UND TROTZ ALLEM: EIN LÄCHELN
Freitag, 23. Dezember 2016, 12:27 Uhr
von Katharina Kesper | 0 Kommentare

Das UNICEF-Foto des Jahres 2016 zeigt die Widerstandskraft von Kindern

Das diesjährige UNICEF-Foto des Jahres hat der iranische Fotograf Arez Ghaderi gemacht. Das lächelnde Mädchen auf dem Siegerfoto steht inmitten eines Müllbergs irgendwo in der Khorasan Razavi-Provinz im Iran.

„Arez Ghaderi hat einen Moment des ,Trotzdem‘ eingefangen“, sagte die aus dem Iran stammende und in Deutschland aufgewachsene Schauspielerin Jasmin Tabatabai bei der Preisverleihung Ende Dezember in Berlin.

Im Interview in Berlin erzählt der Fotograf von seiner Leidenschaft zur Fotografie und wie wichtig ihm gesetzliche Identität und Bildung für Kinder sind.

Arez Ghaderi hat den ersten Platz beim UNICEF-Foto des Jahres 2016 gewonnen.

Arez Ghaderi ist der Gewinner des Fotowettbewerbs UNICEF-Foto des Jahres 2016.
© UNICEF/Julia Zimmermann

Arez, was bedeutet die Fotografie für Dich?

Für mich ist Fotografie etwas ganz besonderes. Hier kann ich ganze Geschichten, Gefühle und Momente in einzelnen Fotos erzählen. Den Schwerpunkt meiner Arbeit bilden für mich die humanitären, gesellschaftlichen und kinderrechtlichen Aspekte. Die Fotografie gibt mir dabei die Möglichkeit, Kindern eine Stimme zu verleihen. So hoffe ich, mit meinem Bilder auch langfristig und nachhaltig etwas bewirken zu können. Ein großes Danke geht im Übrigen an meine Schwester Shahla, sie hat mir damals etwas zum Kauf meiner ersten Kamera dazugegeben.

Wie ist das Siegerbild entstanden?

Eigentlich war ich auf dem Weg in den Nordwesten des Irans, um über die Safranproduktion dort zu recherchieren. Ich bin dann an einer Zeltstadt in der Nähe einer riesigen Müllhalde vorbeigekommen und sah, dass dort Familien mit ihren Kindern lebten. Ich hatte von Gemeinschaften, die mit bis zu 100 Familien am Rande der Khorasan Razavi-Provinz leben, schon einmal gehört.

Es war weniger mein fotografisches Interesse, sondern vor allem mein persönliches Mitgefühl für diese Belutschen-Familien aus der Grenzregion zu Pakistan und Afghanistan, was mich dazu veranlasste, meine Pläne zu ändern. Diese Familien, die sich hierher aufgemacht haben, sind auf der Suche nach neuen Chancen. Letztendlich leben sie im Unbekannten am Rande der Gesellschaft. Darüber wollte ich mehr erfahren.

Das diesjährige Gewinnerbild UNICEF-Foto des Jahres von dem Iraner Arez Ghaderi

Und trotz allem: ein Lächeln. Ein Augenblick wirklicher Freude. Es ist diese Widerstandskraft eines Mädchens auf einer Müllhalde im Iran, die das Bild des im Westen weithin unbekannten Fotografen Arez Ghaderi zu einem Symbolbild macht.
© Arez Ghaderi/freier Fotograf

Kannst du uns erzählen, was du über diese Nomaden-Familien erfahren hast?

Es sind iranische Roma, die eigentlich aus Pakistan oder Afghanistan stammen und im Iran nach Arbeit suchen. Sie haben in dieser Grenzregion ihre Zelte in der Peripherie iranischer Städte aufgeschlagen. Diese örtliche Unbeständigkeit, ihre gesellschaftliche Marginalisierung und Alltagsrassismen, denen sie ausgesetzt sind, sowie die Gleichgültigkeit von Verantwortlichen machen mich sehr traurig. Die fehlende Teilhabe, die fehlende gesetzliche Identität und die fehlende Schulbildung schaden diesem Volk erheblich.

Iran: Die Verteidigung des Lächelns | © Arez Ghaderi (freier Fotograf)

Der Iraner Arez Ghaderi hat eine provisorische Zeltstadt irgendwo in der Khorasan Razavi-Provinz besucht. Belutschen-Familien aus der Grenzregion zu Pakistan und Afghanistan haben sich hierher aufgemacht auf der Suche nach neuen Chancen.
© Arez Ghaderi (freier Fotograf)

Wie lange warst du in der Khorasan Razavi-Provinz und hast die Nomaden-Familien begleitet?

Insgesamt habe ich die Familien fünf Tage lang begleitet und ihren Alltag direkt mitbekommen. Schnell wurde mir klar, was so ein Leben für die Familien und insbesondere die Kinder bedeutet.

Viele der Kinder gehen betteln, machen unterbezahlte saisonale Arbeit oder prostituieren sich. Die älteren Kinder passen auf ihre jüngeren Geschwister auf, während die Eltern arbeiten gehen. Viele verlieren sich im Drogenkonsum.

Was wünscht du dir für diese Kinder?

Kinder sind das größte Kapital einer Gesellschaft. Solange keine strukturellen Schritte für die Weiterentwicklung der Kinder unternommen werden, werden wir weiterhin Zeuge, wie diese Entwicklung verkommt. Und das betrifft nicht nur den Iran.

Ich wünsche mir mehr gesellschaftliche Anerkennung, staatliche Unterstützung und schlicht ein besseres Leben für die Kinder und ihre Familien. Als Kurde wurde ich selbst als Kind vertrieben und habe meine Kindheit fernab meiner Heimat im irakischen Kurdistan verbracht. Beim Fotografieren dieser Arbeit empfand ich die tiefste Empathie.

Iran: Die Verteidigung des Lächelns | © Arez Ghaderi (freier Fotograf)

Arez Ghaderi begleitet fünf Tage lang die Nomaden-Familien. Was er festhält, zeigt Hoffnung darauf, dass selbst elende Lebensumstände die Vitalität von Kindern nicht restlos zu zerstören vermögen.
© Arez Ghaderi (freier Fotograf)

Was bedeutet die Auszeichnung UNICEF-Foto des Jahres 2016 für Dich?

Ich bin so stolz und glücklich – ich glaube, ich werde noch eine ganze Weile überwältigt sein. Mir war es ein Bedürfnis, diesen Kindern eine Stimme zu geben und sowohl die Verantwortlichen als auch die Bevölkerung auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Durch die Auszeichnung und die Zusammenarbeit mit UNICEF hoffe ich, mehr Menschen mit dieser Geschichte und mit meinen Bildern zu erreichen. Ich bin dankbar für diese Auszeichnung und die Menschen, die ich während der Preisverleihung kennenlernen durfte.

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