LIBANON: WIE PSYCHOSOZIALE HILFE HUSSEIN WIEDER HOFFEN LÄSST

26. Juli 2016 von Valeska Lamberti 0 Kommentare

Viele Flüchtlingskinder aus Syrien haben schlimme, teils traumatische Erfahrungen gemacht.

Sie erhalten zum Beispiel in den UNICEF Kinderfreundlichen Orten im Libanon „psychosoziale Hilfe“ – ein Begriff, den ich in der Vorbereitung der Reise oft gehört und auch viel darüber gelesen hatte, doch was er speziell im tagtäglichen Umgang mit geflüchteten Kindern bedeutet, war mir nicht klar. Zu sehen, was es für Kinder wie Hussein oder Tarin bedeutet, war ein Gänsehaut-Moment.

Libanon-Projektreise: Hier werden Kinderschutzthemen vermittelt

Auf spielerische Weise und mit selbstgemalten Bildern und Postern werden Kinderschutzthemen vermittelt. 
© UNICEF 2016/Valeska Lamberti

Psychosoziale Betreuung ist was genau?

Neben den klassischen Lernfächern wie Schreiben, Lesen, Mathematik, die die Kinder auf die Integration in das schulische System vorbereiten, umfasst das Angebot der “Kinderfreundlichen Orte“, die UNICEF weltweit in Krisensituationen als Schutzräume für Kinder einrichtet, auch „psychosoziale Betreuung“.

Was ist das eigentlich genau? Psych(o) kommt auf dem Griechischen und bedeutet Seele, sozial ist lateinischen Ursprungs und meint soviel wie „in Gemeinschaft, gesellig sein“. Was genau passiert dann bei „psychosozialer Betreuung“ in einem Kinderfreundlichen Ort (Englisch: „Child Friendly Space“)?

Wahrnehmen und Teilen in der Gruppe

Maria Assi ist die Leiterin des Kinderzentrums in Saadnayel, einer Siedlung für syrische Flüchtlinge im Libanon. Sie erklärt mir, dass das UNICEF Curriculum für die psychosoziale Arbeit rund 200 Themenfelder umfasst, die in 750 Unterrichtsstunden eingeteilt sind und in drei Zyklen durchlaufen werden. Konkrete Themenfelder sind beispielsweise der Umgang und die Verarbeitung von körperlicher Gewalt, verbalen Beschimpfungen, traumatischen Erlebnissen und Erschütterungen, aber auch Kinderschutz- und Gesundheitsthemen im Allgemeinen.

In kleinen Gruppen und mittels unterschiedlicher Methoden und Techniken lernen die Kinder, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und ihnen Ausdruck zu verleihen. Durch Sport, Musik, Interaktion, Gruppenübungen und ganz selten auch in Einzeltherapien.

Die UNICEF-Erfahrung in den Kinderzentren zeigt, dass die Kinder sich in den verschiedenen Gruppenübungen und Spielangeboten oft untereinander helfen, sich gegenseitig stärken, wieder Vertrauen zu ihrem Umfeld fassen und voneinander lernen - unter den fürsorglichen und geschulten Augen der Trainer, Lehrer und Aufsichtspersonen.

Libanon-Projektreise: In diesem Kreis lernen die Kinder ihre Gefühle wahrzunehmen und zu teilen

Die Kinder (zwischen 6 und 8 Jahren) stehen in einem Kreis und lernen Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer wahrzunehmen und zu teilen, indem sie sie durch eine körperliche Bewegung ausdrücken und weitergeben.
© UNICEF 2016/Valeska Lamberti

Willkommen im „Presseclub“

In einem der Zelte werde ich wie bei einer Pressekonferenz empfangen – ich befinde mich in der sogenannten „Thinking Zone“. Hier wird Raum für freies Denken und freie Kreativität geschaffen, die Kinder wählen selbst ihr Thema aus und auf welche Art sie es darstellen möchten – hier ist es ein „Presseclub“.

Libanon-Projektreise: Der Empfang für die Pressekonferenz in der "Thinking Zone"

Das Empfangskomitee im Pressezelt - ganz professionell und sehr selbstbewusst.
© UNICEF 2016/Valeska Lamberti

Stolz beschreiben die Kinder ihr Fotoprojekt: Jedes von ihnen bekam eine kleine Einwegkamera und die Aufgabe ein Foto zu machen, dass seine Gedanken ausdrückt. Ich muss zugeben, dass ich eine Gänsehaut bekomme, als Hussein und Tarin ihre Arbeiten vorstellen – so viel Kraft, Stolz und Entschlossenheit kombiniert mit Traurigkeit erfüllt den Raum.

Libanon-Projektreise: Hussein zeigt sein Ergebnis des Fotoprojekts

Hussein (13 Jahre) präsentiert sein „Leiter-Bild“.
© UNICEF 2016/Ramzi Haidar

Der 13-jährige Hussein erzählt: „Wir waren im Marilla Camp, sind auf das Gelände gegangen und haben unsere Kameras mitgenommen, um Fotos zu machen. Ich hab‘ ein Foto von einer Leiter gemacht, weil ich dachte, es ist eine Leiter der Hoffnung für mich. Denn wir waren in Krieg und Zerstörung, und Hoffnung ist wichtig für alle syrischen Kinder.“ Diesen Text hat er zu dem Foto geschrieben: „Mein Weg in den Himmel. Auf der Erde ist Krieg. Im Himmel ist Frieden. Auf der Erde gibt es Probleme für alle Kinder, im Himmel ist für alle Kinder Frieden. Auf der Erde sind unserer Familien auseinandergerissen. Im Himmel gibt es Sicherheit. Diese Leiter und diese Stufen sind für mich mein Weg in den Himmel. Mein Weg zu einer besseren Zukunft, zum Frieden auf Erden, damit wir Kinder sein können.“

Libanon-Projektreise: Tarin zeigt ihr Ergebnis vom Fotoprojekt, eine Satellitenschüssel.

Tarin (14 Jahre) zeigt ihre „Satellitenschüssel“.
© UNICEF 2016/Ramzi Haidar

Tarin (14 Jahre) hat eine Satellitenschüssel fotografiert und liest vor: „Ich hab in den vergangenen Tagen lange auf gute Nachrichten aus dem geliebten Syrien gewartet. Und darauf zu hören, dass die Probleme in Syrien in diesem Monat zu Ende gehen. Ich bete zu Gott, dass mein Land Syrien sicher sein wird. Weil ich zurückgehen und es Haus für Haus wieder aufbauen möchte. Und ich bete für all die syrischen Kinder, dass sie in Hoffnung und Frieden leben und ihre Träume erreichen können. Und ich hoffe, dass diese Satellitenschüssel mir diese guten Nachrichten vom Frieden bald übermitteln wird.“

Vom Bild zum Ton

Von draußen ertönen laute rhythmische Klänge, das Musik-Zelt ruft unüberhörbar. Gegenüber hat sich eine Gruppe Kinder versammelt, um einen Song vorzuführen. Das Zelt ist klein und schon mit den vielen musizierenden Kindern voll, doch wo kein Platz ist, rückt man eben einfach enger zusammen und lauscht.

Fatma und Rahaf stehen an den Mikrophonen, unterstützt werden sie von Backgroundsängern und -sängerinnen hinter ihnen, von links ertönt ein Keyboard, von rechts scheppern Tamburinklänge. Meine syrische UNICEF-Kollegin Razan übersetzt für mich einige Textpassagen: „Auch wenn ich jetzt in einem Zelt lebe, ich werde die Kraft haben, mein Land wieder aufzubauen“, „hört uns zu: wir bringen den Menschen wieder Frieden.“

Ich bin fasziniert von Fatmas und Rahafs Gestik und Mimik. Die Melodie und Dramaturgie des Liedes drücken sich stark in ihren Gesichtszügen und in ihren Handbewegungen aus. Ich habe keine arabischen Sprachkenntnisse, verstehe folglich den Songtext nicht. Doch aufgrund ihrer körperlichen Ausdrucksformen und Hingabe an die Musik kann ich Schmerz, Leid, Power und Willenskraft fühlen, die hier zum Ausdruck gebracht werden.

Das Musikzelt bildet den Abschluss meines Besuches des Kinderzentrums in Saadnayel. Ich habe sehr viele unterschiedliche Spiel- und Lernangebote gesehen, die Vielfalt und die Abwechslung sind wirklich enorm. Doch vor allem haben mich die vielen Kinderaugen berührt - traurig, fröhlich, verunsichert, selbstbewusst, scheu, offen, lachend, suchend, stumpf und leuchtend. Und vor allem eines: unendlich dankbar. Dankbar für die Hilfe und für die Möglichkeit, an einem sicheren Ort für ein paar Stunden am Tag Kind sein zu dürfen.

Sie können mithelfen! Unterzeichnen Sie jetzt den UNICEF-Appell – damit jedes Kind in Krisengebieten Schutz und Bildung erhält. Danke! 

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