JUGENDLICHE SIND #WÄHLERISCH
Freitag, 19. Januar 2018, 15:17 Uhr
von Jessica Hanschur | 3 Kommentare

ODER: WIE JUGENDVERDROSSEN IST UNSERE POLITIK?

Was bewegt Jugendliche heute? Ist ihnen wirklich alles egal oder sind sie eigentlich ganz schön wählerisch? Sind sie so politikverdrossen, wie wir gerne glauben möchten? Oder ist es vielleicht andersherum? Ist unsere Politik jugendverdrossen?

Genau das wollten wir mit unserer Umfrage "ich bin #wählerisch" zur Bundestagswahl 2017 herausfinden. Die Ergebnisse dazu haben wir bereits veröffentlicht, aber unser UNICEF-JuniorBeirat hat noch viel mehr dazu zu sagen. Immerhin hat er im vergangenen Jahr auch zur Umfrage aufgerufen. Wir wollen Sie gerne ein wenig mit hinter die Kulissen des Projektes "ich bin #wählerisch" nehmen und haben nachgefragt, wie der JuniorBeirat die Ergebnisse bewertet.

Umfrage zur Bundestagswahl 2017: Der UNICEF-JuniorBeirat rief zur Beteiligung auf

Der UNICEF-JuniorBeirat rief anlässlich der Bundestagswahl 2017 zur Umfrage "ich bin #wählerisch" auf.
© UNICEF/DT2016/Jessica Hanschur

Umfrage zur Bundestagswahl unter Jugendlichen

Aber fangen wir doch erst einmal mit einem kurzen Rückblick an: Am 24. September 2017 wurde in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt. Alle Wahlberechtigten konnten mit ihrer Stimme ausdrücken, was ihnen für die nächsten vier Jahre wichtig ist. Wahlberechtigt waren allerdings nur diejenigen, die zum Wahltermin volljährig, also mindestens 18 Jahre alt waren.

Um auch den Jüngeren eine Stimme zu geben, rief der UNICEF-JuniorBeirat alle Jugendlichen in Deutschland auf, an der UNICEF-Umfrage "ich bin #wählerisch" teilzunehmen und ihre Meinung zu sagen. Und das haben sie getan: Über 8.000 Jugendliche haben darüber abgestimmt, welches Thema ihnen besonders am Herzen liegt. Das hat auch unseren JuniorBeirat umgehauen. Wir haben die Mitglieder zu den Hintergründen befragt. 

1. Warum habt ihr zur Umfrage aufgerufen?

Sandra:Es wird häufig gesagt, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren. Auf der anderen Seite gibt es aber gar keine institutionalisierte Partizipationsmöglichkeit für uns. Und das, obwohl jede Entscheidung des Bundestags auch junge Menschen betrifft und unsere Zukunft bestimmt. Junge Menschen sind Teil der Gesellschaft. Deshalb müssen unsere Stimmen auf jeden Fall Gehör finden!

Die Umfrage sollte deshalb allen, die dieses Jahr bei der Bundestagswahl noch nicht wählen durften, die Möglichkeit geben, ihre Meinung dem neuen Bundestag trotzdem mit auf den Weg zu geben.

#wählerisch: Sandra macht sich für junge Menschen stark.

"Junge Menschen haben etwas zu sagen“, sagt Sandra. „Ihre Meinungen müssen auf jeden Fall Gehör finden.“
© UNICEF/DT2017

2. Um möglichst viele Jugendliche zu erreichen und auf die Umfrage aufmerksam zu machen, habt ihr einen Film gedreht. Erzählt doch mal ein bisschen von dem Drehtag! Wie war es vor der Kamera zu stehen?

Jan:Neben dem Filmteam waren wirklich viele Jugendliche aus ganz Deutschland beim Dreh – das hatte ich, ehrlich gesagt, so gar nicht erwartet. Von ganz jung bis junge 18 war alles dabei. Ich fand es super, dass die Gruppe so gemischt war und dass so viele unserem Aufruf gefolgt sind.

Im sonst so langweiligen Besprechungsraum von UNICEF war ein total professionelles "Studio" aufgebaut, was mich echt beeindruckt hat. Beim Dreh selbst konnten alle total kreativ sein und ihre eigenen Ideen einbringen. So blieben wir locker und es hat mehr Spaß gemacht als nach einem festen Skript zu spielen.

Yasmin:Ich fand es am Anfang schwer, vor der Kamera zu stehen: alle gucken einen erwartungsvoll an, schalten an irgendwelchen Lichtern rum, kaschieren dir noch schnell die Augenringe weg – und dann soll man auch noch ganz „locker und natürlich“ seinen Satz sagen. Klar! Ich habe mich dann aber nach ein paar Anläufen und Versprechern doch erstaunlich schnell daran gewöhnt und der Drehtag hat mir super viel Spaß gemacht.

Jan:Ich war echt angetan vom Drehtag, von der Organisation, dem Aufbau und allem Drumherum. Super Atmosphäre und alles ganz locker. Daumen hoch!

Yasmin:Ich fand es auch aufregend, mal selbst zu erleben, wie viel Zeit, Arbeit und Energie schon so ein kleiner Clip kostet. Das ist einem überhaupt nicht bewusst, wenn man solche Clips auf YouTube oder im Fernsehen sieht.

Das Ergebnis zu sehen war dann natürlich umso schöner! Als dann das Video auch noch dazu beigetragen hat, dass so viele Jugendliche an der Umfrage teilgenommen haben, war ich vollends begeistert.

3. Bei der Umfrage haben Jugendliche aus ganz Deutschland aus fünf Themen das für sie wichtigste gewählt. Welches Ergebnis hat euch am meisten überrascht?

Raphaela:Mich hat es am meisten überrascht, wie viele Jugendliche die Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Paare unterstützen. In der Politik wurde das Thema ja heiß diskutiert. Bei den Jugendlichen scheint es da eine viel größere Einigkeit und eine sehr klare Meinung zu geben!

Lara:Anfangs hat mich am meisten überrascht, dass für viele Jugendliche das Thema "Flüchtlinge" nicht so wichtig zu sein scheint wie etwa "Bildung" oder "Nachhaltigkeit". Ich habe ganz kurz überlegt, ob das Desinteresse ist. Dann bin ich aber zu dem Ergebnis gekommen, dass Jugendliche die "Flüchtlingsproblematik" gar nicht als eine "Problematik" ansehen. Für Jugendliche sind Flüchtlinge eben einfach Menschen, mit denen man zusammenlebt, was ganz normal ist. Warum deshalb also eine besondere Beschäftigung damit durch den Bundestag?! 

4. In einem Gespräch mit Regierungssprecher Steffen Seibert habt ihr euch über die Ergebnisse der Umfrage ausgetauscht. Wie war der Besuch in Berlin und worüber habt ihr genau gesprochen?

Sandra:Steffen Seibert hat auf jeden Fall großes Interesse an den Ergebnissen gezeigt und sich viel Zeit für uns genommen. Im Fokus des Treffens standen die Themen „Nachhaltigkeit“ und Klima, Bildung und Gleichberechtigung. Aber auch die anderen Themen Chancengleichheit und Jugendpartizipation kamen nicht zu kurz.

Lara:Wir haben weit über die geplanten 20 Minuten miteinander geredet. Unsere wichtigste Aussage war, dass Jugendliche sich beteiligen wollen! Sie müssen auch unbedingt beteiligt werden, weil sie diejenigen sind, die am längsten mit den Folgen politischer Entscheidungen leben müssen. Ich denke, dass wir unsere zentrale Botschaft gut vermitteln konnten und hoffentlich auch Impulse gesetzt haben.

Raphaela:Für mich war der Besuch sehr ermutigend. Meine größte Angst vor dem Gespräch war, dass wir mit Steffen Seibert reden, aber damit nichts bewegen würden. Wir konnten ihm aber vor Augen führen, wie wichtig es für die Gesellschaft und die Politik ist, die Meinungen der Jugendlichen wenigstens zu kennen.

Sandra:Wir haben auch gemeinsam überlegt, was die Regierung tun kann, um jugendrelevante Themen näher an Jugendliche zu bringen und auch ihre Meinung in Entscheidungsprozesse miteinfließen zu lassen.

Raphaela:Dass der Regierungssprecher die Wichtigkeit der Meinungen der Jugendlichen erkannt hat, gibt mir Hoffnung, dass in Zukunft die in Deutschland lebenden Jugendlichen besser in politische Entscheidungen miteinbezogen werden.

Jugendbeteiligung in Deutschland: Jetzt sind Ihre Ideen gefragt

Die große Beteiligung von mehr als 8.000 Jugendlichen aus ganz Deutschland an der Umfrage "ich bin #wählerisch" zeigt, dass junge Menschen ihre Zukunft aktiv mitgestalten möchten. Jedoch fehlt es an institutionalisierten Partizipationsmöglichkeiten, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, die Politik mitzugestalten.

Haben Sie Ideen, wie Jugendliche besser an der Politik beteiligt werden können? Genau dieser Frage möchten wir in einem zweiten Blog-Beitrag nachgehen. Ihre Ideen sind dafür mehr als willkommen!

Übrigens: In unserer Rubrik "Informieren" finden Sie auch die Forderungen, die UNICEF Deutschland zur Bundestagswahl an die Politik gestellt hat.

 

Lena, Jessica und Simone (v.l.) haben diesen Blogbeitrag gemeinsam geschrieben. Zusammen mit weiteren Kollegen haben sie den JuniorBeirat bei der Durchführung der Umfrage "ich bin #wählerisch" unterstützt.

Lena Dietz berichtet aus der Kinderrechtsarbeit von UNICEF − vom Termin mit Abgeordneten bis zum Treffen mit internationalen Experten.

Jessica Hanschur arbeitet im Bereich Jugendkommunikation und bloggt über die UNICEF-Arbeit mit Jugendlichen im Bereich UNICEF Youth.

Simone Morawitz berichtet aus der Pressestelle über alle aktuellen UNICEF-Themen.

KOMMENTARE

  • 27. Februar 2018 13:50 Uhr

    Lieber Helge Ellerbrock,
    lieber Ruben Lauterbach,

    vielen Dank für Ihre Kommentare und Ihre Meinungen zur Beteiligung von Jugendlichen.
    Wir haben "unsere" Jugendlichen mal selbst gefragt, was sie eigentlich von politischer Beteiligung halten und wie sie ihre Möglichkeiten einschätzen.
    Die Antworten bald in einem neuen Blogbeitrag.

    Beste Grüße
    Jessica Hanschur

  • 02. Februar 2018 22:05 Uhr

    Ein erster Schritt wäre schon einmal das Alter für die Wahlberechtigung, wie es z.B. bei Kommunalwahlen der Fall ist, herunterzusetzen auf 16 Jahre. Damit ist natürlich nur den 16-18 Jährigen geholfen, aber es wäre schon mal was. Wichtig wäre meiner Meinung nach auch, dass bei politischen Fragen, die ganz besonders Jugendliche betreffen, diese nach ihrer Meinung und ihren Ideen gefragt werden, ähnlich wie in einer Bürgerbefragung/-initiative. Das könnte natürlich auch von den Parteien ausgehen, ähnlich wie die CDU das vor den Bundestagswahlen gemacht hat, wo man als Bürger seine Vorschläge für das Wahlprogramm machen konnte. Damit das ganze klappt und nicht frustrierend ist, müsste darauf auch eine Reaktion in Form von Dialog und im besten Fall natürlich auch die Umsetzung folgen.

  • 01. Februar 2018 17:36 Uhr

    Eine repräsentative Meinung der Jugendlichen in Deutschland, die noch nicht wählen dürfen, sollte in die jeweilige Wahl einfließen. Zumindest ist eine Stellungnahme der Parteien zu den jeweiligen Aussagen dringend anzustreben.

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