JULIAN DRAXLER IN JORDANIEN: FUSSBALL VERBINDET!

13. Juni 2018 von Claudia Berger 0 Kommentare

Kurz vor Beginn des Trainingslagers zur anstehenden Fußball-WM hat sich Nationalspieler und UNICEF-Pate Julian Draxler die Zeit für eine besondere Herausforderung genommen: Er ist mit UNICEF nach Jordanien gereist, ins riesige Flüchtlingslager Za’atari.

Julian Draxler in Jordanien: Der Fußballprofi mitten im Flüchtlingscamp Za'atari

Container-Stadt mitten in der Wüste: Julian Draxler ist in Za’atari angekommen.
© UNICEF/DT2018-60153/Claudia Berger

Das Ziel der Reise: Julian Draxler möchte Spenden sammeln für den „RTL Spendenmarathon“ und zur Hilfe für geflüchtete Familien aufrufen. Und natürlich möchte er mehr erfahren über eines der größten Flüchtlingscamps der Welt, über die Menschen dort und die Arbeit von UNICEF.

Der Fußballstar findet bewegende Geschichten und Begegnungen. Und, wie fast überall, bleibt die Erkenntnis: Der Fußball verbindet.

Doppelpass mit syrischen Flüchtlingskindern

Za’atari liegt nicht weit von Amman, Jordaniens Hauptstadt, entfernt: Nach rund anderthalb Stunden ist man bereits angekommen im weltweit drittgrößten Flüchtlingslager. Nur 15 Kilometer von der syrischen Grenze entfern leben hier aktuell 79.000 Menschen, die Hälfte davon sind Kinder. Sie mussten vor dem syrischen Bürgerkrieg fliehen. Viele Familien leben schon seit Jahren hier, die Grenze zu Syrien ist seit Juni 2016 geschlossen.

Das Flüchtlingslager ist ein trostloser Platz für Kinder: von Stacheldraht umzäunt, Luftabwehrraketen ringsum, das Internet aus Sicherheitsgründen gesperrt. Wo können Kinder hier denn eigentlich spielen und einfach Kind sein? Das möchte Julian Draxler gerne wissen.

Gemeinsam besuchen wir eines der 13 "Makanis" in Za’atari. Makani ist das arabische Wort für „mein Platz“. Die Makanis sind farbenfrohe Inseln der Hoffnung inmitten der grauen, staubigen Umgebung. Hier haben die Kinder einen sicheren Ort, an dem sie spielen und lernen können. Vormittags sind die Jungen in dem Zentrum, nachmittags die Mädchen.

Jetzt am Vormittag sind also nur Jungen da, und das Kennenlernen geht schnell: Wie kann es bei Julian anders sein – als erster Punkt steht Fußballspielen auf dem Programm.

Er hat den neuen WM-Ball als Gastgeschenk dabei, den er sogleich auch eigenhändig aufpumpt. Der Nationalspieler geht ohne Berührungsängste auf die Kinder zu und hört aufmerksam zu, wenn sie ihre Geschichten erzählen und von ihren Wünschen für die Zukunft berichten.

Julian trifft unter anderem den 15-jährigen Jado beim Tischtennisspielen. „Aber ich spiele auch gerne Fußball und bin sehr gerne in der Computerklasse“, berichtet der Junge. 

„Später möchte ich gerne Arzt werden. Ich möchte dann nach Syrien zurück und den Leuten dort helfen. Aber vielleicht kann ich auch nie mehr zurück. Die ganzen Konferenzen und Verhandlungen funktionieren nicht. Immer noch werden Bomben geworfen und Menschen getötet. Hier im Makani kann ich zumindest meine negative Energie loswerden, wenn ich Tischtennis spiele.“

Zu Besuch bei Familie Jundi

Weiter geht die Tour durch das Camp, Familie Jundi hat den prominenten Gast zu einem Besuch eingeladen. Die Familie lebt mit ihren fünf Kindern seit vier Jahren hier. Ihren Wohncontainer haben sie mit roter und brauner Farbe bemalt, damit er wie ein Haus aus Stein wirkt – ein Stück Wohnlichkeit in der formlosen Containerlandschaft.

Nachdem er seine Schuhe ausgezogen hat, betritt Julian das „Haus“ und begrüßt die Familie. Rechts und links vom Flur gehen zwei Zimmer ab. Auf dem Boden liegen Plastikmatten und dünne Matratzen, die tagsüber als Sitzgelegenheit und nachts zum Schlafen genutzt werden. „Seit wir hier ins Camp gekommen sind, hat sich vieles verbessert“, berichtet Hani, der Familienvater. „Am Anfang standen hier nur Zelte, jetzt sieht man hier überall stabile Container, es gibt Wasser und einige Stunden am Tag Elektrizität.“

Die Jundis sind aus dem syrischen Daraa geflohen, rund 20 km von der Grenze entfernt. „Wir sind nicht direkt zu Beginn des Krieges geflohen“, erinnert sich der Vater. „Aber irgendwann wurde das Leben zu schwierig und zu gefährlich. Am Schlimmsten war es für die Kinder. Sie hatten Angst vor den Bomben und dem ständigen Geschützfeuer. Wir sind wegen der Kinder geflohen, damit sie eine Chance für die Zukunft bekommen und sicher zur Schule gehen können.“

Die Flucht war keine Sekunde zu früh. Nur 15 Minuten, nachdem die Familie das Haus verlassen hatte, wurde es von einer Bombe komplett zerstört.

Hani hat großes Glück: Inzwischen hat er im Camp eine Arbeit gefunden, die ihm viel Freude macht. Als Gemeindehelfer eines UNICEF-Partners informiert er die Campbewohner über das Wasser- und Abwassersystem, das jetzt als Pilotprojekt in einem ersten der insgesamt zwölf Camp-Distrikte eingerichtet wird. Die Zukunft der Familie sieht er im Camp. „Hier gibt es keinen Krieg. Und meine Kinder können zur Schule gehen.“ Was er sich für seine Kinder wünscht? „Ich möchte, dass sich die Träume meiner Kinder erfüllen. Dass sie zur Schule gehen können. Aber am wichtigsten ist es, dass sie in Sicherheit sind.“

Rama möchte zurück in ihre Heimat

Jordanien: Rama hofft darauf, bald zurück nach Syrien zu können.

Rama möchte Geschichten für andere Kinder erfinden – und zwar am liebsten in ihrer Heimat Syrien.
© UNICEF/DT2018-60137/Claudia Berger

Die elfjährige Rama Jundi hofft, dass sie eines Tages zurück nach Syrien gehen kann – auch wenn sie sich gar nicht mehr an viele Dinge aus ihrer Heimat erinnert. Sie weiß aber sehr genau, was sie später einmal werden will: „Kinderbuchautorin“, erklärt sie sehr bestimmt. „Damit andere Kinder meine Bücher lesen und sich daran freuen können. Aber die Bücher sollen auch für meine Cousinen und Cousins sein. Am schönsten wäre es, wenn ich das in meiner Heimat, in Syrien, machen könnte“, fügt sie leise hinzu.

Julian ist beeindruckt von den Jundis und ihren Erzählungen. „Es berührt einen sehr, die Geschichte der Familie zu hören. Man hat von Kriegsgebieten gehört. Man hat von den Bomben gehört. Aber aus erster Hand zu erfahren, was einen Vater dazu bewegt, mit seiner Familie ins Ausland zu fliehen, ist einfach etwas ganz anderes. Die Kinder wollen immer in ihre Heimat zurück. Sie fragen ihren Vater, wann sie wieder zurückgehen. Es tut weh, diese Geschichten zu hören. Aber hier im Camp sind zumindest die Grundbedingungen des Lebens erfüllt.“

Ein mobiles Makani gibt Hoffnung

Unsere Reise führt uns noch einmal aus dem Za’atari-Camp hinaus in die Region südlich von Amman. Dort liegt eine Zeltsiedlung für 50 Menschen, im Schatten eines großen IKEA Gebäudes – ein skurriler Anblick. Die Familien haben sich bewusst entschieden, hier zu leben statt in einem der großen Flüchtlingslager. Sie haben früher in Syrien in der Landwirtschaft gearbeitet und ihre eigenen Felder bestellt. Nun zahlen sie dem Besitzer des Landes einen Betrag von 100 JOD (Jordanische Dinar, rund 120 Euro) pro Jahr, um hier ihre Zelte aufzustellen.

Jordanien: Vor einem großen IKEA-Markt befindet sich die Flüchtlingssiedlung.

Ikea und die Flüchtlingssiedlung dicht an dicht
© UNICEF/DT2018-60196/Claudia Berger

Die Familien wollen weiter in der Landwirtschaft arbeiten, auch wenn es nicht mehr ihre eigenen Felder sind. Sie fühlen sich hier sicher. „Im Winter ist es nicht so schlammig, und wir haben genügend Licht durch das Gebäude von IKEA“, berichtet Saleh (41). „Wir arbeiten in den umliegenden Feldern. Dadurch verdienen wir genug, um zu schlafen und zu essen.“ In diesen Wochen werden Erdbeeren geerntet, und die Familien bieten ihrem deutschen Gast zur Begrüßung sofort einen Korb davon an.

Julian besucht das mobile Makani-Zelt, das UNICEF vor drei Jahren zur Verfügung gestellt hat. Saleh (41) arbeitet dort mit ganzem Herzen als Trainer. Nachdem er selbst verschiedene Schulungen durchlaufen hatte, unterrichtet er heute die Kinder in Mathematik und Arabisch. „Die psychosoziale Unterstützung ist ebenfalls sehr wichtig. Außerdem kläre ich die Kinder über ihre Rechte auf und unterstütze auch die Familien. Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit.“

Mohammeds Geschichte – leider eine von vielen

Jordanien: Mohammed ist vor fünf Jahren mit seiner Familie geflohen.

Mohammed kann im Makani-Zelt etwas lernen und einige seiner Erfahrungen besser verarbeiten.
© UNICEF/DT2018-60187/Claudia Berger

In dem Zelt trifft Julian den zehnjährigen Mohammed. Er ist vor fünf Jahren mit seiner Familie geflohen. „Wir sind vor dem Morden in Syrien weggelaufen“, erinnert er sich mit leiser Stimme. „Ich bin gerne hier, weil alle meine Verwandten hier leben. Mein Onkel Saleh ist der Lehrer hier. Er bringt uns bei, wie man Buchstaben schreibt. Aber ich möchte gerne nach Syrien zurück. Ich will Lehrer werden, um den kleinen Kindern etwas beizubringen.“ Der Besuch der Makanis gibt den Kindern Hoffnung: auch Mohammed kann hier singen und fröhlich sein.

Wie dicht unter der Oberfläche häufig die seelischen Verletzungen der Kinder liegen, merkt man bei einer einfachen Frage: An welche Dinge in seiner Heimat Syrien kann sich Mohammed denn erinnern? „An meinen Vater“, sagt er, und seine Augen füllen sich mit Tränen. Später berichtet Saleh, dass er mit der Familie auf der Flucht war. In dem Auto saß auch sein Bruder, der Vater von Mohammed, und sein Cousin, der Vater der zwölfjährigen Shorouq. Das Auto fuhr auf eine Landmine. „Mein Bruder und mein Cousin waren sofort tot. Ich bin mit einigen Verletzungen davongekommen.“

Erinnerungen an die eigene Kindheit

Der Besuch bei den Kindern von Za‘atari und den Familien hier in der Zeltstadt hat Julian Draxler beeindruckt – und war eine wichtige Erfahrung für ihn. „Ich war überrascht, wie offen und freundlich die Menschen hier auf mich und uns zugegangen sind. Sie bieten uns Tee an, obwohl sie selber fast nichts besitzen. Aber ich habe auch gesehen, was alles gebraucht wird. Wie wichtig hier zum Beispiel die Versorgung mit sauberem Wasser ist. Für uns gehört das zur Normalität, hier ist es eine große Herausforderung.“

Jordanien: Julian Draxler unterhält sich mit ein paar Jungen und freut sich.

An diese Begegnungen mit den Kindern wird sich Julian Draxler lange erinnern.
© DT2018-60185/Claudia Berger

Julian erinnert sich an seine eigene Kindheit: „Meine ganze Familie zuhause ist fußballbegeistert. Das hat mich natürlich angesteckt. Sie haben mich immer unterstützt und gefördert. Da denkt man immer wieder: Mensch, was hast du für ein Glück gehabt, so aufwachsen zu dürfen, wie du aufgewachsen bist.

Es ist wie im Fußball. Am Anfang fangen alle gleich an, doch dann entscheidest es sich: Wo lebe ich, welche Chancen habe ich, wie werde ich gefördert? Da frage ich mich natürlich: Welche Chancen haben die Kinder hier? Werden sich ihre Träume erfüllen? Kann Rama Kinderbuchautorin werden, Noura Lehrer und Mohammed Bauingenieur? Wir dürfen die Kinder nicht alleine lassen. Auch sie haben ein Recht darauf, ihre Fähigkeiten zu entwickeln“, resümiert er nachdenklich.

Sieben Jahre nach Beginn des Konflikts in Syrien ist die Not weiterhin groß. An jedem einzelnen Tag werden Kinder getötet oder verletzt und leiden unter Gewalt, Vertreibung und Armut. Über 13 Millionen Menschen im Land sind auf Hilfe angewiesen. Mehr als 5 Millionen Syrer – die Hälfte von ihnen Kinder – sind vor der Gewalt in die Nachbarländer geflohen.

Unsere Teams sind rund um die Uhr im Einsatz, um den Kindern in dieser schlimmen Zeit zu helfen – sowohl in Syrien als auch in seinen Nachbarländern. Sie können unsere Arbeit für die syrischen Kinder unterstützen. Vielen Dank!

Jordanien: UNICEF-Mitarbeiterin Claudia Berger war mit Julian Draxler in Jordanien.

UNICEF-Kollegin Claudia Berger war mit Julian Draxler unterwegs in Jordanien.
© UNICEF/DT2018-60233/Claudia Berger

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