacht. Eine Abteilung sorgt für schnelle Anreisemöglichkeiten dieser - inklusive der Beschaffung der Reisegenehmigungen und der Visa. Alles läuft hochkonzentriert und sehr professionell ab.

Action Plan

In Syrien sind durch den aktuellen Konflikt 12,2 Millionen Menschen in Not. Sie fliehen vor Gewalt, vor Hunger, vor Unterdrückung. Darunter sind 5,6 Millionen Kinder, die humanitäre Hilfe brauchen. 4 Millionen Menschen sind auf der Flucht, darunter die Hälfte davon Kinder, 4,8 Millionen Menschen sind für die Nothilfe überhaupt nicht erreichbar.

Für 700.000 Menschen hat UNICEF in den Flüchtlingslagern die Wasserversorgung sichergestellt. 122.000 Kinder werden in den Lagern unterrichtet. An die 300.000 Kinder bekommen gesundheitliche und psychologische Behandlung und Unterstützung in Kinderschutzarealen. Hierfür wurden im Jahr 2015 58 Millionen US-Dollar ausgegeben. Auch das Entwicklungsministerium in Deutschland hat für diese Nothilfe Mittel überwiesen. Aber das sich von UNICEF selbst gesteckte Ziel ist noch lange nicht erreicht.

Die Einsatzorte von UNICEF

Grundsätzlich ist UNICEF nur in Staaten mit Programmen aktiv, die als Entwicklungsland eingestuft werden. Allerdings wird diese Einstufung immer mehr verwässert, lerne ich. Es gibt immer mehr Staaten, die nach wie vor sehr viel Armut haben, wo Menschen hungern und keinen Zugang zur Grunddaseinsfürsorge haben. In diesen Regionen gibt es auch Reichtum, mehr als je zuvor jemals angehäuft. Indien zum Beispiel ist ein Entwicklungs-, Schwellen- und entwickeltes Land zugleich. Es gibt sehr viel Reichtum und noch mehr Armut.

"In der Verteilung stimmt etwas nicht. Wir können die Armen deshalb noch lange nicht sich selbst überlassen. Wenn das überwunden werden soll, müsste an erster Stelle die Korruption bekämpft und 'Good Governance', also ein verantwortungsvolles Regierungs- und Verwaltungssystem, eingeführt werden", so Nick Alipui, der an der Strategieentwicklung der SDGs – "Sustainable Development Goals", (im Herbst auf der Tagesordnung stehenden Nachhaltigen Entwicklungsziele der Weltgemeinschaft) für UNICEF mitarbeitet.

Es gab bisher nur zwei UNICEF-Einsätze in entwickelten Staaten: Das erste Mal beim Wirbelsturm Katrina in den Vereinigten Staaten und das zweite Mal bei den Evakuierungsmaßnahmen in Fukushima in Japan. Diese Noteinsätze mussten ausdrücklich vom UN-Generalsekretariat als Ausnahmentatbestand genehmigt werden.

Ekin Deligöz mit UNICEF-Mitarbeitern

Mit den UNICEF-Mitarbeitern Pieter, Shannon und Nicholas.
© Ekin Deligöz

Dies war nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich in den vergangenen Tagen erfahren durfte. Ich habe viel gelernt und bereichernde persönliche Bekanntschaften gemacht. Ich durfte UNICEF bei der Arbeit zusehen, mein Wissen und meine Erfahrungen bei ihnen einbringen und neue Ideen mitentwickeln. Mein Dank gilt ganz besonders Pieter und Laila, die mir das organisatorisch möglich gemacht haben und natürlich allen anderen, denen ich unzählige Fragen stellen durfte.

Ich werde, wie zuvor auch, ein Teil der UNICEF Familie bleiben, jetzt erst Recht und aus Überzeugung, im Einsatz für Kinderrechte!

KOMMENTARE

  • anonym
    14. August 2015 12:10 Uhr

    Vielen Dank für diesen anschaulichen Bericht aus New York. Es tut gut zu wissen, dass hier hochprofessionell im Dienste der Mitmenschlichkeit gearbeitet wird. Solange es Menschen im unermüdlichen, unbeirrbaren Einsatz für den Nächsten gibt, bleibt die Hoffnung auf ein besseres Miteinander lebendig. Auch ich bin überzeugt, dass sich solche Menschen bei UNICEF finden und daher auch gerne Teil der UNICEF Familie

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