EIN NEUER ANFANG FÜR HIBA AUS ALEPPO

10. Juli 2017 von Kerstin Bücker 0 Kommentare

Mariam El-Qasem arbeitet für UNICEF in Amman, der Hauptstadt von Jordanien. Sie ist in Deutschland geboren, lebt aber seit dem zweiten Lebensjahr in Jordanien. Die 34-Jährige ist Kinderschutzexpertin und berichtet über eine Begegnung mit einem syrischen Mädchen, die sie besonders bewegt hat:

Jordanien: Mariam im Interview mit Jugendlichen

Mariam El Qasem mit jungen syrischen Flüchtlingen im Camp Za'atari.
© UNICEF Jordanien

"Mein Name ist Mariam El Qasem. Ich wurde 1982 in Deutschland geboren, und zwar in Bonn als Tochter eines jordanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Ich war noch keine zwei Jahre alt, als meine Familie nach Jordanien umzog. Den größten Teil meines Lebens mit Kindergarten und Schule habe ich in Jarash in der Nähe von Amman verbracht. Ich bin gelernte Psychotherapeutin und arbeite jetzt für UNICEF im Bereich Kinderschutz.

Die Flüchtlingskrise ist für unser Land eine große Herausforderung. Wir sind 9,5 Millionen Einwohner und haben rund 1,3 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Dazu kommen die Flüchtlinge, die schon länger hier sind, zum Beispiel aus Palästina und Irak. Die Leute versuchen, ihnen so gut es geht zu helfen. Ich arbeite jeden Tag mit syrischen Flüchtlingskindern, versuche, ihnen wieder Mut zu machen, ihnen ein neues Zuhause zu geben. Mittlerweile ist vieles besser organisiert – aus der Ansammlung von Zelten im Za’atari Flüchtlingscamp ist fast schon eine kleine Stadt geworden.

Za'atari: Das Flüchtlingslager hat die Größe eines Dorfes angenommen

Das Flüchtlingslager Za’atari hat sich mittlerweile fast zu einer Kleinstadt entwickelt.
© UNICEF/UN033530/Masri

Ich bewundere sehr, wie unglaublich stark viele der Kinder sind. Sie mussten so viel durchmachen. Die Geschichte von Hiba aus Aleppo geht mir besonders zu Herzen. Ich traf die 16-Jährige, zum ersten Mal im Empfangszentrum im Azraq Flüchtlingscamp, bei einem meiner regelmäßigen Besuche. Danach besuchte ich die 16-Jährige fast jede Woche. Hiba erzählte mir von der Zeit, bevor der Krieg begann, 2011. Das Leben war sicher, sie und ihre vier Geschwister gingen regelmäßig zur Schule. Besonders oft denkt sie an ihren Vater. Er starb bei einem Bombenangriff, so wie die Mutter und Hibas kleine Schwester Ghazal.

An einem 21. Februar änderte sich Hibas Leben urplötzlich und gewaltsam. Hiba wird diesen Tag nie vergessen. Sie war allein zu Hause. Ihre Schwester Ghazal spielte auf der Straße, die Brüder waren mit Freunden unterwegs, ihre Mutter trank einen Kaffee bei der Nachbarin. Als die Bomben fielen, wurde Hiba von einer Tür getroffen und verlor das Bewusstsein. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, suchte sie sofort nach ihrer Familie. Ihre Mutter und zwei Brüder lebten noch. Die Mutter machte sich sofort auf die Suche nach Ghazal, ihrem Jüngsten. Eine weitere Bombe tötete beide. Gegen Mittag wurde der dritte Bruder gefunden, er lebte noch.

Eine Bombe tötete Hibas Mutter und Schwester

Die Kinder waren nun ganz auf sich gestellt. Die Großeltern lebten in Amman und wollten die drei aufnehmen. Eine Tante organisierte Hiba und ihren drei Brüdern ein Taxi bis zur Grenze, dann mussten sie zu Fuß durch das “Niemandsland” zwischen Syrien und Jordanien wandern. Alles, was sie an Erinnerungsstücken mitnehmen konnten, war ein Kleidungsstück ihrer Mutter, das noch nach ihr roch, einige Fotos und den Schlafanzug, den ihre kleine Schwester Ghazal zuletzt getragen hatte.

Als unbegleitete Kinder wurden die vier sofort, nach dem Prüfen ihrer Papiere, nach Jordanien durchgelassen und zum nächsten Kinderschutzzentrum gebracht. UNICEF unterstützt diese Zentren, damit Flüchtlingskinder möglichst schnell registriert werden und Hilfe erhalten. Wenn sie keine Angehörigen mehr haben, sucht UNICEF gemeinsam mit Partnern nach Pflegefamilien, die sich um sie kümmern können. In ganz Jordanien unterstützt UNICEF 230 so genannter Makani-Zentren, in denen rund 90.000 Mädchen und Jungen einen Ort zum Spielen, Lernen und wieder nach vorn schauen finden.

Im Zentrum werden die Kinder betreut und erhalten psychosoziale Hilfe, um etwas Abstand zu ihren traumatisierenden Erfahrungen zu gewinnen. Hiba half sehr das Zeichnen, aber auch Aktivitäten wie Tanzen oder Theaterspielen gaben ihr wieder Halt. Ich besuchte sie in dieser Zeit häufig und erlebte mit, wie es ihr langsam besser ging.

Nach drei Monaten zogen die Geschwister zu den Großeltern nach Amman. Der Anfang war hier nicht leicht: Hiba musste wieder viel an ihre Eltern denken, manchmal stritt sie mit ihren Brüdern. Mittlerweile geht es besser. Alle Kinder gehen in Amman wieder zur Schule. Hiba möchte unbedingt ihren Abschluss machen und Krankenschwester werden. In Syrien hatte sie bereits eine Art Praktikum im Krankenhaus gemacht.

Hiba vermisst ihre Heimat Syrien. Und manchmal vermisst sie ihre Eltern sehr. Aber sie wünscht sich nichts sehnlicher, als ihre Mutter und ihren Vater stolz zu machen! Hibas Geschichte gibt mir Hoffnung und ich bin sehr glücklich, dass ich sie auf ihrem Weg ein Stück begleiten durfte. Denn der liebe Gott hat uns auf die Welt gebracht, damit wir mitmenschlich sind. Allen Menschen in Deutschland, die Kindern wie Hiba und ihren Geschwistern mit Spenden an UNICEF helfen, danke ich sehr herzlich.

Sie haben ein offenes Herz für Menschen, die sie selbst nie treffen werden. Sie alle geben wieder Hoffnung!"

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