SÜDSUDAN: ENDLICH WIEDER EINE FAMILIE

17. November 2017 von Christian Schneider 0 Kommentare

Für mehrere Tage hat UNICEF-Geschäftsführer Christian Schneider unsere Kollegen im Südsudan begleitet und erzählt in dieser Blog-Serie von seinen Begegnungen und dem Nothilfeeinsatz für die Kinder an einem der härtesten Orte der Welt. Dort geht der mit gnadenloser Gewalt ausgetragene Konflikt ins fünfte Jahr.

„Bei meinem letzten Besuch vor drei Jahren dachte ich: Das ist die schlimmste vorstellbare Situation für Kinder und ihre Familien. Jetzt weiß ich: Es hört nicht auf, für Millionen Kinder.“

DIE KINDER IM ÜBERLEBENSLAND – TEIL 3

Peters* (*Name geändert) vielleicht wichtigste Reise im Leben beginnt mit kleinem Gepäck. Immer wieder nestelt der schmale Zehnjährige an seinem Rucksack herum, faltet Kleidungsstücke noch einmal auf, prüft seinen Proviant.

Kann ich wirklich nachfühlen, was dieser Flug mit einem Hubschrauber der UN-Mission im Südsudan für diesen Jungen bedeutet? Peter hat in seiner Kindheit mehr verkraften müssen als in ein erstes Lebensjahrzehnt passt. Viel mehr als ein Kind überhaupt erleben sollte.

Südsudan: Drei Kinder sitzen in einem Hubschrauber und werden bald ihre Familien wiedersehen

Durch die Gewalt von ihren Familien getrennt gewesen: Peter (links, Name geändert) und die beiden Mädchen werden heute ihre Familie wiedersehen.
© UNICEF South Sudan/2017/Ellie Kealey

Allein im Chaos der Flucht

„Explorer“, „Forscher“, steht in großen Buchstaben auf seinem T-Shirt. In zweieinhalb Stunden wird Peter seine Familie neu entdecken. Vater, Mutter, Bruder, Tanten warten im Schutzlager Bentiu auf ihn. Drei Jahre nach der verzweifelten Flucht aus ihrem Dorf ist der Sohn endlich, endlich auf dem Weg zurück zu ihnen.

Lange mussten sie ihn für tot halten, für eines der Tausenden Opfer jener grausamen Explosion der Gewalt, die 2013 begann. Während die Familie ihr Leben und nicht viel mehr in das Lager rettete, verschwand Peter in den Wirren der Flucht. Inmitten des Chaos war er allein und fand sich in einem Flugzeug wieder, das ihn in Sicherheit brachte, in die Hauptstadt Juba. Dort lebte er in einem Schutzlager der UN, zunächst bei einem Verwandten, der allerdings bald starb.

UNICEF im Südsudan

Hier erhalten Sie weitere Informationen sowie alles Wissenswerte dazu, wie UNICEF dank Ihrer Spenden für den Südsudan vor Ort hilft.

5.100 Kinder wieder zurück in der Familie

Seitdem war Peter ein „unbegleiteter Minderjähriger“. Und mit dem heutigen Tag ist er eines von gut 5.100 Kindern, die UNICEF in enger Zusammenarbeit mit seinen Partnerorganisationen wieder mit den Eltern oder, wenn Vater und Mutter ums Leben kamen, Verwandten zusammenführen konnte.

Etwa 16.000 Jungen und Mädchen teilen dieses Schicksal mit Peter. 16.000 furchtbare Momente, in denen Familien in Todesangst auseinandergerissen wurden. 16.000 Kinderschicksale, die unsere Kinderschutzkolleginnen besonders anspornen. Um dann hoffentlich einen Moment wie diesen erleben zu dürfen: Schüchtern, mit hoch gezogenen Schultern, steht Peter zwischen den Wellblechhütten des riesigen Lagers von Bentiu. Die Frauen stimmen Gesänge an. Sie tanzen gemeinsam mit ihm auf einen kleinen Platz zu, segnen den Jungen und seine Begleiter mit in Wasser getränkten Zweigen.

Südsudan: Innige Umarmungen bei der Zusammenführung einer Familie

Emotionale Momente: Wiedersehen nach langer Zeit der Unsicherheit und des Bangens. UNICEF bringt Kinder wieder mit ihren Familien zusammen, die durch Gewalt und Flucht getrennt wurden.  
© UNICEF South Sudan/2017/Ellie Kealey

Und dann ist Peter plötzlich wieder bei seiner Mutter und seinem Vater, nach mehr als drei langen Jahren Kindheit ohne Eltern. Sie umarmen ihren Sohn, vorsichtig, fast ohne Worte. Es ist gut, dass die singenden Frauen mit ihrem Gesang dem bangen Moment die Schwere nehmen. In ihrer Freude darüber, dass er zurück ist, darüber, dass er lebt, wollen sie ihn immer wieder berühren.

Der hagere Vater hält sich den Kopf: „Wir konnten es erst gar nicht glauben, dass er lebt, dass man ihn gefunden hat. Wir sind so froh“, versucht er in Worte zu fassen, was kaum zu beschreiben ist.

Die Rückkehr der Kindersoldaten

Was für ein Moment der Freude, was für eine Stunde des Friedens im Schutzlager Bentiu, während an anderen Orten dieses vom Krieg so furchtbar geschundenen Landes genau jetzt Kinder verstümmelt oder getötet werden, während in den Reihen der Konfliktparteien insgesamt 19.000 Jungen und Mädchen vielleicht gerade jetzt in den Kampf ziehen. Viele von ihnen werden gezwungen, unbewaffnete Menschen zu erschießen, Dörfer niederzubrennen.

Auf dem Weg in eine neue Siedlung außerhalb des Schutzlagers von Bentiu fahren wir in diesem Moment an Viehhirten vorbei, die ihre Rinder mit Stöcken über eine Brücke dirigieren. Über der Schulter jedes der jungen Männer hängt eine Kalaschnikow.

Ich erinnere mich an meinen Besuch im Südsudan kurz vor der Gründung des neuen Staates. Das UNICEF-Team war seinerzeit guten Mutes, endlich die letzten rekrutierten Kinder frei zu bekommen, nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges, in dem so viele Kinder kämpfen mussten.

Mühsam geschaffene Momente von Kindheit

Heute, sieben Jahre später, muss unser UNICEF-Team leider wieder mit aller Kraft versuchen, zwischen all den Waffen, der Gewalt, der Angst unbeschwerte Momente von Kindheit zu schaffen. Im Schutzlager Bentiu, aber auch mobil in neu entstehenden Siedlungen außerhalb, richtet UNICEF kinderfreundliche Orte ein, Spielangebote mit geschulten Betreuern.

Auf einer Lichtung in der Siedlung Kochthley tanzen zig Kinder und Jugendliche zu den Trommeln, andere sind mit Sportspielen beschäftigt. „500 Kinder nutzen allein hier jeden Tag das Angebot, zwei Stunden zu spielen und zusammen zu sein“, sagt die UNICEF-Kinderschutzexpertin Soraya. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen baut sie ein Netzwerk auf, in dem Kinder auch in diesen extremen Situationen der Flucht unbeschwerte, geschützte Zeit erleben.

Südsudan: Die Kinder tanzen und singen in einem Child Friendly Space

Den Schrecken vergessen: In den kinderfreundlichen Orten von UNICEF finden die traumatisierten Kinder ein Stück Sicherheit und Ablenkung. 
© UNICEF South Sudan/2017/Ellie Kealey

Gleichzeitig sorgen sich geschulte Mitarbeiter um Kinder und Jugendliche, denen die erlebte Gewalt so zugesetzt hat, dass sie weiterführende Hilfe brauchen. Mobile Teams suchen Hütten auf, um Familien in besonderer Notlage zu identifizieren und Hilfe anzubieten. „Spiele, Malen, Gesang oder Tanz sind für die Kinder auch Wege, um ihre Gefühle auszudrücken“, erklärt Soraya. „Die meisten Kinder haben trotz der schrecklichen Erlebnisse, die fast alle haben, eine enorme Kraft, weiterzuleben. Unsere kinderfreundlichen Angebote helfen ihnen dabei. Und sie ermöglichen uns auch, die Familien und die Kinder zu erreichen, die spezialisierte Hilfe brauchen.“

Tausende Menschenrechtsverletzungen an Kindern

Deren Zahl nimmt weiter zu, während ich mit Soraya spreche. An jedem Tag werden weitere Kinder in letzter Minute ihre Häuser und Hütten verlassen und um ihr Leben laufen. In jeder Stunde werden Jungen und Mädchen Opfer unglaublicher Gewalt, wird die Liste der schon heute über 3500 dokumentierten schweren Menschenrechtsverletzungen an Kindern immer länger und länger.

Südsudan: Christian Schneider mit Kindern in einem Child Friendly Space

"Diese Kinder heute zu sehen, dass ist, wofür wir unsere Arbeit machen", sagt ein UNICEF-Kollege zu Christian Schneider beim Besuch des "Child Friendly Space"  
© UNICEF South Sudan/2017/Ellie Kealey

Die einfachen Spielangebote, die Notschulen, die Hilfe für traumatisierte Kinder – all das müsste dringend viel mehr Jungen und Mädchen erreichen, eigentlich all die Kinder, die noch irgendwo im Südsudan oder in den Nachbarländern auf der Flucht sind. Aber ausgerechnet für diese wichtige Kinderschutzarbeit fehlt dem UNICEF-Team dringend Geld. Für das kommende Jahr gibt es trotz viel Unterstützung von Regierungen und zahlreichen privaten Spendern bislang noch kaum Zusagen. Die Geschichte des kleinen Peter ist der dringendste Hilferuf, den ich mir vorstellen kann.

„Das ist es, wofür wir arbeiten“

Für Soraya, Mahimbo, Angela und das ganze UNICEF-Team gehören Tage wie dieser, an denen sie eine Familie endlich wieder zusammenbringen können, zu den Momenten, die ihnen selbst neue Kraft geben. Mustafa, unser UNICEF-Leiter in Bentiu, sagt zum Abschied aus dem Schutzlager, in dem so viele Menschen gestrandet sind:

„Das ist es, wofür wir arbeiten. Das große Ganze kann ziemlich hart aussehen. Und es ist schwer, alle Hindernisse zu überwinden, um die Hilfsgüter hierher zu bekommen. Aber diese Kinder heute zu sehen, das ist, wofür wir unsere Arbeit machen.“  

SERIE: DIE KINDER IM ÜBERLEBENSLAND

Lesen Sie alle Artikel von Christian Schneiders Reise in den Südsudan.

» Teil 1: Mindestens weiterleben
» Teil 2: Zum Krieg gehört der Hunger
» Teil 3: Endlich wieder eine Familie

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