AUFBRUCH IN AFGHANISTAN?
Donnerstag, 12. September 2013, 16:34 Uhr
von Lena Dietz | 0 Kommentare

Die internationalen Truppen sollen bis Ende 2014 aus Afghanistan abgezogen werden. Was aber bedeutet das für die Bevölkerung? Besonders die Frauen und Kinder kommen in dieser Diskussion zu kurz.

Schülerin in Afghanistan (© UNICEF Afghanistan)

Schülerin in Afghanistan.
© UNICEF Afghanistan

Afghanistan, das ist ein Land, in dem die Kinder- und Müttersterblichkeit immer noch extrem hoch ist, in dem fast jedes zweite Kind vor seinem 18. Geburtstag verheiratet wird, in dem eine halbe Million Kinder unter fünf Jahren von schwerer akuter Mangelernährung bedroht ist und in dem Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen nach wie vor sehr verbreitet ist. Afghanistan ist eins von nur vier Ländern weltweit, in dem Polio noch immer nicht ausgelöscht ist. Während der harten Winter, die häufig zusätzlich von Überflutungen begleitet werden, fällt die Schule für viele Kinder aus. Die Sommer sind extrem trocken und heiß. Meist ist die Schulausstattung nicht an die extremen Bedingungen angepasst. Nur jede achte Frau über 15 Jahren kann lesen und schreiben.

Doch um diese alltäglichen Herausforderungen und Veränderungen geht es in den Diskussionen um Afghanistan selten. In den internationalen Medien, Parlamenten und Regierungen wird überwiegend über die militärische Seite und das ISAF-Mandat gesprochen und kaum über die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort.

Um neue Impulse und andere Blickwinkel ging es deshalb in einem „Fachgespräch zur Situation der Frauen und Kinder in Afghanistan“ am 29. Januar in Berlin. Dazu hatte UNICEF Deutschland anlässlich der Bundestags-Abstimmung über den Einsatz der deutschen Bundeswehr eingeladen. An dem Gespräch nahmen Abgeordnete aller Fraktionen teil, die sich engagiert mit den drei geladenen ExpertInnen austauschten und diskutierten.

Zwei Mädchen in Afghanistan (© UNICEF Afghanistan)

Mädchen in Afghanistan.
© UNICEF Afghanistan

Monika Hauser, Mitbegründerin von Medica Mondiale, kann von großem Optimismus berichten. Doch auch 12 Jahre nach dem Sturz der Taliban benötigen alle, die sich für Frauen- und Kinderrechte einsetzen, einen langen Atem um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Neben psychosozialer Unterstützung von Frauen leistet das inzwischen selbstständige Medica Afghanistan auch juristische Hilfe, z.B. für zwangsverheiratete Frauen oder solche, die wegen „moralischer Verbrechen“ verurteilt wurden.

Maria von Welser, – stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland und Journalistin, hat Afghanistan 2012 bereist und ein eindrucksvolles Reisetagebuch geschrieben. Sie berichtete von einer aktuellen Umfrage der afghanischen Times nach der 86% der afghanischen Bevölkerung Angst vor zunehmenden Attentate und erneuter Einschränkung der Frauenrechte nach dem Abzug haben und besorgt auf das Wahl- und Abzugsjahr 2014 blicken. Frau von Welser begegnete vor Ort selbstbewussten Frauen und Kindern, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und das Land positiv verändern, ebenso wie denen, deren Alltag von Unterdrückung und Entbehrungen geprägt ist. In den Flüchtlingscamps rund um Kabul, traf sie Familien, die inzwischen seit Generationen dort leben. Beeindruckt war sie insgesamt von der Kraft der Frauen, denen sie begegnete.

Dermot Carty, stellvertretender Leiter der weltweiten UNICEF-Nothilfe-Programme, betonte, dass UNICEF seit 1949 im Land sei und sich in den vergangenen Jahrzehnten großes Vertrauen bei allen Akteuren erarbeitet habe. UNICEF war unter anderem an den großen Wiedereinschulungsprogrammen nach dem Sturz der Taliban beteiligt. Die Resonanz auf das Angebot zur Schule gehen zu können war schlichtweg überwältigend, so Dermot Carty. Inzwischen sind dort mehr als 8 Millionen Kinder wieder eingeschult worden. Bei Beginn der Programme in den Jahren 2002/2003 wurde anfangs nur mit knapp 1,5 Millionen Kindern gerechnet. Es gab allerdings einen regelrechten Ansturm – allein im ersten Jahr konnten 3 Millionen Kinder in Schulen untergebracht werden. Monatelang mussten viele zusätzliche lokale Arbeitskräfte eingesetzt werden, um die Ausstattung für die Schulen überhaupt zur Verfügung stellen zu können – unter anderem Frauen, die vorher noch nie eine Arbeit ausüben durften. Gerade diese Erfahrung aber zeige, was für ein enormes Potential in dem Land und vor allem in den Frauen und Kindern liege. Genau deshalb dürfe die Investition mit dem Abzug der Truppen nicht enden. Die afghanische Zivilgesellschaft braucht weiterhin die tatkräftige Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Darin waren sich alle Teilnehmer des Gesprächs einig.

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