LIBANON: KLEINES LAND MIT GROSSER AUFGABE
Freitag, 19. Februar 2016, 12:16 Uhr
von Claudia Berger | 0 Kommentare

Meine erste Reise in den Libanon. Das kleine Land mit nur 4,5 Millionen Einwohnern hat offiziell rund eine Million Flüchtlinge aus dem Kriegsland Syrien aufgenommen. Nach Angaben der Regierung kommen geschätzte weitere 900.000 dazu, die ohne Registrierung über die Grenze gekommen sind. Wie meistert ein Land eine solche gewaltige Aufgabe? Davon will ich mir vor Ort einen Eindruck verschaffen.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

© UNICEF/DT2015-39954/Ramzi Haidar

Meine erste Station: Eine Flüchtlingssiedlung im Bekaa-Tal, einer großen Hochebene in der Nähe der Grenze zu Syrien. Etwa zwanzig Prozent der Flüchtlinge leben in Zelt-Ansiedlungen, sogenannten ITS (Informal Tented Settlements). Die meisten dieser Siedlungen liegen hier im Bekaa-Tal. Mehr als 1.900 Siedlungen gibt es inzwischen.

Die Flüchtlinge müssen dem Besitzer des jeweiligen Landes eine monatliche Miete bezahlen. Aus Holzbrettern, Plastikplanen und sonstigem Baumaterial bauen sie sich dann ihre Unterkünfte. Durch den informellen Charakter sind die ITS sehr unsicher und für Hilfsprogramme schwerer erreichbar als offizielle Flüchtlingscamps, wie wir sie zum Beispiel aus Jordanien kennen.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

So sehen die notdürftigen Unterkünfte in den ITS aus. Im Sommer sehr heiß, im Winter bieten sie kaum Schutz vor Kälte und Schnee.
© Claudia Berger

Syrische Kinder im Libanon: Sackhüpfen für die Integration

Wie geht es syrischen Kindern und Jugendlichen in den Camps? Wie können sie sich im fremden Land einleben? Die libanesische NGO „LOST“ möchte das Kennenlernen erleichtern. Sie bringt syrische Flüchtlinge und Libanesen miteinander in Kontakt und hilft, Vorurteile abzubauen. Ich beobachte: Die ersten Begegnungen zwischen geflüchteten und einheimischen Jugendlichen sind unsicher, zurückhaltend. Keiner der Jugendlichen weiß so genau, wie er mit dem anderen umgehen soll.

Dafür hat LOST ein zwölfwöchiges Programm für libanesische und syrische Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren entwickelt. „Nur wenn wir es schaffen, die Kinder und Jugendlichen gemeinsam miteinander aufwachsen zu lassen, wird es so etwas wie Integration der syrischen Flüchtlinge im Libanon geben“, erklärt Assem Chreif, Leiter von LOST. „Sie lernen dabei, Konflikte zu lösen und Toleranz auszuüben. Aber auch Themen wie Hygiene und die Stärkung des Selbstvertrauens sind im Programm enthalten.“

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Beim Sackhüpfen lösen sich anfängliche Unsicherheiten schnell auf.
© UNICEF/DT2015-39824/Ramzi Haidar

Beim allerersten Kennenlernen stehen Eisbrecherspiele wie Sackhüpfen oder Blinde Kuh auf dem Programm. Nach anfänglichem Zögern und Gekicher machen bald alle Jugendlichen begeistert mit. Schnell haben sie erkannt, dass sie gemeinsame Interessen und Spaß an ähnlichen Dingen haben – Karaoke zum Beispiel steht bei allen hoch im Kurs. Die Resonanz ist positiv. Mahmoud aus dem Libanon hat bereits eine neue Erkenntnis gewonnen: „Die Syrer sind ja doch nicht alles Terroristen!“

Bildung heißt Hoffnung

Die nächsten Stationen meiner Reise führen mich in libanesische Klassenzimmer. Ein großes Problem ist, dass Kinder, die aus Syrien in den Libanon kommen, zunächst häufig keine Schule besuchen können. UNICEF unterstützt die Regierung nach Kräften dabei, alle syrischen Kinder in die staatlichen Schulen zu integrieren.

Damit möglichst viele syrische Kinder endlich wieder lernen können, organisieren die libanesischen Schulen den Unterricht in zwei Schichten. Auf diese Weise können im Bekaa-Tal rund 200.000 syrische Mädchen und Jungen zur Schule gehen und mit libanesischen Kindern Freundschaften schließen. Dies wurde auch durch Entwicklungsgelder aus Deutschland ermöglicht. Zugleich werden durch das Bildungsprogramm 190.000 verarmte libanesische Kinder unterstützt, denn auch sie können nun den Unterricht besuchen.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Damit syrische Schulkinder auch weiter etwas lernen können, werden sie gemeinsam mit libanesischen Kindern unterrichtet.
© UNICEF/DT2015-39901/Ramzi Haidar

Wie gut das System funktionieren kann, durfte ich dann auch erleben. Die Libanesin Jana Hedri und die Syrerin Hala, beide 11 Jahre alt, gehen gemeinsam in der Morgenschicht zum Unterricht und sind inzwischen beste Freundinnen geworden. Sie teilen ihren Schulblock und ihre Pausenbrote miteinander, lesen gemeinsam Geschichten und schreiben sich kleine Zettel, auf die sie rote Herzen malen.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Beste Freundinnen: Die Libanesin Jana Hedri und die Syrerin Hala, beide 11 Jahre alt, gehen gemeinsam zur Schule.
© UNICEF/DT2015-39904/Ramzi Haidar

Allerdings gibt es beim Unterricht im Schichtsystem auch eine Kehrseite: Für die Lehrer bedeutet das System eine hohe Belastung. „Meine Lehrer sind jeden Tag von 7-19 Uhr da. Viel Engagement bei geringem Einkommen“, erzählt Ihsan Ajaji, der Direktor der Bar Elias Schule im Bekaa-Tal. „Nach ein paar Jahren sind sie ausgebrannt.“

Häufig Realität: Arbeit statt Schule

Leider gehört es zur Realität vieler syrischer Flüchtlingskinder, dass sie arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Deshalb können viele nur unregelmäßig oder gar nicht zur Schule gehen. So geht es auch der dreizehnjährigen Rama, die in der Landwirtschaft arbeitet. „Ich kann nur am Unterricht teilnehmen, wenn ich keinen Knoblauch geliefert bekomme, den wir säubern und jede einzelne Zehe mit dem Messer unterteilen müssen“, erzählt sie. Eine harte Arbeit, bei der sie sich häufig mit dem Messer verletzt.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Rama, 13, muss in der Landwirtschaft aushelfen – dabei würde sie so gerne regelmäßig in die Schule gehen.
© UNICEF/DT2015-39925/Ramzi Haidar

„Meine Mama weint jeden Tag und ich würde ihr so gerne mehr helfen“, stottert Rama ganz leise. Und gleichzeitig würde sie doch so gerne in eine ganz normale Schule gehen, um später einmal selbst Lehrerin zu werden. „Vor dem Krieg wäre das gegangen, aber jetzt ist alles kaputt. Jetzt weiß keiner, was werden soll.“

Bunte Orte für Kinder

Aber es gibt auch schöne, farbenfrohe Dinge! Das erfahre ich auf meiner nächsten Station: In der Stadt Saadnayel, ebenfalls in der Bekaa-Ebene, hat die libanesische NGO „Beyond“ mit Unterstützung von UNICEF eine kinderfreundliche, sichere Zone eingerichtet. Sechs Tage in der Woche können Kinder aus den umliegenden Ansiedlungen hier in zwei Schichten an den angebotenen Programmen teilnehmen.

Eines dieser Center erreicht in der Regel acht bis neun Camps. Bisher gibt es 47 „Kinderfreundliche Zonen“ sowie zusätzlich ein mobiles Center – alle mit Hilfe von UNICEF finanziert. In den kinderfreundlichen Zonen können die Mädchen und Jungen spielen, sich ausruhen und wieder Kinder sein. Viele haben traumatische Erlebnisse hinter sich, daher gibt es in den Zonen auch psychosoziale Betreuungsangebote.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Einfach Kind sein: In der „Kinderfreundlichen Zone“ können die Kinder spielen, sich ausruhen – und hoffentlich ihre schlimmen Erlebnisse besser verarbeiten.
© UNICEF/DT2015-39928/Ramzi Haidar

Amira kann wieder laufen

Auch die siebenjährige Amira hat in einer kinderfreundlichen Zone Hilfe gefunden. Es ist noch nicht lange her, da saß Amira im Rollstuhl. Nach einer traumatischen Flucht aus der syrischen Stadt Homs rettete sich die Familie in die Bekaa-Ebene. Der Tod einiger Familienmitglieder hatte tiefe Spuren bei ihr hinterlassen, sie magerte ab, und irgendwann konnten ihre Beine sie nicht mehr tragen.

Inzwischen kann Amira wieder laufen und spielt begeistert auf der Bühne der Kinderschutzzone Theater. Sogar tanzen hat sie für sich entdeckt. Außerdem hat Amira viele neue Freunde kennengelernt: „Roquaya ist meine beste Freundin, mit der ich am liebsten ,Schule und Familie‘ spiele.“, berichtet sie schüchtern.

Libanon: kleines Land mit großer Aufgabe

Noch etwas schüchtern, aber wieder fröhlicher: In der Kinderfreundlichen Zone hat Amira aus Syrien ihre seelischen Wunden ein wenig heilen können.
© UNICEF/DT2015-39954/Ramzi Haidar

Die Begegnung mit Amira hat mir gezeigt: Selbst bei Kindern, die Schlimmes erlebt haben, gibt es Hoffnung auf Besserung – vorausgesetzt, man kümmert sich um sie. Doch insgesamt wird der Libanon auch weiterhin vor einer großen Aufgabe stehen. Es ist schon viel erreicht worden, zum Beispiel sind viele syrische Kinder in das Bildungssystem integriert worden und können wieder eine Schule besuchen. Aber auch das Bildungsprogramm ist und bleibt ein riesiger Kraftakt. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst viele Kinder in die Schule gehen und etwas lernen können. Denn sonst droht eine verlorene Generation – mit langfristigen Folgen für die ganze Region.

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