UNTERWEGS IN GAMBIA: BILDUNG MACHT STARK FÜR'S LEBEN
Mittwoch, 25. Mai 2016, 11:12 Uhr
von Lars Flottmann | 7 Kommentare

Mit einer Bildungsoffensive verbessert UNICEF den Zugang und besonders die Qualität der Bildung in ganz Gambia.

Während meiner Reise erlebe ich, welchen Wert Bildung für die Menschen in einem armen Land wie Gambia hat. Wer rechnen, lesen und schreiben kann, der kann auch seine Stimme erheben und sich im Alltag behaupten. Die Schüler, die ich an den von UNICEF unterstützten Schulen kennenlerne, zeigen ihre Begeisterung für Schule offen und sie haben Träume für ihre Zukunft.

Lars Flottmann mit Schülern der Old Jeshwang Grundschule .

Lars Flottmann mit Schülern der Old Jeshwang Grundschule
© UNICEF/DT2016-00820/Flottmann

Gambia – Kleines Land mit großen Herausforderungen

Gemeinsam mit meiner Kollegin Karina Hövener mache ich mich Anfang Februar auf die Reise nach Gambia, das kleinste Land auf dem afrikanischen Festland. Mit uns reisen UNICEF-Unterstützer aus Deutschland, die mit ihren Spenden unter anderem UNCIEF-Bildungsprojekte in Gambia ermöglicht haben. Drei Schulen besuchen wir während unserer Reise. Wir erleben dort Schulleiter, Lehrer sowie Mütter, die sich gemeinsam für die Kinder an ihren Schulen engagieren – und eine Bildungsoffensive von UNICEF, die Früchte trägt.

Gambia liegt in Westafrika und gehört zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt. Viele junge Menschen verlassen das Land, in der Hoffnung woanders eine bessere Perspektive zu finden. Frauen und Mädchen haben es besonders schwer. Sie werden traditionell früh aus der Schule genommen und verheiratet, ziehen die Kinder groß und müssen sehr hart für den Lebensunterhalt ihrer Familien arbeiten. Bildung ist ein wichtiger Schlüssel für mehr Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein in ihrem Leben.

Gambia: Die Schüler freuen sich über ihre neuen Klassenräume

Im ländlichen Kerr Jarga freuen sich die Schüler der Grundschule über ihre neuen Klassenräume.
© UNICEF/DT2016/DSC00746/Flottmann

„PIQSS“ – Die UNICEF Offensive für bessere Bildung

Generell ist das Bildungsniveau in Gambia sehr niedrig. Nur rund die Hälfte der Erwachsenen können Lesen und Schreiben, viele Mädchen dürfen die Schule nicht beenden. Im Bildungsbereich muss sich in Gambia also noch viel bewegen.

Die Grundschulen die wir besuchen sind Teil einer landesweiten Bildungsoffensive von UNICEF, die den Zugang und besonders die Qualität der Schulbildung langfristig verbessern möchte. Das Programm heißt „PIQSS“ und steht für „Programme for Improved Quality Standards in Schools“. Mit der Initiative für bessere Bildung in Gambia will UNICEF drei wichtige Ziele erreichen:

  • Verbesserung der Schulumgebung (Klassenräume, Möbel, Toiletten, Trinkwasser) und des Schulmanagements
  • Verbesserung der Lehr- und Lernqualität, durch Lehrerfortbildungen und anschaulichere Lernunterlagen
  • Verbesserung des Wohlbefindens der Schüler in Bezug auf Ernährungs- und medizinische Versorgungssituationen als auch durch Gewaltprävention.
Gambia: Kinder machen ersten Kontakt mit der Schule

Schon die Kleinsten im Alter von 3-6 Jahren werden an die Schule herangeführt.
© UNICEF/DT2016/185-P1010868/Hövener

Ein wesentlicher Aspekt, um eine gute Lernumgebung für Kinder zu schaffen, ist die Beteiligung der Dorfgemeinschaften. Außerdem werden Mütterclubs und School Management Comittees gegründet, die sich aus Lehrern, Eltern, Schülern und Dorfältesten zusammensetzen.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Programms ist zudem die frühkindliche Bildung. Diese Vorschulangebote richten sich an Kleinkinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Kleinkindern mit frühkindlicher Bildungsunterstützung fällt der Einstieg in die Grundschule nachweislich leichter. Gemeinsam mit der Regierung gliedert UNICEF Vorschulklassen an die Grundschulen an. Die Einschulungsraten für die Grundschulen, gerade in ländlichen Gebieten, entwickeln sich dementsprechend positiv.

Neue Klassenräume und Sanitäranlagen für die Grundschule in Kurawo

In der ländlich gelegenen Upper River Region besuchen wir die Dorfgrundschule in Kurawo. Dank Spenden aus Deutschland ist hier ein neues Schulgebäude und Sanitäranlagen entstanden. Der Schulleiter – Herr Danbale – erzählt uns, dass an seiner Schule 190 Kinder bis zur sechsten Klasse unterrichtet werden. Neben den drei neuen Klassenräumen wird noch in fünf weiteren Räumen unterrichtet.

An dieser Schule gibt es auch Vorschulklasse, die extrem gut besucht ist. 79 Kinder, davon 35 Jungen und 44 Mädchen, werden hier spielerisch an den Schulalltag herangeführt. Wie werden die Kinder hier unterrichtet? Wir dürfen an einer kleinen Unterrichtsstunde teilnehmen. Naturwissenschaften stehen auf dem Plan. Sehr anschaulich erklärt der Lehrer seinen Schülern welche Materialien magnetisch sind. Die Schüler dürfen selbst ausprobieren und halten verschiedene Materialen aneinander. Ein schönes Beispiel für interaktiven Unterricht, bei dem die Schülerinnen und Schüler mit einbezogen werden.

Mütter engagieren sich für ein besseres Leben ihrer Kinder

Wir interessieren uns besonders für den Mütterclub an der Kurawo Grundschule, der bereits seit sieben Jahren besteht. Durch den Mütterclub wird gewährleistet, dass die Interessen und Sorgen der Kinder an der Schule gehört werden. Die Mütter erzählen uns, dass sie einen kleinen Schulgarten angelegt haben, in dem sie Gemüse anpflanzen und anschließend auf dem Markt verkaufen. Damit unterstützen sie die Schulkantine oder kaufen Materialien für den Unterricht. Die Mütter erzählen uns, dass sie sich so sehr engagieren, weil sie damit in die Bildung ihrer Kinder investieren. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder einmal ein besseres Leben führen können, als es ihnen möglich ist.

Kleine Hygiene-Botschafter

Elf Schüler spielen ein Theaterstück für uns. Die Szene spielt im Hygieneunterricht ihrer Schule. Hier lernen sie wie wichtig es ist, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, das sie traditionell mit den Händen zu sich nehmen. Zuhause möchten die Kinder dem störrischen Familienvater diese guten Verhaltensweisen beibringen. Doch auch nach der Standpauke durch Kinder und seine Ehefrau bleibt der Herr des Hauses unbelehrbar. Eine scheinbar gut bekannte Alltagssituation, über die viele Kinder und Mütter herzlich lachen können. Der unbelehrbare Vater wird schließlich krank und besucht einen Heiler.

Gambia: Durch das Theater lernen die Schüler viel über Hygiene

© UNICEF/DT2016/DSC00755/Flottmann

Es ist schön zu sehen, dass Kinder einfache und wichtige Botschaften für ihre Gesundheit in ihre Familien tragen und so Veränderung herbeiführen können. Hygienethemen werden auch im Unterricht behandelt und die Kinder werden darin bestärkt als kleine Hygiene-Botschafter in ihre Familien zu gehen.

Bildung verändert den Alltag der Menschen in Gambia

Wie stark Bildung das Leben der Menschen beeinflussen kann, erleben wir in dem kleinen Dorf Sotuma Sambokai. Es liegt in der Upper River Region, oberhalb des Gambia Flusses. Hier lernen wir die Arbeit von Tostan kennen, einer langjährige Partnerorganisation von UNICEF. Tostan ist schwerpunktmäßig in Westafrika tätig, bietet Bildungskurse für Erwachsene an und setzt sich in Dorfgemeinschaften für Verhaltensänderungen hinsichtlich schädlicher Traditionen, wie zum Beispiel der Verheiratung minderjähriger Mädchen, ein.

Besonders in ländlichen Regionen, in denen das Bildungsniveau und die soziale Entwicklung unterdurchschnittlich niedrig sind, sind gefährliche Tradition für Kinder sehr stark verbreitet. Die Upper River Region gehört zu so einer Region. Deshalb konzentrieren sich UNICEF und Tostan in Gambia auf diese Region. Hier lassen die die größten Veränderungen bewirken.

Veränderung beginnt in den Köpfen der Menschen

In 145 Dorfgemeinden sind UNICEF und Tostan bereits mit dem sogenannten „Community Empowerment Programme“ (CEP) aktiv. Das Programm besteht im Wesentlichen aus einem Bildungskurs für Erwachsene. Hier lernen viele Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben, ihren eigenen Namen zu schreiben.

Gambia: Zum Unterricht versammeln sich bis zu 50 Frauen

© UNICEF/DT2016-1010666/Hövener

In den regelmäßigen Zusammenkünften wird auch über die Verheiratung von Minderjährigen, Gesundheit und Hygiene sowie die Grundrechte gesprochen. Welchen Unterschied die Treffen im Leben der jungen und älteren Frauen machen, erzählen uns einige der heute rund 50 anwesenden Frauen und (wenige) Männer.

Wir lernen Ummu Jawo kennen. Sie ist ungefähr Ende dreißig und berichtet uns, wie kleine Lernerfolge ihr tägliches Leben verändert haben. Stolz geht sie zur Tafel und löst konzentriert eine Rechenaufgabe: 3 Äpfel in einem Korb und 2 Äpfel in einem anderen Korb, ergeben insgesamt 5 Äpfel.Von den anderen Frauen erntet sie dafür großen Applaus.

Ummu schreibt im Unterricht ihren Namen auf eine Tafel.

© UNICEF/DT2016-42695/Karina Hövener

Anschließend erzählt sie uns folgendes: „Seit ich im Unterricht Schreiben und Rechnen gelernt habe, hat sich mein Leben verändert. Ich kann nicht nur auf dem Markt die Preise besser vergleichen, sondern ich bin auch in der Lage ein Handy zu bedienen. Das war mir vorher nicht möglich. Nun kann ich im Notfall im Krankenhaus anrufen oder einen Verwandten benachrichtigen. Ich kann meine Handy-Nummer und meinen Namen aufschreiben und lesen und darauf achten, dass beim Arzt auch wirklich meine Krankenakte auf dem Tisch liegt.“

Ummu steht stellvertretend für viele Frauen in Gambia

Ummus Worte berühren mich sehr, denn sie stehen stellvertretend für viele Frauen in Gambia und weltweit. Seit Tostan regelmäßig vor Ort ist und die Frauen ermutigt, aufklärt und fortbildet, hat sich in Ummus Dorf schon vieles verändert. Zum Beispiel besuchen mehr Kinder die Schule oder Müll wird nicht mehr in die Landschaft geworfen.

Bildung ist eine Investition in das Leben.

Ich danke unseren Spendern ganz herzlich dafür, dass Sie gemeinsam mit UNICEF jeden Tag neue Bildungschancen für die Menschen in Gambia und anderen Ländern möglich machen.

KOMMENTARE

  • anonym
    23. November 2018 08:48 Uhr

    Liebe Frau Harms,

    vielen Dank für Ihr Interesse. Die letzten Zahlen, die uns hierzu vorliegen, basieren auf einer Erhebung aus dem Jahr 2013. Demnach wiesen von 815.682 Kindern und Jugendlichen zwischen 2 und 17 Jahren 2.885 eine oder mehrere Formen von Behinderung auf (davon 54,2 Prozent Jungen und 45,8 Prozent Mädchen).

    UNICEF setzt sich in Gambia besonders für ihr Recht auf Bildung ein: Zum einen auf legislativer Ebene, zum anderen aber auch durch konkrete Hilfsmaßnahmen. So wird beispielsweise die Infrastruktur von Schulen verbessert und angepasst wird oder passende Lernmaterialien zur Verfügung gestellt. Es gibt außerdem ein Kinderparlament, das sich u.a. darum bemüht, die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung mehr in den Fokus zu stellen und ihre Versorgung und Förderung zu verbessern.

    Viele Grüße
    Wiebke Eckau
    UNICEF-Infoservice

  • anonym
    19. November 2018 20:53 Uhr

    Mich würde sehr interessieren wie die Lage der behinderten Kinder in Gambia ist.
    Wie hoch ist der Anteil der behinderten Kinder und erhalten diese spezielle Fördermaßnahmen?
    Ich frage dies, weil mir ein Gambianer erklärte, dass es in Gambia kaum behinderte Kinder gäbe, was ich mir allerdings nicht vorstellen kann.

  • anonym
    05. April 2017 19:04 Uhr

    Guten Tag.

    Ich habe eine Frage. Eine junge Frau, auch aus Gambia geflüchtet, hofft derzeit auf Asyl in Deutschland, macht sich allerdings auch keine Illusionen auf Anerkennung. Ich habe ihr versprochen zu versuchen, sie evtl. dort in Arbeit zu bringen. Es gibt ja dort auch deutsche Firmen, die investieren und Werkstätten bauen.
    Gäbe es über UNICEF eine Chance für die junge Frau, eine Beschäftigung in einem Ihrer Projekte zu finden? Eine Arbeit, die nicht nur kurzfristig ausgelegt ist und mit der sie ihren Lebensunterhalt und den ihrer Tochter bestreiten kann.

    Vielen Dank Ihnen und herzliche Grüsse
    Mechtild Zimmermann

  • anonym
    09. Dezember 2016 13:29 Uhr

    Liebe Frau Zinnecker,

    vielen Dank für Ihren interessierten Kommentar. Ihre Frage ist natürlich berechtigt und gleichzeitig nicht leicht zu beantworten.
    Im Bereich der frühkindlichen Bildung, Grundschulen und weiterführenden Schulen wurde die Bildungsqualität und die Schulumgebung für die Kinder in Gambia sehr stark verbessert. Es gehen vor allem mehr Mädchen als je zuvor zur Schule.
    Gleichzeitig haben wir erlebt, dass Jugendliche nach der Schule sehr schlechte Perspektiven auf Ausbildung, Studium oder einen Job haben. Gemeinsam mit Partnern versucht UNICEF beispielsweise Ausbildungsangebote zu schaffen. Dafür braucht es aber auch große strukturelle Veränderungen und Investitionen in Gambia. Die Perspektivlosigkeit wirkt sich natürlich auf die Jugendlichen aus und treibt sie letztendlich in die Flucht. Viele besitzen keine gute Vorbildung und haben die Schule vielleicht abgebrochen, um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern.
    Nach ihren individuellen Vorgeschichten und einer dramatischen Flucht kostet es die jungen Menschen natürlich viel Kraft, Mut und Vertrauen, um hier in Deutschland ihre Chance zu erkennen und zu ergreifen.
    Sicherlich muss die Motivation im Einzelfall mal mehr oder weniger geweckt und eingefordert werden. Für beide Seiten eine Herausforderung.
    Herzliche Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit Ihnen

    Lars Flottmann

  • anonym
    03. Dezember 2016 21:56 Uhr

    ich habe mit großem Interesse ihren Bericht gelesen und freue mich an der positiven Schilderung. Gleichzeitig fallen mir Erfahrungen ein mit männlichen Flüchtlingen aus diesem Land, die eher enttäuschend sind, was die Lust zum Erlernen der deutschen Sprache betrifft und vor allem auch das Fehlen von einem Willen, das anzunehmen, was angeboten wird bzw. angeboten werden kann an Kontakten.
    Wie denken Sie darüber: ist das alles im Lauf des Volljährigwerdens verloren gegangen oder haben die Flucht und die Erlebnisse dabei das alles zerstört?
    oder haben sich die Verhältnisse in Gambia in letzter Zeit zumindest im Vorschul - und Grundschulalter vorteilhaft verändert?

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