DÜRRE IN KENIA: FÜNF FRAGEN AN UNICEF-LEITER WERNER SCHULTINK

29. Juni 2017 von Ninja Charbonneau 0 Kommentare

Fast drei Millionen Menschen in Kenia leiden unter den Folgen einer schweren Dürre.

Felder und Weideland sind ausgetrocknet, ganze Viehherden sind verendet. Viele Familien im Norden Kenias kämpfen Tag für Tag um ihr Überleben.

Der Leiter des UNICEF-Büros in Kenia, Werner Schultink, ist mehrfach in die am schlimmsten betroffenen Orte gereist und hat mit Familien über ihre Not gesprochen. Im Interview erklärt er, warum die Situation für Kinder besonders gefährlich ist, weshalb die Krise trotz beginnender Regenzeit nicht vorbei ist und was dringend passieren muss, um eine Katastrophe zu verhindern.

Dürre in Kenia: Werner Schultink an einer Klinik in Lokomarinyang

Werner Schultink, Leiter des Büros in Kenia, vor einer Klinik in Lokomarinyang.
© UNICEFKenya/2017/Oloo

Wie ernst ist die Lage der Kinder im Norden von Kenia?

"Die Situation ist sehr ernst. In Folge der Dürre ist die Ernährung von über einer Million Kinder nicht gesichert – das heißt, die Familien wissen nicht, wie sie an ihre nächste Mahlzeit kommen sollen. Dieses Jahr werden mindestens 100.000 Babys und Kleinkinder dringend wegen schwerer akuter Mangelernährung behandelt werden müssen, ein lebensgefährlicher Zustand.

Aber auch zahlreiche Kinder, die nicht unmittelbar in Lebensgefahr sind, leiden unter den Auswirkungen der Dürre. Viele sind chronisch mangelernährt und bekommen nicht die Ernährung, die sie für eine gesunde Entwicklung von Körper und Geist brauchen. An einigen Orten gibt es Konflikte über Weideland und Wasser. Und nicht zuletzt gehen Tausende Mädchen und Jungen wegen der Dürre nicht mehr zur Schule. All das ist sehr besorgniserregend."

Was wird am dringendsten benötigt und was tut UNICEF in Kenia, um zu helfen?

"Unsere oberste Priorität ist, dass Kinder in Kenia überleben und gesund sind. UNICEF-Mitarbeiter und unsere Partner sind vor Ort, um Familien in Not zu helfen: Mobile Teams besuchen alle zwei Wochen die am schlimmsten betroffenen Orte und sorgen dafür, dass alle kleinen Kinder sowie schwangere und stillende Frauen untersucht und wenn nötig behandelt werden.

In den ersten Monaten des Jahres haben wir bereits über 45.000 akut mangelernährte Kinder behandelt. Wir reparieren auch zentrale Wasserstellen, die zum Beispiel Schulen und Gesundheitszentren mitversorgen. 37 Wasserstellen wurden bereits repariert, so dass 70.000 Menschen wieder sauberes Trinkwasser zur Verfügung haben."

Dürre in Kenia: Ein Kind holt Wasser an einer reparierten Wasserstelle

Ein Kind holt Wasser an einer von UNICEF reparierten Wasserstelle in Turkana im Norden von Kenia. 
© UNICEFKenya/2017/Oloo

Jetzt ist Regenzeit in Kenia. Ist damit das Schlimmste vorbei?

"Nein, leider noch nicht. Wir befürchten, dass die Zahl der Kinder, die unter den Folgen der zweijährigen Dürre leiden, noch steigen wird. Und obwohl es in einigen Gebieten Regenfälle gegeben hat, waren sie bisher nicht ausreichend. Projektionen zufolge werden die Regenfälle weiterhin zu schwach bleiben und auch die nächste Ernte spärlich sein.

In einigen Orten haben der Regen und plötzlich gesunkene Temperaturen sogar dazu geführt, dass Zehntausende Tiere gestorben sind. In der Regenzeit können sich außerdem Krankheiten wie Cholera schneller ausbreiten. Familien, die in den letzten Monaten ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, werden noch einige Zeit unsere Hilfe brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen."

Dürre in Kenia: Eine Mutter läuft mit ihrem Kind an Tierkadavern vorbei

Eine Mutter in Nordkenia geht mit ihrem Kind an Tierkadavern vorbei. In Folge der schweren Dürre sind viele Tiere verendet, dadurch haben die Menschen ihre Lebensgrundlage verloren. 
© UNICEF/UN056305/Oloo

Das ist nicht die erste Dürre in Kenia und sicher auch nicht die letzte. Warum konnte diese Krise trotzdem nicht verhindert werden?

"Dürreperioden in den sogenannten ariden und semi-ariden Gebieten in Kenia, die 80 Prozent der Fläche ausmachen, sind normal und kehren jedes Jahr wieder. Aber diesmal gab es in zwei aufeinanderfolgenden Jahren fast keinen Regen, und Familien berichten uns, dass es die schlimmste Dürre seit vielen Jahren ist.

Viele von ihnen haben sich kaum von der letzten großen Dürre am Horn von Afrika 2011 und 2012 erholen können. Dadurch, dass Kenia weiterhin unter den Folgen des Klimawandels leiden wird, mit vermehrten Dürren und Überschwemmungen, müssen wir die Regierung dabei unterstützen, besser auf Krisen vorbereitet zu sein."

Dürre in Kenia: Philip Aemun mit Kindern des Turkana-Stamms im Dorf Ekengot

UNICEF-Mitarbeiter Philip Aemun mit Kindern des Turkana-Stamms im Dorf Ekengot, Nordkenia. 
© UNICEFKenya/2017/Oloo

Wie geht es jetzt weiter, was sind eure nächsten Schritte?

"Während unsere lebensrettende Unterstützung durch therapeutische Nahrung und die Reparatur von Wasserstellen weitergeht, sehen wir uns auch genau die anderen Folgen der Dürre auf Kinder an, vor allem auf Bildung. Durch eine Umfrage an Schulen per SMS sammeln wir zum Beispiel Informationen, wie viele Mädchen und Jungen und aus welchen Gründen der Schule fernbleiben.

Ein Erfolg unserer Lobby-Arbeit mit der Regierung ist, dass jetzt an Schulen in den Dürre-Gebieten eine warme Mahlzeit pro Tag an die Kinder ausgegeben wird. Solche einfachen Änderungen wie ein Schulessen können einen riesigen Unterschied machen.

Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Kinder in Kenia – und unser Ziel ist, jedem Kind die beste Starthilfe im Leben zu geben."

Werner Schultink, gebürtiger Niederländer, leitet seit einem Jahr das Büro von UNICEF Kenia. Davor war er Leiter der Ernährungsabteilung von UNICEF in New York. Schultink arbeitet seit 1999 für das UN-Kinderhilfswerk.

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