PROJEKTREISE NACH GAMBIA

7. April 2016 von Lars Flottmann 13 Kommentare

UNICEF und Tostan: Gemeinsam gegen Mädchenbeschneidung und Verheiratung von Minderjährigen

„Seit ich im Unterricht Schreiben und Rechnen gelernt habe, hat sich mein Leben verändert.“

Diese Aussage von Ummu Jawo, einer Mutter aus Gambia, gehört zu einem der bewegendsten Momente meiner Reise nach Gambia. Er macht mir bewusst, dass schon kleine Veränderungen, große Auswirkungen auf das Leben der Menschen hier haben.

Gambia: Ummu hat in der Schule schreiben gelernt

Ummu Jawo aus Gambia schreibt ihren Namen auf die Tafel. Die wöchentlichen Unterrichtsstunden haben ihr Leben verändert.
© UNICEF/DT2016-42695/Karina Hövener

Gambia: kleines Land mit großen Herausforderungen

Gemeinsam mit meiner Kollegin Karina Hövener mache ich mich Anfang Februar auf die Reise nach Gambia, das kleinste Land auf dem afrikanischen Festland. Mit uns reisen UNICEF-Unterstützer aus Deutschland, die mit ihren Spenden unter anderem Bildungsprojekte in Gambia ermöglicht haben.

Gambia liegt in Westafrika und gehört zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt. 60 Prozent der rund 1,9 Millionen Einwohner leben hier unterhalb der Armutsgrenze, das heißt von weniger als einem US-Dollar am Tag. Viele junge Menschen verlassen das Land, in der Hoffnung woanders eine bessere Perspektive zu finden. Gambia besitzt keine wertvollen Bodenschätze oder große Industrie. Auch deshalb spielt das kleine Land eine unbedeutende Rolle in der Weltgemeinschaft.

Für die meisten Menschen hier ist der Alltag ein täglicher Überlebenskampf, der von harter Arbeit geprägt ist. Frauen und Mädchen haben es besonders schwer. Sie werden traditionell früh aus der Schule genommen und verheiratet, ziehen die Kinder groß und müssen sehr hart für den Lebensunterhalt ihrer Familien arbeiten.

Junge Frauen haben es schwer.

© UNICEF/DT2016-1010687/Hövener

Frauen in Gambia stark machen

Am zweiten Tag unserer Projektreise fahren wir in das Dorf Sotuma Sambokai. Es liegt in der Upper River Region, oberhalb des Gambia Flusses. Hier lernen wir die Arbeit von Tostan kennen, einer langjährige Partnerorganisation von UNICEF, die sich schwerpunktmäßig in Westafrika für Verhaltensänderungen hinsichtlich gefährlicher Traditionen wie der Mädchenbeschneidung einsetzt.

In Gambia ist die Beschneidung von Mädchen und Jungen traditionell noch tief verankert. Die Beschneidungsrate bei jungen Frauen im Alter zwischen 15 bis 19 Jahren liegt bei rund 75 Prozent. Die Praxis ist für Mädchen lebensgefährlich. An den körperlichen und seelischen Folgen leiden betroffene Frauen häufig ein Leben lang.

Besonders in ländlichen Regionen, in denen das Bildungsniveau und die soziale Entwicklung unterdurchschnittlich niedrig sind, liegt die Beschneidungsrate sehr hoch. Die Upper River Region gehört zu so einer Region. Deshalb konzentrieren sich UNICEF und Tostan in Gambia auf diese Region. Hier lassen die die größten Veränderungen bewirken.

In 145 Dorfgemeinden sind UNICEF und Tostan bereits mit dem sogenannten „Community Empowerment Programme“ (CEP) aktiv. Das Programm besteht im Wesentlichen aus einem Bildungskurs für Erwachsene. Hier lernen viele Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben, ihren eigenen Namen zu schreiben.

Diskussion über Beschneidung

© UNICEF/DT2016-1010688/Hövener

Im Verlauf des Kurses werden zu einem späteren Zeitpunkt auch die kritischen Themen besprochen und diskutiert. Die Menschen sollen nicht einfach nur hören, dass sie mit der Tradition der Mädchenbeschneidung brechen sollen. Sie sollen selbst erkennen, wie gefährlich diese Praxis für ihre Kinder ist. Nur so kann eine nachhaltige Veränderung bewirkt werden.

In den regelmäßigen Zusammenkünften wird auch über die Verheiratung von Minderjährigen, Gesundheit und Hygiene sowie die Grundrechte gesprochen. Welchen Unterschied die Treffen im Leben der jungen und älteren Frauen machen, erzählen uns einige von ihnen.

Einfacher Unterricht verändert das Leben der Frauen nachhaltig

Wir dürfen dem Unterricht für die ungefähr 50 anwesende Frauen und (wenigen) Männer beiwohnen. Im Halbkreis sitzen sie auf dem Boden oder auf brüchigen Plastikstühlen zusammen. Einige Frauen haben ihre Kinder auf dem Schoss. Konzentriert hören sie den Worten des Tostan Mitarbeiters zu.

50 Frauen versammeln sich zum Unterricht

© UNICEF/DT2016-1010666/Hövener

Jetzt lernen wir sie kennen: Ummu Jawo. Sie ist ungefähr Ende dreißig und berichtet uns, wie kleine Lernerfolge ihr tägliches Leben verändert haben. Stolz geht sie zur Tafel und löst konzentriert eine Rechenaufgabe: 3 Äpfel in einem Korb und 2 Äpfel in einem anderen Korb, ergeben insgesamt 5 Äpfel.

Von den anderen Frauen erntet sie dafür großen Applaus. Anschließend erzählt sie uns folgendes: „Ich kann nicht nur auf dem Markt die Preise besser vergleichen, sondern ich bin auch in der Lage ein Handy zu bedienen. Das war mir vorher nicht möglich. Nun kann ich im Notfall im Krankenhaus anrufen oder einen Verwandten benachrichtigen. Ich kann meine Handy-Nummer und meinen Namen aufschreiben und lesen und darauf achten, dass beim Arzt auch wirklich meine Krankenakte auf dem Tisch liegt.“

Ummu steht stellvertretend für viele Frauen in Gambia

Ummus Worte berühren mich sehr, denn sie stehen stellvertretend für viele Frauen in Gambia und weltweit. Seit Tostan regelmäßig vor Ort ist und die Frauen ermutigt, aufklärt und fortbildet, hat sich in Ummus Dorf schon vieles verändert. Zum Beispiel besuchen mehr Kinder die Schule, Müll wird nicht mehr in die Landschaft geworfen und die Tradition der Mädchenbeschneidung wurde „offiziell“ verbannt.

Veränderungen beginnen in den Köpfen und Herzen der Menschen. Jeder Mensch hat das Recht in Würde zu Leben.

Genau dafür setzen sich UNICEF und Tostan gemeinsam ein und es ist beeindruckend zu sehen, wie dankbar die Menschen diese Veränderungen aufnehmen.

So hilft UNICEF in Gambia:

KOMMENTARE

  • anonym
    06. Juni 2016 14:01 Uhr

    Warum waren Sie am 07.05.2016 nicht beim WWDOGA in Köln um an der Debatte teilzunehmen, Herr Flottman?
    https://www.youtube.com/watch?v=p1mKZAL9Vy4

  • anonym
    10. April 2016 13:09 Uhr

    Wann werden Sie ehrlich vor sich selbst werden, und sich eingestehen, dass es Unrecht ist, irgendeinem Kind irgend etwas von dessen Körper abzuschneiden? Die gesundheitlichen Vorteile sind bloß vorgeschoben. SIE haben in Wirklichkeit Angst!

  • anonym
    09. April 2016 14:42 Uhr

    Lars Flottmann schrieb:

    "Häufig wird der öffentliche Austausch zu Mädchenbeschneidung (wie beispielsweise dieser Blog-Beitrag) dazu genutzt, um auch auf das Thema Jungenbeschneidung hinzuweisen. Hier stehen wir allerdings noch am Anfang einer Debatte...."

    Schlimm genug.
    Dann wird es höchste Zeit, dass wir bei dieser Debatte endlich aufholen!

  • anonym
    08. April 2016 16:40 Uhr

    Sehr geehrter Herr Flottmann,
    vielen Dank für diesen engagierten Artikel und Ihre Arbeit.

    Leider muss ich in dieselbe Kerbe schlagen, wie meine Vorredner:
    "Häufig wird der öffentliche Austausch zu Mädchenbeschneidung (wie beispielsweise dieser Blog-Beitrag) dazu genutzt, um auch auf das Thema Jungenbeschneidung hinzuweisen. Hier stehen wir allerdings noch am Anfang einer Debatte, in die die Perspektive armer Entwicklungsländer wie die der Industrieländer zu berücksichtigen ist. Denn es gibt oft keine einfache Antwort darauf, was genau das Beste für das jeweilige Kind ist."

    Ich sehe diese von Ihnen geforderte strikte Trennung nach "Beschneidung von Jungen" einerseits und "Beschneidung von Mädchen" andererseits als Hauptursache dafür an, warum es die NGOs wie UNICEF so schwer haben, Erfolge beim Kampf gegen Genitalverstümmelung zu erzielen.

    Seit wievielen Jahren nun stehen wir schon am "Anfang einer Debatte"? Wieviele Jahre und Jahrzehnte sollen noch vergehen, bis ALLEN Kindern gleichermaßen das Recht auf einen vollständigen Körper zugestanden wird?
    Wer sich hier auch gegen die Beschneidung von Jungen wendet, der entscheidet sich doch nicht für eine Seite, der bevorzugt doch nicht die Jungen zu Lasten der Mädchen. Nein, der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, nicht mehr zu trennen, zu unterscheiden, zu relativieren.
    Der Kampf für Menschenrechte darf nicht mehr auf dem Rücken eines Geschlechtes ausgetragen werden.

    Wie wollen Sie Eltern erklären und verständlich machen, dass Mädchen zu schützen sind, der Körper von Jungen dagegen zur Verfügung steht? Müssen Jungen wirklich als Kinder Gewalt erfahren, Schmerzen erdulden, einen Teil ihres gesunden Körpers verlieren, Mädchen dagegen nicht?
    Wenn wir noch am Anfang einer Debatte stehen, wer, wenn nicht UNICEF sollte diese Debatte anstoßen?
    Wer, wenn nicht UNICEF, sollte sich für ALLE Kinder einsetzen?

    Warum unterscheiden Sie?
    Wenn Erwachsene ein Kind festhalten und dessen Beine auseinanderziehen, wenn sie das Geschlecht des Kindes entblößen, mit Klingen daran schneiden, ihm Teile abschneiden, wenn Erwachsene ihre eigenen Vorstellungen von Glauben, Reinheit und Schönheit verwirklichen:
    Welche Rolle spielt es, ob dieses Kind als Junge oder als Mädchen zur Welt kam?

    NGOs wie Terre de Femmes, TABU oder (I)ntact machen es vor:
    So sagte Irmingard Schewe-Gerigk als ehemalige Vorsitzende von TdF unmissverständlich:
    "Wenn wir uns in dieser Sache für Mädchen einsetzen, warum sollen wir uns nicht auch für Jungen stark machen?"
    http://www.cicero.de/berliner-republik/gleiche-rechte-fuer-jungen-und-maedchen/51330/seite/3

    Auf der Webseite von TABU heißt es unmissverständlich:
    "Lassen Sie Ihren Jungen unversehrt! Wir können nicht so tun, als sei die weibliche Genitalverstümelung ein Verbrechen, hingegen die der männlichen schlichtweg harmlos."
    http://www.verein-tabu.de/mgm.php

    Und Christa Müller, Vorsitzende von (I)ntact sieht die klare Pflicht, auch für das Recht der Jungen auf einen unversehrten Körper zu kämpfen, weil die Legalisierung männlicher Genitalverstümmelung ein Einfallstor dafür sei, die weibliche Beschneidung zu erlauben.
    https://www.youtube.com/watch?v=bsurCnYBP9o

    Erst, wenn nicht mehr relativiert, beschönigt und vor allem weggeduckt wird, kann Kindern wirklich geholfen werden. Und solange dies nicht passiert, müssen sich Organisationen wie UNICEF das Prädikat der "Schönwetterkinderschützer" gefallen lassen: Man setzt sich so lange für Kinder ein, so lange die Sonne scheint und der Einsatz nicht weh tut. Doch wenn es ungemütlich wird, duckt man sich weg und überlässt anderen das Feld.
    Ist das wirklich im Sinne der Sache?

  • anonym
    08. April 2016 15:20 Uhr

    Lars Flottman schreibt zur Jungenbeschneidung:

    "Hier stehen wir allerdings noch am Anfang einer Debatte, in die die Perspektive armer Entwicklungsländer wie die der Industrieländer zu berücksichtigen ist. Denn es gibt oft keine einfache Antwort darauf, was genau das Beste für das jeweilige Kind ist."

    Was das Beste für das jeweilige Kind ist, darauf gibt es häufig keine einfache Antwort, das stimmt. Diese Aussage bezieht sich auf's "Kind", schließt also neben Jungen auch Mädchen mit ein. In Bezug auf Beschneidung kann und will ich dem nicht folgen, die Antwort hier ist in der Tat einfach.

    Warum?

    Es geht es darum, ein Übel zu verhindern. Beschneidung ist das nicht wieder rückgängig zu machende Abschneiden von funktionalem, sensitivem, genitalem Gewebe - hier bei nicht einwilligungsfähigen Kindern (Nur als allerletztes Mittel bei medizinischer Indikation akzeptabel).

    Die Antwort kann Jungen betreffend nur ebenso eindeutig ausfallen wie bei Mädchen, wenn man empathisch, vorurteilsfrei und menschenrechtsorientiert betrachtet.

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