EINE REISE DURCH DEN SÜDEN DER DEMOKRATISCHEN REPUBLIK KONGO

7. Juni 2017 von Gabriel Vockel 0 Kommentare

Gabriel Vockel arbeitet als Kinderschutzexperte in Kinshasa, im UNICEF-Länderbüro der Demokratischen Republik Kongo (DRK). In unserem Blogbeitrag berichtet er von seiner Reise in den Süden des Landes – und von einer himmlischen Erkenntnis.

UNICEF-Mitarbeiter Gabriel Vockel mit Schulkindern im Kongo.

UNICEF-Mitarbeiter Gabriel inmitten von Kindern in Moba, Demokratische Republik Kongo.
© Gabriel Vockel

Die Straße war lang und starker Regenfall hat den staubigen Weg zwischen Lubumbashi und Pweto fast unbefahrbar gemacht. Wir sind unterwegs in Richtung des Mwerusees. Unser Geländewagen mit dem blauen UNICEF-Logo kommt auf matschigen Feldwegen immer wieder ins Rutschen. Wir überqueren Baumstämme, zerfallene Brücken und Flüsse.

Unser heutiges Ziel ist die Stadt Pweto im Südosten der Demokratischen Republik Kongo. Als wir nach vielen Stunden – unter Beobachtung schwer bewaffneter Soldaten – dort ankommen, sehe ich für einen kurzen Moment auf einer Wand im Stadtzentrum die Worte „Stars of God“ gemalt.

Das bunte Bild geht mir die nächsten Tage nicht mehr aus dem Kopf. Was sind wohl diese „Sterne Gottes“? Leuchten sie besonders hell? Haben sie eine besondere Kraft? Vielleicht finde ich sie irgendwo hier in der Provinz von Katanga? - grübele ich. Aber zum Nachdenken ist nun keine Zeit. Uns erwartet ein vollgepacktes Arbeitsprogramm.

Probleme und Herausforderungen in der Demokratischen Republik Kongo

Zusammen mit zwei kongolesischen Kollegen Willy und Linda besuchen wir eine ganze Reihe an Kinderschutzprogrammen sowie staatliche Partner in der Region. Als Manager im Büro der Hauptstadt in Kinshasa ist es wichtig, sich immer wieder die Realitäten des Landes vor Auge zu führen. Als erstes stehen ein lokales Gericht sowie ein Standesamt auf der Liste, in dem Kinder registriert werden.

Im Kongo ist es – wie in vielen afrikanischen Ländern – nicht selbstverständlich, dass jedes Kind eine Geburtsurkunde erhält. Nur 25 Prozent der Jungen und Mädchen sind offiziell registriert und nur etwa 14 Prozent erhalten ihre Geburtsurkunde überhaupt. Ohne ein offizielles Dokument sind jedoch häufig der Schulbesuch, die medizinische Versorgung oder soziale Unterstützung gefährdet oder werden ganz verwehrt.

Mein erster persönlicher Höhepunkt waren dann die Besuche in den Schulen in und um Pweto. Wir besuchen eine Schule, in der unter anderem ehemalige Kindersoldaten reintegriert werden, die im Krieg schwer traumatisiert wurden. Das Lernen ist für sie mehr als nur ein Recht auf Bildung.

Die Möglichkeit mit anderen Mädchen und Jungen zu lernen und zu spielen hat sich als eine der besten Methoden erwiesen, sie wieder in die lokale Gemeinschaft zurückzuführen, ihre Traumata zu überwältigen und ihnen einen anderen Lebensweg aufzuzeigen. Dutzende aufgeregte Mädchen und Jungen präsentierten uns stolz ihre blauen UNICEF-Schulhefte und strahlen über das ganze Gesicht, als sie uns sehen.

UNI.DT2016-51734

Gabriel Vockel zusammen mit seinen UNICEF-Kollegen Linda und Willy in einer Schule in Pweto. 
© UNICEF/UNI.DT2016-51734/Gabriel Vockel

Später geht es zu einer Werkstatt in der älteren Jugendlichen Hilfestellung für den Einstieg in den beruflichen Alltag geboten wird. Mit dem Erlernten bekommen sie die Chance, nachhaltig in die lokale Wirtschaft integriert zu werden und sie geben ihr Wissen auch an ihre Familien und ihr Dorf weiter.

Vor mir sehe ich die nächste Generation von Mechanikern, Schneidern und Bäckern. Hier zu Lande geht es weniger um die juristischen Feinheiten der UN-Kinderschutzkonvention, sondern vielmehr um praktische Lösungen.

Besonders fällt mir Papi auf, ein 15-jähriger Junge. Er ist bei weitem der Kleinste in der Gruppe und ragt kaum über den Tisch hinaus. Wie gebannt studiert er das Innere eines Motors – kein Wunder, dass er mir vom Lehrer als Klassenbester angepriesen wird.

Auf nach Moba!

Am nächsten Tag geht es für uns weiter in die Stadt Moba, nordöstlich direkt am Tanganjikasee gelegen, dem zweigrößten See des afrikanischen Kontinents. Auf dem Weg dorthin steht uns eine weitere 12-stündige abenteuerliche Route bevor – sofern es die Sterne gut mit uns meinen.

Unser Geländewagen frisst sich durch Morast und meterhohes Gras. Mehrmals müssen wir von unserem Begleitwagen mithilfe von schweren Stahlseilen und einer gehörigen Menge Pferdestärken aus dem Schlamm gezogen werden.

Während der Fahrt beobachte ich aus dem Auto heraus Frauen, die meist mit einem Kleinkind auf dem Rücken schwere Feldarbeiten erledigen, Kinder, die aus Plastiktüten einen Fußball basteln. Dabei spüre ich, wie sich neben der rhythmischen kongolesischen Musik im Auto langsam, aber sicher Rückenschmerzen ankündigen.

Kongo: Ein Geländewagen fährt durch ein Flussbett im Kongo.

Im Kongo misst man Entfernungen meist nicht in Kilometern, sondern in Stunden. Zügiges Vorankommen gestaltet sich mit eingestürzten Brücken und nicht asphaltierten Straßen vor allem in ländlichen Regionen meist schwierig.  
© Gabriel Vockel

Die schöne Szenerie ist leider oftmals auch trügerisch. Wir kommen an abgebrannten Hütten und verlassenen Häusern vorbei. Die Familien, die dort wohnten, sind so weit geflohen, wie ihre Füße sie tragen konnten. Die Region ist noch immer nicht sicher. Berüchtigte Minen mit Diamanten, Kobalt und weiterem wertvollen Rohstoffen befinden sich in unmittelbarer Nähe.

Der Abbau von Rohstoffen sorgt im Kongo bis heute für Bürgerkriege – viel zu viele Kinder schuften in gefährlichen Gruben. Straßen werden immer mehr zu abenteuerlichen Wegen - Gras ragt über das Dach des Autos hinaus und wir sind mitten im Nirgendwo – Sterne sind hier nicht mehr zu sehen.

Während der letzten Tage meiner Reise, wird mir immer bewusster wie sehr ich meine Kollegen Linda und Willy bewundere. Sie finden immer die passenden Worte für die lokalen Behörden, Eltern und Kinder. Sie sind mit Herz und Seele bei ihrer Arbeit, koordinieren komplexe Projekte die das Leben von Kindern verändern, schütteln Hände und lassen sich nicht entmutigen, egal welche Widerstände sich ihnen in den Weg stellen. Wenn UNICEF von seiner starken Präsenz seiner Länderbüros spricht, meinen wir genau diese Menschen hier vor Ort.

Gefunden: meine „Stars of God“

Ein weiterer langer Arbeitstag geht spät am Abend zu Ende. Noch einmal kommen mir die gemalten Worte „Stars of God“ in den Sinn. Auf dem Weg zum kleinen Hotel, betrachte ich still die aufziehenden Sterne. In den letzten Tagen haben wir hunderte, ja tausende Mädchen und Jungen gesehen.

In Schulen, auf Markplätzen, in Häusern, an den wir vorbeikamen. Wie konnte ich nur so lange dafür brauchen? All diese Kinder, deren Hände ich schüttelte und deren Lachen mich berührte – sie sind alle nichts anderes als leuchtende Sterne. Sterne, die den Weg in eine andere Zukunft weisen.

Sterne am Himmel – es sind meine „Stars of God“.

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