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„Bei der Familie hätte ich mitweinen können“


von Ninja Charbonneau

Begegnungen von Daniela Schadt mit syrischen Flüchtlingen

Mohamed wird wohl Daniela Schadt nicht so schnell aus dem Kopf gehen. Drei Tage lang besuchte unsere UNICEF-Schirmherrin das Königreich Jordanien und traf dort viele syrische Familien. Jede hat ihre eigene, bewegende Geschichte. Doch der 17-jährige Junge und seine Familie sind mir und allen unseren Begleitern besonders im Gedächtnis geblieben.

„Wir waren nirgendwo sicher“

Mohamed ist mit seiner Mutter Soa’ad und seinen Schwestern Hanan, 20, und Hadil, 11, aus Syrien geflohen – ohne den Vater. Der ist in Deraa geblieben, weil er seine alte gebrechliche Mutter nicht allein lassen wollte.

Syrische Flüchtlingsfamilie in Jordanien
© UNICEF DT/ Ninja Charbonneau

Als die Sprache auf den Vater kommt, versteckt die 11-jährige Hadil ihren Kopf hinter dem Rücken der Mutter, und auch Soa‘ad schießen Tränen in die Augen. Die Ehefrau hat ihren Mann, die Kinder ihren Vater seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen. Ob es ihm gut geht, ob er lebt, wissen sie nicht. Kontakt nach Syrien haben sie nur selten, weil die Telefonnetze meist nicht funktionieren. „Wir sind in einen Ort geflohen, dann fielen auch dort Bomben, und wir sind wieder geflohen, dann kamen wieder die Bomben“, erzählt Mutter Soa’ad. „Wir waren nirgendwo sicher.“

Schließlich flohen sie nach Jordanien – für einen Monat, so hatten sie gedacht. „Aber wenige Tage nach unserer Ankunft hier wurde unser Haus in Deraa getroffen. Es ist völlig niedergebrannt. Wir haben keinen Ort mehr, an den wir zurückkehren können. Dann haben wir angefangen, uns nach einer dauerhafteren Bleibe umzusehen.“ Die Familie wohnt jetzt mit Hilfe von Verwandten in zwei Zimmern einer Wohnung im Osten der jordanischen Hauptstadt Amman, die einzigen Möbel sind ein paar Matratzen und Decken auf dem Boden.

„Was soll aus mir schon werden?“

Für Familien ohne männliches Oberhaupt und in der Fremde ist es besonders schwer, deshalb musste der 17-jährige Mohamed früh erwachsen werden. Er geht nicht mehr zur Schule, sondern arbeitet in einem kleinen Laden – jeden Tag von 14 Uhr nachmittags bis 3 Uhr morgens. Er hat keine Freunde, keine Freizeit. „Was vermisst du am meisten an Syrien?“, möchte Daniela Schadt von ihm wissen. „Einfach alles“, sagt Mohamed knapp und wischt über die Augen. „Was möchtest du später einmal werden?“, fragt die UNICEF-Schirmherrin weiter. „Nichts“, sagt Mohamed. Nach einer Pause fügt er hinzu: „Was soll aus mir schon werden?“ Alle im Raum sind still.

„Mein Traum ist, dass wir wieder nach Syrien zurück gehen können und die Familie wieder vereint ist“, sagt die Mutter. „Ich wünsche mir, dass meine ältere Tochter Hanan wieder Literatur studieren kann und meine jüngere Tochter Hadil später Ärztin werden kann, wie sie es sich wünscht.“ 

Daniela Schadt beim Besuch einer Schule in Amman

UNICEF-Schirmherrin Daniela Schadt beim Besuch einer Schule in Amman. Morgens werden hier jordanische Kinder unterrichtet, nachmittags die syrischen Flüchtlinge. 

© UNICEF DT/ Ninja Charbonneau

Hadil kann wieder lachen

Immerhin, Hadil geht nach zwei Jahren Unterbrechung seit kurzem wieder zur Schule. Wegen der großen Zahl zusätzlicher Kinder wird in vielen Vierteln in zwei Schichten unterrichtet: Morgens die jordanischen Kinder, nachmittags die syrischen Flüchtlingskinder. UNICEF hat Gespräche mit den jordanischen Behörden geführt, damit das genehmigt wurde, und stellt Schulmaterial wie Bücher und Hefte zur Verfügung.

Syrisches Flüchtlingskind Hadil in Amman
© UNICEF DT/ Ninja Charbonneau

Am Vormittag geht Hadil in ein ebenfalls von UNICEF unterstütztes Familienzentrum. Dort helfen ihr spezielle Kurse, den versäumten Stoff aufzuholen, aber es wird auch viel gebastelt, gesungen und gespielt. Es ist schön, dass wir Hadil später in dem Zentrum wiedertreffen – hier kann sie wieder lachen. Stolz zeigt sie uns einen Becher, den sie mit einem Marienkäfer beklebt hat.

Schadt: „Wir sind als Mitmenschen gefragt, um zu helfen“

„Bei dem Besuch dieser Familie zu Hause hätte ich mitweinen können“, sagt Daniela Schadt. „Was mich beschäftigt ist, dass alle diese Menschen, die ich hier getroffen habe, ständig Angst in den Knochen haben – dort in Syrien hatten sie Angst um ihr Leben, und auch nach ihrer Flucht bleibt ihnen die Angst um ihre Verwandten. Die Menschen haben es sich nicht ausgesucht, ihre Heimat zu verlassen. Sie hatten keine andere Wahl. Die Situation der Flüchtlinge ist eine so existentiell schwierige, dass wir alle hier als Mitmenschen gefragt  sind, um zu helfen.“

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Autor*in Ninja Charbonneau

Ninja Charbonneau ist Pressesprecherin und schreibt im Blog über Hintergründe zu aktuellen Themen.