MOSKITONETZE VERTEILEN - ZWISCHEN ARMUT UND GEWALT

17. Juli 2014 von Rahel Vetsch 0 Kommentare

UNICEF-HILFE IN DER ZENTRALAFRIKANISCHEN REPUBLIK

440.000 imprägnierte Moskitonetze werden innerhalb von 14 Tagen in Bangui verteilt. Wie wird sichergestellt, dass jedes Kind künftig unter einem Netz schlafen kann? Was sind die Herausforderungen in einer Konfliktregion? Ich begleite meinen Kollegen Laurent für einige Stunden bei seiner Arbeit.

Malaria endet in der Zentralafrikanischen Republik noch viel zu oft tödlich. Es ist einer der Hauptgründe, weshalb alle 21 Minuten ein Kind an vermeidbaren Krankheiten stirbt. UNICEF verteilt deshalb zusammen mit dem Gesundheitsministerium und Partnerorganisationen imprägnierte Moskitonetze – kostenlos.

Zentralafrikanische: Republik: Moskitonetze auf Lastwagen

Ein Lastwagen liefert die Moskitonetze
© UNICEF/CAR/Tom

3.000 freiwillige, lokale Helferinnen und Helfer sind eingespannt. Bereits im September sind sie in ihrem Arrondissement von Tür zu Tür gegangen. Sie haben Namen und Familiengröße notiert und einen Gutschein mit Nummer und speziellem Kennzeichen abgegeben.

Die Verteilung hätte im Dezember 2013 erfolgen sollen. Aufgrund des Gewaltausbruchs musste sie aber verschoben werden. Über 600.000 Menschen flohen alleine in Bangui. Unter schwierigen Bedingungen wurden in den Monaten März und April über 134.000 imprägnierte Moskitonetze verteilt, um die dringendsten Bedürfnisse der Flüchtlinge in der eigenen Stadt zu decken.

Inzwischen sind viele in ihre Häuser zurückgekehrt, andere sind weitergezogen oder wohnen weiterhin in provisorischen Unterkünften in Kirchen, Moscheen oder auf öffentlichem Grund. Die Zählung wurde im Juni wiederholt. Aus Sicherheitsgründen müssen alle Abgabeorte für die Anwohner in kurzer Gehdistanz erreichbar sein. Eine logistische Herausforderung!

Lange Schlangen bei der Ausgabe der Moskitonetze

Unser erster Halt ist St. Saveur, ein relativ kleiner Ausgabeort für Moskitonetze. Die Leute stehen geduldig in einer Schlange und halten ihren Gutschein bereit. Die Ausgabe ist gut organisiert. 700 bis 1.000 Netze werden an diesem Tag verteilt. Nicht jede Person erhält ein eigenes Netz, dafür reicht die Menge nicht. Die meisten teilen ohnehin ein Bett. Im Radio und auf den Straßen wurde über den Nutzen und die richtige Anwendung informiert, und mit jedem Netz wird ein Informationsblatt abgegeben.

Zentralafrikanische Republik: Moskitonetze werden verteilt

Am Ausgabeort für Moskitonetze bilden sich lange Schlangen.
© UNICEF/CAR/Tom

Jedes einzelne Netz wird von den Helfern ausgepackt. Ein Zusatzaufwand – der sich aber auszahlen soll. Die Armut hier ist groß und jedes Zusatzeinkommen ist willkommen. So verkauften einige Familien nach der letzten staatlich organisierten Ausgabe vor drei Jahren ihre Moskitonetze. Diese Rechnung geht nicht auf, denn eine Malariaerkrankung eines Kindes bedeutet unter anderem Lohnausfall. Aus Fehlern lernt man: Nun werden die Netze ausgepackt und die Sensibilisierungsarbeit weiter verstärkt.

Laurent tauscht sich mit den Helfern aus und ich lerne Benbela kennen. 15-jährig, seit Ausbruch des Konfliktes Vollwaise. Sie wohnt um die Ecke, in einem provisorischen Zelt mit ihrer Pflegemutter und mindestens 30 anderen Personen. Angst und Hunger sind ihre täglichen Begleiter. Sie ist nicht die einzige. Jeder hier im Camp hat Hunger, jeder hat Sicherheitsbedenken, jeder hat Familienangehörige verloren. Immerhin vor Malaria ist sie geschützt, sie hat bereits im Frühjahr ein Netz erhalten. Das lästige Surren der Moskitos in der Nacht kann sie ignorieren.

Anspannung ist überall zu spüren: Gewalt statt Geduld

Wir fahren weiter, durch kleine Gassen und geschäftige Märkte, über holprige Straßen. In einer Schule sollen 12.000 Netze innerhalb zweier Tage verteilt werden. Es werden einige Tipps abgegeben, wie der große Ansturm besser geregelt werden kann. Kleine Veränderungen mit großer Wirkung.

Laurent erhält einen Anruf, es gibt Probleme in einem Quartier. Es stellt sich heraus, dass ein ehemaliger Militärangehöriger nicht warten wollte, bis er an der Reihe war. Er griff nach seinem Gürtel und schlug auf diejenigen ein, die ihn zurechtweisen wollten.

Statt Geduld wird Gewalt angewendet – Kleinigkeiten können in diesem angespannten Klima schnell gefährlich werden, die Gewaltbereitschaft ist hoch. Laurent informiert die afrikanische Friedenstruppe MISCA, welche herbeieilt. Sie können die dazu gestoßenen Kollegen beruhigen. Es werden weitere Freiwillige aufgeboten, um die Sicherheit zu verstärken.

Es bleibt nicht der einzige Zwischenfall, es wird sogar versucht, einen Helfer als Geisel zu nehmen. Vor allem Kleinkriminelle wollen die Moskitonetze stehlen und auf dem Markt verkaufen. Sämtliche Vorfälle können ohne weitere Probleme gelöst werden. Die Verluste bleiben weit unter den 10 zusätzlich eingerechneten Prozenten.

Zum Schluss die Geisterstadt – gezeichnet von Gewalt und Zerstörung

Beinahe 400.000 Netze wurden bereits verteilt, sechs Arrondissements konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Die Erfahrungen sind sehr wertvoll, denn zwei stehen noch bevor. Es werden die schwierigsten. Noch immer erscheint ein Teil des dritten und fünften Arrondissements wie eine Geisterstadt – gezeichnet von Gewalt und Zerstörung. Wut und Hass werden in Worte gefasst und an Häuser und Statuen gesprayt. Lange durfte diese Gegend nur mit einem gepanzerten Auto durchfahren werden, inzwischen trauen sich auch einige Taxifahrer wieder hierher.

Gespräche mit den bewaffneten Gruppen wurden aufgenommen, damit die Netze ohne größere Zwischenfälle verteilt werden können. Momentan sieht es gut aus. Ich drücke Laurent die Daumen, dass es so bleiben wird und in wenigen Tagen die erste universelle Moskitonetzverteilung in Bangui erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Basierend auf den Kenntnissen aus Bangui werden das Gesundheitsministerium zusammen mit Partnerorganisationen Moskitonetze in sämtlichen Städten und Dörfern Zentralafrikas verteilen. Eine weitere Sensibilisierungskampagne folgt in einem halben Jahr. Und in ein, zwei Jahren werden die Behandlungszahlen der Krankenhäuser ausgewertet. Erst dann wird sich der wirkliche Erfolg der Kampagne zeigen. In Theorie sind die Voraussetzungen dafür gut, in der Praxis steht aber ein schwieriges Jahr bevor.

In einem Land mit solch politischer Instabilität und Gewaltbereitschaft erscheint ein Mückenstich das kleinste aller Probleme zu sein. Bis zum Ausbruch der oft tödlich verlaufenden Krankheit Malaria.

Helfen auch Sie!

Unterstützen Sie unsere Hilfe in der Zentralafrikanischen Republik und schützen Sie die Kinder vor Gewalt und Krankheit - vielen Dank!

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31. Juli 2014: Helfen in der Krise: Eindrücke aus Bambari

28. Juli 2014: Hoffnung für die Kinder in Bossangoa

11. Juli 2014: Flüchtlinge in der eigenen Stadt

7. Juli 2014: Hilfe für die Flüchtlingskinder in der Zentralafrikanischen Republik

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