WELTFLÜCHTLINGSTAG 2017: FLÜCHTLINGSMÄDCHEN WIRD UNICEF-BOTSCHAFTERIN

19. Juni 2017 von Jenifer Stolz 0 Kommentare

Der heutige Aktionstag der Vereinten Nationen erinnert an die derzeit mehr als 65,6 Millionen Flüchtlinge – unter ihnen auch 28 Millionen Kinder. Muzoon Almellehan kennt ihr Schicksal, denn 2013 flüchtete sie mit ihrer Familie aus Syrien. Im Flüchtlingslager in Jordanien begann ihr Einsatz für Bildung als grundlegendes Recht für Kinder in Krisensituationen. Anlässlich des Weltflüchtlingstages wurde Muzoon nun in New York zur UNICEF-Botschafterin ernannt.

Wer ist die 19-Jährige und was ist ihr wichtig?

UNICEF-Botschafterin: Muzoon vor einer Tafel in der Yakoua Schule

Muzoon in einem Klassenzimmer der Yakoua Schule in Bol, Tschad, 2017.
© UNICEF/UN060498/Sokhin

Mit einem Koffer voller Bücher auf der Flucht

Als die Bombardierung ihrer Heimatstadt Daraa im Südwesten Syriens beginnt, ist Muzoon 14 Jahre alt und in der 9. Klasse. Im Februar 2013 beschließen ihre Eltern gemeinsam mit ihr und den drei jüngeren Geschwistern aus Syrien zu fliehen.

„Ich hatte damals sehr große Angst, mein geliebtes Zuhause zu verlassen“, erinnert sich Muzoon.

Ihre Flucht führt die Familie nach Za’atari, in das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt, das im Norden Jordaniens liegt und mittlerweile über 80.000 Bewohner hat. Nach der Ankunft im Lager stellt Muzoons Vater mit Erstaunen fest, warum Muzoons Koffer so schwer war: Obwohl Rakan seine Tochter gebeten hatte, für die Flucht nur das Nötigste einzupacken, hatte sie ihren Koffer mit dutzenden Büchern vollgestopft.

„Schon als Kind wusste ich, dass Bildung der Schlüssel für meine Zukunft war. Deshalb waren meine Bücher auch das einzige, was ich mitnahm, als wir aus Syrien flohen,“ sagt Muzoon.

Ein neues Zuhause

18 Monate lebt Muzoon zusammen mit ihrer Familie in Za’atari. Gerade als sie sich in die dortige Schule eingelebt hat, müssen sie und ihre Angehörigen das Lager verlassen und in das Flüchtlingslager Azraq, etwa 70 Kilometer östlich der jordanischen Hauptstadt Amman, umziehen. Hier lernt Muzoon die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai kennen.

Malala ist es auch, die Muzoon Ende 2015 voller Freude in Großbritannien willkommen heißt: Denn hier – ausgerechnet im Heimatland Shakespeares, dessen Werke Muzoon in der Schule Vers für Vers studiert hat – finden sie und ihre Familie nach fast drei Jahren in Flüchtlingslagern endlich ein neues und richtiges Zuhause.

UNICEF-Botschafterin: Muzoon sitzt in einem Klassenzimmer im Flüchtlingslager

Malala (Zweite von links) und Muzoon (Dritte von links) im Flüchtlingslager Za’atari, Jordanien 2014 
© UNICEF/UNI158223/El Ouerchefani

„Wissen macht uns stärker“

Malala und Muzoon, die mittlerweile enge Freunde sind, verbindet vor allem ihr Einsatz für die Rechte von Kindern. Muzoons Engagement beginnt bereits in Za’atari. Im Rahmen der von UNICEF unterstützten Kampagne „Back to school“ setzt sie sich im August 2013 dafür ein, dass vor allem mehr Mädchen die Möglichkeit haben, die Schule zu besuchen. Dafür geht sie im Flüchtlingslager von Zelt zu Zelt, um mit den Eltern zu sprechen, die ihre Kinder früh verheiraten oder zur Arbeit schicken wollten.

UNICEF-Botschafterin: Muzoon spricht vor einer Klasse in N'Djamena

Muzoon spricht in N’Djamena, Tschad, zu Schülerinnen des King Faysal College über die Bedeutung von Bildung. 
© UNICEF/UN060702/Sokhin

Zuletzt reiste sie im April für UNICEF in den Tschad. In ein Land, in dem jedes zweite Kind nicht zur Schule gehen kann. Das Ziel ihrer Reise war es, die Mitarbeiter von UNICEF vor Ort in ihren Bemühungen zu unterstützen, allen Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Während ihrer Reise traf Muzoon Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben lesen und schreiben lernten, aber auch ein junges Mädchen, das mit 13 Jahren von der Terrormiliz Boko Haram aus ihrer Schule in Nigeria entführt und drei Jahre lang unter Drogen gesetzt, ausgebeutet und missbraucht wurde.

UNICEF-Botschafterin: Muzoon führt im Tschad Gespräche mit anderen Kindern

Muzoon im Gespräch mit Hassima (Name geändert), die mit 13 Jahren von der Terrormiliz Boko Hartam entführt wurde, Tschad.
© UNICEF/UN060284/Sokhin

Die Begegnungen mit diesen Kindern haben Muzoon tief bewegt und sie in ihrem Einsatz bestärkt: „Konflikte und Kriege können Dir Deine Freunde nehmen, Deine Familie, Deine Grundlagen zum Leben, Dein Zuhause. Aber sie können Dir nicht Dein Wissen nehmen. Die Gespräche mit den Kindern, die vor Boko Haram in den Tschad geflohen sind, haben mich an meine eigenen Erlebnisse in Syrien erinnert. Bildung hat mir die Kraft gegeben, nicht aufzugeben. Ohne Bildung hätte ich es nicht so weit geschafft.“

Glaubwürdige und mächtige Stimme im Einsatz für Kinderrechte

Mit der Ernennung zur internationalen Botschafterin zeichnet UNICEF Muzoon als glaubwürdige und mächtige Stimme im Einsatz für das Recht auf Bildung von Kindern in Krisensituationen aus.

Mit 19 Jahren ist Muzoon die jüngste UNICEF-Botschafterin und tritt mit ihrem Amt in die Fußstapfen einer Vielzahl von bekannten Persönlichkeiten – angefangen mit Audrey Hepburn –, die selbst als Kind durch UNICEF unterstützt wurden. Gleichzeitig ist Muzoon erstmals in der Geschichte von UNICEF eine Botschafterin mit offiziellem Flüchtlingsstatus.

UNICEF-Botschafterin: Muzoon hält einen Vortrag vor Studenten

Muzoon berichtet Studenten an der King Faysal University im Tschad von ihrem Leben.
© UNICEF/UN060769/Sokhin

Die Ernennung zur UNICEF-Botschafterin ist für Muzoon eine große Ehre und zugleich eine wichtige Aufgabe: „Im Flüchtlingslager habe ich gesehen, was passiert, wenn Kinder gezwungen werden zu heiraten oder zu arbeiten. Sie verpassen dadurch die Möglichkeit einer guten Schulbildung und damit all ihre Chancen für eine gute Zukunft. Deshalb bin ich stolz mit UNICEF zu arbeiten und dabei zu helfen, diesen Kindern eine Stimme zu geben und es ihnen zu ermöglichen, zur Schule zu gehen.“

Einer ihrer ersten Einsätze als Botschafterin des UN-Kinderhilfswerks führt Muzoon im Juli nach Hamburg. Hier wird sie im Vorfeld des G20-Gipfels gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Demi Lovato beim Global Citizen Festival zu vielen Jugendlichen sprechen:

„Ich möchte alle Kinder und Jugendlichen – vor allem die Mädchen und Jungen, die in den Krisenregionen dieser Welt leben – dazu ermutigen, nicht ihre Hoffnungen und Träume aufzugeben. Ich möchte ihnen sagen, dass sie alles dafür tun sollen, zur Schule zu gehen und zu lernen. Denn ihre Ausbildung ist der Grundstein für ihre Zukunft. Ich möchte allen Kindern und Jugendlichen sagen:

Hört nie auf zu lernen und hört nie auf zu träumen. Verliert niemals Eure Hoffnung!

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