HELFEN IN DER KRISE: EINDRÜCKE AUS BAMBARI
Donnerstag, 31. Juli 2014, 14:56 Uhr
von Rahel Vetsch | 0 Kommentare

VOM PARADIES ZUR HÖLLE

Die Stadt Bambari in der Zentralafrikanischen Republik muss wunderschön gewesen sein. Bis der Konflikt auch hierhin kam. Vor gut einem Monat eskalierte die Lage. Jetzt ist das Leben aus der Stadt verschwunden und in die Flüchtlingslager gezogen. Was bleibt ist beängstigend.

Zentralafrikanische Republik: Impfung

Mütter warten mit ihren Kindern in einer Schlange für eine Impfung.
© UNICEF/CAR

Als wir Richtung Bambari fahren, kommen uns Menschen mit ihrem ganzen Hab und Gut entgegen. Meist ist es nicht viel. Rund 20.000 Personen wohnen hier in Flüchtlingslagern. Das größte Lager mit 10.600 Flüchtlingen ist etwas höher gelegen und umkreist das Hauptquartier der Sangaris – der französischen Truppen. Das zweitgrößte mit 6.000 Flüchtlingen ist direkt neben dem MISCA Areal – bei den afrikanischen Friedenstruppen. Sicherheit und Schutz stehen im Zentrum.

Viele kamen von Bangui, viele sind nun wieder nach Bangui geflohen. Friedliches Zusammenwohnen ist gegenseitigem Misstrauen gewichen. Keine Seite kann verstehen, wie es soweit kommen konnte.

Hilfe für Kinder im Krankenhaus in Bambari

Im regionalen Universitätskrankenhaus wird weiterhin kein Unterschied gemacht. Dr. Joseph Bama ist seit 2010 Chefarzt und während der schlimmsten Zeit hier geblieben. Mit ihm 20 seiner 45 Angestellten. Über Jahre wurde gespart, um Schritt für Schritt die Infrastruktur zu verbessern. Ein Generator, ein Röntgenapparat, ein Ultraschallgerät. Wäre Dr. Bama nicht geblieben, wären seine Angestellten ebenfalls geflohen, denn Angst hat hier jeder. Ohne sie wäre das Krankenhaus zerstört worden, wie so viele in der Region. Mindestens 10 Jahre hätte dies gekostet, und allzu viele Kinderleben. Ein einziger Mensch kann einen Unterschied machen.

Zentralafrikanische Republik: Marcelles Tochter

Die kleine Tochter der 14-jährigen Marcelle.
© UNICEF/CAR

Die Pädiatrie, die Gynäkologie und die Notfallaufnahme sind noch offen und dank der Unterstützung von UNICEF und Partnerorganisationen sind genügend Medikamente vorhanden, um die meist noch so jungen Patienten zu behandeln. Auch hier sind Malaria, Mangelernährung, Atemweginfektionen und Durchfallerkrankungen die häufigsten Konsultationsgründe – für Kinder. Krankheiten, die genauso tödlich sein können wie sie einfach vermeid- oder behandelbar sind. In den letzten Wochen starben jedoch vor allem Erwachsene, an Schussverletzungen und Schnittwunden. Mehr als die Hälfte überlebte leider nicht, das Ausmaß der Verletzungen ist schockierend. Die psychische Belastung ist enorm.

UNICEF-Arbeit unter erschwerten Bedingungen

Auch Mawa ist während des Massakers hier geblieben, er ist der Chef des UNICEF-Büros in Bambari. Das Büro liegt am Rande der Stadt, direkt neben den marokkanischen UN-Truppen. Seit Ende Juni ist es Büro und Zuhause gleichzeitig für die Angestellten, um 17 Uhr ist Ausgangssperre. Während der Ausschreitungen flohen sämtliche Helfer hierhin, schliefen in der Eingangshalle, bis ein Großteil evakuiert wurde. Jetzt ist es wieder ruhiger und es lässt sich sogar ein freies Zimmer finden. Der Kopierraum. Eine Schaumstoffmatratze auf den Boden, das Moskitonetz wird über den Bürostuhl und eine Kiste gehängt. Ich bin eingerichtet.

Innerhalb von drei Tagen erlebe ich, wie in den zwei großen Flüchtlingslagern aus einem Feld eine kinderfreundliche Zone mit Fußball, Handball und fröhlichem Kindergeschrei wird. In den nächsten Tagen werden in den beiden UNICEF-Zelten noch Anhörungsecken eingerichtet, in denen Kinder psychisch betreut werden.

Kinder schützen – besonders in Krisenzeiten

Sensibilisierungsarbeit und der Aufbau eines Kinderschutzsystems hingegen sind nicht so einfach und schnell zu bewerkstelligen. Die Bedürfnisse sind groß. Kinderehen, sexuelle Gewalt und Prostitution nehmen zu, mit ihnen Teenager-Schwangerschaften.

Zentralafrikanische Republik: Mutter und Kinde

Die 14-jährige Marcelle mit ihrer Tochter.
© UNICEF/CAR

Ich lerne Marcelle (Name geändert) kennen, ein 14-jähriges Mädchen. Mit 14 war ich noch ein Kind, Marcelle ist mit 14 Mutter. Ihre Pflegemutter erzählt die Geschichte. Marcelle holte Wasser, keine fünf Minuten von ihrem Zuhause. Sie wurde vergewaltigt. Das Leid ist Marcelle noch anzusehen. Ihr Kind kam während der schlimmsten Zeit zur Welt. Irgendwie haben sie es doch geschafft, die Geburt verlief gut. Sie ist froh, dass es ein Mädchen ist. Auch ihre Schulkolleginnen haben Freude an der Kleinen, doch das alte Leben wäre ihr lieber. Sie hat Schmerzen, das Baby raubt ihr den Schlaf. Wir informieren Marcelle über die kostenlose Beratungsstelle, die von UNICEF mitfinanziert wird, über die Impfkampagne und über die Schule.

Meine Kollegin Lydia erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Mit 16 wurde auch sie ungewollt Mutter, am Tag nach der Geburt war sie bereits wieder in der Schule, Jura-Studium in Bangui, danach wurde sie Kinderschutzspezialistin bei UNICEF. Ihre Geschichte macht Mut. Aber es wird weitere Überzeugungsarbeit kosten, Marcelle zurück in die Schule zu bringen. Die Alltagssorgen sind noch zu belastend. Die Zukunft hat noch keinen Platz.

Aufklärung ist der erste Schritt

Zentralafrikanische Republik: Sensibilisierung

Informations- und Sensibilisierungsarbeit in Bambari.
© UNICEF/CAR

Die Informations- und Sensibilisierungsarbeit ist erst in Aufbau. Eine wichtige Rolle wird Mabelle übernehmen, eine 21-jährige Mitarbeiterin einer kleinen Partner-NGO von Bambari. Bis jetzt informiert sie Kinder im Rahmen eines UNICEF-Projektes über ihre Rechte, mit Fokus auf Konfliktsituationen. An jenem Morgen erklärt sie die Resolution 1612 des UN-Sicherheitsrates. Über 100 Kinder und einige dazu gestoßene Erwachsene hören ihr während 40 Minuten in der prallen Sonne gespannt zu und beantworten ihre Fragen problemlos. Sie hat enormes Potenzial und Qualitäten, die hier dringend benötigt werden. Nun wird sie von UNICEF in Projektmanagement weitergebildet und wird in naher Zukunft sowohl über sexuelle Gewalt, Frühehen und Teenager-Schwangerschaften sprechen, aber auch selber Freiwillige ausbilden und koordinieren.

Bis ein gutes Netz aufgebaut ist, wird es einige Wochen dauern. Für Marcelle kommt diese Arbeit zu spät. Aber es sind die ersten kleinen Schritte, damit sich die Geschichte für ihre Tochter nicht wiederholen wird.

Helfen auch Sie!

Unterstützen Sie unsere Hilfe in der Zentralafrikanischen Republik und schützen Sie die Kinder vor Gewalt und Krankheit - vielen Dank!

Weitere Blog-Beiträge von Rahel Vetsch:

28. Juli 2014: Hoffnung für die Kinder in Bossangoa

17. Juli 2014: Moskitonetze verteilen - zwischen Armut und Gewalt

11. Juli 2014: Flüchtlinge in der eigenen Stadt

7. Juli 2014: Hilfe für die Flüchtlingskinder in der Zentralafrikanischen Republik

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