Statement
KINDER STÄRKEN IM KAMPF GEGEN COVID-19
Köln
Mittwoch, 15. April 2020, 14:34 Uhr

STATEMENT VON GEORG GRAF WALDERSEE, VORSITZENDER UNICEF DEUTSCHLAND, ANLÄSSLICH DER BERATUNGEN ÜBER DIE FORTDAUER DER BESCHRÄNKUNGEN ZUR EINDÄMMUNG DER COVID-19-PANDEMIE IN DEUTSCHLAND

„Im Kampf gegen Covid-19 ist der Schutz der Gesundheit der Gesamtbevölkerung das vorrangige Ziel. Bei den jetzt anstehenden Entscheidungen über die Fortdauer getroffener Maßnahmen und nächste Schritte sollten das Wohl und die Rechte der Kinder und Jugendlichen im Land besonders beachtet werden“, so Georg Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. „Die Corona-Pandemie hat schon jetzt neben gesundheitlichen, auch massive soziale und wirtschaftliche Folgen. Die politischen Maßnahmen, die nun beschlossen werden, müssen die Kinder und ihre Familien in den Blick nehmen, die durch die Krise besonders benachteiligt oder beeinträchtigt sind. Das gilt vor allem für Kinder, die zuhause kaum Möglichkeiten haben, den schulischen Lernstoff zu bearbeiten oder deren soziale Situation sich durch Einkommenseinbußen der Eltern noch verschärft hat.“

UNICEF Deutschland appelliert deshalb an Bund und Länder, in ihren Entscheidungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie die Auswirkungen auf die Situation von Kindern und Jugendlichen systematisch einzubeziehen und dabei auch deren Perspektiven wahrzunehmen. „Wir hören zwar, was Schülerinnen und Schüler über die Verschiebung ihrer Abschlussprüfungen denken und wie sie mit dem Zuhausebleiben zurechtkommen. Aber die Berücksichtigung der Kinderrechte in dieser für alle völlig neuen und überwältigenden Situation verlangt weitaus mehr, nämlich eine Hinwendung zu den immensen Herausforderungen für die Kinder in ohnehin schon benachteiligten Familien“, so Graf Waldersee. Für UNICEF Deutschland sind dabei zum heutigen Tage die folgenden fünf Punkte besonders wichtig:

Zugang zu Kinderbetreuung, Bildung und Ausbildung:

Durch die Schließung von Schulen wird noch deutlicher, wie abhängig der Lernerfolg vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland von Bildungsstand und Engagement der Eltern sowie von räumlichen und technischen Gegebenheiten ist. Unter den derzeitigen Umständen besteht die Gefahr, dass insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche vom Lernstoff abgehängt werden. Die Folge können ansteigende Schulabbruchquoten, eine wachsende Ungleichheit des Kenntnisstands in den Klassenverbänden, aber auch soziale Isolation sein.

Schulen sind nicht nur ein Ort der fachlichen Wissensvermittlung und des Erwerbs formaler Abschlüsse, sondern auch des gesellschaftlichen Miteinanders, des Austauschs und der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen. Dies gilt in besonderer Weise für Kindergärten und Kindertagesstätten.

Deshalb sollten von den Bundesländern alle Anstrengungen unternommen werden, die Kinderbetreuung und Schulen je nach Einschätzung der gesundheitlichen Risiken so weit zu öffnen, dass, begleitet von strikten hygienischen Maßnahmen, Kinder nach und nach wieder in Kontakt mit Gleichaltrigen, mit Erzieherinnen und Erziehern sowie mit Lehrerinnen und Lehrern kommen.

Schutz vor Gewalt: 

Es ist nachgewiesen, dass die häusliche und auch sexuelle Gewalt in Krisensituationen und bei Isolation eher zunehmen. Dies gilt auch für sogenannte Online-Gewalt. Kinder, die betroffen sind, haben noch weniger Möglichkeiten als sonst, sich Hilfe zu holen, wenn die Gewalt von Personen ausgeht, mit denen sie in engstem Raum zusammenleben. Zielgruppengenaue Informationen über Hotlines und andere Hilfsangebote sind deshalb ebenso wichtig, wie das Funktionieren der örtlichen Jugendämter im Fall von akuter Kindeswohlgefährdung. Kinder und Jugendliche in Heimen und anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe müssen deshalb einen direkten Zugang zu unabhängigen Ombudsstellen haben, an die sie sich im Notfall wenden können.

Bund und Länder sollten die Kinder- und Jugendhilfe als systemrelevantes Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft weiter stützen und dabei auch den gemeinnützigen Sektor berücksichtigen, um bestehende Unterstützungsangebote aufrechtzuerhalten.

Körperliche und psychische Gesundheit: 

Wenngleich Kinder und Jugendliche nach aktuellem Stand der Erhebungen von den Symptomen der Covid-19-Erkrankung weniger stark betroffen sind und bei ihnen ein schwerer Verlauf der Krankheit seltener beobachtet wird, hat die Covid-19-Pandemie doch direkte Auswirkungen auf das Wohl und die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. So können sich viele Mädchen und Jungen durch die Ausgangsbeschränkungen deutlich weniger im Freien bewegen und haben je nach der familiären Betreuungsmöglichkeit weniger Zugang zu Freizeitaktivitäten und Erholung. Sollten die Beschränkungen über einen längeren Zeitraum andauern, sind auch Fehl- und Mangelernährung in einzelnen Fällen nicht auszuschließen. Die Pandemie und ihre Folgen können sich zudem negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirken, insbesondere bei denjenigen, die nun mehr auf sich allein gestellt sind und keine Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten haben.

Bund und Ländern sollten deshalb bei den weiteren Entscheidungen über Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern einbeziehen.

Geflüchtete und migrierte Kinder und Jugendliche: 

Für viele geflüchtete und migrierte Kinder und Jugendliche ist die Situation besonders angespannt, insbesondere dann, wenn sie und ihre Familien nicht über die nötigen Deutschkenntnisse verfügen, um sich in der neuen Situation zurechtzufinden.

Die Länder sollten die von UNICEF, dem Bundesfamilienministerium und vielen Partnern formulierten Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Gemeinschaftsunterkünften weiter zum Maßstab ihrer Arbeit machen. Länder und Kommunen müssen verstärkt darauf achten, dass geflüchtete Kinder gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Gesundheitsdienstleistungen und sozialen Diensten erhalten.

Soziale Absicherung: 

Durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder gravierende Einkommenseinbußen in Folge der Covid-19-Pandemie kommen viele Familien an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Hilfsangebote wie Schulspeisungen oder Essensausgaben im Zuge der Pandemie weggefallen sind.

Die finanziellen Hilfen für von Armut betroffene Familien müssen leicht und unbürokratisch erreichbar sein und sich auch an den tatsächlichen akuten Bedürfnissen der Kinder orientieren.

Rudi Tarneden

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