UKRAINE: KINDHEIT ZWISCHEN HOFFEN UND BANGEN

9. August 2017 von Chris Schüpp 0 Kommentare

Avdiivka, Ukraine, Juni 2017 – Das neunstöckige Hochhaus Nummer 20 auf der Straße der Jugend in Avdiivka ist zu einem landesweiten Symbol für den Konflikt im Osten der Ukraine geworden.

Seit dem vergangenen Jahr schmückt ein Kunstwerk des australischen Künstlers Guido van Helten die Fassade des Hauses. Es zeigt das Gesicht der Lehrerin Marina Marchenko, die Kinder in Avdiivka unterrichtet. Das Wandgemälde schaut direkt Richtung Süden, dorthin, wo die “Kontaktlinie” ist, die Avdiivka von Donezk und dem Territorium trennt, das sich bereits seit drei Jahren nicht mehr unter Kontrolle der ukrainischen Regierung befindet.

Ukraine: Das Hochhaus ist zum Symbol für den Konflikt geworden

© UNICEF

Wenn man von den oberen Stockwerken des Hauses Nummer 20 über die Felder am südlichen Ende der Stadt schaut, sieht man die Überreste des Internationalen Flughafens von Donezk, der lange umkämpft war und mittlerweile vollkommen zerstört ist. Das Hochhaus am Rande von Avdiivka ist jedoch nicht nur berühmt für das Wandgemälde, sondern auch für die Spuren des Konflikts in Form von unzähligen Einschusslöchern in den Außenwänden und den massiven Löchern in der Fassade, welche der Beschuß mit Artillerie hinterlassen haben.

Verlorene Kindheit

Die heute achtzehn Jahre alte Dina ist hier aufgewachsen. Sie wohnte bis vor drei Jahren mit ihrer Familie in der dritten Etage und hat ihre Kindheit auf dem Spielplatz hinter dem Hochhaus verbracht. Im Jahr 2015, als Dina 15 Jahre alt war, mußte die Familie die Wohnung verlassen und in eine sicherere Wohnung umziehen, weiter weg von der Konfliktlinie, aber immer noch in Avdiivka, wo man auch heute noch jeden Abend die Gefechtsgeräusche hören kann und wo hin und wieder Granaten einschlagen, manchmal mit fatalen Folgen.

Dina besucht eine Berufsschule und hat im Juni 2017 an einem von UNICEF organisierten Video-Workshop teilgenommen, der im ebenfalls von UNICEF unterstützten Jugendzentrum „Bienenstock“ stattgefunden hat. Zusammen mit dreizehn weiteren jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat sie dort gelernt, einminütige Filme zu entwickeln, zu drehen und zu schneiden und ihre ganz persönlichen Geschichten von Kindheit und Jugend in Avdiivka zu erzählen.

Höchste Zeit, sich in Sicherheit zu bringen

„Das erste Mal, als hier Granaten einschlugen, herrschte totale Panik. Wir hatten keine Ahnung, woher die Geschosse kamen, wo sie landen würden, wo wir uns verstecken sollten und wie lange es dauern würde. Mittlerweile hören wir direkt raus, ob wir beschossen werden oder ob das Feuer der anderen Seite gilt. Wir können meistens sogar sagen, was für eine Waffengattung es ist, manchmal sogar das Kaliber. Es ist alles nicht mehr so erschreckend wie am Anfang. Aber immer, wenn man über sich so einen langen Pfeifton hört, dann sollte man schon wissen, dass es höchste Zeit ist, sich in Sicherheit zu bringen“, sagt Dina.

Auch der 12 Jahre alte Danil hat ziemlich direkt Bekanntschaft mit dem Konflikt gemacht. In der unasphaltierten Straße, wo er mit seiner kleinen Schwester und seinen Eltern wohnt, haben über Wochen jede Nacht Soldaten ihre schweren Geschütze neben dem kleinen Kinderspielplatz aufgefahren.

Der Konflikt kam im Prinzip direkt zu Danil nach Hause. Denn von wo aus geschossen wird, dahin wird auch zurückgeschossen. Mehrere Nächte verbrachte Danils Familie in dem kleinen Vorratskeller, in den man durchs Badezimmer heruntersteigen kann. Während auf dem eigenen Grundstück der Familie nur das Dach des Schuppens zerstört wurde, starb eine Nachbarin durch eine Granate, die in ihrem Haus einschlug.

Verstörende Geräuschkulisse

Die Soldaten haben sich nach Wochen aus dem Wohngebiet zurückgezogen und ihre Artillerie zuerst einige hundert Meter weiter Richtung Bahnlinie verlegt, wo keine Menschen wohnen, wo aber viele Garagen und Werkstätten zu finden sind. Die zerstörten Garagen und die verkohlte Autos sind stille Zeugen des gewaltsamen Konflikts in Avdiivka.

Mittlerweile haben die Soldaten sich noch weiter zurückgezogen, wodurch Danil und seine Familie sich jetzt nicht mehr wie lebende Zielscheiben fühlen müssen. Die allabendlichen Geräusche sind leiser geworden, aber die Angst ist immer noch da.

Bis zu Beginn des Konflikts in der Ostukraine war Avdiivka praktisch ein Vorort der Millionenstadt Donezk. Zu der Zeit wohnten noch 37.000 Menschen in Avdiivka. Heute sind es noch etwa 22.000. Tausende haben die Stadt wegen der prekären Sicherheitslage verlassen. Teilweise gibt es wochenlang kein Wasser und auch die Stromversorgung ist nicht immer gewährleistet.

In der besonders heißen Phase rund um den Donezker Flughafen war die Einwohnerzahl von Avdiivka bis auf 5.000 heruntergegangen. Die nahegelegenen Dörfer Opytne und Pesky sind heute wie ausgestorben. Nur wenige zumeist alte Menschen leben hier noch unter einfachsten Verhältnissen. Wer wegziehen konnte, hat die Dörfer schon lange verlassen. 

Nach Avdiivka sind in den vergangenen Monaten aber auch wieder Menschen zurückgekehrt, denn hier gibt es zumindest noch Arbeit. Das Wahrzeichen der Stadt, die riesige Koksfabrik „Koksochim“ mit ihren in den grauen Himmel ragenden schlotenden Schornsteinen, gibt fast 4.000 Menschen Arbeit und hält damit Avdiivka am Leben.

Sackgassen und verlorene Anschlüsse

Vor dem Konflikt kostete die Busfahrt nach Donezk von Avdiivka aus 5 ukrainische Gryvna, umgerechnet etwas weniger als 20 Cent, und dauerte maximal 20 Minuten. Wer heute seine Familie oder Freunde in Donezk besuchen will, der muss lange Umwege in Kauf nehmen, zahlreiche Checkpoints über sich ergehen lassen und natürlich die richtigen Papiere haben.

Im Optimalfall dauert die Reise nach Donezk, das eigentlich nur 10 Kilometer Luftlinie entfernt ist, jetzt drei bis vier Stunden und kostet 350 ukrainische Gryvna, 70 mal mehr als noch vor drei Jahren. Es kann aber auch vorkommen, dass die Reise nicht an einem Tag beendet werden kann und die Reisenden an der Übergangskontrolle in die nicht von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiete die Nacht verbringen müssen. 

Für die Kinder in Avdiivka bedeutet das alles unter anderem, dass die Freizeitmöglichkeiten extrem eingeschränkt sind. Das beliebte Freitzeitbad Aquasferra in Donezk ist praktisch nicht zu erreichen. Kinos, Einkaufszentren – das alles gibt es in Avdiivka nicht. Das alte Kino hier, das Rubin, ist schon lange nicht mehr in Betrieb und niemand kann wirklich sagen, wo das nächstgelegene erreichbare Schwimmbad ist.

Die Donbass Arena, das moderne Stadion und die frühere Heimat des UEFA Cup Gewinners von 2009, FC Shakhtar Donezk, ist auch nicht mehr auf der Wochenendliste für die Bewohner von Avdiivka. Erstens wegen der bürokratischen Probleme und der langen Reise und zweitens, weil das Team aus Donezk zuerst nach Lviv in der Westukraine umgezogen ist und mittlerweile seine Heimspiele im Metalist Stadion von Kharkiv bestreitet, 300 Kilometer entfernt von Avdiivka.

Ein sicherer Rückzugsort für Kinder und Jugendliche

Das Jugendzentrum „Bienenstock“ ist einer der wenigen Orte in Avdiivka, wo sich Kinder und Jugendliche heute in sicherer Umgebung, ohne finanziellen Aufwand und relativ ungestört aufhalten können. Organisiert von Freiwilligen aus Avdiivka und unterstützt von UNICEF bietet der „Bienenstock“ den Heranwachsenden eine Umgebung, wo sie miteinander spielen, voneinander und von professionellen Trainern lernen sowie eigene neue Projekte starten können.

Ivan Gorb, Leiter des Jugendzentrums, hat immer ein offenes Ohr für die Kinder und Jugendlichen, die in den „Bienenstock“ kommen. Er sagt: „Wir wollen, dass sie sich hier willkommen fühlen. Wir wollen ihnen ein Stück Frieden geben an den Nachmittagen nach der Schule oder wie jetzt in den Ferien.

Avdiivka war eigentlich immer sehr friedlich. Ist es auch immer noch. Also immer, wenn nicht geschossen wird“, ergänzt er mit einem hoffnungsvollen Lächeln im Gesicht.

UNICEF unterstützt in der Ostukraine insgesamt 15 Jugendzentren und hat im ersten Halbjahr 2017 zehn Video-Workshops für rund 200 Kinder und Jugendliche in Zusammenarbeit mit diesen Jugendzentren organisiert. Die Jugendbeteiligungs-Initiative ist Teil eines Projektes, das von der deutschen Bundesregierung durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert wird.

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