„ICH MUSS MICH EINFACH LEBENDIG FÜHLEN“
Mittwoch, 20. Juni 2018, 10:56 Uhr
von Christine Kahmann | 0 Kommentare

EINE SYRISCHE MUTTER ERZÄHLT VON DER TRENNUNG VON IHREM SOHN, DER IN DEUTSCHLAND LEBT

Es ist still im neu errichteten Zentrum für Kinder und Familien in Mytilene auf Lesbos. Ein Windhauch streicht durch die Olivenbäume. Dann biegt ein Bus um die Kurve und hält vor dem Zentrum. Kinderlachen erfüllt die Luft. Begleitet von ihren Müttern laufen die Kinder und Jugendlichen auf das wenige Kilometer vom griechischen Flüchtlingslager Moria entfernte Gebäude zu.

Syrische Mutter erzählt: Rasha und Tochter Mariam im Zentrum für Kinder und Familien auf Lesbos

Rasha und Mariam: Warten auf die Zukunft.
© UNICEF/Avagianos

Eine zerrissene Familie

Wir unterhalten uns mit Rasha, einer alleinerziehenden Syrerin aus Deir ez-Zor. Ihre Augen leuchten, als sie uns in fließendem Englisch erzählt, dass ihr Sohn Quaseem in der Nähe von Frankfurt lebt. Zusammen mit ihrer 15-jährigen Tochter Mariam hofft die ehemalige Englischlehrerin, bald zu ihm weiterreisen zu können.

Vor zweieinhalb Jahren floh der heute 17-jährige Quaseem vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland, gemeinsam mit seinem Onkel. „Ich hatte schreckliche Angst um sein Leben. Viele Jugendliche verschwinden. Als Teenager war es zu gefährlich für ihn“, sagt uns seine Mutter. Vor zwei Jahren hoffte sie noch, dass sie zeitnah zu ihm nachkommen könnte. Doch seit seiner Flucht hat sie ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie wischt über die Fotos auf ihrem Handy – die einzige Möglichkeit zu sehen, wie ihr Sohn größer und älter wird. Rasha und Mariam flohen nach Damaskus und von dort in die Türkei. Dreimal versuchten sie, übers Meer nach Lesbos zu kommen. Und jetzt?

Gestrandet

Syrische Mutter erzählt: Bilder von Kidnern im Familienzentrum

In den von UNICEF unterstützten Familienzentren können geflüchtete und migrierte Kinder für ein paar Stunden wieder Kind sein.
© UNICEF

Seit mehreren Wochen sitzen Rasha und Mariam im Flüchtlingslager Moria fest. Nur wenige Kilometer vom Zentrum für Kinder und Familien entfernt harren sie auf engstem Raum mit über 6.800 Menschen aus 58 verschiedenen Ländern aus, zusammengepfercht in einem Wohncontainer mit drei weiteren Familien, umgeben von Stacheldraht und Verzweiflung. Es fehlt an den elementarsten Dingen der Grundversorgung: Hygieneartikel und Waschräume, Zugang zu Nahrungsmitteln, Rechtsberatung und medizinischer Versorgung.

Die alte Militärkaserne wurde seit dem Inkrafttreten des Abkommens mit der Türkei zu einem Hotspot für schutzsuchende Menschen designiert. Mit einer Kapazität von 2.300 Personen ist Moria mittlerweile um mehr als das Dreifache überbelegt. Viele Menschen, darunter mehr als 1.300 Kinder und Jugendliche, sitzen hier oft Monate, manchmal Jahre fest.

Im Rahmen der sogenannten Dublin-Verordnung haben unbegleitete geflüchtete Minderjährige wie Quassem die Möglichkeit, ihre engsten Angehörigen nachzuholen. Doch die Verfahren zur Familienzusammenführung laufen schleppend und ab August wird Deutschland den Familiennachzug auf 1.000 Personen pro Monat beschränken.

Rasha weiß nicht, wie lange sie noch auf Lesbos bleiben muss und wann sie und Mariam wieder mit Quaseem vereint sein werden. Sie zeigt uns ein Papier: Im September habe sie eine Anhörung in Athen. Aber weitere Informationen hat sie nicht. Ihre Fragen bleiben unbeantwortet. Nur die täglichen Anrufe nach Deutschland geben ihr die Möglichkeit, mit ihrem Sohn in Kontakt zu bleiben.

Ein Zufluchtsort

Zwei Kinder machen zusammen Dehnübungen und freuen sich.

UNICEF unterstützt Kinder- und Familienzentren, die Kindern und Müttern einen Zufluchtsort bieten.
© UNICEF/AAAA94847/Karahalis

Rasha erzählt: „Für Mariam ist die Situation in Moria sehr schwer. In Syrien ist sie zur Schule gegangen. In Moria lebt sie in Angst und weicht mir nicht von der Seite. Deshalb kommen wir so oft wie möglich hierher. Mariam lernt Englisch, beide nehmen wir an Tanzstunden teil.“

Das von UNICEF unterstützte Zentrum für Kinder und Familien bietet Müttern und Kindern einen freundlichen Ort, an dem sie ein Stück Normalität erleben können. Hier können sie verschiedene Unterstützungsangebote in Anspruch nehmen, wie zum Beispiel psychosoziale Hilfe und Asylberatung. Und sie können einfach mal ausspannen und ohne Angst sein. Im Zentrum gibt es altersgerechte Angebote wie Spielgruppen und Englischunterricht, aber auch die Tanzstunden, die Mariam und Rasha so sehr lieben.

Schüchtern gesellt sich Mariam zu uns. Ein leichtes Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie erzählt, wie gerne sie tanzt und dass sie vor allem indische Musik mag. „Ich freue mich darauf, meinen Bruder bald wiederzusehen. Und ich möchte wieder zur Schule gehen können. Später möchte ich einmal Pharmazie studieren“, sagt sie.

„Wir lieben das Leben“

Rasha und Mariam sind vor Krieg und Gewalt geflohen. Sie wurden von ihrem Sohn und Bruder getrennt. Sie haben die Strapazen der Flucht überlebt. Aber ihre Freude am Leben haben sie trotzdem nicht verloren.

Bus zurück ins Flüchtlingslager Moria

Dieser Bus bringt Rasha und Mariam zurück in das überfüllte Lager.
© UNICEF

„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lieben das Leben! In der Nähe von Moria gibt es ein Café – dort gehen wir manchmal hin. Ich habe vor, dort vielleicht Englisch zu unterrichten. Ich muss mich einfach lebendig fühlen“, sagt Rasha.

Dann steigen sie und Mariam zurück in den Bus, der sie durch die Olivenhaine nach Moria bringt – zurück in das überfüllte Lager, das weder sicher noch kindgerecht ist. Zurück zu einem Ort, geprägt von Elend, Tristesse und Warten. Warten darauf, dass die Familie hoffentlich bald wieder vereint sein wird.

SERIE: „KINDERRECHTE SIND GRENZENLOS”

Flüchtlinge? Asylbewerber? Migranten? Falsche Frage!

Jedes Kind ist in erster Linie ein Kind, ganz gleich woher es kommt und wo es sich aufhält. Wir setzen uns dafür ein, dass die Mädchen und Jungen über Grenzen hinweg geschützt und gefördert werden – an ihrem Herkunftsort, im Transitland und in einer möglicherweise neuen Heimat. Denn Kinderrechte sind grenzenlos!

Lesen sie mehr dazu in unser Blog-Serie „Kinderrechte sind grenzenlos”.

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