TAG 2: BESUCH BEI DER ACID SURVIVORS FOUNDATION

Wie kann ein Ehemann seine eigene Frau und sein eigenes Kind verstümmeln? Wie kann ein Mensch jahrelang mit unfassbaren körperlichen und seelischen Schmerzen leben?

Sandra Thier im Gespräch mit Monira Rahman. ©Steven Pan/UNICEF/RTL II

© Steven Pan/UNICEF/RTL II

Ich habe heute Menschen getroffen, die eine Säureattacke überlebt haben und die mir zeigen: Ja, es geht. Und ja, wir lassen uns nicht die letzte Würde nehmen, auch wenn wir anders aussehen.

Am Morgen treffe ich Monira Rahman. Sie ist die Chefin von ASF, der Acid Survivors Foundation, die 1999 gegründet wurde und von UNICEF unterstützt wird. ASF hilft den Opfern der Säureattacken: medizinisch, psychologisch und auch rechtlich. Monira zeigt mir die Einrichtung. Ich lerne Dr. Ajm Salek kennen, einen pensionierten Schönheitschirurg. Er arbeitet unentgeltlich bei ASF: Mit seinen Operationen kann er oftmals die schlimmsten Entstellungen korrigieren und vor allem die Schmerzen der Opfer lindern.
Heute Morgen wird Armena operiert. Sie ist 40 Jahre alt und hat zwei Kinder. Anfang des Jahres hatte sie sich in einen Streit zwischen ihrem Mann und ihrem Schwager eingemischt, es ging um Land. Deshalb wurde sie von ihrem Schwager mit Säure überschüttet. Ihr komplettes Gesicht, Hals und Oberkörper, aber auch die Beine, sind völlig verbrannt und vernarbt. Vier Mal musste sie bereits operiert werden. Dabei geht es vor allem darum, dass sie ihre Augenlider wieder schließen kann und dass die Vernarbung am Hals entspannt wird.

Alle ASF Helfer sind nett und professionell. Aber bei uns in Europa sehen die OP-Säle anders aus. Dr. Aim Salek und sein Team müssen mit der einfachsten Ausstattung auskommen. Ich gehe raus, damit das Team in Ruhe arbeiten kann.

Sandra Thier mit einer Frau, die Opfer eines Säureattentats wurde. ©Steven Pan/UNICEF/RTL II

© Steven Pan/UNICEF/RTL II

Ich gehe in den Essraum der Einrichtung. Als die Tür aufgeht, bin ich überrascht. Vor mir steht ein extrem zartes fünfjähriges Mädchen, das viel kleiner aussieht. Eine Gesichtshälfte ist wunderschön und ganz normal, die andere völlig entstellt. Auch Haare hat sie auf dieser Seite nicht. Sie starrt mich an und ich lächle einfach.

Das Lächeln vergeht mir als ich ihre Geschichte höre. Kushi (bedeutet Glücklich) schlief eines Abends ausnahmsweise bei ihrer Oma. Ihre Mutter, die der Vater eigentlich mit Säure treffen wollte, lag im Nebenzimmer. Der Vater ging ins falsche Zimmer – in der Dunkelheit sah er nicht, wen er mit der Säure traf. In der Gerichtsverhandlung sagte das kleine Mädchen gegen ihren Angreifer aus. Er wurde verurteilt. Ich stelle mir vor, wie schwer das für Kushi gewesen sein muss. Ich bewundere ihre Stärke.

Neben ihr sitzt Duroy. Er ist sechs Jahre alt und kann weder essen noch trinken. Er war gerademal einen Monat auf dieser Welt, als ihm seine Tante und sein Onkel Säure in den Mund schütteten. Sie hatten Angst, das Erbe an den erstgeborenen Sohn der Familie zu verlieren, denn sie hatten vier Mädchen. Seine Mutter konnte ihn gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus bringen. Er hat überlebt und wird nun, zusammen mit seiner Mutter, von ASF betreut.

Sandra Thier zu Besuch in der ASF. © Steven Pan/UNICEF/RTLII

© Steven Pan/UNICEF/RTLII

Auch die Geschichte von Babli berührt mich sehr. Ihr Vater schüttete Säure über sie, weil er die Vaterschaft nicht anerkennen wollte. Damals war Babli zehn Monate alt. Heute ist sie zehn.

Es ist hart, diese vielen schlimmen Geschichten zu hören, die entstellten Gesichter zu sehen. Das Leid der Opfer ist unvorstellbar. Dennoch haben sie Hoffnung und strahlen unglaubliche Stärke und Lebensmut aus. Wir müssen ihnen einfach helfen.

Zu Besuch bei der Acid Survivors Foundation