NEPAL: WILLKOMMEN IN DER REALITÄT
Dienstag, 27. Februar 2018, 10:40 Uhr
von Stefan Becker | 0 Kommentare

Nepal hat mich vom ersten Tag an begeistert, mit seinem Reichtum an Kulturen, Sprachen und Landschaften. Auf einer Projektreise im vergangenen Jahr tauchte ich tief in das Land ein und traf fernab der touristischen Reiseziele auf Menschen, die mit großer Armut und vielen weiteren Herausforderungen zu kämpfen haben.

Warum die UNICEF-Hilfe für die Kinder und ihre Familien in Nepal so dringend gebraucht wird und welche Fortschritte die angestoßenen Projekte bereits erzielen, darüber berichte ich hier im UNICEF-Blog.

Nepal Projektreise: Ayush Karki und Stefan Becker planen die Reiseroute

Vom Südwesten bis in den Südosten des Landes: An der Karte plane ich die Reiseroute mit meinem nepalesischen UNICEF-Kollegen Ayush Karki.
© UNICEF Nepal/2017/Manandhar

"In wie viele Entwicklungsländer bist du bereits gereist?"

Die Frage meines neuen UNICEF-Kollegen Ayush irritiert mich. Will er mein Wissen über die Verhältnisse in Entwicklungsländern testen? Nein, er will mich nur vorwarnen. Denn in wenigen Sekunden betreten wir ein Krankenhaus für Kinder in Dhanghadi, im äußersten Westen nahe der indischen Grenze. Eines der besseren hier in der Gegend, wie er beteuert. Aber der Kulturschock werde groß sein. 

Nepal: Seti Zonal Hospital in Dhanghadi

© UNICEF/DT2017-59281/Stefan Becker

Ein Krankenhaus, viele Probleme

Vor einer Viertelstunde bin ich aus der Hauptstadt Kathmandu in Dhanghadi gelandet. Nun bin ich nervös. Ach was, ich war eh schon nervös, denn ich weiß, ich werde in diesem Krankenhaus gleich auf Kinder treffen, die sich vermutlich in einem kritischen Zustand befinden – mangelernährte Kinder, oftmals so ausgezehrt, dass ihr Leben in Gefahr ist.

Seit fünf Jahren arbeite ich für UNICEF Deutschland. Ich kenne viele Bilder von mangelernährten Kindern und jedes Mal zerreißt es mir das Herz, kommen mir fast die Tränen, wenn ich in die dünnen Gesichter schaue und die knochigen Körper sehe.

Nun also ein erster Besuch vor Ort und dann diese Warnung. Aber zurück geht jetzt nicht mehr, und schon stehen wir in einem kargen Raum mit ungefähr 30 Krankenbetten, auf jedem der Betten mindestens eine Mutter mit ihrem kranken Kind – oft angeschlossen an Infusionen oder erschöpft schlafend.

Nepal Projektreise: Kinderkrankenstation im Seti Zonal Hospital

© UNICEF/DT2017-59280/Stefan Becker

In Deutschland würden viele Menschen vermutlich wieder rückwärts aus diesem Krankenhaus hinausgehen. An den Wänden sieht man Spuren von Schimmel, der Putz bröckelt von der Decke. Ein paar Comicfiguren und Kinderbilder sind aufgehängt, Versuche, die Räume freundlicher zu gestalten und die Kinder ein wenig von ihren Sorgen abzulenken.

Das größte unter vielen Problemen für das Krankenhaus, sagen uns die Krankenschwestern, sind jedoch zu wenige Betten für zu viele kranke Kinder. Wenn sich mehrere Neupatienten in kurzer Zeit anmelden, wird die Lage kritisch, müssen im schlimmsten Fall bis zu acht Kinder in einem Bett unterkommen.

Neun Krankenschwestern halten den Betrieb durchgängig aufrecht. Fällt nur eine aus, arbeiten die anderen jeden Wochentag, mindestens zwölf Stunden täglich, zum Teil über Wochen hinweg. UNICEF unterstützt das Krankenhaus vor allem bei der Logistik und Lieferung von Hilfsmitteln für die Behandlung der Kinder – wichtig für das Personal, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Unwägbarkeiten als Normalzustand

Geduldig beantwortet Oberschwester Manju Paudel unsere Fragen und führt uns herum. Vor der nächsten Station ziehen wir uns weiße Kittel an. Wir betreten den Raum für die Neugeborenen. Acht Betten für Frühchen. Momentan ist wenig los. Großes Glück für die erst zwei Monate alte Subista, die an Meningitis erkrankt ist.

Nepal Projektreise: Die zwei Monate alte Subista auf der Neugeborenenstation

© UNICEF Nepal/2017/Karki

Sie hat Platz im größten Bett der Station. Auch hier herrscht normalerweise Platzmangel. In Stoßzeiten liegen bis zu drei Kinder dicht aneinander gedrängt in den Mini-Betten. Die Technik ist veraltet, häufig fallen Geräte aus.

Apropos ausfallen: In diesem Moment fällt der Strom aus, wir stehen im Dunklen. Das passiert noch ein paar Mal in den zwei Stunden, die ich in dem Krankenhaus verbringe. Zwar zum Glück immer nur für wenige Sekunden, aber es kann auch längere Stromausfälle geben. Eine weitere Unwägbarkeit, mit der die tapferen Krankenschwestern zurechtkommen müssen.

Kochkurse können Leben retten

Im nächsten Trakt des Krankenhauses betreten wir nun die Station, auf der mangelernährte Kinder wieder zu Kräften kommen und lernen, normale Nahrung zu sich zu nehmen. UNICEF unterstützt die Arbeit auf der Station durch Lieferungen von Milchpulver, wie uns Stationsleiterin Geeta Bista in ihrem Büro erklärt. 

Nepal Projektreise: Stationsleiterin Geeta Bista in ihrem Büro

© UNICEF/DT2017-59278/Stefan Becker

Die therapeutische Spezialmilch bekommen die Kinder, wenn sie völlig entkräftet und erschöpft im Krankenhaus eintreffen. Sie hilft ihnen in den ersten Tagen, die kritischste Phase zu überstehen, oftmals sogar überhaupt erst einmal am Leben zu bleiben. Aber in den Programmen von UNICEF geht es nicht nur darum, Kinder in akuter Not zu retten, sondern auch langfristig die Situation in Ländern wie Nepal zu verbessern.

Wenn sich die Mädchen und Jungen etwas erholt haben, lernen die Mütter daher, wie sie ihre Kinder regelmäßig füttern und Essen für sie zubereiten sollten. Und das mit all den Zutaten, die sie dafür zu Hause vorfinden. Moment mal: Es mangelt den Menschen also gar nicht an Nahrungsmitteln? Ich frage nach. Nein, das Problem der Mangelernährung kommt nicht vom Mangel an Nahrung, wie das deutsche Wort suggerieren könnte. Sondern zumeist hapert es an der falschen Ernährung. 

"Grundsätzlich haben die Menschen hier genug zu essen, denn der Boden im Süden Nepals ist fruchtbar und sie können Reis und Gemüse selber anbauen. Die Familien könnten von dem leben, was sie selbst produzieren. Aber viele verkaufen die Lebensmittel auf den Märkten, um Geld zu verdienen. Für sich selbst und ihre Kinder kaufen sie dann abgepacktes, konserviertes Essen wie zum Beispiel Nudeln mit Fertigsoßen, die keine wichtigen Nährstoffe enthalten", erklärt mir mein Wegbegleiter Ayush.

Nepal Projektreise: Köchin in der Lernküche der Ernährungsstation

© UNICEF/DT2017-59279/Stefan Becker

In der stationseigenen Küche lernen die Mütter nun mit heimischen Lebensmitteln zu kochen, Hygieneregeln zu beachten und welche Nahrung für welches Kindesalter die richtige ist. Im Speisesaal wird anschließend zusammen gegessen. Auch die Kinder sollen lernen, selbständig Nahrung zu sich zu nehmen. Hierbei unterstützt auch UNICEF, ganz simpel mit Kindergeschirr und Kinderbesteck.

Nepal Projektreise: UNICEF-Kinderbesteck auf der Ernährungsstation

© UNICEF/DT2017-59275/Stefan Becker

Wenn die Mütter das Krankenhaus verlassen, erhalten sie zusätzlich Infomaterial zu dem Gelernten. Zurück im eigenen Zuhause sollen die Frauen dann ihr neu erworbenes Wissen auch an Nachbarn, Freunde und Bekannte weitergeben und so mithelfen, neue Fälle von Mangelernährung zu verhindern. Mich überzeugt das Konzept auf Anhieb. Es geht nicht nur darum, auf eine Notsituation zu reagieren, sondern auch, ihr zukünftig vorzubeugen.

Entlassung erst bei 90 Prozent

Wir betreten die Station für die mangelernährten Kinder, ein Raum mit acht Betten, und ich bin erst einmal erleichtert. Die aufgenommenen Mädchen und Jungen wirken stabil und bereits etwas erholt.

Mir fällt sofort die angenehme, beinahe gemütliche Atmosphäre auf. Der Raum ist kleiner, die Wände sind farbig gestrichen und mit fröhlichen Kinderbildern bemalt. Auch das ist Teil der UNICEF-Arbeit: Orte kinderfreundlich gestalten – egal, ob im Kinderzelt im syrischen Flüchtlingscamp, in einer Schule im Südsudan oder hier in Nepal im Krankenhaus.

Fast alle Kinder wirken munter. Nur ein Kind schläft. Es ist der kleine Ayush, der "Problemfall" der Station.

Ayush ist 18 Monate alt und bereits seit 50 Tagen hier. Er wog nur 5,2 Kilo, als er auf die Station kam. Normalerweise bleiben die Kinder ungefähr zwei Wochen. Dann haben sie sich weitgehend erholt. Entlassen werden sie aber erst, wenn sie 90 Prozent des Körpergewichts aufweisen, das für ein Kind ihrer Größe angemessen ist.

So langsam legt auch Ayush Gewicht zu. Er bringt nun 1,9 Kilo mehr auf die Waage im Vergleich zu den Anfangstagen auf der Station. In drei bis vier Tagen darf er vermutlich nach Hause. Genau wie Choudhari. Er hat in den vergangenen 15 Tagen anderthalb Kilo zugenommen und wartet nun mit seiner Mutter auf die Entlassung.

Nepal Projektreise: Choudhari mit seiner Mutter

© UNICEF Nepal/2017/Karki

Stationsleiterin Geeta Bista zeigt uns stolz weitere Erfolge auf der Digitalkamera: Vorher-Nachher-Bilder der behandelten und wieder zu Kräften gekommenen Kinder. 1.200 Mädchen und Jungen konnte auf der Station bereits geholfen werden.

Nepal Projektreise: Stationsleiterin Geeta Bista zeigt die Erfolgsbilder von behandelten Kindern

© UNICEF/DT2017-59276/Stefan Becker

Umdenken steht an erster Stelle

"Das Wichtigste bei der Therapie ist, das Verhalten der Mütter zu ändern", sagt Geeta Bista zum Abschied.

"Wir müssen die Frauen überzeugen, umzudenken und ihre Gewohnheiten zu ändern. Sie müssen erkennen und lernen, dass ihre Kinder regelmäßig etwas zu essen brauchen und vor allem das Richtige zu essen bekommen. Dann ist es gar nicht schwer, Mangelernährung erfolgreich vorzubeugen und auch andere Erkrankungen zu verhindern."

Ich bin beeindruckt von der Arbeit auf der Ernährungsstation. Mit einfachen Mitteln werden hier erstaunliche Ergebnisse erzielt. Der nachhaltige Ansatz ist überzeugend und ich bin froh, dass UNICEF an mehreren Stellen etwas zum Gelingen beitragen kann. So darf es weitergehen auf meiner Reise, denke ich.

Kleine Schritte in die richtige Richtung – Kinderschritte sozusagen. 

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