KINDER IN IRAK: 7 FRAGEN AN NOTHILFE-EXPERTIN FREYA VON GROOTE
Mittwoch, 27. August 2014, 16:25 Uhr
von Ninja Charbonneau | 1 Kommentar

Hunderttausende Menschen in Irak fliehen vor den mordenden IS-Milizen. UNICEF ist rund um die Uhr für die Flüchtlingskinder im Einsatz. Im Interview berichtet die deutsche Mitarbeiterin von UNICEF Irak, Freya von Groote, von schrecklichen Zuständen in Notunterkünften und wie UNICEF hilft.

Freya von Groote, UNICEF Irak

Liebe Freya, wie ist bei Euch die Lage, wie viele Flüchtlinge sind aktuell in Nordirak?

Wir schätzen, dass mindestens 400.000 bis 500.000 Flüchtlinge in Nordirak sind, und über die Hälfte von ihnen sind Kinder. Im gesamten Land sind weit über eine Million Menschen auf der Flucht – über die Hälfte der Bevölkerung ist von der Gewalt betroffen. Das ist für uns eine große Herausforderung: Humanitären Zugang schaffen, die Lage vor Ort bewerten und gleichzeitig Sofort-Hilfe zu leisten: mit Wasser, Nahrung, Zelten. Hilfsflüge der Vereinten Nationen landen fast täglich, UNICEF hat bereits über 250 Tonnen an Hilfsgütern eingeflogen. Darunter zum Beispiel Zelte, Nahrung, Schulen in der Kiste und Impfstoffe unter anderem mit Seife und Toilettenpapier, die wir so schnell wie möglich an Familien verteilen.

Wie sieht es in den Notunterkünften aus?

Die Verhältnisse in den Notunterkünften sind vollkommen unzureichend. Viele Menschen leben oft auf engstem Raum in Schulen, auf ungesicherten Baustellen, auf Grünflächen, unter Brücken. Es gibt weder genügend Trinkwasser noch Zugang zu sanitären Anlagen. Gerade für Frauen, die meistens mehrere Kinder versorgen, ist die hygienische Situation belastend. Kleidung zu waschen ist fast unmöglich. Wir haben auch festgestellt, dass die meisten Kinder zu wenig zum Essen haben und geschwächt sind. Für die Erwachsenen ist besonders der Mangel an Privatsphäre belastend. Ich war vor ein paar Tagen in einer Schule: 22 Menschen in einem Raum. Bei über 45 Grad Hitze.

Was brauchen die Familien am dringendsten?

Die direkte Notversorgung konzentriert sich nach wie vor auf Trinkwasser, Latrinen, Notunterkünfte. Wir müssen auch zunehmend energiereiche Nahrungsmittel wie Erdnusspaste und Proteinkekse verteilen, damit die Kinder bei Kräften bleiben. Aber auch die psycho-soziale Betreuung ist jetzt ganz wichtig. Tausende von Kindern sind hoch traumatisiert, sind aus ihrem Umfeld gerissen worden, oft von der Familie getrennt. UNICEF betreut bereits mehr als 4.000 Kinder mit psycho-sozialer Hilfe. Mittelfristig müssen wir uns darum kümmern, dass die Kinder wieder in die Schule gehen können, denn Schulbildung ist zentral, um Kindern ein Gefühl der Normalität zu geben und ihnen eine bessere Zukunft zu eröffnen.

Irak: UNICEF-Hilfe für geflohene Kinder

Peshkhabour, Irak, nahe der syrischen Grenze: Ein UNICEF-Helfer betreut Flüchtlingskinder in einem kinderfreundlichen Zelt.
© UNICEF/NYHQ2014-1177/Khuzaie

Stellt Ihr Euch auf einen längeren Nothilfe-Einsatz ein?

Wir müssen leider damit rechnen, dass diese Krise nicht so schnell vorbei sein wird. Die Menschen, die geflohen sind, können nicht zurück. Deshalb planen wir auch jetzt schon für den Winter und haben bereits winterfeste Kinderkleidung, Schuhe und Decken bestellt. Bald fängt es an zu regnen, im Winter sind Schnee und Minus-Grade angesagt. Die Menschen brauchen spätestens dann auch dringend bessere Unterkünfte. Bis jetzt planen wir, 700.000 Flüchtlingskinder zu versorgen. Hinzu kommen noch Kinder, die von der Gewalt betroffen sind. Diese Zahl kann sich natürlich ändern. Wir sind darauf vorbereitet.

Du hast schon viele Hilfseinsätze begleitet, unter anderem im Kaukasus und in West-Afrika. Lässt sich die aktuelle Flüchtlingskrise in Irak damit vergleichen oder ist das eine neue Dimension?

Die Situationen waren verschieden, aber das Leid und die Hoffnungen der Menschen scheinen immer ähnlich zu sein. Man gewöhnt sich aber nie daran. Die Tragik all dieser zerrissener Leben. Trotz meiner beruflichen Erfahrung ist das Ausmaß der derzeitigen Flüchtlingskrise in Irak besonders. Menschen, die schrecklichste Gewalt und Verfolgung miterleben mussten, Familien die auseinander gerissen worden sind, Flucht, oft mit wenig mehr als den Kleidern am eigenen Leib. Es ist bewundernswert wie Familien, besonders die Frauen, versuchen die Situation zu meistern.

Irak: Flüchtlinge nach Flucht aus Sindschar-Gebirge

Erschöpft nach der Flucht vor den IS-Milizen: Frauen und Kinder sind häufig nur mit dem Nötigsten ausgestattet.
© UNICEF/NYHQ2014-1097/Khuzaie

Ihr seid gerade pausenlos im Einsatz – wie schaffst Du das persönlich?

Wir haben ein erfahrenes Team aus internationalen und lokalen Experten aus den verschiedenen Bereichen Wasser und Sanitär (oft Ingenieure), Gesundheit und Ernährung, Kinderschutz und Bildung. Was wir derzeit in Nordirak erleben, fordert uns jedoch alle 100% heraus: es mangelt an allem. Unser gesamtes Expertenteam ist rund um die Uhr beschäftigt. Unsere Logistiker machen es möglich. Eigentlich haben wir freitags frei. Allerdings arbeiten wir meistens, aber das ist schon okay. Man muss trotzdem versuchen, „gesunde“ Routinen beizubehalten: genug schlafen, gesund essen, Sport treiben. Bei dem Arbeitspensum ist außerdem der „Team-spirit“ ganz wichtig, das kann man nur durchziehen, wenn das Umfeld stimmt. Ich kann mich da glücklich schätzen, wir haben ein tolles Team.

Was können wir in Deutschland tun?

Viele Menschen aus Deutschland fragen uns, ob sie uns Kleidung oder Decken für die Flüchtlinge schicken können. Diese Hilfsbereitschaft ist wirklich toll! Leider können wir keine Sachspenden annehmen, weil der logistische Aufwand oft zu groß ist und es vielleicht nicht die richtigen Sachen sind, die gerade gebraucht werden. Eine Geldspende können wir genau dort einsetzen, wo es am nötigsten ist.

Deshalb bitte ich alle Unterstützer in Deutschland:Bitte spenden Sie für die Kinder in Irak! Jede Hilfe zählt.

Freya von Groote ist bei UNICEF Irak für die Planung und Kontrolle der Hilfsprojekte zuständig. Sie wurde in Konstanz am Bodensee geboren, hat die Schule in Irland abgeschlossen und bisher unter anderem im Kaukasus und West-Afrika gearbeitet. Seit vier Jahren lebt sie in Irak.

KOMMENTARE

  • anonym
    04. November 2014 14:23 Uhr

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    als Vorstandsmitglied der Gesellschaft Êzidischer Akademiker (GEA http://www.gea-ev.net/ ) wollte ich mich kurz vorstellen. Unsere Religionsgemeinschaft ist die am Meisten betroffene Gesellschaft von dem Verbrechen der ISIS. Aus diesem Grunde ist es uns ein großes Anliegen aktiv zu helfen. Gerne sind wir aus diesem Grunde bereit in jeglicher Hinsicht mit Ihnen aktiv zusammenzuarbeiten und wollte deshalb fragen, ob wir uns diesbezüglich persönlich austauschen könnten. Wir könnten auch mit einer Delegation nach Köln kommen, um über euren Einsatz in Nordirak zu sprechen.

    Vielen Dank für Ihre Antwort im Voraus.


    Mit den besten Grüßen

    Emin Özden

KOMMENTAR SCHREIBEN

Herzlich Willkommen im UNICEF-Blog! Für ein faires Miteinander beachten Sie bitte die Verhaltensregeln.
Wir verarbeiten Ihre Daten mit Ihrer Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 f DSGVO, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
*Pflichtfeld