ALLEN WIDERSTÄNDEN ZUM TROTZ: MADENA WILL LERNEN

25. Juni 2018 von Toby Fricker 2 Kommentare

In Afghanistan herrscht ein chronischer Konflikt, das Land wird immer wieder von Anschlägen erschüttert. Auch 17 Jahre nach dem offiziellen Ende der Taliban-Herrschaft gehen viele Kinder, 60 Prozent von ihnen Mädchen, nicht zur Schule. Mädchen wie Madena (9) und Zahra (15) kämpfen für ihr Recht auf Bildung – und werden dabei von starken Frauen unterstützt. 

Toby Fricker hat sie in Afghanistan getroffen:

Herat: Saad meldet sich während des Unterrichts

Mädchen in Afghanistan wollen Lernen – allen Widerständen zum Trotz.
© UNICEF/UN0212104/Mohammadi

Um zehn Uhr morgens ist es bereits heiß am Rand von Jalalabad Stadt, im Osten von Afghanistan. Ich stehe neben einem Zelt, das zwischen einer Mauer und einem Baum aufgespannt ist, um den wenigen Schatten so gut wie möglich zu nutzen. Trotz der Hitze sind 15 Mädchen im Zeltinneren hoch konzentriert beim Mathe-Unterricht.

Jalalabad Stadt: Der Unterricht findet in einem Zelt statt.

Zelt als „Klassenzimmer“ in Jalalabad.
© UNICEF/UN0211460/Fricker

Auch wenn es nicht so aussieht, ist dieses „Klassenzimmer” Teil einer offiziellen Schule. Rund 400 Mädchen und 500 Jungen – die Mädchen am Vormittag, die Jungen am Nachmittag – nehmen hier in mehreren auf dem kargen Boden aufgestellten Zelten am Unterricht teil. Die nahe gelegene Straße führt zu den Bergen des Hindukusch und in noch weitere Ferne, aus der viele dieser Mädchen kommen.

In einem etwas größeren, von UNICEF zur Verfügung gestellten Schulzelt treffe ich die neunjährige Madena. Sie geht in die fünfte Klasse, aber sie hat viel Unterrichtsstoff aufzuholen. Zwei Schuljahre hat sie verpasst, als ihre Familie wegen Kämpfen aus ihrem Dorf fliehen musste. Nachdem sie nach Jalalabad gezogen war, hatten ihre Eltern Bedenken, das Mädchen in eine ihnen unbekannte Schule zu schicken, vor allem eine ohne feste Mauern.

Aber Madena war entschlossen, wieder zur Schule zu gehen.

Jalalabad Stadt: Mädchen lernen in einer Zeltschule.

Die 9-jährige Madena kann endlich wieder lernen.
© UNICEF/UN0211462/Fricker

„Ich habe meinen Eltern gesagt, ich mag die Schule, ich möchte lernen, bitte lasst mich!“, erzählt Madena mir. „Ich habe meinem Vater gesagt, ich kann Lehrerin werden oder Ärztin und anderen Leuten helfen, und schließlich hat er zugestimmt. Ich war so glücklich!“ Geschichten wie ihre höre ich hier sehr häufig. Wie Vertreibung, hauptsächlich wegen des Konflikts, auf schnellstem Weg dazu führt, dass Mädchen von der Schule abgehen oder gar nicht erst eingeschult werden.

Madena sagt, dass sie andere Mädchen kennt, deren Eltern sie nicht zur Schule gehen lassen, meist aus Sorge um ihre Sicherheit. Einer vor kurzem veröffentlichten UNICEF-Studie zufolge gehen rund 3,7 Millionen Kinder in Afghanistan nicht zur Schule, 60 Prozent von ihnen Mädchen. 

Es ist das erste Mal seit dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001, dass die Zahl der Kinder ohne Schulbildung wieder leicht ansteigt. 

Ruhe inmitten des Sturms

Es ist eine kurze Fahrt zurück zum Zentrum von Jalalabad, durch die hektischen Straßen voller Rikschas. Direkt neben der Hauptstraße ist die Bibi Hawa-Schule, die größte Mädchenschule der Stadt. Über 6.500 Kinder werden hier in drei Schichten unterrichtet. Auf dem ruhigen Schulhof, der mit Blumenbeeten und bunten Wänden geschmückt ist, treffe ich die Schulleiterin Saif.

Jalalabad Stadt: Die Schulleiterin der Bibi Hawa Schule Saif

Saif leitet die Bibi Hawa Schule in Jalalabad.
© UNICEF/UN0211458/Fricker

„Ich habe hier bei Null angefangen. Es gab gar nichts, und jetzt ist die Schule berühmt geworden”, sagt Saif stolz. „Ich habe von einem Vater gehört, der ganz verzweifelt war, weil er seine Tochter unbedingt hierherschicken wollte. Das hat mich zu Tränen gerührt.”

Ihr Stolz ist berechtigt, durch ihren Einsatz hat sie nicht nur die Schule umgestaltet, sondern auch das Leben zahlreicher Mädchen verändert. „Als die Schule [nach dem Abzug der Taliban] wieder aufmachte, war alles beschädigt. Die Gebäude waren eingestürzt, und die Gesichter der Menschen hatten sich verändert”, erzählt Saif.

Heute ist leicht zu verstehen, warum Eltern ihre Kinder so gerne in diese Schule schicken. Sie strömt eine Atmosphäre der Ruhe inmitten der ständig wachsenden Stadt aus. Die Bevölkerung von Jalalabad nimmt weiter zu, da viele Familien, die durch den Konflikt in anderen Landesteilen vertrieben wurden, hierherziehen. Andere kehren nach jahrelangem Exil in Pakistan nach Afghanistan zurück. Die meisten von ihnen ziehen aber nicht zurück in ihre Dörfer, da es dort zu gefährlich ist. Stattdessen versuchen sie, sich in der Stadt ein neues Leben aufzubauen.

Rückkehr „nach Hause“

Jalalabad Stadt: Die 15-Jährige Zahra schreibt

Zahra (15) war lange in Pakistan und geht jetzt in Afghanistan zur Schule.
© UNICEF/UN0211466/Fricker

So wie Zahra, die vor zwei Jahren nach Afghanistan zurückkam. Das heute 15-jährige Mädchen hat fast seine ganze Kindheit in Pakistan verbracht. Zahra hat dort nur die erste Klasse abgeschlossen, bevor ihre Eltern sie von der Schule nahmen, um im Haushalt zu helfen. „Als wir nach Afghanistan zurückgekommen sind, hat ein Freund meines Vaters uns geholfen, uns hier einzurichten. Ich war die ganze Zeit zu Hause, habe im Haushalt geholfen und sonst nicht viel gemacht“, fügt Zahra hinzu.

Doch eine zufällige Begegnung mit Farida, einer Lehrerin in einem Gemeinde-Lehrzentrum, hat ihr Leben völlig verändert. Farida hat Mädchen, die nicht zur Schule gingen, ermutigt, in ihre Klasse zu kommen. Zahra wollte sehr gerne teilnehmen, und Farida half dabei, Zahras Vater und ihre Onkel zu überzeugen. Sie stimmten zu. 

Jalalabad Stadt: Die Lehrerin Farida und zwei ihrer Schülerinnen

Farida (links) setzt sich für Mädchenbildung in Afghanistan ein.
© UNICEF/UN0211470/Fricker

Ich treffe die 40-jährige Farida in einem von UNICEF unterstützten „Schnell-Lernzentrum“, wo Zahra jetzt am Unterricht teilnimmt und in einer Art Crash-Kurs versäumten Stoff aufholt. „Es macht mich glücklich zu sehen, dass einige Mädchen zurückkommen und lernen, sie haben jetzt eine Vision für ihre Zukunft“, sagt Farida. „Sie sind unsere Kinder, es ist unsere Verantwortung, ihnen zu helfen.“ Inzwischen nehmen fast 87.000 Mädchen wie Zahra an Bildungskursen auf Gemeinde-Ebene teil.

Anschläge erschüttern Afghanistan

Als wir auf dem Weg ins Büro um die Ecke biegen, sehe ich eine Gruppe Kinder am Straßenrand Cricket spielen, eine friedliche Alltags-Szene. Nur zwei Stunden später erschüttert der Lärm einer Explosion die Stadt. Der Horror lauert ständig ganz in der Nähe. Zwei Wochen später werden bei einem Bombenanschlag auf ein Cricket-Spiel in Jalalabad mindestens acht Menschen getötet.

Trotz der regelmäßigen Gewalt und der vielfachen Herausforderungen gerade für Mädchenbildung in Afghanistan treffe ich auch immer wieder auf Optimismus und Entschlossenheit, die Situation zu verbessern. Menschen wie Saif und Farida führen diese Bewegung an, zusammen mit Mädchen wie Zahra und Madena, die so entschlossen sind, ihr Recht auf Bildung durchzusetzen und ein stabileres, wohlhabenderes Afghanistan aufzubauen.

„Mädchenbildung ist so wichtig, weil Mädchen Teil der Familie und Teil der Gesellschaft sind. Wenn Mädchen Bildung erhalten, profitiert die ganze Gemeinschaft davon”, sagt Schulleiterin Saif.

SERIE: „KINDERRECHTE SIND GRENZENLOS”

Flüchtlinge? Asylbewerber? Migranten? Falsche Frage!

Jedes Kind ist in erster Linie ein Kind, ganz gleich woher es kommt und wo es sich aufhält. Wir setzen uns dafür ein, dass die Mädchen und Jungen über Grenzen hinweg geschützt und gefördert werden – an ihrem Herkunftsort, im Transitland und in einer möglicherweise neuen Heimat. Denn Kinderrechte sind grenzenlos!

Lesen sie mehr dazu in unser Blog-Serie „Kinderrechte sind grenzenlos”.

KOMMENTARE

  • 05. September 2018 11:07 Uhr

    Liebe Frau Weßel,

    vielen Dank für Ihre Nachricht!

    Unsere weltweite Erfahrung bei Flüchtlingsbewegungen und insbesondere die Perspektive der Kinder bringen wir auch in Deutschland ein.

    Die Situation der geflüchteten und migrierten Kinder in Deutschland ist sehr unterschiedlich. Vor allem Mädchen und Jungen, die sich mit ihren Familien in Flüchtlingsunterkünften aufhalten, befinden sich in einer schwierigen Situation, wie unsere Studie „Kindheit im Wartezustand“ gezeigt hat. Viele von ihnen leben in einer eigentlich nicht für Kinder geeigneten Umgebung – und das oft für viele Monate oder sogar Jahre. Der Zugang zu Schulbildung, psychosozialer Unterstützung und angemessenen Spielmöglichkeiten ist besonders in Erstaufnahmeeinrichtungen eingeschränkt.

    Im Jahr 2016 haben wir gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium die "Initiative zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften" gestartet, um insbesondere Kinder und Jugendliche in den Unterkünften besser zu schützen. Dabei geht es auch darum, ihren Zugang zu Bildungsangeboten und psychosozialer Unterstützung zu verbessern. Die Initiative wird in enger Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden und weiteren Partnern umgesetzt.

    Unter dem Dach der Initiative haben die Partner erstmals bundesweit einheitliche Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften entwickelt. Zu den umfassenden Schutzstandards gehört unter anderem, dass alle Einrichtungen Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt ergreifen und alle dort tätigen Menschen entsprechend sensibilisiert werden. Auch die Einrichtung von sogenannten „Kinderfreundlichen Orten“, an denen Kinder Schutz und Halt erfahren und gefördert werden, gehört dazu. Zudem setzen wir bei UNICEF uns gegenüber Regierung, Politik und Behörden dafür ein, dass die Rechte der geflüchteten und migrierten Kinder in Deutschland umgesetzt werden.

    Auf folgender Seite können Sie mehr über die gemeinsame Initiative erfahren: " https://www.unicef.de/informieren/projekte/europa-1442/deutschland-1554/fluechtlingskinder/98614

    Viele Grüße
    Christine Kahmann
    UNICEF Presse-Referentin

  • 04. September 2018 21:44 Uhr

    Hallo Herr Fricker,

    beim Lesen Ihres Beitrages ging mir spontan durch den Kopf, dass die Flüchtlingskinder ja nicht nur in den erwähnten Krisenländern in Flüchtlingslagern leben und dort kaum Möglichkeiten haben, kindgerecht zu leben - auch hier in Deutschland leben durch die Flüchtlingswelle viele Kinder in den Aufnahmelagern und das z. T. durch die Asylverfahren sehr lange. Kümmert sich unicef auch um diese Kinder oder machen das 'hier' andere Organisationen?

    mit neugierigen Grüßen,

    Maren Weßel

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