„JEDES MAL, WENN WIR FLIEHEN MUSSTEN, DACHTE ICH: DAS IST JETZT DAS LETZTE MAL.“
Mittwoch, 7. Dezember 2016, 09:22 Uhr
von Ninja Charbonneau | 0 Kommentare

Brief von Alaa (9) aus Syrien an die Kinder in Deutschland

Liebe Kinder in Deutschland,

ich heiße Alaa, ich bin neun Jahre alt. Ich habe drei Geschwister: Wahid (14), Zahraa (12) und Ahmad (7). Ich komme aus Aleppo.

Syrien: Alaa schreibt einen Brief an die Kinder in Deutschland

Alaa schreibt einen Brief an die Kinder in Deutschland aus Tartus – ihrer vorerst letzten Station seit der Flucht aus Aleppo. 
© UNICEF/Syria2016/Khudr Al-Issa

Ich war noch zu jung, als wir unser Haus in Ost-Aleppo verlassen mussten, deshalb erinnere ich mich nicht mehr daran. Aber meine Mutter sagt, es war sehr schön und groß, ich hatte sogar mein eigenes Zimmer. Als die Kämpfe immer näher kamen, mussten wir fliehen. Seitdem ist unsere Familie sechs Mal geflohen, jedes Mal nur mit der Kleidung, die wir gerade anhatten. Jedes Mal, wenn wir wieder fliehen mussten, dachte ich: Das ist jetzt das letzte Mal.

Unser letztes Zuhause war in einem Viertel namens „1070“ im westlichen Teil von Aleppo. Es war klein, ganz grau, es gab keinen Fußboden und die Wände waren nicht gestrichen. Wir hatten keinen Wasseranschluss zu Hause. Jeden Tag bin ich mit meinen Brüdern nach der Schule zum Wasser holen gegangen. Wir mussten immer lange in der heißen Sonne stehen und in der Schlange warten, bis wir unsere Kanister füllen und die Treppen hoch zu unserer Mutter tragen konnten.

Ich habe auch immer einen kleinen Eimer Wasser für meine Puppe Judi mitgenommen. Sie war sehr schön, mit blonden Haaren und einem wunderschönen rosa Prinzessinnenkleid. Nachdem ich meiner Mutter im Haushalt geholfen habe, habe ich Judi gebadet. Ich habe ihre Haare gebürstet und dann ihre Kleider gewaschen und in der Sonne zum Trocknen aufgehängt.

Syrien: Ost-Aleppo ist verlassen, trostlos und zerstört

Ein Schnappschuss aus Ost-Aleppo vor wenigen Tagen. Verlassen, trostlos und zerstört – so fanden UNICEF-Teams den Stadtteil Hanano Ende November vor. 
© UNICEF/Syria

Ich werde nie die Nacht vergessen, in der wir unser letztes Zuhause im Viertel 1070 von Aleppo verlassen haben [im August 2016]. Tagsüber hatte ich mit meinen Brüdern gespielt. Da hörten wir laute Explosionen, die immer näher kamen und immer lauter wurden. Wir haben alle im Badezimmer Schutz gesucht. Das Haus hat gebebt. Wir haben uns an unsere Mutter geklammert und haben geweint. Wir hatten schreckliche Angst. Meine Mutter sagte, dass wir weglaufen müssen. Ich hatte nicht einmal Zeit, um Judi zu holen. Ich musste sie zurücklassen, zusammen mit meinem neuen Kleid. Ich hatte es erst einmal getragen.

     
       

Wir sind auf die Straße gelaufen. Dort sahen wir viele andere Menschen umherrennen. Kinder haben geweint. Überall war Feuer. Einige Kinder waren verletzt. Ein Mädchen, jünger als ich, tat mir sehr leid, denn sie konnte ihre Eltern nicht finden.

       

Wir mussten uns beeilen und kletterten auf einen Lastwagen zusammen mit vielen anderen Leuten, wie Vieh. Wir sind zu Verwandten in einem anderen Viertel von Aleppo gefahren und sind zwei Wochen bei ihnen geblieben. Die Wohnung war sehr klein. Sie hatte nur zwei Zimmer, die wir uns mit zehn anderen Familienmitgliedern geteilt haben.

Da sagte mein Vater, wir müssen noch einmal weiterziehen. Wir sind zu einer Stadt namens Bseireh in Tartus gefahren. Es war eine sehr lange Fahrt. Ich war so müde, dass ich fast die ganze Zeit geschlafen habe. Als ich aufgewacht bin, musste ich dauernd an Judi denken. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich sie in Aleppo zurückgelassen habe.

Als wir hier angekommen sind, fanden wir eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern. Wir haben keine Möbel. Wir schlafen auf Matratzen auf dem Boden. Aber meine Mutter sagt: “Hauptsache, wir haben ein Dach über dem Kopf.” Es wird langsam kalt hier und wir haben selten Strom. Mein jüngerer Bruder Ahmad und ich kuscheln uns nachts auf unseren Matratzen aneinander, damit uns wärmer ist. Mein Vater hat zum Glück Arbeit auf einer Baustelle gefunden. Er wird bald etwas Geld verdienen, um uns Winterjacken zu kaufen. 

Syrien: Alaa und ihr Bruder sitzen am Meer

Alaa und ihr Bruder Ahmad sitzen zusammen an ihrem neuen Lieblingsplatz direkt am Meer. 
© UNICEF/Syria2016/Khudr Al-Issa

Es gefällt mir hier, weil wir nah am Meer leben. Ich hatte vorher noch nie das Meer gesehen. Ich dachte immer, das Meer ist klein, wie ein Schwimmbecken. Als ich hierher kam, habe ich gemerkt, dass es riesig ist! So groß wie die Welt! Wenn ich traurig bin, setze ich mich ans Meer und atme tief ein. Ich liebe es, wie das Meer riecht.

Ich mag es hier zu sein, weil es hier keinen Lärm gibt, keine Explosionen, und wir haben Wasser zu Hause. Jetzt habe ich mehr Zeit zum Lernen, zum Spielen mit meinen Geschwistern und zum Malen.

Ich vermisse meine alte Schule, meine Spielsachen und meine Freunde in Aleppo. Aber ich habe hier zwei neue Freunde gefunden, die auch aus Aleppo kommen.

Syrien: Alaa kann endlich wieder in die Schule gehen

Alaa kann in Tartus zur Schule gehen. Gemeinsam mit Hunderten anderen Kindern, die auch vor den Kämpfen fliehen mussten. 
© UNICEF/Syria2016/Khudr Al- Issa

Ich weiß, dass Deutschland sehr weit weg ist, hinter dem Meer. Ist Deutschland schön? Ich habe die Erwachsenen von Deutschland erzählen gehört. Sie sagen, dass viele Menschen aus Syrien dort hingegangen sind.

Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder in mein Zuhause in Aleppo zurückgehen kann und nie mehr weg muss. Ich hoffe auch, dass alle syrischen Kinder, die nach Deutschland gegangen sind, in der Schule und glücklich sind und liebe Freunde haben.

Alaa AssalTartus (Syrien), Dezember 2016

Mitarbeiter von UNICEF Syrien haben Alaa zum ersten Mal vor sechs Monaten in Aleppo getroffen, als sie Wasser an einer von UNICEF unterstützten Wasserstelle holte. Als die Kämpfe in Aleppo im August heftiger wurden, mussten Alaa und ihre Familie um ihr Leben rennen. Die Familie lebt jetzt in der syrischen Küstenstadt Tartus.

Alaa geht in die zweite Klasse einer zusammen mit Hunderten anderen Kindern, die von den Kämpfen vertrieben wurden. Alaa hat sich sehr gefreut, als sie an ihrem ersten Schultag in der neuen Schule von UNICEF einen Rucksack mit Schulsachen bekam.

Aber mit jedem weiteren Tag des brutalen Bürgerkriegs, der täglich Kinder in Aleppo und anderen Teilen des Landes tötet, verletzt, ihrer Wurzeln und ihrer Kindheit beraubt, haben Millionen von Kindern wie Alaa nur eine Frage: Wann hört das endlich auf?

HELFEN SIE DEN KINDERN IN SYRIEN ZU ÜBERLEBEN!

Mit Trinkwasser, therapeutischer Nahrung, medizinischer Betreuung von Schwangeren und Kindern – so hilft UNICEF in Syrien auch im Kriegszustand. Die Kinder brauchen uns dringender denn je!

KOMMENTAR SCHREIBEN

Herzlich Willkommen im UNICEF-Blog! Für ein faires Miteinander beachten Sie bitte die Verhaltensregeln.
Wir verarbeiten Ihre Daten mit Ihrer Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 f DSGVO, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
*Pflichtfeld