KINDERARBEIT: ZWEI SCHICKSALE IN BANGLADESCH
Mittwoch, 12. Juni 2019, 12:54 Uhr
von Claudia Berger | 6 Kommentare

ZUM WELTTAG GEGEN KINDERARBEIT AM 12. JUNI

Noch immer müssen weltweit etwa 152 Millionen Kinder arbeiten – oft unter ausbeuterischen Bedingungen. Die harte, körperliche Arbeit ist häufig der einzige Weg, die Familie zu ernähren.

» Die sieben wichtigsten Fragen und Antworten zur Kinderarbeit weltweit finden Sie in unserem Erklärstück.

Viele Eltern haben keine Wahl: Ihre Kinder müssen in Fabriken, Minen, auf Müllkippen oder Plantagen anstrengende und monotone Aufgaben bewältigen. Zum internationalen Tag gegen Kinderarbeit erzählen wir die Geschichten von Sumon und Mohamed aus Bangladesch.

Kinderarbeit in Bangladesch: Sumon an der Aluminiumfräse

Kinderarbeit ist in Bangladesch ein großes Problem: Sumon ist nicht mal 13 Jahre alt und arbeitet in einer Aluminiumfabrik.
© UNICEF/DT2019-62933/Claudia Berger

„Meinen Geburtstag habe ich noch nie gefeiert…“

Sumon (Name geändert) bewegt seinen ganzen Körper im stakkatoartigen Rhythmus der dröhnenden Maschine, als wäre er ein Teil von ihr. Barfuß bewegen sich seine Füße auf dem Boden, der mit scharfkantigen Aluminiumsplittern übersät ist.

Eine Glühbirne beleuchtet den fensterlosen Raum nur spärlich. Es ist laut, staubig und stickig. Seit vier Jahren schuftet der Junge in einer Aluminiumfabrik in Kamrangichar. Die Fabrik ist nicht registriert und damit einer der vielen inoffiziellen Betriebe in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka.

Sein genaues Alter weiß Sumon nicht. „Ich bin elf oder zwölf. Aber Geburtstag habe ich noch nie gefeiert“, erklärt er. Sein 15-jähriger Bruder Sabug arbeitet seit sechs Jahren in der Fabrik. Eines Tages nahm er Sumon mit und lernte ihn an.

Aus runden, flachen Aluminiumscheiben werden Töpfe hergestellt. Die kleinen Gefäße werden für 42 Cent auf den lokalen Märkten verkauft, die großen für einen Euro. 700 bis 1000 Töpfe in unterschiedlichen Größen werden hier jeden Tag produziert.

Sumons magerer Lohn für die Schufterei: Vier Cent in der Stunde. Seine Arbeit ist gefährlich. Aluminiumsplitter können die Augen verletzen, ein Moment der Unachtsamkeit und die Hände geraten in die Maschine.

Kinderarbeit in Bangladesch: Ein Junge muss seine Augen wegen der Aluminiumsplitter zukneifen.

Winzige Alusplitter fliegen in die ungeschützten Augen.
© UNICEF/DT2019-63114/Claudia Berger

Jeden Morgen um 6:20 Uhr steht Sumon auf, isst ein bisschen Reis zum Frühstück und legt den kurzen Weg von seinem Zuhause in die Fabrik zurück. Um 7 Uhr morgens startet sein Arbeitstag, der erst um 17 Uhr zu Ende ist. Mittags bekommt Sumon ein bisschen Geld von seinem Chef, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Meist nur Biskuits oder ein Stück Brot.

„Ich habe keine Träume mehr“

Sumons Hände und Gesicht glänzen silbern von der Arbeit mit dem Aluminium. „Wenn ich zu Hause bin, wasche ich mich erst einmal. Wenn die Farbe gar nicht abgeht, benutze ich eine leichte Säure.“ Was er sich für die Zukunft wünscht? „Ich habe keine Träume mehr“, sagt Sumon leise. „Ich bin doch noch nie zur Schule gegangen. Vielleicht wäre Fußball eine Möglichkeit?“, überlegt er zaghaft.

Nach der Arbeit geht Sumon nach Hause. Er bewohnt mit seinen Eltern und zwei Geschwistern ein winziges fensterloses Zimmer. Eine einfache Duschgelegenheit und eine Latrine teilen sich mehrere Hausbewohner auf dem Flur.

Eine kleine Chance für Träume und Kind sein

Im Dezember letzten Jahres wurde ein Kinderschutzzentrum eröffnet, ganz in der Nähe von Sumons Fabrik. Ein farbenfroher heller Raum, in dem bis zu sechzig Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren lernen, Musik hören, tanzen und ihre Freunde treffen können.

Auf dem Programm stehen Lesen, Schreiben, Rechnen und Landeskunde. In kleinen Unterrichtseinheiten können die Kinder in ihrem eigenen Tempo arbeiten. Das Zentrum ist ein Rückzugsort, an dem sich die Kinder geborgen fühlen und dem harten Alltag für ein paar Stunden entkommen.

Zudem sprechen die durch UNICEF speziell geschulten Mitarbeiter mit den Kindern und bieten ihnen psychologische Hilfe an. UNICEF und die Regierung stellen Schul- und Spielmaterial zur Verfügung. 

Frisch gewaschen und mit sauberer Kleidung kommt Sumon heute zum fünften Mal ins Zentrum. Sozialarbeiter haben den Fabrikbesitzer aufgesucht und ihn um Erlaubnis gebeten, dass auch Sumon für zwei Stunden am Tag das Zentrum besuchen darf. „Das ist der schwierigste Part“, erklärt der Sozialarbeiter Shahanaj Rahman Moni (40 Jahre).

„Die Fabrikbesitzer erlauben es häufig nicht, weil sie für zwei, drei Stunden auf eine Arbeitskraft verzichten müssen. Dann müssen wir mit ihnen verhandeln.“

Sumon macht mit großer Freude bei den Bewegungsspielen mit. Eine kleine Chance, einmal Kind zu sein. Eine kleine Chance für Träume.

Mohamed* in der Ziegelfabrik: Ein Leben zwischen Hitze und Staub

Fünf Schornsteinschlote ragen hoch in den Himmel. Auf einem großen Areal befindet sich eine Ziegelsteinfabrik. Seit einem Jahr ist dies der Arbeitsplatz des 14-jährigen Mohamed* (*Name geändert).

Steine müssen aus feuchtem Schlamm geformt und anschließend ein Stempel mit dem Firmennamen aufgedrückt werden. Drei Kilo wiegt jeder Stein im nassen Zustand. Die Steine müssen auf Karren gestapelt werden. Immer zu zweit werden die viel zu schweren vollbeladenen Karren gezogen und geschoben.

Rund 350 Kilo schiebt der 14-Jährige durch den Staub bis zur nächsten Station. Eine Mischung aus Hitze und Staub empfängt Mohamed in der Trockenkammer. Der Staub legt sich sofort auf Mund und Nase und verklebt die Augen. Keines der Kinder, die hier arbeiten, trägt einen Mundschutz.

In der Trockenkammer wirft Mohamed mit geübten Bewegungen immer drei Steine auf einmal dem nächsten Arbeiter zu, der sie auffängt und in die Höhe stapelt. Wenn die Steine schließlich getrocknet sind, werden sie bis zum Abtransport zwischengelagert. Ein immer gleicher, nie endender Kreislauf.

Mohameds größter Wunsch ist es, wieder zur Schule gehen. Bis zur dritten Klasse hat er es geschafft, dann musste er seinen Vater zur Arbeit in die Ziegelfabrik begleiten. Ganz in der Nähe der Fabrik liegt eine Schule. Jeden Tag muss er mit ansehen, wie die Schulkinder sich fröhlich auf den Weg dorthin machen. Nah und doch unerreichbar für den Jungen.

„Die Arbeit hier ist sehr gefährlich“, weiß Fatema Kyrunahar, die bei UNICEF Bangladesch für Kinderschutz zuständig ist. „Es gibt viele Krankheiten, die durch den Staub bedingt sind. Allergien, Atemwegserkrankungen und Augenverletzungen, Fieber und Knochenbrüche.“ Für den mageren Lohn von zehn Euro in der Woche setzt der Junge jeden Tag seine Gesundheit aufs Spiel.

Bangladesch zählt zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt – und zu den ärmsten. 44 Prozent der Haushalte in Bangladesch leben unterhalb der Armutsgrenze und haben weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Die Armut zwingt Eltern dazu, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken statt zur Schule. Ein Schicksal, das 1,7 Millionen Kinder betrifft. Bangladesch gehört damit zu den Ländern mit dem höchsten Anteil von Kinderarbeit weltweit.

KOMMENTARE

  • 30. Juni 2019 16:04 Uhr

    Was kann ich tun, um Kinderarbeit an Konsumgütern zu erkennen?
    Teuer heißtja nicht "keine Kinderarbeit".
    Mich haben die Berichte sehr berührt.
    Herzlichen Gruß
    Britta Dicht

  • 29. Juni 2019 00:38 Uhr

    In den Medien werden nur die Firmen, die die billige (für die Arbeiter/Arbeiterinnen und Kinder sehr teure, wegen der unmenschlichen Bedingungen) Kleidung verkaufen, an den Pranger gestellt. Kann man sicher sein, wenn man ein teures Kleidungsstück kauft, dass es nicht auch von den gleichen Menschen unter den gleichen unsäglichen Bedingungen produziert wird?
    Ich hatte das Glück, in der Schule nähen und stricken zu lernen. So habe ich immer schon einen Teil meiner Kleidung selbst hergestellt. Leider gibt es nur noch wenige Stoffläden und im Internet kenne ich auch nur ein Geschäft, das Stoffe aus Naturfasern herstellt. Unsere Kinder haben schon früh erfahren, dass sie mit ihrer Kleidung (in den 80ziger Jahren gab es in Holland viele Stoffläden, in denen ich gekauft habe) besondere Kleidungsstücke getragen haben, die bewundert wurden. (Die Jungen natürlich nur bis zum Ende der Grundschulzeit, unsere Tochter manchmal besondere Röcke später noch.) Ein Sohn erzählte immer, dass die Mädchen tatsächlich billige Kleidung kauften, diese letztlich nicht trügen. Eine Begründung dafür hatten sie selbst auch nicht.
    Seit ein paar Jahren tragen alle wieder Lederschuhe. Aber kann man sicher sein, dass da wo Spanien oder Italien auf den Schuhen steht, auch die Produktionstätten in Europa sind?
    Das Problem aber, das ich sehe, ist: selbst wenn die Kunden bewusster - also weniger - einkaufen, die Beschäftigten (eigentlich die "Hersteller") nicht mehr verdienen, denn warum sollten die Firmeninhaber auf den Gewinn verzichten. Eher wird ein Teil der Belegschaft entlassen, oder nicht?
    Es muss sowohl Käufern als auch bei den Produzenten ein Umdenken einsetzen.
    Es bleibt die Frage:
    Kann man sicher sein, wenn man ein teures Kleidungsstück kauft, dass es nicht auch von den gleichen Menschen unter den gleichen unsäglichen Bedingungen produziert wird?

    Liebe Grüße

    Esther Zeymer-Krämer

  • 28. Juni 2019 13:13 Uhr

    Hallo.

    Ich schrieb hier am 27. Juni 2019 10:57 Uhr und zeichnete ein düsteres Bild und endete meinen Kommentar mit: "Man kann nur auf so etwas wie einen gerechten Gott hoffen."

    Das möchte ich so nicht stehen lassen. Vor allem das "nur"
    ist verfehlt, denn jede/r kann etwas bzw. kann mehr tun, als auf einen gerechten Gott zu hoffen.
    Das einfachste und wirksamste ist, dass man die Augen offen hält beim Einkauf!
    Die Entscheider in Handel und Produktion müssen merken, dass der/die Konsument/in sich stark für die gesamte(!) Liefer- und Produktionskette interessiert und gebenenfalls die Produkte eben meidet.
    Besser ist ein Produkt (z.B. T-Shirt, Handy, Schokolade ,...) das ohne Ausbeutung von Mensch und Natur
    hergestellt wurde als drei davon "an denen aber Blut, Schweiß und Tränen kleben"!

    (Übermäßig) Geld und Besitz haben noch nie froh gemacht. Und heutzutage kommt mehr denn je noch dazu, dass
    das Streben nach Geld und Besitz dem Leben auf unserer Erde bereits schwerste Schäden zugefügt hat und an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
    Jeder Mensch sollte, ganz besonders hier in den westlichen Industrienationen, sich immer wieder klarmachen, dass materieller Besitz kaum froh macht wohingegen Glück und Zufriedenheit durch Nicht-Materielles entsteht.

    Bekämpfen Sie Kinderarbeit durch Ihre Kaufentscheidung, denn damit bekämpfen Sie die Ursache und spenden Sie an die Kinderhilfsorganisationen, damit diese gezielt die Not lindern können.
    Denn das wäre mal ein Fortschritt, wenn es diese traurige,
    uns beschämende Kinderarbeit weltweit überwunden würde.

    Viele Grüße,
    Stefan

  • 27. Juni 2019 10:59 Uhr

    Liebe Christa Willenbrock,

    danke für Ihre Frage.

    Patenschaften für einzelne Kinder bietet UNICEF nicht an, weil unser Ansatz ist, dass wir nachhaltig und in die Breite wirken wollen, so dass möglichst viele Kinder profitieren. Aber genau wie Sie schreiben, unterstützen wir zum Beispiel Programme, die es arbeitenden Kindern ermöglichen, trotzdem zur Schule zu gehen (siehe hier: https://www.unicef.de/informieren/projekte/asien-4300/bangladesch-19362/bildung/9888, ähnliche Programme gibt es auch in anderen Ländern).

    Andere Beispiele sind alternative Verdienstmöglichkeiten für Eltern oder finanzielle Unterstützung für arme Familien, damit sie auf die Einkünfte der Kinder nicht angewiesen sind. Teilweise ist diese Unterstützung an die Bedingung gekoppelt, dass die Kinder zur Schule gehen - um so den Armutskreislauf zu durchbrechen. Diese Programme sind sehr wirksam, auch wenn es insgesamt leider noch ein langer Weg ist.

    Viele Grüße,
    Ninja Charbonneau
    Pressesprecherin UNICEF Deutschland

  • 27. Juni 2019 10:57 Uhr

    Hallo Deutsches Komitee für UNICEF,
    Hallo Frau Berger,

    und Danke für die Information.
    Über u.a. GEPA und ElPuente, welche sich um "fairen Handel" bemühen, weiß ich seit über 30 Jahren von Kinderarbeit in materiell ärmeren Ländern.
    Frau Prof. Dr. E.Hartmann hat in ihrem Buch "Wieviele Sklaven halten Sie?" vor wenigen Jahren erneut klar aufgezeigt, wie stark die westlichen Industrienationen von ausbeuterischen
    Arbeitsverhältnissen materiell profitieren.
    Ich schätze jegliches Engament sehr, doch ich sehe es als Tropfen auf den sehr heißen Stein. Schauen Sie sich um!
    Die allermeisten Menschen möchten günstig kaufen und zwar möglich alles und viel davon und auch immer modern.
    Konsequenzen ihres Konsumverhaltens sind ihnen oft gar nicht klar oder werden erfolgreich verdrängt.
    Ich sehe nur die Chance, dass in den Schulen Kinder lernen, dass ihr (Konsum-) Verhalten, das "Gesicht der Welt" bestimmt.
    Aber glauben Sie mir: Wenn jemand kritisch ist und Schüler*innen vermitteln möchte, was sie mit ihrem Konsum fördern und unterstützen, dann wird so jemand nicht zum Unterrichten zugelassen!
    Die bittere Wahrheit ist: Kinderarbeit ist von deutlich mehr als 75% aller gewollt oder wird billigend und verharmlosend akzeptiert.
    Die Menschen sind gegenüber Gewalt ziemlich unempfindlich, sofern es sie selbst nicht direkt betrifft. Massentierhaltung ist für mich einer der Belege dafür.
    Um materiell nicht "zurückzufallen" können Menschen sehr
    ignorant (ja sogar brutal) werden!

    Wir brauchen Verbote von Handel mit Firmen/Ländern, die
    Kinderarbeit dulden.
    Dann brauchen wir brauchen Verbote von Handel mit Firmen/Ländern die Handel treiben mit Firmen/Ländern, die Kinderarbeit dulden.
    Aber das wird nicht kommen, wegen dem tief sitzenden Konkurrenzdenken.
    Die legitimierende Formel ist immer: Wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer.
    Sehr oft ist es doch so, dass jemand durch sein Konsumverhalten Kinderarbeit ermöglicht/fördert und dann aber als eine Art Ablass 10 Euro pro Monat spendet.

    Bedrückend langsam tut sich ein wenig. Gleichzeitig wird die Situation auf der Erde immer schwieriger durch z.B. die Klimakatastrophe.

    Man kann nur auf so etwas wie einen gerechten Gott hoffen.

    Danke für Ihr Engament.

    Viele Grüße,
    Stefan

KOMMENTAR SCHREIBEN

Herzlich Willkommen im UNICEF-Blog! Für ein faires Miteinander beachten Sie bitte die Verhaltensregeln.
Wir verarbeiten Ihre Daten mit Ihrer Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 f DSGVO, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
*Pflichtfeld