„TO BE OR NOT TO BE“ UND DER TRAUM MEINER MIGRANTENELTERN
Donnerstag, 14. Februar 2019, 11:31 Uhr
von Sandra Kebede | 1 Kommentar

Warum sind Kinderrechte grenzenlos? Sandra Kebede engagiert sich, seitdem sie 14 Jahre alt ist, für UNICEF. Hier schildert sie ihre eigenen Erfahrungen zu diesem Thema.

Schaut man sich meinen Reisepass an, sieht er einfach nur aus wie der Reisepass einer deutschen Staatsbürgerin. Geboren in einer gewöhnlichen deutschen Stadt und ohne jegliche Auffälligkeiten. Auch wenn mein Pass ziemlich gewöhnlich ist, fühlt sich mein Leben häufig an wie ein Theater und ich spiele darin die Rolle des Hamlets: „Deutsch sein, oder nicht Deutsch sein“. Viel zu häufig beginnen Unterhaltungen genau so. 

Ausgehend davon, dass diese Unterhaltungen in jedem Fall auf deutschem Staatsboden stattfinden, ohne dass ich eine Digitalkamera um den Hals trage, kann ich mir wesentlich bessere Einleitungen zu meiner Person vorstellen. Als sei es normal, dass man von mir erwartet, gleich meine Familiengeschichte preiszugeben. Die Frage stelle ich nie zurück. Denn Menschen, die diese Frage stellen, gehen in der Regel davon aus, dass man ihnen ihr Deutschsein ansieht. Mein Aussehen dagegen entspräche laut ihnen nicht der deutschen Norm.

Sandra vor dem Schloss Neuschwanstein

Sandra, ehemaliges Mitglied im UNICEF-JuniorBeirat, vor dem Schloss Neuschwanstein.
© Sandra Kebede

„Wir“ und „die Anderen“

Auch wenn Deutschland seit 1955 ein Einwanderungsland ist, ist das im öffentlichen Diskurs kaum anerkannt. Daher entsprechen meine schwarze Hautfarbe sowie meine kringeligen Locken nicht jener deutschen Norm und meine Identität steht auf dem Prüfstand. Die Idee einer schützenswerten, homogenen Gesellschaft führt nicht nur zu rassistisch geladenen Mikroaggressionen, die ich regelmäßig erfahre, sondern auch zu struktureller Diskriminierung in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystemen.

Die Unterscheidung in „Wir“ und „die Anderen“ entwickelt sich rasch in ein degradierendes und hasserfülltes Narrativ um migrierte Menschen, der der Nährboden für eine Politik ist, welche die Menschenrechte verachtet. Ich kann nicht in Worte fassen, wie es sich anfühlt, auf dem Weg zur Uni an Wahlplakaten rechter Parteien vorbeizuziehen, die Gesichter wie meine kriminalisieren. Ich kann nicht in Worte fassen, wie es sich anfühlt, wenn eine fremde Frau in der Bahn meine Mutter fragt, ob sie legal im Land sei.

Berlin: Amira und ihr fünfjähriger Sohn sitzen in der U-Bahn.

Amira ist mit ihrem Sohn Karam (5) auf dem Weg in die Berliner Innenstadt. Sie wollen eine Schultüte für Karams anstehende Einschulung kaufen. Die deutsche Tradition der „Schultüte“ reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück.
© UNICEF/UN0126162/Gilbertson VII Photo

Dem deutschen Mikrozensus 2017 zufolge stellen Menschen wie ich, die selbst keine Migrationserfahrung haben, 23,9 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund dar. Innerhalb dieser Gruppe wurde der Großteil mit der deutschen Staatsbürgerschaft geboren. Und auch wenn mein Leben sehr von der Tatsache beeinflusst ist, dass meine Eltern aus Äthiopien nach Deutschland migriert sind, wird es maßgeblich davon gestaltet und geprägt, wie die Mehrheitsgesellschaft – also Individuen, Ärztinnen, Lehrer oder Entscheidungsträgerinnen – mein Leben bewertet. 

Doch nur, weil ich angeblich nicht der deutschen Norm entspreche und nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehöre, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht auch Teil der deutschen Gesellschaft bin. Um Teil der deutschen Gesellschaft zu sein, muss ich mich nicht allein als Deutsche oder Äthiopierin labeln. Wagt man es, mich direkt nach meinen Hobbies, meinem Studium oder auch nach meinem sozialen Engagement zu fragen, stellt sich heraus, dass ich Deutschland mit meinen äthiopischen Wurzeln präge und dass auch Deutschland mich prägt. Wie sollte es auch anders sein?

Hamlet und die Kunst des Zuhörens

Labels und Fragen, wie sie Hamlet stellen würde, sind das Gegenteil von Verstehen. Zum Verstehen bedarf es der Kunst des Zuhörens.

Teil meiner Familiengeschichte ist, dass mein Vater in die DDR migriert ist. Unsere heutige Idee eines „Deutschlands“ existierte zu diesem Zeitpunkt nicht. Meine Mutter kam nach dem Mauerfall nach Deutschland und brachte mich in Dresden zur Welt. Doch das Zentrum meines Lebens war schon immer Frankfurt am Main. Ich liebe Frankfurt aus tiefstem Herzen als eine meiner „Heimaten“ und glücklicherweise konnte ich auch schon mehrere Male in meine andere Heimat, Äthiopien, reisen. Nach jedem Aufenthalt habe ich das Gefühl, meine deutsche und meine äthiopische Identität harmonieren noch ein wenig besser. Für mich könnten beide nicht im Gegensatz zueinander stehen, denn ich genieße das Privileg, beide Kulturen zu erfahren und mein Selbst nach meinen eigenen, grundlegenden Werten daraus zu bilden.

Sandra als Aktive im UNICEF-JuniorBeirat

Dies sind die einzigen „Sein oder nicht sein“-Fragen, die zählen. Ist diese junge Person sicher oder nicht? Lebt sie mit ihrer Familie oder nicht? Kann sie ihr Recht auf Bildung wahrnehmen oder nicht?

Träume sind grenzenlos

Ich will jedoch auf einen entscheidenden Umstand hinweisen, der mir diesen selbstbewussten und friedlichen Umgang mit meiner komplexen Identität erst ermöglicht: Ich lebe gemeinsam mit den Menschen, die mir am wichtigsten sind, an einem sicheren Ort. Ich kann meiner Bildung nachgehen und habe die Möglichkeit, meine Ziele im Leben zu verfolgen. Ich lebe nichts weniger als den Traum meiner Migranteneltern.

Braunschweig: Die Flüchtlingsbrüder Ali und Ahmad mit einem Freund vor ihrer Unterkunft.

Ahmad (15, l.) und sein Bruder Ali (17, m.) vor einer Unterkunft für unbegleitete geflüchtete Minderjährige in Braunschweig. Die beiden haben ihr Zuhause in Balabak (Libanon) verlassen, nachdem es dort durch die Anwesenheit von Milizen wie ISIS und Hisbollah nicht mehr sicher war.
© UNICEF/UNI200018/Gilbertson VII Photo

Dieser Traum ist lediglich die Verwirklichung der Menschenrechte eines und einer jeden. Inklusion in einer Gesellschaft bedeutet kulturelle, politische und wirtschaftliche Teilhabe. Und das Beste daran ist, dass wir diese Aspekte wachsam verfolgen können – für und mit jungen Menschen mit jedem Migrationshintergrund. Daraus lassen sich die einzigen „Sein oder nicht sein“-Fragen, die jemals von Bedeutung sein könnten, ableiten. Ist diese junge Person sicher oder ist sie es nicht? Lebt er*sie mit seiner*ihrer Familie, oder lebt er*sie es nicht? Kann er*sie sein*ihr Recht auf Bildung wahrnehmen, oder kann er*sie es nicht?

Kinderrechte sind grenzenlos

In diesem Jahr wird die UN-Konvention über die Rechte des Kindes 30 Jahre alt. In der davon ausgehenden Verantwortung, sich mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu solidarisieren, ihre Rechte zu schützen und Diskriminierung in unseren Städten/Gemeinden zu bekämpfen (er)kenne ich meine Aufgabe.

Ich werde stets geradestehen für die Rechte junger Menschen auf der Flucht. Ich werde in den Austausch gehen mit Menschen und insbesondere Kindern über ihre Rechte. Und ich werde jene unangenehmen Unterhaltungen führen mit denjenigen, deren Entscheidungen von Hass und Angst geleitet sind.

Sandra und zwei Mitgliedern des UNICEF-JuniorBeirats am Besprechungstisch mit Steffen Seibert und einer Kollegin.

Sandra im Gespräch mit Regierungssprecher Steffen Seibert. Im November 2017 übergab der UNICEF-JuniorBeirat die Ergebnisse der Jugendumfrage „ich bin #wählerisch“ und diskutierte mit Steffen Seibert das Thema Jugendpartizipation.
© Bundesregierung/Denzel

Und als letztes will ich hoffen, dass auch du weißt, was deine Rolle in dieser Arbeit ist, und dass du dieser nachgehst – für jeden jungen Menschen mit Migrationshintergrund.

KOMMENTARE

  • 14. Februar 2019 13:29 Uhr

    Ich bin total begeistert von Sandra und ihren Worten. Vielen Dank für diesen Beitrag!

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